Warum es manchmal ganz schön ist, wieder zu Hause zu sein

Selten hat uns ein Reiseziel so schnell aus dem Alltagstrott gerissen wie Georgien. Bereits nach wenigen Tagen hatten wir an den Hängen des Kaukasus so viel erlebt, dass uns die kurze Zeit wie eine Ewigkeit vorkam. Und doch gibt es da diese Kleinigkeiten, die wir nach unserer Rückkehr ins traute Berlin nicht wirklich vermissen. Oder vielleicht doch? Ein etwas anderer Rückblick auf unsere Wochen zwischen Europa und Asien. Geschrieben von Marc.

Kaukasus Rückblick

Wer tritt nicht gerne in einen saftigen Kuhfladen? Ein Rückblick auf die kleinen Ärgernisse in Georgien, Aserbaidschan und Armenien.

Kaukasische Gastfreundlichkeit

Die Menschen! Die Freundlichkeit! Die Gastfreundschaft! Als wir uns im Vorfeld über unsere Reiseziele Georgien, Armenien und Aserbaidschan informierten, bekamen wir beinahe das Gefühl, im Kaukasus würden wir als Reisende vor lauter Zuneigung in schwarzem Tee gebadet, mit Wein überschüttet und am laufenden Band mit fettigen Teigspeisen gemästet werden.

Die Realität? Ja, insbesondere in Georgien waren wir beinahe überfordert mit allzu viel Freundlichkeit. Auf dem neuerlichen Weg zu unserem Hotel in Batumi etwa wurde uns ungefragt plötzlich noch einmal ganz genau erklärt, wohin wir laufen müssten. Obwohl wir genau wussten, welcher Weg der richtige ist – und nur 200 Meter vom Ziel entfernt waren. Scheinbar hatten wir jedoch einen Hauch von Unsicherheit in den Augen, der uns ausschauen ließ wie zwei verlorene Katzenbabies ohne Mutter.

Ein typisches Schwarzteegedeck in einem aserbaidschanischem Restaurant in Baku am Kaspischen Meer.

Zu viel des Guten

Manchmal ging uns die Gastfreundschaft fast ein Stück zu weit. Es mag daran liegen, dass wir als Deutsche im Vergleich doch etwas unterkühlter sind und als Berliner eine andere Art der „Freundlichkeit“ gewohnt sind. Vielleicht war es der berühmte „Kulturschock“. Zwar liegt der Kaukasus je nach Definition am Rande des Kontinents. Doch damit eben auch ziemlich weit weg von Mitteleuropa.

Nur die Spitze des Eisbergs: Am letzten Abend waren wir auf der Suche nach einem Lokal, das Kreditkarten akzeptiert. Wir fragten also das Personal, ob wir mit Kreditkarte zahlen könnten – und trafen dank Sprachbarriere auf blankes Unverständnis. Ein dritter Kellner kam schließlich auf uns zu und zerrte uns recht ruppig an den Armen zu einem Tisch. Was wahrscheinlich eine freundliche Willkommensgeste sein sollte, führte dazu, dass wir aus dem Lokal flüchteten. Wir waren schlichtweg mit der Situation überfordert.

Na, wer kann es lesen? Sprachbarrieren erlebten wir nicht nur im mündlichen Austausch mit den Georgiern.

Pay by Pizza

Überhaupt führte die Sprachbarriere im gesamten Kaukasus laufend zu Verständigungsproblemen. Wir sprechen zwar ein paar Worte Russisch, was im Zweifel Gold wert war. Besonders die ältere Generation der Region versteht schließlich fast kein Wort Englisch. Das ist für uns im Grunde nichts Neues. Insbesondere nach zwei Balkanreisen haben wir Erfahrung, uns mit Händen und Füßen Ausdruck zu verleihen.

Und doch waren wir immer wieder baff, dass insbesondere nicht einmal das Wort „credit card“ oder die synonym verwendeten Begriffe „Visa“ und „Mastercard“ verstanden wurden. Was mitunter zu skurrilen Situationen führte: Einmal wurde uns auf die Frage, ob wir mit „Visa“ bezahlen könnten, kurzum entgegnet, dass es natürlich „Pizza“ zu essen gäbe. Von einem etwa 25-jährigen Armenier in der Hauptstadt Jerewan.

Eine Variante der sogenannten Chatschapuri, wie wir es in Batumi vorgesetzt bekamen. Es handelt sich dabei um ein meist mit Käse gefülltes, überbackenes Käsebrot für den „kleinen“ Hunger zwischendurch.

Dann halt nicht

A propos Restaurants: Wir zwei sind wahrlich sehr geduldige Menschen. Doch hin und wieder sehen wir dann doch nicht ein, viel länger als 15 Minuten darauf zu warten, die Speisekarte vorgelegt zu bekommen. Im Kaukasus haben wir irgendwann aufgehört zu zählen, wie oft wir wegen Nichtbeachtung einfach das nächste Lokal aufgesucht haben. Kann in Berlin auch passieren, doch eher nicht in dieser Regelmäßigkeit.

