Haifa: Israels Friede-Freude-Eierkuchen-Stadt

Allzu häufig weicht Haifa im Reiseplan vieler Israelbesucher den weiter südlich gelegenen Metropolen Jerusalem und Tel Aviv. Dabei unterschätzen viele, dass die drittgrößte Stadt des Landes schnell zu einem Höhepunkt der Reise mutieren kann. Ein Reisebericht aus einem Ort, an dem so schnell nichts schief zu gehen scheint. Geschrieben von Marc.

Haifa Reisebericht

In unserem Haifa Reisebericht nehmen wir dich mit auf einen Ausflug in die größte Hafenstadt Israels.

Ausflug nach Haifa

Es gibt Städte, da haben selbst wir nichts zu meckern. Sie sind einfach schön, nett anzuschauen und versprühen das gewisse Etwas. Haifa im Norden Israels ist so eine Friede-Freude-Eierkuchen-Stadt. Umso mehr erstaunt es, dass sich viele Besucher des Landes auf Jerusalem und Tel Aviv beschränken und anschließend noch eine Zeitung im Toten Meer lesen.

Okay, in Israel gibt es jede Menge zu entdecken. Das kleine Land zwischen Mittelmeer und Rotem Meer strotzt nur so vor Vielfalt – geographisch, kulturell und religiös, wobei letzteres kontinuierlich zu Spannungen führt. Haifa auch noch mitnehmen auf einer Reise durch Israel? Gar nicht mal so einfach, obwohl der Staat kaum größer ist als Hessen. Auch wir nehmen uns erst auf unserer zweiten Reise ins Heilige Land die Zeit dazu.

Haifa Reisebericht

Was für ne Palme! Auf dem kleinen Shuk von Haifa in der Yehiel-Straße kannst du dich mit Lebensmitteln des täglichen Bedarfs eindecken.

Haifa Reisebericht

Und das Kontrastprogramm: Rund um Weihnachten und Neujahr sind viele Lokale in der Deutschen Kolonie festlich geschmückt.

Weihnacht trifft Chanukka

In Haifa, so liest man, leben die Religionen friedlich miteinander. Christen, Muslime und Juden leben teilweise Tür an Tür. In der Arbeiterstadt sei man pragmatisch: Religion spielt eine Rolle, doch sie dominiert nicht das Zusammenleben. Am Schabbat fahren hier sogar öffentliche Verkehrsmittel – einmalig in Israel. Gilt freilich aber nicht für Überlandverbindungen. Wichtig für alle, die das Land wie wir mit Bus und Bahn bereisen.

Was wir vor unserer Ankunft über die Hafenstadt lasen, spiegelt sich bei unserer Ankunft am Sderot Ben Gurion vor den Toren der Deutschen Kolonie wieder. Es ist Anfang Januar, und in der Mitte eines Kreisverkehrs stehen in trauter Eintracht ein Halbmond, ein Chanukka-Leuchter sowie ein Weihnachtsbaum. Wenn das mal eine Selbstverständlichkeit wäre!

Haifa Reisebericht

Santa, can you hear me? Noch Anfang Januar hätten wir bei Bedarf allerlei weihnachtlichen Krimskrams in einigen Läden Haifas besorgen können.

Und noch ein Heiligtum

Vom Sderot Ben Gurion aus führt der Blick hinauf in Richtung Berg Karmel, den Christen heilig. Im Abendlicht hat sich sein Schatten bereits über die Hängenden Gärten der Bahai gelegt, die terrassenförmig einen Kilometer weit den Weg in die Höhe suchen. Bekannt sind sie allen voran für den Schrein des Bab, Ikone Haifas und Heiligtum der Bahai.

Denn als wäre Israel nicht schon mit den Heiligtümern dreier Weltreligionen übersät, befindet sich in Haifa auch noch eine Pilgerstätte des weltweit rund acht Millionen Mitglieder zählenden Bahaitums. Eine dessen Grundüberzeugungen ist es, dass sich Gott in allen Religionen offenbart, dass die Einheit der Menschen in ihrer Vielfältigkeit liegt. Betrachtet man das überwiegend friedliche Zusammenleben der Religionen in Haifa, so scheinen diese Lehren nicht nur in Form des Schreins über Haifa zu schweben.

Haifa Reisebericht

Der Schrein des Bab ist die Ikone Haifas und macht nicht nur im Abendlicht eine gute Figur.

Hängende Gärten der Bahai

Es ist unser Glück, dass wir nicht nur ein paar Stunden lang Zeit haben, den Hängenden Gärten der Bahai einen Besuch abzustatten. Denn wer sich wie wir im Vorfeld der Reise absolut nicht um Öffnungszeiten, Zugänge und Co. schert, der wird mit den Regularien des Heiligtums seine Freude haben.

Alle 1.700 Stufen an einem Stück abzulaufen, ist nur den Bahai vorbehalten. Das ist nicht weiter schlimm. Allerdings bedeutet dies, dass jeweils nur Teile für Touristen zugänglich sind, manche wiederum nur im Rahmen von Führungen zu festen Terminen. Der Bereich am Ende des Sderot Ben Gurion ist nach Inspektion durch das Wachpersonal kein Problem, lohnt jedoch nur bedingt. Einen wirklichen Einblick ins Heiligtum selbst samt Ausblick über die Bucht zwischen Haifa und Akko gibt es nur weiter oben – und dort sind die Regularien für uns auf den ersten Blick etwas, nun ja, undurchsichtig.

Haifa Reisebericht

Blick auf die Deutsche Kolonie entlang der Sderot Ben Gurion am Fuße der Hängenden Gärten von Haifa.

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Saftige Orangen im Januar: In den Hängenden Gärten von Haifa gibt es allerlei Exotisches zu entdecken.

