Kazbegi, Georgien: Blitz und Donner auf 2.600 Metern

Es gibt Wanderungen, bei denen passt einfach alles. Und dann gibt es Wanderungen, bei denen klebt einfach Schei*e am Schuh. Unsere versuchte Wanderung zwischen Stepanzminda und Gergeti-Gletscher im Kaukasus ist so ein Beispiel. Nachdem wir der berühmten Dreifaltigkeitskirche einen Besuch abstatteten, braute sich über unseren Köpfen urplötzlich Ungemach zusammen. Ein verschenkter Tag? Keineswegs. Weshalb, das verrät dir unser Reisebericht aus Kazbegi. Geschrieben von Marc.

Kazbegi Wandern Georgien

Wandern in und um Kazbegi: Für uns ging es aufgrund unvorhersehbarer Wetterereignisse diesmal nicht allzu hoch hinaus.

Georgiens hässliches Entlein

Über die serbische Hauptstadt Belgrad wurde einst gesagt, sie sei die hässlichste Stadt am schönsten Ort der Welt. Auf Stepanzminda, wie das frühere Kazbegi im Nordosten Georgiens heute heißt, trifft dies noch viel mehr zu. An klaren Tagen thront der 5.047 Meter hohe Kazbek über dem hässlichen Entlein, das bis auf ein paar Gasthäuser und Restaurants wenig zu bieten hat. Wäre da nicht das Markenzeichen Georgiens schlechthin, die Gergetier Dreifaltigkeitskirche, würde sich wohl kaum ein Tourist hierher verirren.

Ohne Datennetz ist es uns fast nicht möglich, das Guest House unserer Gastgeberin Emma zu finden. In Stepanzminda gibt es keine Straßenschilder, geschweige denn Hausnummern. X-mal streifen wir mit Sack und Pack durch die Schotterpisten oberhalb der Hauptstraße und verzweifeln. Wir haben Glück und finden in einem anderen Gasthaus eine Frau, die des Englischen mächtig ist und uns den Weg weist. Wir checken ein, doch für uns heißt es ab sofort nur noch: weg hier und rauf ins Hochgebirge!

Kazbegi Wandern Georgien

Stillleben in Stepanzminda: Mit sehr gutem Willen kann man sagen, dass das ehemalige Kazbegi eine Stadt im Wandel ist.

Wanderung ab Kazbegi

Als wir uns in Richtung Gergetier Dreifaltigkeitskirche aufmachen, lacht die Sonne vom Himmel. Nur ein paar Wolken schieben sich ab und an vor den grellen Himmelsball und sorgen nach heißen Tagen in Tiflis für die ersehnte Abkühlung. Vielleicht schaffen wir es ja doch noch zum Gergeti-Gletscher. Durch das Rumgeirre in den „Straßen“ von Stepanzminda sind wir spät dran, doch das Wetter scheint mitzuspielen und seit unserem Abenteuer am Chalaadi-Gletscher bei Mestia nehmen wir die Zeit ohnehin nicht mehr so ernst.

Am Ortsausgang halten wir in einem Open-Air-Restaurant Einkehr, das von einem Tschechen betrieben wird und einen spartanischen, aber liebevollen Eindruck macht. Zur Stärkung für den anstehenden Weg genehmigen wir uns jeweils eine heiße Suppe mit Lammfleisch, die neben uns in einem Topf über offenen Feuer vor sich hin köchelt. Es sollte eine teure Angelegenheit werden, denn wir werden vernünftig abgezockt. Das wohl frechste Restaurant am einem der schönsten Orte der Welt.

Kazbegi Wandern Georgien

Sieht doch ganz lecker aus, oder? Wurde aufgrund nicht existenter Speisekarte und Preisangaben jedoch zum teuersten Mahl unserer gesamten Kaukasus-Reise.

Kazbegi Wandern Georgien

Ein Bild von besagtem Open-Air-Lokal: Es hätte so schön in Erinnerung bleiben können, doch am Ende brannte sich vor allem die Abzocke in unsere Köpfe.

Gergetier Dreifaltigkeitskirche

Der Weg zur Gergetier Dreifaltigkeitskirche, in den meisten Reiseführern „Gergeti Trinity Church“ genannt, ist recht unspektakulär. Doch unsere Augen sind nach Mestia und Oberswanetien im Nordwesten Georgiens auch stark verwöhnt. Die Kirche selbst lebt, umgebend von den schroffen Hängen des Kaukasus, überwiegend von ihrer Lage: Inzwischen tummeln sich hier so viele Jeeps und Touristen, das von der einstigen Mystik an Ort und Stelle wenig geblieben ist.

