Bar, Montenegro: Eine zügige Reisepanne an der Adria

Bar ist ein kleines Städtchen in Montenegro, das bis auf seinen Kieselstrand offen gesagt wenig zu bieten hat. Dass wir Bar dennoch einen eigenen Artikel widmen, hat zum einen mit einem besonders schönen Sonnenuntergang über der Adria zu tun. Zum anderen und vor allem aber auch mit unserer eigenen, seligen Dummheit. Es folgt ein Text der Kategorie Reisepannen – was wäre das Weltenbummeln nur ohne sie. Geschrieben von Marc. 

Bar Montenegro

Sonnenuntergang am Strand von Bar in Montenegro.

Bar: Ein Ferienort in Montenegro

Das Urlauberstädtchen Bar an der montenegrinischen Adriaküste zeigt sich uns mit zwei unterschiedlichen Gesichtern. Beide kreuzen sich ziemlich genau am idyllischen Kieselstrand der 14.000 Einwohner zählenden Hafenstadt. In Richtung Hinterland breitet sich Bar mit seiner wenig anmutenden Seite aus. Wir spüren an allen Ecken, dass die Hafenstadt in jugoslawischen Zeiten aus dem Boden gestampft wurde, nachdem die Altstadt Stari Bar 1979 nach einem Erdbeben zerstört wurde.

Skurrile Betonbauten treffen auf wuchtige Fußgängerzonen und karge Boulevards, in denen Urlauberfamilien Bikinis, Sonnenschirme und Baggerutensilien in jeglichen Farben und Formen kaufen können. Einen Kontrapunkt setzt die Kathedrale St. Johannes Vladimir, die mit ihren drei goldenen Türmchen, blauen Dächern und strahlend weißen Fassaden nicht so recht ins Bild passen möchte. In ihrem Garten steht der mit 2.300 Jahren älteste Olivenbaum der Region. Sein Alter jedoch ist das einzige, was dieses Relikt längst vergangener Zeiten erwähnenswert macht.

Bar Montenegro

Vor vierzig Jahren bestimmt hypermodern, scheint die Architektur im Urlauberzentrum von Bar heute wie aus der Zeit gefallen.

Bar Montenegro

Die Kathedrale St. Johannes Vladimir passt nicht so recht ins restliche Bar, ist aber dennoch ein Hingucker.

Sonnenuntergang am Strand von Bar

Von seiner schönen Seite zeigt sich uns Bar, als wir den Stadtkern hinter uns lassen und uns mit einer Flasche Bier am Strand niederlassen. Es ist bereits spät am Abend, der Himmel über der Adria verfärbt sich Schritt für Schritt orange, während das Himmelszelt über dem Festland noch hellblau schimmert. Über die sanft ins Meer hinabfallenden Hügel hat sich längst ein dunkelgrüner Schatten gelegt, die ersten Lichter der Nacht beginnen zu leuchten. Wir haben selten einen schöneren Sonnenuntergang erleben dürfen.

Wir stapeln Kieselsteine aufeinander, bauen jeweils ein Türmchen und schauen, wer von uns beiden mehr Geschicklichkeit beweist. Es ist einer der ersten Momente, in denen wir die vergangenen Wochen Revue passieren lassen. Wir haben uns von Kiew bis an die Adria durchgekämpft. Wieder sind Dutzende Geschichten entstanden. Wir haben Reisemomente gesammelt, die wir nie vergessen werden. Doch während wir uns in ihnen verlieren, startet bereits die nächste Geschichte – ohne dass wir es bemerken.

Bar Montenegro

Schauplatz für einen der schönsten Sonnenuntergänge, die wir bislang erleben durften: der Kieselstrand von Bar.

Bar Montenegro

Wer hat den höchsten? Links John, rechts Marc.

Zurück nach Podgorica

Vor lauter Türmchen bauen und einem ersten Anfall von Nostalgie – obwohl wir noch nicht mal am Ziel unserer Reise angekommen sind – vergessen wir die Zeit. Doof nur, dass wir noch mit dem Zug zurück nach Podgorica müssen und den Zeitpuffer für die Rückkehr zum Bahnhof auf das absolute Minimum haben schrumpfen lassen.

Also heißt es Umschalten. Aus unseren watteweichen Gedanken gedeiht ein Zwang zur Optimierung. Wir sind viel zu spät dran, und so öffnen wir Google Maps, um die schnellste Route zum Bahnhof auszusuchen. Ohne WLAN verrät uns Google die Strecke nicht von selbst, also ziehen wir die Pi-mal-Daumen-Option. Ungünstig jedoch, wenn sich Mal ums Mal eine Straße als Sackgasse entpuppt und auf der Karte mal wieder alles viel kleiner wirkt als in der bitteren Realität.

Bar Montenegro

In Erinnerung schwelgend beobachteten wir die Sonne bei ihrem Sinkflug in Richtung Horizont.

Bar Montenegro

Farbenspiel im Sonnenuntergang über dem Strand zwsichen Bar und Sutomore.

Ein Sprint am Gleisbett

In größter Hektik folgt ein Gedankenblitz, wobei bekanntlich nicht jeder Gedankenblitz zwangsläufig von Genialität geprägt ist. Sobald wir die Schienen erreichen, müssten wir doch nur noch an ihnen entlang in Richtung Bahnhof rennen. Auf geht’s. Doch auf steinigen und löchrigen Pfaden entlang der Gleise ist John mit seiner spinnenartigen Statue klar im Vorteil.

