Jerewan Reisebericht: Wo aus Leiden Leben wurde

Jerewan Reisebericht: Wo aus Leiden Leben wurde

Jerewan gehört zu den ältesten Städten der Welt. Die Geschichte der armenischen Hauptstadt ist gleichzeitig geprägt von Umbrüchen, die sich anhand der Sehenswürdigkeiten im Zentrum Jerewans heute kaum nachvollziehen lassen. Unser Reisebericht aus Jerewan zeigt einen Schauplatz der tragischen Geschichte Armeniens, der uns dennoch mit wohligem Gefühl abreisen ließ. Geschrieben von John & Marc.

Jerewan zwischen Stolz und Schmerz

Die Fontänenshow auf dem ↠ Platz der Republik in Jerewan, die im Sommer jeden Abend nach Sonnenuntergang stattfindet, wirkt auf uns wie eine Feierstunde zu Ehren der armenischen Nation. Jedem einzelnen illuminierten Wasserstrahl wohnt eine riesige Portion Stolz und Hoffnung inne. In Zusammenspiel mit einem französischen Chanson birgt jeder Tropfen zugleich auch eine Prise Leid und Schmerz. Beides findet sich in der Geschichte Armeniens in unerträglichem Maße wieder.

Unsere Französischkenntnisse aus Schul- und Studienzeit sind verwässert. Doch es reicht uns, hin und wieder das Wort “Arménie” herauszuhören, um den Inhalt des Lieds zu verstehen. Um uns herum sitzen hunderte Armenier:innen, vereinzelt auch Reisende, die der wohl stimmungsvollsten Sehenswürdigkeit von Jerewan beiwohnen. Allen gemeinsam scheint bewusst, dass in dieser Aufführung mehr steckt als Licht und Wasser. Hier erklingt, inmitten von Jerewan, das Schicksal einer Nation.

Jerewan Sehenswürdigkeiten
Am Platz der Republik in Jerewan kannst du an Sommerabenden Zeuge eines eindrucksvollen Wasserschauspiels werden.
Jerewan Sehenswürdigkeiten
Am Platz der Republik befinden sich auch das History Museum of Armenia sowie die Nationalgalerie, die dasselbe Gebäude teilen.

Über Jerewan thront der Ararat

Auf Stolz und Leid treffen wir in Jerewan immer wieder, wenn auch nicht immer derart offenkundig. Das Stadtzentrum etwa ist in Teilen auf den heiligen Berg der Armenier ausgerichtet, den 5.137 Meter hohen ↠ Ararat. An klaren Tagen ist der Gigant, gemeinsam mit dem 3.896 Meter zählenden “Kleinen Ararat”, in der Ferne gut zu erkennen. Doch beide liegen heute auf dem Gebiet der Türkei, dort wo vor dem Ersten Weltkrieg ein Hauptsiedlungsgebiet der Armenier war.

Die Mischung aus Schmerz und Sehnsucht scheint essenzielles Element des armenischen Selbstgefühls zu sein. Nationalismus ist da nicht weit. Im Stadtbild treffen wir hier und da auf historische Karten, die die Umrisse ↠ Großarmeniens zeigen, das sich einst vom Kaspischen Meer bis weit nach Anatolien ausbreitete. Unabhängig war Armenien in seiner Geschichte jedoch nur äußerst selten. Erst 1991 erklärte sich das Land schließlich von der Sowjetunion für unabhängig. Aus historischer Sicht auf vergleichsweise kleinem Territorium.

Jerewan Ararat
Während unserer Reise nach Jerewan zeigte sich Ararat leider nur selten – die Luft war einfach zu trüb.
Chor Virap Kloster Armenien
Großer und Kleiner Ararat vom Kloster Chor Wirap ausgesehen, einer Sehenswürdigkeit außerhalb von Jerewan.

Sehenswürdigkeiten in Jerewan

Der Schwalbenhügel

Einen umfassenden Einblick in die Dramatik der armenischen Geschichte bietet der Denkmalkomplex ↠ Zizernakaberd im Westen von Jerewan. Die vielleicht wichtigste Sehenswürdigkeit der Stadt gedenkt dem Völkermord an den Armeniern zu Beginn des 20. Jahrhunderts. Der Ararat – natürlich – soll auch vom “Schwalbenhügel” aus gesehen über der Jerewan thronen, doch während unseres Besuchs versteckt er sich hinter dicker Luft.

Zwischen zwölf Pylonen lodert eine ewige Flamme. Daneben ragt ein gespaltener Obelisk in die Höhe, ein Symbol für die Teilung des historischen Siedlungsgebiets der Armenier. Im unterirdisch gelegenen Museum wird der Völkermord in bedrückender Detailliertheit aufgearbeitet – und dabei auch auf die Rolle des Deutschen Reiches hingewiesen. Dieses kämpfte im Ersten Weltkrieg an der Seite des Osmanischen Reichs und ignorierte Meldungen über den ↠ Völkermord weitgehend. Plötzlich rückte uns die vorab so fern wirkende Katastrophe furchtbar nahe.

