Tel Aviv: Silvester zwischen Schabbat und Chanukka

Silvester in Tel Aviv, das bedeutete für uns den ersten Jahreswechsel in einem Land, wo Silvester so gut wie keine Rolle spielt. Statt Bleigießen und Böllerei hieß es für uns daher: Sonne, Strand und Frühlingsgefühle! Doch Obacht: Ein 1 THING TO DO für Silvester in Tel Aviv haben wir dennoch entdeckt. Geschrieben von Marc.

Silvester in Tel Aviv

Silvester in Tel Aviv, oder: Silvester in einer Stadt, wo Silvester keine Rolle spielt.

Silvester versus Rosch Haschana

Genau genommen war es unser zweiter Jahreswechsel, den wir in Israel verbrachten. Denn unsere erste Reise ins Heilige Land fiel auf Rosch Haschana. Das jüdische Neujahrsfest folgt naturgemäß dem jüdischen Kalender und fand 2014 im September statt. Im Gegensatz zu den Silvesterfeierlichkeiten im abendländlichen Europa gilt Rosch Haschana jedoch als stilles Fest und Gelegenheit, zur Ruhe zu kommen.

So kam es, dass selbst Tel Aviv als Stadt, die angeblich niemals schläft, zu Rosch Haschana ein ausgiebiges Nickerchen hielt. Bereits ab Sonnenuntergang des Vorabends bedeutet das für Reisende in Tel Aviv: Wenig geht mehr. Die meisten Geschäfte schließen, die Händler auf dem sonst aus allen Nähten platzenden Shuk Ha’Carmel bleiben zu Hause und in ganz Israel verkehren weder Busse noch Züge. Wer von A nach B kommen will, der nutzt ein (arabisches Sammel-)Taxi.

Shuk Ha'Carmel Tel Aviv

Shuk Ha’Carmel: Wenn nicht gerade Schabbat oder ein jüdischer Feiertag ist, tobt hier das Leben.

Shuk Ha Carmel Schabbat

Gleicher Ort am Schabbat: Tote Hose überall.

Immer wieder Schabbat

In unserem Falle schloss an Rosch Haschana direkt der allwöchentliche Schabbat an. Das bedeutet, dass Busse und Bahnen gleich an zwei aufeinanderfolgenden Tagen nicht fuhren. Während wir Israel 2014 zum Schabbat verließen, begann unsere Reise in diesem Jahr zu eben diesem. So schloss sich der Kreis! Doch während wir vor über zwei Jahren mit einem ominösen Privattaxi zum Flughafen bugsiert wurden, fuhren wir diesmal immerhin mit einem ganz offiziellen Fahrer in die Stadt am Mittelmeer.

Mit einem warmen Schawarma in der Hand spazierten wir im Pulli von der Allenby Road am Strand entlang in Richtung Jaffa. Der Temperaturunterschied zu Berlin betrug auch nach Sonnenuntergang immerhin deutlich mehr als zehn Grad. Jaffa ist dabei der älteste Teil der „Doppelstadt“ Tel Aviv-Jaffa. Beide Städte wurden erst 1950 vereinigt, wobei Jaffa noch heute gerne als arabisches Viertel Tel Avivs bezeichnet wird. Dort wiederum befand sich auch die Bleibe einer guten Freundin von John, die in Israel gerade ihren Freiwilligendienst leistet. Unser Quartier für Silvester in Tel Aviv.

Silverster in Tel Aviv

Unser Lieblingsgericht in Tel Aviv, wenn auch ziemlich unkreativ: Schawarma.

It’s Christmas time…

Während unsere Gehirne schon voll und ganz auf Silvester gepolt und Weihnachten ob der milden Temperaturen gefühlt Monate zurücklag, staunten wir nicht schlecht, als Jaffa uns mit einem funkelnden Weihnachtsbaum begrüßte. Selbst in Deutschland sind die meisten öffentlichen Weihnachtsbäume am 30. Dezember schließlich Geschichte.

Ein Grund dafür: Während die Mehrheit der einst palästinensischen Hafenstadt heute jüdisch ist, leben hier auch heute rund 16.000 Araber – und unter diesen mehrere tausend Christen. So kommt es, dass nicht nur in Jaffa, sondern auch in Haifa – wo Juden, Muslime und Christen überwiegend friedlich zusammenleben – oder im Christlichen Viertel der Jerusalemer Altstadt kitschiger Weihnachtsschmuck bis in den Januar hinein omnipräsent ist.

