Podgorica Reisebericht: Ein blinder Fleck in Montenegro

Es gibt Hauptstädte, deren Besuch macht eine Länderreise erst komplett. Und es gibt Podgorica. Im Zentrum des Balkanstaats gelegen versprüht Podgorica zwar ein lockeres, ungezwungenes Ambiente. Und doch fällt eine Erkundungstour in der Stadt an der Morača deutlich hinter den kulturellen und landschaftlichen Schönheiten Montenegros zurück. Wie du trotzdem das Beste aus der Kapitale herausholst, verrät unser 1 THING TO DO für Podgorica. Geschrieben von Marc.

Podgorica Reisebericht

Podgorica Reisebericht: Im Zentrum Montenegros gelegen ist die Hauptstadt ideal für Abstecher in umliegende Regionen.

Das Brett vorm Kopf

Es ist nicht so, als hätten wir in Podgorica kein erweckendes Erlebnis gehabt. Im Hostel Podgorica – einer schlichten Backpacker-Herberge zwischen Hauptbahnhof und Stadtzentrum – begann es langsam zu dämmern. John schlummerte im Doppelstockbett unter mir friedlich vor sich hin. Plötzlich löste sich eine Holzlatte meines Lattenrosts und knallte mit voller Wucht auf seine Nase. Guten Morgen!

Für den Rest unserer Reise von Kiew nach Kotor war John also gezeichnet. Podgorica hinterließ zumindest in seinem Gesicht einen bleibenden Eindruck. Ich könnte nun spotten, dass dieses morgendliche Erlebnis genauso unnötig war, wie unser gesamter Aufenthalt in der 180.000-Einwohner-Stadt. Doch mal halb lang: So schlimm ist Podgorica nämlich auch wieder nicht.

Podgorica Reisebericht

Die 2005 eröffnete Millenium-Brücke gehört inzwischen zu den Wahrzeichen von Podgorica.

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Ein weiteres Wahrzeichen ist der eher unscheinbare Glockenturm im Stadtzentrum.

Zwischen Moscheen und Plattenbauten

Wer wie wir mit dem Bus in Podgorica ankommt, der wird zunächst einmal nicht spüren, dass diese Stadt irgendwo auch eine niedliche Seite hat. Plattenbauten aus der Zeit als Hauptstadt der jugoslawischen Teilrepublik Montenegro wechseln sich mit wüsten Brachen ab. Im Sonnenuntergang hatte dies beinahe schon wieder ein romantisches Antlitz, doch selbst der orangefarbene Schimmer auf den grauen Fassaden wusste wenig zu verschleiern.

Angesichts der Geschichte Podgoricas tut man der montenegrinischen Hauptstadt unrecht, würde man sie per se als hässlich deklarieren. Vier Jahrhunderte lang stand Podgoritz – der alte deutsche Namen der Stadt – unter osmanischer Herrschaft. Die Moscheen in den Stadtteilen Stara Varoš und Drač zeugen noch heute davon. Im Zweiten Weltkrieg wurde Podgorica zunächst von italienischen Truppen und später von der Wehrmacht besetzt. Um die 70 Luftangriffe zerstörten die Stadt beinahe vollständig.

Podgorica Reisebericht

In der Peripherie des Stadtzentrums von Podgorica prägen Plattenbauten das Bild.

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Ein Hauch von Nostalgie: In diesem Laden kommen Vintage-Fans auf ihre Kosten.

Suche nach dem Kern der Stadt

Unter dem Namen Titograd, wie Podgorica zu Ehren des jugoslawischen Staatspräsidenten Josip Broz Tito zwischen 1946 und 1992 hieß, sprossen schließlich Plattenbauten aus dem Boden, die noch heute mehr als einen Hauch von Jugoslawien versprühen. Doch mit diesem Hintergrundwissen fällt es leichter, der montenegrinischen Hauptstadt Charme abzugewinnen. Es macht Spaß, hier auf die Suche nach dem alten und neuen Kern der Stadt zu gehen.

Auf einem Streifzug durch die Altstadt schlendern wir an flachen, urigen Häusern vorbei, in deren grünen Gärten Granatäpfel und Feigen hängen. Rund um den Trg Republike tummelt sich das junge Montenegro in lebendigen Straßen mit Boutiquen und Cafés. Auf den Brücken über der Morača – Baden erlaubt! – schauen wir minutenlang ins glasklare Wasser hinab, das vor dem Panorama der Berge des Landes vergessen lässt, dass wir uns gerade in einer Großstadt befinden.

Podgorica Reisebericht

Die Alstadt von Podgorica schlängelt sich am Ostufer der Morača entlang.

Podgorica Reisebericht

Relikt aus der osmanischen Vergangenheit von Podgorica: ein Minarett im Stadtteil Stara Varoš.