Das Markenzeichen Georgiens wird schöner, je weiter wir uns von davon entfernen. Statt weißen Jeeps kreuzen nun Kühe und beladene Pferde unseren Weg. Über uns haben sich die Wolken inzwischen zusammengeschlossen und lassen der Sonne nur noch wenig Platz, ihr Gesicht zu zeigen. Meter für Meter gewinnen wir an Höhe, bis wir auf 2.600 Metern jene Schwelle überschreiten, die vor unserer Kaukasus-Reise noch das absolute Maximum war. Dabei waren wir gerade einmal zwei Stunden unterwegs!

Kazbegi Wandern Georgien

Auf dem Weg von Kazbegi zur Gergetier Dreifaltigkeitskirche gilt es bereits um die 500 Höhenmeter zurückzulegen. Der Weg nach oben nimmt eine gute Stunde in Anspruch.

Kazbegi Wandern Georgien

Hier lässt’s sich leben! Eine glückliche Kuh vor dem wohl bekanntesten Panorama Georgiens.

Mount Kazbek spielt Verstecken

Konnten wir zumindest noch in den Mittagsstunden die wärmende Sonne genießen, hat Kazbek nun ganz offenkundig nicht mehr vor, uns freundlich zu empfangen. Noch nicht einmal konnten wir den sagenumwobenen Riesen erspähen. Die immer tiefer stehenden, grauen Wolken machen uns deutlich, dass der dritthöchste Berg Georgiens heute nicht zur Privataudienz lädt.

In der Ferne – ungünstigerweise in Richtung Gergeti-Gletscher – vernehmen wir ein leichtes Grummeln, ganz als würde der Herr Kazbek uns verscheuchen wollen. Noch versucht er es auf die sanfte Tour. Doch die Wolken sinken immer weiter hinab, bis irgendwann der blaue Streifen hinter uns, der noch von der Wonne der vergangenen Stunden zeugte, komplett verschwindet.

Kazbegi Wandern Georgien

Und plötzlich will das Wetter so gar nicht mehr mitspielen. Auf rund 2.600 Metern Höhe zeigten sich die ersten dunklen Wolken über Kazbegi.

Kazbegi Wandern Georgien

Mehr gab es an diesem Tag nicht von Mount Kazbek zu sehen. Der 5.000er ist der achthöchste Gipfel im Großen Kaukasus.

Unwetter im Hochgebirge

Es blitzt. Und als wir den zweiten Donner vernehmen, beginnt es obendrein langsam zu nieseln. Wie oft hatten wir im Vorfeld gelesen, dass das Wetter im Hochgebirge schlagartig wechseln kann! Nun sind wir live dabei, wie aus einem lauen Sommertag auf 2.600 Metern nicht nur sprichwörtlich in Windeseile ein Unwetter gedeiht. Wir schauen uns in die Augen und kennen nun nur noch eine Richtung: weg hier und runter ins Tal!

Inzwischen ist der Donner deutlich lauter geworden. Kazbek spricht seine Warnung immer unmissverständlicher aus. Auf dem Weg zurück überholen wir eine junge Familie. Das Kleinkind ist in einer Babytrage auf dem Bauch des Vaters gehütet. Durch den immer stärker werdenden Regen ist der Boden ziemlich glatt geworden. Der Vater rutscht aus, das Baby auf seiner Brust, doch er fängt sich ab und nichts passiert. Kein guter Tag zum Wandern!

Kazbegi Wandern Georgien

Inzwischen war auch der letzte blaue Streifen am Himmel passé: die Gergetier Dreifaltigkeitskirche kurz vor dem beginnenden Unwetter.

Kazbegi Wandern Georgien

Hier blitzte und donnerte es schon unaufhörlich. Eine halbe Stunde lang brauchten wir von diesem Punkt aus bis hinunter ins sichere Stepanzminda.

Blitz, Donner, Hagel

Es schüttet. Beinahe scheint es, als wäre der Tag schon gleich vorüber. Die Wolken über uns sind gefährlich dunkelgrau. Urplötzlich scheint die Nacht ganz nah. Alle zehn Sekunden erleuchtet ein Blitz die umliegende Bergwelt. Das Donnern wird immer fieser und sticht auf unsere Trommelfelle. Der Weg von der Gergetier Dreifaltigkeitskirche hinab nach Stepanzminda ist steil und inzwischen voller kleiner, anschwellender Rinnsale. Irgendwie schaffen wir es nicht auszurutschen. Die Werbung für unsere Wanderschuhe lassen wir mal weg.