Weihnachten Tel Aviv Jaffa

Da denkt man, man hat die Weihnachtszeit hinter sich… und dann reist man nach Israel. Der Weihnachtsbaum von Jaffa.

Weihnachten Haifa

Weihnachtsschmuck auf in der German Colony in Haifa.

Jerusalem Weihnachten

Dem Ganzen das i-Tüpfelchen setzt das Christliche Viertel in Jerusalem auf, wo im Dezember auch ein Weihnachtsmarkt stattfindet.

… and Chanukka time!

Den kulturellen Mix perfekt machte, dass das jüdische Fest Chanukka gemäß jüdischem Kalender dieses Mal zwischen 25. Dezember und 1. Januar begangen wurde. Vor dem Weihnachtsbaum in Jaffa stand daher auch ein großer achtarmiger Chanukkaleuchter, wobei an jedem der acht Tage des Chanukkafestes jeweils eine Kerze angezündet wird.

Nachdem wir Johns Freundin in der gemütlichen Shafa Bar aufgespürt hatten, waren wir gerade dabei, zum ersten Mal an unserem Glas Rotwein zu nippen, als die gesamte Kundschaft zu einem gemeinsamen Chanukkaständchen ansetzte. Wir drehten uns um und sahen, wie eine Barkellnerin die sechste Kerze an einem kleinen Chanukkaleuchter anzündete. Dazu reichte sie jedem Gast in der weihnachtlich geschmückten Bar einen kleinen Krapfen – eine typische Chanukkaspeise.

Shafa Bar Jaffa

Die weihnachtliche Szenerie für unseren Chanukkamoment: Die Shafa Bar in Jaffa.

Weltliches Finish

Allein dieser Moment würde schon zu einem 1 THING TO DO reichen, denn die geballte Ladung verschiedenster Traditionen und Kulturen – Weihnachten hier, Chanukka da, dazu das orientalische Ambiente – gehört ohne Zweifel zu jenen Begebenheiten, die wir wohl nie vergessen werden. Doch gemach, gemach.

Unser Abend sollte entgegen der ersten Eindrücke ziemlich weltlich enden. Nach einem israelischen Bierchen im Main Bazar fuhren wir schnurstracks in den Alphabet Club in der Nähe des Rothschild-Boulevards, wo wir in das Nachtleben von Tel Aviv eintauchen sollten. In dieser Nacht fand dort eine Gay Party statt, und da es im Laufe der Zeit immer schwerer fiel, die Schekel in Euro umzurechnen, gönnten wir uns an der Bar so richtig. #YOLO

Alphabet Club Tel Aviv

Toilettenmalereien im Alphabet Club in Tel Aviv.

Frühlingsgefühle im Dezember

Du merkst: Bereits an unserem ersten Abend in Tel Aviv haben wir Stoff für einen ganzen Artikel gesammelt. Das Besondere dabei ist, dass du diese Bowle aus Traditionen, Kulturen und Feiern wohl an kaum einem anderen Ort der Welt in dieser Dichte erleben kannst.

Nach kurzer Nacht machte ich mich ohne den noch um Schlaf ringenden John bereits im Morgengrauen auf zu einem Spaziergang durch Jaffa. Aufgrund des weiterhin frühlingshaften Wetters geriet ich dabei auch in der dreckigsten Straße und bei penetrantestem Müllgeruch ins Schwärmen. Die Hormone eben. Zu gegebener Zeit werden wir zu Jaffa einen separaten Artikel veröffentlichen. Vorab aber schon ein kurzer Einblick in Street Art, Gässchen und Frühlingsfarben des alten Hafenviertels von Tel Aviv-Jaffa.

Silvester in Tel Aviv

An mancher Fassade in Jaffa kann man sich einfach nicht satt sehen.

Street Art Jaffa

Street Art in Jaffa: Rund um den Flohmarkt (geöffnet von Freitag bis Sonntag) findet man einige szenige Gässchen.

Silvester in Tel Aviv

Da läuft man durch Jaffa, und plötzlich steht da ein Hahn auf einem Dach. Und der ist echt!