Ein perfektes Paradies

Als wir gar nicht mehr damit rechnen, dem Schrein auch nur nahe zu kommen, treffen wir nach anstrengendem Bummel – Faule nehmen besser den Bus – an den Hängen des Berg Karmel auf einen neuerlichen Eingang. Am Sderot Hatsiyonut versuchen wir unser Glück und bemerken nach zaghaftem Plausch mit dem Sicherheitspersonal, dass wir ohne Probleme eintreten dürfen.

Gesagt, getan! Und obwohl wir erst vor ein paar Stunden von der Existenz des Bahaitums überhaupt hörten, packt uns die Aura des Heiligtums sofort. Selten sind wir durch eine solch prachtvolle, mit Emsigkeit und Liebe gepflegte Gartenanlage spaziert. Jeder Zweig, jedes Blatt, jede Blüte scheint hier bewusst in Szene gesetzt. Wir bemerken, wie sich unser zuvor so schwerer Schritt in Windeseile anpasst. Zaghaft setzen wir einen Fuß vor den anderen, als wollten wir nicht einmal die kleinsten Kieselsteine aus Versehen in Bewegung versetzen.

Haifa Reisebericht

Blick von einer der Terrassen rund um den Schrein des Bab über die Bucht von Haifa.

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Hier hat alles Hand und Fuß: In den Hängenden Gärten von Haifa sind wahre Gartenkünstler am Werk.

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Der Schrein des Bab ist das Mausoleum des Religionsstifters des Babismus, aus dem die Religion des Bahaitums hervorging.

Im Schrein des Bab

Als wir die Terrasse vor dem Schrein des Bab betreten, möchte sich unser Blick am liebsten zweiteilen. Rechterhand erstrahlen Himmel und Mittelmeer in saftigem Blau, davor erblüht die Natur in Frühlingsfarben, die wir im Berliner Schmuddelwinter lange vermisst hatten. Linkerhand schimmern die Marmorfassaden des Schrein beinahe golden, ein Traum von tausendundeiner Nacht im Paradies.

Vor dem Heiligtum achtet ein Bahai darauf, dass Besucher dem Schrein den gebotenen Respekt zollen und gibt uns eine kurze Einweisung. Wir ziehen unsere Schuhe aus, betreten das Gebäude halten uns an das Gebot, im Innenraum nicht zu sprechen. Als Atheisten fällt es uns zwar schwer, uns in die Gedankenwelt der Gläubigen hineinzudenken. Doch an Ort und Stelle wird uns erneut bewusst, wie wertvoll es ist, den Glauben anderer zu akzeptieren, solange eine Idee des Friedens dahintersteckt.

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Der Schrein des Bab wurde 1953 fertiggestellt, ist jedoch erst seit 2001 von 18 Gartenterrassen umgeben.

Haifa – na, wie wär’s?

Dieser Moment ist es, der uns aus Haifa besonders in Erinnerung bleiben wird, ein 1 THING TO DO in Reinkultur. Dabei erlebten wir in Israels drittgrößter Stadt einige jener Reisemomente, die unser Herz erwärmten.

Noch bevor wir das Stadtzentrum selbst betraten, stiegen wir am Bahnhof Carmel Beach aus und entdeckten dort den vielleicht schönsten Strand des Landes. Im Hostel Port Inn – eines jener Hostels, in dem man gerne länger bleiben würde – kamen wir mit einem grau- und langbärtigen Niederländer ins Gespräch, der seit Jahren die Welt bereist und fürchtete, dass Angela Merkel die nächste Bundestagswahl nicht überstehen würde. Wir beruhigten ihn. Im Viertel Wadi Nisnas verloren wir uns in den Gassen, während wir in der Deutschen Kolonie am liebsten jedes der charmant eingerichteten Restaurants ausprobiert hätten.

Haifa, vielleicht ja bald auf ein Neues?

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Im Restaurant Fattoush in der Sderot Ben Gurion kannst du beste libanesische Küche probieren.

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Neben der Küche stimmt im Fattoush auch das Ambiente.

In Kürze: Unser 1 THING TO DO für Haifa

Was? Ein Besuch im Schrein des Bab in den Hängenden Gärten der Bahai – mit Rücksicht auf die Gefühle der Gläubigen.
Wo? Wir nutzten den Eingang in der Sderot Hatsiyonut, um jenen Teil der Gärten zu besichtigen, in dem sich auch der Schrein des Bab befindet. Laut Webseite ist dieser Bereich mittwochs bis montags zwischen neun und zwölf Uhr geöffnet.
Wie viel? Weder für eine Führung noch den Eintritt selbst wird ein Entgelt erhoben.
Warum? Um nicht nur eine sagenhafte Aussicht über die Bucht von Haifa und Akko zu genießen, sondern auch in eine nur wenigen bekannte Religion einzutauchen und dabei ein Stück weit den Blick fürs Wesentliche zu gewinnen.

Haifa Reisebericht

Der Carmel Beach im Südwesten von Haifa hat uns in seiner Weitläufigkeit selbst im Januar mehr überzeugt, als sein Pendant in Tel Aviv.

Haifa Reisebericht

Ein Wintergewitter über dem Mittelmeer sorgte für ein fulminantes Schauspiel am Januarhimmel.

Mit unserem Haifa Reisebericht starten wir die Berichterstattung von unserer zweiten Reise nach Israel. Wobei – so ganz stimmt das nicht. Denn von unserem Silvester in Tel Aviv haben wir bereits erzählt. Du bist ein Silvestermuffel oder suchst mal eine „etwas“ andere Beschäftigung zum Jahreswechsel? Dann viel Spaß beim Stöbern.

Reisen um zu reisen!
John & Marc

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