Skutarisee: Ein Paradies, das nie entdeckt werden sollte

Wir stecken in der Bredouille: Der Nationalpark Skutarisee in Montenegro ist viel zu schön, um auf 1 THING TO DO keinen Platz zu finden. Gleichzeitig beschleicht uns das Gefühl, das besser nicht allzu viele Reisende dieses kleine Stück Paradies auf Erden für sich entdecken sollten. Da trotzdem genügend von ihnen den Weg zum größten See des Balkans finden werden, haben wir uns entschlossen, dennoch über den Skutarisee zu berichten – mit einer Botschaft. Geschrieben von John & Marc.

Skutarisee Monentegro

Blau trifft Grün: Der Skutarisee in Montenegro ist der größte See des Balkans.

Kajakfahren Skutarisee

Dann eben nicht. Unsere erste gemeinsame Kajakfahrt findet ein rabiates Ende. „Kehrt besser um!“, gibt uns ein Fischer zu verstehen, der uns auf dem Weg hinein in den Skutarisee entgegen kommt. Schon wieder. Bereits während einer Wanderung im Durmitor-Nationalpark hatte uns ein bärtiger, alter Schäfer gewarnt, unseren eingeschlagenen Pfad weiterzugehen. Was heißt eigentlich Déjà-vu auf Montenegrinisch?

Dieses Mal widersetzen wir uns der Anweisung nicht. Zu oft waren wir bereits nach einigen Zickzackfahrten dem Ufer bedrohlich nahe gekommen. Wie schon im Durmitor zog sich zudem der Himmel über uns zu, die bedrohlichen Wolken dieses Mal noch dunkler. Der Fischer sollte besser wissen, wann Gefahr in Verzug ist. Gerade in Anbetracht dessen, dass wir uns in unserem Bötchen gerade anstellen wie die ersten Menschen.

Skutarisee Monentegro

Eine Art Kanal verbindet das Dörfchen Virpazar mit dem Skutarisee.

Griff nach Plan B

Zurück im Kajakverleih von Virpazar lacht uns der Vermieter aus. Wir hätten uns doch nicht bequatschen lassen sollen! Hätten wir? Hätten wir nicht? Vielleicht hatte der Fischer bei diesem jämmerlichen Anblick auch nur Angst, dass wir Schiffbruch erleiden. Wir kommen uns vor wie Fünftklässler, die zu doof sind, im Sportunterricht über einen Bock zu springen. Doch es gibt ja noch Plan B.

Da sich das Gewitter nicht wirklich dazu durchringen möchte, sich endlich auszukotzen, fragen wir am Ufer herum, ob sich nicht ein kleines Ausflugsboot erbarmen würde, uns doch noch kurz auf den See zu fahren. Virpazar, das Fischerdorf, in dem wir uns gerade befinden, liegt schließlich an einer Art Kanal. Vom Skutarisee hatten wir bislang nicht viel gesehen, denn zu Fuß kommen wir auf die Schnelle nicht zum Seeufer.

Skutarisee Monentegro

In Virpazar reichen sich Fischer- und Ausflugsboote die Hand.

Skutarisee Monentegro

Auf zum wirklichen Skutarisee: Mit einem kleinen Motorboot ging es in Richtung Seeufer.

Bootstour Skutarisee

In typisch deutscher Manier verhandeln wir schließlich mit einem Bootsmann einen einigermaßen fairen Preis. Zwanzig Euro für 45 Minuten auf dem Skutarisee, man will ja nicht meckern. Der Mann in seinen Mittvierzigern hatte uns so viele verschiedene Preismodelle und Touren mit Händen und Füßen erklärt, dass wir im Gefühl vollster Verwirrung einfach einschlugen. Auch Rechnen ist in dieser schwülen Luft nicht gerade eine unserer Stärken.