Ich hechele atemlos hinterher, doch Zeit zum Verschnaufen ist nicht. Sollten wir den letzten Zug zurück nach Podgorica überhaupt schaffen, dann nur in allerletzter Sekunde. Wir können bereits die gelb beleuchteten Bahnsteige sehen, doch immer wieder müssen wir den angedachten Weg verlassen. Ist eben doch ein brenzliges Gefühl, teilweise auf den Gleisen atemlos durch die Weltgeschichte zu hetzen. Auch wenn Bahnfahren ziemlich Slow Travel ist, dieser Sprint zum Bahnhof ist es nicht.

Bar Montenegro

Bar ist nicht nur Urlauberstädtchen, sondern auch Standort des einzigen Seehafens Montenegros.

Bar Montenegro

Gleich neben dem großen Seehafen liegen kleine Yachten und Segelbötchen in der Barska marina.

Next train tomorrow

Mit letzter Kraft springen wir im Dunkeln auf den Bahnsteig. Der Zug müsste jeden Moment einfahren. Doch lässt er so lange auf sich warten, bis wir uns ärgern, weshalb wir gefühlt soeben unser Leben riskiert haben. Als sich weiterhin rein gar nichts tut, überprüfen wir den Fahrplan. Vielleicht hatten wir uns vertan? Der Fahrplan selbst bestätigt uns, doch die Dame am Schalter meint trocken: „Next train tomorrow“. Tolle Wurst.

Fuchsig wie wir sind, hatten wir uns nach Ankunft in Bar auch am Busbahnhof umgeschaut, wann der letzte Bus nach Podgorica abfährt. Und so führt uns ein weiterer Sprint mit letzter Kraft zum 300 Meter entfernt gelegenen Busbahnhof. Ernüchterung macht sich breit, als uns auch hier griesgrämig mitgeteilt wird: „Next bus tomorrow“. Am Fahrplan steht doch aber noch einer dran? – „Next bus tomorrow!“

Bar Montenegro

Bar ist keine typische Backpacker-Stadt, sondern möchte allem Anschein nach Familien und Pauschalreisetouristen anlocken.

Bar Montenegro

Wir beide am Strand – zufälligerweise aufgenommen von einer Montenegrinerin, die gerade am Strand spazierte.

Um eine Geschichte reicher

Uns wird klar, dass sich der Sprint unseres Lebens mal so richtig gelohnt hat. Nicht. Also lassen wir den Abend standesgemäß mit einem Glas Bier vor der Kneipe im Busbahnhof ausklingen. Ein paar Busse noch fahren ein und starten in Richtung verschiedenster Ortschaften Montenegros. Nach Podgorica jedenfalls ist keiner mehr dabei.

Unser Plan C lautet Taxi. Müde laufen wir zum Taxistand, irgendwer sollte sich schließlich freuen, kurz vor Feierabend noch ein paar dumme Touris nach Podgorica fahren zu dürfen. Wir haben Glück. In der Hauptstadt angekommen, wird unserem Abend das i-Tüpfelchen aufgesetzt. John schafft es irgendwie, statt der angezeigten 35 Euro ganze 50 Euro loszuwerden. Das ist so ziemlich das 15-fache des Bahnpreises. Schlussendlich jedoch nur eine Randnotiz. Denn unserer Trip von Kiew nach Kotor ist um eine Geschichte reicher geworden. Und wir auch.

Bar Montenegro

Wenn nichts mehr geht, dann geht auf jeden Fall ein Bier.

In Kürze: Unser 1 THING TO DO für Bar, Montenegro

Was? Bar ist zweifelsohne einer der schönsten Orte in Montenegro, um den Sonnenuntergang zu verbringen – und zwar am Strand nördlich von Seehafen und Marina barska.
Wo? Das kleine Hafen- und Urlauberstädtchen erreichst du problemlos per Zug ab Podgorica und Ulcinj. Der Busbahnhof wird neben diesen beiden Städten auch von Kotor und Budva aus angefahren. Aber: Informiere dich besser gleich bei Ankunft am Schalter (!), wann der letzte Bus bzw. Zug zum Ziel deiner Wahl abfährt. 😉
Wie viel? Der Sonnenuntergang am Strand ist natürlich kostenlos. Zur Begleitung kannst du dir zum günstigen Preis rund um das Einkaufszentrum Robna Kuća Izbor eine Portion Ćevapčići im Brot und ein Bierchen vom Imbiss gönnen.
Warum? Um dich alleine oder in Begleitung in Gedanken zu verlieren und das Farbenspiel am Himmel auch deine Seele bunt färben zu lassen.

Du bist noch auf der Suche nach weiterer Inspiration für deine Reise nach Montenegro? Im kleinen Balkanstaat an der Adriaküste haben wir noch weitere 1 THING TO DOs entdeckt. Mehr dazu liest du in unserem Podgorica Reisebericht, in unserem Artikel über den Skutarisee sowie in unserer Berichterstattung zum Wandern im Durmitor-Nationalpark und auf den Bobotov Kuk.

Reisen um zu reisen!
John & Marc

Kommentar verfassen