Mit anderen Punkten hingegen fanden wir uns irgendwann ab. In so gut wie jedem Restaurant, jedem Café und jeder Bar folgte wenige Minuten nach Bestellung die Entschuldigung, dass irgendein Getränk oder Gericht leider nicht verfügbar sei. In gebirgigen Gefilden dachten wir noch, dies läge an der Abgeschiedenheit der jeweiligen Ortschaften. Aber nein: In Tiflis, Baku und Jerewan erwartete uns oft das gleiche Spiel.

Auf Chinkali, die berühmten georgischen Teigtaschen, mussten wir besonders häufig verzichten. Mal ums Mal wurden sie in vielen Restaurants zwar angeboten, waren aber am Ende nicht zu servieren.

Die Teig-und-Fett-Diät

Sollten wir tatsächlich bedient worden sein, dann wurden wir Mal für Mal zum Opfer unserer selbst: Die günstigen Preise suggerierten kleine Portionen, die sich letztlich als Wochenrationen für eine vierköpfige Familie herausstellten. Serviert wurden zumeist fettige, teigige, fleischige und käsige Speisen – wie sie die lokale Küche eben dominieren. Selbst ein „chicken salad“ besteht im Kaukasus gefühlt zu 50 Prozent aus Mayonnaise.

Bei wenigen Wochen Reisezeit und regelmäßig wechselnden Unterkünften fällt es schwer, sich gesund zu ernähren. Und wer wie wir die regionale Küche kennen lernen möchte, bestellt wohl kaum jeden Abend einen Caesar Salad. Obst und Gemüse für zwischendurch sollte zudem am besten gründlich abgewaschen werden. Was wiederum auf einer stinkigen Toilette im Nachtzug wenig wert ist – und daher in unserem Falle zum Vitaminverzicht führte. Wie sehr freuten wir uns auf den EDEKA um die Ecke und die tägliche Portion Obst!

Es geht fettig weiter: Chkmeruli ist ebenfalls ein typisches Gericht georgischer Küche. Serviert wird Hähnchenfleisch (mit Knochen) in weißer Knoblauchsoße. Manchmal wird die Sahne weggelassen. Schmeckt dann nur halb so gut.

Hupkonzert im Kaukasus

Abseits von Gastfreundlichkeit und Gastronomie lauerten vor allem in den stillen Örtchen von Georgien, Aserbaidschan und Armenien Ärgernisse. Wir verstehen zum Beispiel nicht, weshalb Leute bereits dann wie wild an der Tür klopfen und aggressiv die Klinke betätigen müssen, wenn man noch nicht einmal die Hose runtergezogen hat, geschweige denn auf der Klobrille sitzt. Als hätte man im Nachtzug oder im Hostel unbändige Freude daran, möglichst viel Zeit auf Toilette zu verbringen. Wobei in diesem Falle freilich nicht immer die „Locals“ die Miesetäter waren.

Mindestens genauso unnötig? Das ständige Impuls-Hupen im Straßenverkehr. Als würde es irgendwem irgendetwas nützen, auf die Hupe zu schlagen, wenn sich in einer Einbahnstraße der Verkehr staut und man als letzter im Bunde trölf Wagen vor sich stehen hat. Doch im Vergleich zu all jenen, die im Nachtzug eine ganze Packung Sonnenblumenkerne mit dem Mund aufknacken, ist die Huperei beinahe schon wieder eine Wohltat für die Ohren.

Stillleben aus Tiflis. Immerhin hupt das Strahleauto nicht.

Treffen mit uns selbst

Wenn das Wasser aus dem Duschkopf von einer Sekunde auf die andere von heiß auf kalt wechselt. Die Klospülung nicht funktioniert und man daher kurzum einen Wasserschlauch umfunktioniert (ein Hoch auf den Wasserschlauch!). Wenn man nach elfstündiger Wanderung in einen frischen Kuhfladen stapft. Man im Nachtzug 30 Zentimeter neben gigantischen, fremden Füßen einschläft. Dann wünscht man sich insgeheim manchmal ganz, ganz kurz, man möge schnell wieder zu Hause sein.

Aber eben nur ganz, ganz kurz: Nach kurzem Frust realisierten wir immer wieder, dass es gerade auch jene Kleinigkeiten und mitunter ziemlich nervtötenden Ärgernisse sind, die das Reisen ausmachen. Oder besser: die das Abenteuer ausmachen. Es ist das Aufeinandertreffen verschiedener Kulturen. Aber auch die Auseinandersetzung mit dem eigenen Ich. Und deshalb reisen wir, um zu reisen.

In der dritten Klasse der Nachtzüge zwischen Tiflis und Baku bzw. zwischen Batumi und Yerewan kann man (wie wir) Pech haben, was die Aussicht betrifft.

Hat da wer gemeckert? Sei’s drum. Denn natürlich haben wir in Georgien, Aserbaidschan und Armenien mehr erlebt als die geschilderten Lappalien. Parallel zur Berichterstattung aus dem Baltikum berichten wir dir bis Ende des Jahres – und wahrscheinlich auch noch darüber hinaus – von unseren Erlebnissen zwischen Schwarzem und Kaspischem Meer. Du hast Fragen zu einem der Länder, die wir dir am besten schon vorher beantworten sollen? Dann hinterlasse gerne einen Kommentar unter diesem Artikel.

Reisen um zu reisen!
John & Marc

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