Im Tal angekommen, gießt es wie aus Eimern. Der Berliner Starkregensommer 2017 verfolgt uns bis nach Georgien. Wir sind klitschnass, als wir die Brücke in Richtung Zentrum erreichen. Es blitzt und donnert unaufhörlich weiter. Auf den Straßen steht das Wasser zentimeterhoch. Hagel setzt ein und hämmert auf unsere Kapuzen, bis uns eine ältere Dame in ihren Imbiss ruft und uns Unterschlupf gewährt. Was für eine Wanderung.

Kazbegi Wandern Georgien

Da oben müsste man eigentlich die Gergeti Trinity Church sehen. Das Unwetter jedoch machte jeden schönen Ausblick zunichte.

Kazbegi Wandern Georgien

Zurück in Emma’s Guest House galt es für uns, die Wanderklamotten irgendwie bis zum nächsten Morgen trocken zu kriegen.

Lehrstunde in Demut

Wir legen unsere nassen Jacken ab und hängen sie noch im Imbiss zum Trocknen auf. Von oben bis unten sind wir völlig durchnässt und frieren uns den Arsch ab. Wir zittern, bis die Zähne aneinander klappern. Ein heißer Tee verschafft kurze Abhilfe, während es draußen weiter wütet und vorbei rauschende LKWs auf dem Weg nach Russland das Wasser in den Pfützen auf die kleine Terrasse vor dem Imbiss peitschen.

Den Gergeti-Gletscher haben wir heute nicht gesehen, und wir werden ihn zumindest auf dieser Reise auch nicht mehr zu Gesicht bekommen. Und Kazbek? Morgen zunächst geht es für uns weiter nach Juta, wo wir den Kaukasus noch einmal in voller Pracht erleben wollen. War das heute ein verschenkter Tag? Keineswegs. Mutter Natur hat uns ihre ganze Wucht gezeigt. Und vor allem hat sie uns Demut gelehrt. Eines dieser Dinge, von denen man nicht genug haben kann.

Übrigens: Unsere Abenteuer in Kazbegi und Juta kannst du auch im YouTube-Video zu unserer Kaukasus-Reise nachverfolgen (ab 5:44 Minuten).

Kazbegi, Georgien: Praktische Infos

Anreise: Üblicherweise geschieht die Anreise ab Tiflis. Die Fahrtzeit beträgt je nach Fahrstil zweieinhalb bis drei Stunden. Ab Didube starten Marschrutki (circa zehn GEL) und Privatfahrer (circa 25 GEL) in Richtung Kazbegi. Da wir recht offensichtlich wie Wanderer ausschauten, wurden wir schon nach Sekunden von diversen privaten Fahrern angesprochen. Los ging es erst, als auch der letzte Platz im Wagen belegt war. Auf dem Weg konnten wir auf einem Zwischenstop auch die Burg Ananuri besichtigen. Zurück nahmen wir einen der Marschrutki, die ab sieben Uhr morgens in Richtung Tiflis starten.
Übernachtung: Im Vorfeld unbedingt die Adresse in Google Maps speichern und bei Ankunft die Karte am Busparkplatz fotografieren, um deine Unterkunft schnell zu finden – insbesondere wenn sie nicht an der Hauptstraße liegt. Sonst drohen Frust und Chaos (aber vielleicht stehst du auch drauf).
Verpflegung: In Stepanzminda gibt es eine Handvoll Kioske und Restaurants, sodass dein Magen unterwegs nicht knurren muss.
Wandern in und um Kazbegi: Beliebt ist die Wanderung zur Gergetier Dreifaltigkeitskirche und weiter zum Gergeti-Gletscher. Weitere Touren findest du auf caucaus-trekking.com.

Kazbegi Wandern Georgien

Eine kleine Zeitblende zum übernächsten Morgen: Kurz vor Rückfahrt nach Tiflis zeigte sich Mount Kazbek in (fast) kompletter Pracht.

Burg Ananuri Georgien

Zwischenstopp auf dem Weg von Tiflis nach Kazbegi: Unserer Fahrer ließ uns 20 Minuten Zeit, um während eines Zwischenstopps die Ananuri-Burg zu besichtigen.

Wenn du mehr Wetterglück hast als wir beide, kannst du dich bei Kazbegi noch weiter in die raue Welt des Kaukasus wagen. Im Rahmen unserer Artikelserie #Reisemomente nimmt dich Marie vom Reiseblog Triff die Welt mit auf Wanderung zum Gergeti-Gletscher. Weitere Wanderberichte von uns aus Georgien gibt es über Tsvirmi und die Koruldi-Seen in der Umgebung von Mestia. Schon gelesen?

Reisen um zu reisen!
John & Marc

Kommentar verfassen