So richtig reines Gewissens sind wir nicht, als unser Guide den Motor anschmeißt und extra für uns hinaus auf den Skutarisee fährt. Der größte See des Balkans ist schließlich ein Nationalpark, in dem mehr als 20 endemische Tier- und Pflanzenarten beheimatet sind. Immerhin wird uns versprochen, dass der Motor in den besonders geschützten Sumpfgebieten gedrosselt wird. Nun gut. Das Kanu wäre umweltfreundlicher gewesen.

Skutarisee Montenegro

Blau trifft Blau trifft Blau: Mit rund 370 Quadratkilometern ist der Skutarisee genauso groß wie der Gardasee.

Skutarisee Monentegro

Unweit der Adriaküste befindet sich der Skutarisee nur sieben Meter über dem Meeresspiegel.

Naturparadies Skutarisee

Als wir den Kanal verlassen und sich die volle Pracht des Skutarisees auf allen Seiten ausbreitet, verfallen wir in tiefes Schweigen. Man nennt es wohl „Genießen“. Am Ufer fallen die Hügel sanft zum Ufer hinab. Himmel, Landschaft und Wasser scheinen zu verschmelzen. Den einzigen Farbkontrast zum Dunkelblau bietet ein strahlend grünes Meer aus Seerosen. Kormorane und Fischreiher ziehen an unseren Augen vorbei. Selten haben wir etwas gesehen, das dem Begriff Naturparadies so nahe kommt.

Nordwestlich der Eisenbahnbrücke, die den Skutarisee auf dem Weg von Podgorica nach Bar überquert, fahren wir in einem mystisches Sumpf- und Inselgebiet mit verwinkelten, natürlichen Kanälen ein. Unser Kapitän schaltet den Motor aus und lässt uns treiben. Quirlige Lappentaucher schwimmen an uns vorbei. Auf einem Ast, der aus dem Wasser ragt, sitzt neuerlich ein Kormoran. Wir werden demütig, wir genießen. Und doch wollen wir irgendwie schnell wieder umkehren. Wir fühlen uns wie Eindringlinge in einer Welt, in der wir auf unserem Motorboot einfach keinen Platz haben.

Skutarisee Montenegro

Im Mittel nur sieben Meter tief, ist der Skutarisee an vielen Stellen von Seerosen überwuchert.

Skutarisee Montenegro

Wenn du genau hinschaust, entdeckst du inmitten der Seerosen verschiedene Vogelarten.

Unberührte Zerbrechlichkeit

Der Skutarisee gehört zu jenen Gebieten, die auf der touristischen Landkarte Europas bislang kaum stattfinden. Und das, obwohl er neben dem Gardasee der größte See im Süden des Kontinents ist. Selbst viele Montenegro-Besucher lassen den Skutarisee außen vor und begnügen sich mit Kotor, dem Durmitor und Budva. Angesichts der scheinbar unberührten, aber auch sichtbar zerbrechlichen Natur sollte dies besser auch so bleiben.

Seit 2014 nistet auch der Krauskopfpelikan wieder am Skutarisee. Das zeugt von einem gesunden Ökosystem. Damit das so bleibt, solltest du dir während deines Besuchs ein Herz fassen und im Zweifel im Sinne der Natur reisen. Du bist auf dem Kanu sicherer unterwegs als wir? Dann bist du hier am richtigen Ort, wenn du dich nicht allzu aufdringlich verhältst. Du wanderst gerne? Dann plane lieber zwei, drei oder mehr Tage am Skutarisee ein, denn auch Wanderstrecken gibt es hier zu Genüge. An deinem Reiseerlebnis, vor allem aber auch an der Schönheit der Landschaft ändert das nichts. Und genau das sollte auch das Ziel sein.

Skutarisee Montenegro

Im Nordosten zeigt sich der Skutarisee von einer lagunenartigen Seite.

Skutarisee Montenegro

Balkan-Dschungel: Inmitten der Insellandschaft tauchen immer wieder seltene Vogelarten auf.