Eintopf zum Schabbat

Nachdem John erwachte, starteten wir am Silvestertag auch noch zu einer gemeinsamen Erkundungstour. Diesmal liefen wir nach Tel Aviv, wobei inzwischen dicke Wolken und Nieselregen das Pulliwetter vermiesten. Dabei wurde uns bewusst, dass die Hochhäuser entlang der Strände Tel Avivs ziemliche Monster sind, die im trüben Himmelsgrau eher Furcht und Schrecken verbreiten als Urlaubsflair.

Bevor wir uns mit alkoholischen Getränken für die Silvesternacht eindeckten, genehmigten wir uns in der Sheinkin-Straße im Zentrum der Stadt je einen Teller Tscholent. Das Eintopfgericht wird typischerweise zum Schabbat serviert und schmeckt zugegebenermaßen so gut wie es aussieht. Dennoch behält es eine weitere kulturelle Anekdote bereit: Da am Schabbat nämlich keinerlei Arbeit verrichtet werden darf, wird der Eintopf bereits am Freitagnachmittag zum Kochen gebracht und bis Samstagmittag fertig gegart. So schmeckt er dann zwar auch, aber immerhin wird damit die Tradition gewahrt. Wieder was gelernt!

Tscholent Israel

Tscholent ist eine traditionelle jüdische Speise, die vorrangig zum Schabbat serviert wird.

Tel Aviv Hochhaus am Strand

Eines der monsterartigen Hochhäuser am Strand von Tel Aviv.

Der Silvester-Countdown

Nach Einbruch der Dunkelheit schließlich begann in uns trotz aller unwinterlichen Umstände so langsam der Countdown zu ticken. Den letzten Abend des Jahres verbrachten wir dabei mit zahlreichen weiteren deutschen Freiwilligendienstlern in unserer Unterkunft. Diese verfügte sogar über eine Dachterrasse, für die man an vielen anderen Orten der Welt zu Silvester wohl tief in die Tasche greifen würde.

Fünf! Vier! Drei! Zwei! Eins! – Als wir eine Stunde vor unseren Freunden in Deutschland feuchtfröhlich ins neue Jahr starteten, sahen wir über den Dächern von Tel Aviv jedoch nur eine einzige Rakete in die Luft fliegen. Nur eine einzige kümmerliche Rakete! Keine Böller, kein Qualm, keine Menschen auf der Straße. Doch immerhin hatten die anderen Gäste vorgesorgt und Wunderkerzen am Start, sodass immerhin ein bisschen Silvesterstimmung aufkeimte.

Alphabet Club Tel Aviv

Noch eine „hübschi“ Toilettenmalerei aus dem Alphabet Club. Aufgrund des fehlenden Feuerwerks ist uns leider kein nächtliches Skyline-Foto gegönnt gewesen. Wer zu Silvester in Tel Aviv unbedingt etwas unternehmen will, feiert mit Freunden oder besucht eine der regulären Parties.

Silvester in Tel Aviv

Du wirst es sicherlich merken: Silvester in Tel Aviv lässt einfach keinen riesigen Spannungsbogen in diesem Artikel zu. Kein Farbenspiel am Himmel, keine Knutschepärchen, keine Böller vor den Füßen. Kurzum: Silvester spielt in Tel Aviv so gut wie keine Rolle. Obwohl auch hier nach unserem gregorianischen Kalender gelebt und gearbeitet wird, beschränken sich die Feierlichkeiten auf ein paar wenige Kibbuzim und die christlich-arabische Community. Diese war es wohl auch, welche die eine Rakete zündete.

Neben der Tatsache, dass die jüdische Kultur ihr Neujahr eben an Rosch Haschana feiert, gibt es für die jüdische Silvesterabstinenz auch historische Gründe. Papst Silvester I. († 31. Dezember 335) wird nachgesagt, Antisemit gewesen zu sein. So soll er maßgeblich dazu beigetragen haben, Juden den Zugang nach Jerusalem zu verbieten. Folglich ist Silvester in Israel ein Tag wie jeder andere. Was natürlich auch bedeutet, dass in Tel Aviv dennoch gefeiert werden kann. Nur eben nicht das neue Jahr.