Jerewan Schwalbenhügel
Auf dem Schwalbenhügel gedenken Blumen im Zusammenspiel mit einer ewigen Flamme dem Völkermord an den Armeniern.
Jerewan Schwalbenhügel
Alljährlich am 24. April versammeln sich Armenier auf dem Zizernakaberd, um den Opfern des Völkermords zu gedenken.

Cascade Complex und Siegespark

Auf gänzlich andere Art und Weise zeigt sich die Tragik der armenischem Geschichte im Siegespark von Jerewan, einer Sehenswürdigkeit oberhalb des ↠ Cascade Complex, der dich vom Zentrum über die Dächer der Stadt führt. Westlich von ↠ Mutter Armenien gelegen, einem 51 Meter hohen Monument über den Dächern Jerewans, wurde der Siegespark im Geiste des Sieges der Roten Armee nach dem Zweiten Weltkrieg errichtet. Zwischen 1936 und 1991 war die Armenische Sozialistische Sowjetrepublik Teil der Sowjetunion. Den Völkermord an den Armeniern erkannte diese niemals als solchen an.

Von Sowjetnostalgie ist an Ort und Stelle folglich nichts zu spüren. Vielmehr wirkt der Siegespark auf uns wie ein Abandoned Place, der jedoch nicht verlassen ist. Fahrgeschäfte drehen ihre Runden, selbst wenn im Riesenrad nur die wenigsten Waggons gefüllt sind. Mutter Armenien mag so errichtet worden sein, dass sie in luftiger Höhe über Jerewan wacht. Umringt von knalligen Karussells macht sie auf uns jedoch einen geerdeten Eindruck.

Jerewan Cascade Complex
Statue am Fuße des Cascade Complex, der für uns schönsten Sehenswürdigkeit in Jerewan.
Jerewan Sehenswürdigkeiten
Impressionen aus dem Siegespark mit Blick auf die Mutter-Armenien-Statue, der am höchsten gelegenen Sehenswürdigkeit in Jerewan.

Jerewan, eine Lebestadt

Als Außenstehende scheint uns die armenische Geschichte in den Straßen Jerewans omnipräsent, auch wenn es mehr ein Gefühl ist. Schon ↠ Baku entdeckten wir wenige Tage zuvor mit gedämpfter Grundstimmung. Doch anders als in der aserbaidschanischen Hauptstadt vermischt sich diese auf unserem Streifzug durch die Sehenswürdigkeiten von Jerewan mit einer großen Portion Lebensfreude, oder besser: mit Freude am Leben.

Denn im Grunde ist Jerewan Lebestadt. Die Kapitale steckt voller Sehenswürdigkeiten, im Großen wie im Kleinen. Es gibt die offenkundigen Sehenswürdigkeiten, allen voran den Cascade Complex, einer Art Freiluftmuseum, das terrassenförmig hinauf zum Siegespark führt. Aber es gibt auch die versteckten Sehenswürdigkeiten: die Kunstwerke eines unbekannten Malers im “Lover’s Park” etwa, oder aber etliche Bistros, Cafés und Restaurants mit vorzüglichen Speisekarten zum kleinen Preis, wie etwa das ↠ Anteb westlich vom Platz der Republik oder das ↠ Aragast an der Metro-Station Yeritasardakan. Und natürlich sind da die Fontänen am Platz der Republik, die dir am Abend eine Geschichte erzählen, die du so schnell nicht vergessen wirst. Von einer Stadt, in der aus Leiden Leben wurde.

In Kürze: Unser 1 THING TO DO in Jerewan

Was? Einen Sommerabend mit Blick auf das Fontänenspiel am Platz der Republik zu verbringen.
Wo? Weder Platz der Republik – als Herz von Jerewan – noch der Fontänenbrunnen sind auch nur irgendwie zu verfehlen.
Wie viel? Die Aufführung ist kostenfrei.
Warum? Um mit jedem illuminierten Wasserstrahl ein weiteres Stückchen armenisches Lebensgefühl mit Augen und Ohren aufzusaugen.

Das Video zum Jerewan-Reisebericht

Das Video zu unserer ↠ Kaukasus-Reise macht übrigens auch in Jerewan sowie an weiteren Sehenswürdigkeiten Armeniens Station. Schon gesehen?

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Jerewan erreichst du am einfachsten über Georgien, da die Flugverbindungen nach Armenien bislang überschaubar sind. Mehr dazu erfährst du in unserem Artikel über den ↠ Nachtzug von Tiflis nach Jerewan. Sehenswürdigkeiten in der Umgebung von Jerewan, die du im Rahmen von Tagesausflügen erreichen kannst, sind das Kloster ↠ Chor Wirap in der Nähe des Ararat sowie der ↠ Sewansee, viertgrößter Hochgebirgssee der Erde.

Reisen um zu reisen!
John & Marc

Jerewan Reisebericht

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2 Antworten zu “Jerewan Reisebericht: Wo aus Leiden Leben wurde”

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