Ausflüge in Montenegro

Da wären wir auch schon am großen Plus von Podgorica. Der Name der Stadt bedeutet zu Deutsch „am Fuße des Hügels“. Der Name bezieht sich zwar auf einen Hügel am Stadtrand, von dem man übrigens einen schönen Blick über Podgorica und Umgebung erhaschen können soll. Doch letztlich liegt Podgorica auch am Fuß der Gebirgslandschaften im Norden Montenegros, die zu Ausflügen in der teils atemberaubenden Natur des kleinen Landes rufen.

Doch damit nicht genug: In einer halbe Stunde erreichst du im Zug Virpazar, ein kleines Fischerdörfchen am Skutarisee, dem größten Sees des Balkans. Nur eine halbe Stunde mehr auf gleicher Strecke brauchst du bis nach Bar, wo die Sonne besonders malerisch in der Adria versinkt. Noch mal eine halbe Stunde weiter wartet Ulcinj mit den längsten Sandstränden Montenegros. Mit dem Bus bist du außerdem innerhalb einer Stunde in Cetinje, der früheren Hauptstadt des einstigen Fürstentums. Eine halbe Stunde weiter wartet auch schon Budva, das Urlauberstädtchen der Adria-Nation schlechthin.

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Der Skutarisee ist nicht nur der größte See des Balkans, sondern auch ein Naturparadies erster Klasse. Von Virpazar aus kannst du unter anderem per Kanu „in See“ stechen.

Bar Montenegro

Abendstimmung am Kieselstrand von Bar: Im Urlauberstädtchen an der Adria genossen wir einen unserer bislang schönsten Sonnenuntergänge.

Auf Wiedersehen, Podgorica!

Umringt von so vielen kulturellen und landschaftlichen Sehenswürdigkeiten ist Podgorica ein idealer Ausgangpunkt, um Montenegro sternförmig zu bereisen. Das Gute daran: Wenn du abends zurückkehrst, hast du keinen Druck mehr, noch viel zu sehen. Stattdessen kannst du dich gemütlich in eines der günstigen Restaurants setzen, eine Portion Ćevapčići essen, zu einem kurzen Abendspaziergang ansetzen oder einfach ins Bett fallen. Denn in Podgorica läuft garantiert nichts weg.

Für Reisende ist Podgorica also ideal, um vom Zentrum Montenegros aus das kleine Land an der Adria zu bereisen. Gleichzeitig ist die Stadt ein blinder Fleck auf der touristischen Landkarte, da die wirklichen Höhepunkte eben im Gebirge und am Mittelmeer zu warten scheinen. Und doch führt wohl kein Weg daran vorbei, auf unserer nächsten Montenegro-Reise noch einmal in Podgorica Halt zu machen – allein aus geografischen und verkehrstechnischen Gründen. Vielleicht hilft ein zweites Mal auch dabei, die Stadt selbst als Sehenswürdigkeit zu begreifen. Ganz ohne Brett vorm Kopf.

Podgorica Reisebericht

Von ihrer schönsten Seite zeigt sich Podgorica am Fluss Morača, wo glasklares Wasser auf Gebirgspanorama trifft.

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In den Gärten der Altstadt von Podgorica hängen Granatäpfel von den Bäumen. #mundraub

In Kürze: Unser 1 THING TO DO für Podgorica

Was? Nutze die günstige Lage von Podgorica für Tagesausflüge in die Umgebung. Vom Bahnhof aus gelangst du für wenige Euro zum Skutarisee sowie nach Bar. Der Busbahnhof verbindet Podgorica mit jeder größeren Stadt in Montenegro.
Wo? Bahnhof und Busbahnhof befinden sich – nebeneinander gelegen – östlich des Stadtzentrums und sind von dort aus fußläufig erreichbar.
Wie viel? Eine Zugfahrt nach Virpazar am Skutarisee kostet ungefähr zwei Euro, nach Bar sind es knapp drei Euro. Teuer wird es auf jeden Fall nicht.
Wieso? Um nicht jeden Tag mit Sack und Pack durch die Weltgeschichte zu reisen und abends sowie am frühen Morgen das entspannte Flair von Podgorica aufzusaugen.

Wir persönlich nutzten Podgorica für unsere Ausflüge zum Skutarisee und nach Bar. Zudem reisten wir aus dem Durmitor-Nationalpark an und fuhren anschließend nach Kotor weiter, wobei beide Strecken mehr als zwei Busstunden in Anspruch nehmen. Solltest du eine gänzlich andere Meinung zu Podgorica haben, freuen wir uns auf deinen Kommentar! Wir hören immer gerne andere Perspektiven.

Reisen um zu reisen!
John & Marc

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