Tel Aviv Synagoge

Israel lebt nach dem gregorianischen Kalender, doch Silvester spielt hier keine Rolle.

Nickerchen am Strand

Nach erneut sehr, sehr wenig Schlaf begann der erste Tag des Jahres ähnlich, wie der letzte des Vorjahres begann: Die Sonne lachte am Himmel, und während John wieder um Schlaf rang, konnte ich nicht anders als vor die Türe zu gehen. Die langen Arme des Frühlings rissen mich ins Freie.

Mit schweren Beinen und müden Augen bewegte ich mich wie ein Halbtoter irgendwie zum Frishman Beach. Ich breitete mein Handtuch aus und legte mich nieder. Vor mir rauschte das Mittelmeer. Hinter mir hämmerten die Bauarbeiter den Strand sommerbereit. Die Sonnenstrahlen wärmten mein Gesicht und meine Füße. Ich döste langsam ein. Und holte mir den ersten fetten Sonnenbrand des Jahres. Silvester in Tel Aviv.

Tel Aviv Frishman Beach

Frishman Beach: Augen zu und auf in den ersten Schlaf des Jahres.

Tel Aviv Jaffa Promenade

Zurück nach Jaffa über die Mittelmeerpromenade, auf der man stundenlang hin und her schlendern kann.

In Kürze: Unser 1 THING TO DO für Silvester in Tel Aviv

Was? Vergiss‘ einfach, dass Silvester ist. Und genieße den Moment.
Wo? In Tel Aviv, in Jaffa. In der Sheinkin-Straße, auf dem Rothschild-Boulevard. Überall in der Stadt!
Wie viel? Trotzdem teuer genug.
Warum? Weil Tel Aviv zum Jahreswechsel alles kann (und will), außer Silvester. Genieße den frühlingshaften Winter. Schlendere durch die Gassen von Jaffa. Iss einen Becher Granatapfelkerne auf dem Shuk Ha’carmel. Gönn‘ dir ein Schawarma vor (und nach) dem nächtlichen Feiern. Tauche in die Kultur(en) der Stadt ein. Das kannst du in Tel Aviv zwar (fast) immer tun (Schabbat und so). Aber dafür ist dieses Glücksgefühl auch ganz einfach immer schön.

Fassen wir zusammen: Wer zu Silvester auf Raclette und Raketen partout nicht verzichten kann, der sollte Tel Aviv tunlichst vermeiden. Wer zum Jahreswechsel aber Frühlingsluft schnuppern, dem Silvestertrubel entfliehen und sich bei der Frage „Was machst du eigentlich zu Silvester?“ am liebsten verkriechen möchte, für den ist Tel Aviv eine mehr als willkommene Abwechslung. Unseren Schmetterlingen im Bauch für diese Stadt hat dieses Anti-Silvester jedenfalls keinen Abbruch getan. 

Reisen um zu reisen!
John & Marc

2 thoughts on “Tel Aviv: Silvester zwischen Schabbat und Chanukka”

  1. Marianne says:

    Hej,
    mit euren Silvester- in -Tel- Aviv-Jaffa- Artikel stellt ihr mich und meine guten Vorsätze für 2017 auf eine harte Probe.
    Ich habe mir unter anderem vorgenommen, anderen etwas zu gönnen, Neid zu überwinden. Klappt auch ganz gut.
    Aber da ich Israel und Tel Aviv während meiner Reise im April 2016 sehr liebgewonnen habe und es nach wie vor ganz besonders finde, dort gewesen zu sein, ist es schon schwer, zugegeben, euch eure Silvesterreise mal einfach so zu gönnen. Ich lag Silvester krank in Hamburg im Bett. da ist es verdammt schwer! Ausgerechnet Tel Aviv-Jaffa! Neid steigt hoch…
    Nun nehme ich das mal als gute Prüfung für meinen guten Vorsatz.
    Und einfach alles, was auf einen zukommt und einwirkt, so hinzunehmen und zu genießen, ist sicher immer ein gutes 1 Thing to do, nicht nur in Israel.
    Viele Grüße, Marianne

    1. 1 THING TO DO says:

      Haha, dann sind wir stolz, dich geprüft zu haben! 🙂 Die Reiseleidenschaft für Israel teilen wir uns auf jeden Fall schon mal… Liebe Grüße!

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