Um letzte Zweifel auszuräumen, hilft garantiert auch ein Besuch in der lokalen Touristeninformation von Virpazar. Zahlreiche Angebote zu Kajakfahrten, Rad- und Wanderrouten findest du außerdem auf der Webseite der lokalen Tourist Agency Outdoor & More. Mit dem Zug erreichst du Virpazar übrigens in nur 30 Minuten ab Podgorica. Die Fahrt inklusive Fahrt über die Brücke mit herrlichem Panorama über den Skutarisee kostet maximal zwei Euro.

Reisen um zu reisen!
John & Marc

4 thoughts on “Skutarisee: Ein Paradies, das nie entdeckt werden sollte”

  1. Kerstin says:

    Lieber John und Marc,
    genau dieses Dilemma hatte ich auch bei meinem Besuch des Skutarisees. Euer Titel beschreibt es perfekt. Der Skutarisee ist wunderschön so, wie er ist und sollte immer so bleiben. Der Grund, warum ich dennoch darüber geschrieben habe ist, dass ich mit Undiscovered Montenegro einen Veranstalter gefunden habe, der eben auch diese Meinung teilt. Ben und Emma, die englischen Besitzer, sind extrem engagiert in der nachhaltigen Entwicklung von Tourismus am Skutarisee und bieten mit ihren Kajaktouren zu den Inselklöstern und Wanderungen im Hinterland wirklich einmalige Touren. Ich bin der Meinung, wenn Tourismus, dann genau so.
    Liebe Grüße, Kerstin

    1. 1 THING TO DO says:

      Das ist ein wunderbarer Tipp, vielen Dank! 🙂

      Wir setzen für Interessierte mal einen Link:
      http://www.undiscoveredmontenegro.com/

      Liebe Grüße!
      John & Marc

  2. WoMolix says:

    In diesem Dilemma steckten wir nun auch schon mehrfach. Soll man über ein unentdecktes Kleinod schreiben und somit mehr Touristen „anlocken“ oder nicht.
    Nach Gesprächen mit Einheimischen in zwei Ortschaften in Italien, kamen wir zu dem Schluss, dass wir über diese Orte nicht schreiben. Unsere Gesprächspartner konnten uns glaubhaft vermitteln, dass sie die unangenehmen Auswüchse des Massentourismus in ihrer Heimat nicht wollen. Trotzdem waren sie ihren Gästen gegenüber sehr aufgeschlossen. Ihnen war aber wichtig, dass es so bleibt wie es ist. Ruhig, beschaulich, jeder hat sein Auskommen und wenn einer Hilfe braucht, dann ist die Nachbarschaft da. Reichtümer gibt es dort nicht zu verteilen, aber es gibt auch keinen der in der Gemeinschaft abgehängt wird!!! Alles läuft ohne Hektik ab, was durch Massentourismus automatisch entstehen würde. Einen Effizienzwettbewerb will dort niemand. Kurzum – ein Idyll mit gesunder sozialer Infrastruktur.
    Wenn sich die Menschen vor Ort bewusst so entscheiden, dann sollten wir Reisenden das auch respektieren und im Zweifel von einem Bericht absehen.

    1. 1 THING TO DO says:

      Wahrscheinlich muss man von Fall zu Fall unterscheiden, wie man als Blogger vorgeht. Wir haben in der Tat auch schon einiges ausgelassen – aus eben jenen Gründen, die du vorgetragen hast. Beim Skutarisee haben wir schon bemerkt, dass zum Beispiel auf Pinterest viele Bilder zirkulieren, die sehr viel Paradies und Fernweh vermitteln. Wenn jemand bei der Reiseplanung auf unseren Artikel stößt, dann regt das hoffentlich zum Nachdenken an – im Sinne der Natur vor Ort. In der Tat sind neben der Natur aber die Menschen vor Ort wohl die wichtigste Bezugsquelle, die man im Zweifel eben befragen sollte, wenn man sich selbst unschlüssig ist.

      Liebe Grüße und einen schönen Sonntagabend!

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