Görlitz: Ein Jungspund entdeckt Pensionopolis

Günstige Altbauwohnungen, niedrige Lebenshaltungskosten, zahlreiche Sehenswürdigkeiten: Görlitz ist ein Traum für die Hochbetagten unserer Gesellschaft. Viele Rentner zieht es hierher, um in historischer Kulisse ihren Lebensabend zu verbringen. Im Rahmen von GO EAST! statten wir Deutschlands östlichster Stadt einen ausführlichen Besuch ab – und schauen, ob Görlitz mehr zu bieten hat als sein Spitzname „Pensionopolis“ vermuten lässt. Geschrieben von Marc.

Görlitz Sehenswürdigkeiten

Ein Streifzug durch die zahlreichen Sehenswürdigkeiten von Görlitz.

Die Suche nach dem Schlüssel

Wo ist eigentlich der Schlüssel zur Aussichtsplattform? An der Theke in der Görlitzer Pfarrkirche St. Peter und Paul sind sich die beiden Angestellten nicht ganz einig. Einer der beiden, ein freundlich dreinschauender Mann in nicht mehr allzu jugendlichem Alter, begibt sich auf die Suche. Denn ohne Schlüssel kommen wir, meine Eltern und ich, sowie ein weiterer Grauschopf wohl kaum auf die Ebene zwischen den beiden 84 Meter hohen Türmen einer der wichtigsten Sehenswürdigkeiten von Görlitz..

Görlitz ist eine touristische Stadt. Auch an diesem Sonntag treffen wir auf etliche Reisegruppen, die von Guides von Sehenswürdigkeit zu Sehenswürdigkeit durch Görlitz geführt werden. Und doch scheinen die Uhren hier noch ein wenig anders zu ticken als in anderen touristischen Zentren. Sie ticken langsamer und gemütlicher. Die Schlüsselanekdote aus der bekanntesten der 15 Görlitzer Kirchen ist ein gutes Beispiel dafür.

Görlitz Sehenswürdigkeiten

Die Pfarrkirche St. Peter und Paul gehört zu den wichtigsten Sehenswürdigkeiten von Görlitz.

Des einen Freud, des ander’n Leid

Irgendwann taucht der Schlüssel wieder auf. Irgendwer hat ihn irgendwann irgendwo hingehängt, soviel erfahren wir von unserem Turmbegleiter. Während man in den meisten Städten einfach einen Obolus zahlt, um dann auf sich allein gestellt die zahlreichen Stufen gen Kirchturm zu laufen, scheint dies in der Pfarrkirche noch immer ein kleines Highlight zu sein. Was unseren Eindruck von Görlitz nur sympathischer macht.

Auf dem Weg nach oben erzählt uns der Mann von der Theke die eine oder andere Anekdote über die Stadt. Tausende Wohnungen stehen frei in Görlitz. Altbauwohnungen. Frisch renoviert! Als Berliner spitze ich die Ohren, von solchen Zuständen können wir in der Hauptstadt nur träumen. In Görlitz aber ist das ein Problem: „Die Jugend zieht weg. Es gibt keine Arbeit“, erklärt er uns. Ein Trauerspiel in einer der vielleicht schönsten Städte Deutschlands.

Goerlitz_Fassade_1 THING TO DO

Die Altstadt von Görlitz wurde in den vergangenen Jahren und Jahrzehnten prächtig herausgeputzt.

Goerlitz_Altstadt_Restauration_1 THING TO DO

Hier und da trifft man jedoch auch in der Altstadt noch auf das ein oder andere Baugerüst.

Willkommen in Pensionopolis

Der hochbetagte Mann, der zusammen mit uns zum ersten Mal die Aussichtsplattform betritt, singt derweil ein kleines Loblied auf Sachsen. Er kommt aus Rheinland-Pfalz. Nach jahrelanger Suche, so meint er, habe er hier in Sachsen alles gefunden, was er zum Leben braucht. Sogar neue Hemden! Eines davon trägt er heute stolz zur Schau. In diesem Moment erinnere ich mich daran, dass Görlitz auch als „Pensionopolis“ bezeichnet wird. Viele Rentner zieht es dank niedriger Lebenshaltungskosten und schöner Altbauwohnungen hierher, um den Lebensabend im Osten Deutschlands zu verbringen.

Die letzten Stufen sind geschafft, die letzte Türe öffnet sich, und damit eröffnet sich uns ein schweifender Ausblick auf das größte Flächendenkmal Deutschlands – eine weitere geläufige Bezeichnung für die Stadt ganz im Osten von Sachsen. Über 4.000 restaurierte Kultur- und Baudenkmäler verschiedener Stilepochen stehen hier dicht an dicht. Im Gegensatz zu vielen anderen deutschen Städten haben die Kriege der Vergangenheit in Görlitz kaum Schaden angerichtet. Diesem Glück verdanken wir, dass sich vor unseren Augen eine beinahe völlig intakte deutsche Altstadt ausbreitet, in der sich Sehenswürdigkeit an Sehenswürdigkeit reiht.

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Ausblick von der Aussichtsplattform der Pfarrkirche St. Peter und Paul, im Hintergrund grüßt die Landeskrone, eine Sehenswürdigkeit außerhalb des Görlitzer Stadtkerns.

Spätgothische Schmuckstücke

Zwischen all den Kirchtürmen entdecken wir von hier aus schnell die Dreifaltigkeitskirche wieder, die von außen kaum spektakulärer wirkt als eine x-beliebige Dorfkirche. Beim Betreten der Kirche fühlte ich mich jedoch, als hätte mir gerade jemand einen ziemlich vintage-lastigen Instagram-Filter vor die Augen gelegt.

Die schüchterne Sonne, die nur ganz zaghaft durch die wenigen Fenster schimmerte, vermochte es kaum, das dunkle, hölzerne Inventar in Licht zu hüllen. Beim Schlendern entlang der dicht an dicht stehenden schwarzen Holzbänke richtete sich mein Blick immer wieder auf die fein säuberlich geschnitzten Holzelemente, wie das Chorgestühl. Immer wieder richtete sich mein Blick auf die blumigen Deckenmalereien, die in dieser mystischen Atmosphäre scheinbar Trost und Lebensmut spenden wollen.

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Mystisches Licht dringt in die Dreifaltigkeitskirche.

Goerlitz_Dreifaltigkeitskirche_Sitzbaenke_1 THING TO DO

Das Inventar der Dreifaltigkeitskirche stammt überwiegend aus der spätgotischen Epoche.

Goerlitz_Dreifaltigkeitskirche_Hauptschiff_1 THING TO DO

An der Decke des Hauptschiffes grüßen blumige Wandmalereien.

Das Großmütterchen in mir

Zurück auf unsere Aussichtsplattform. Ich lehne mich entspannt über die Mauer, die Kirchtürme von „Peter und Paul“ über mir. Am liebsten würde ich jetzt ewig hier verweilen, um alles zu beobachten und einzufangen. Wie eine Großmutter, die es sich mit ihrem Kissen auf der Fensterbank gemütlich macht und schnell bemerkt, dass der Herr Koslowski von nebenan heute aber mal so gar keine gute Laune hat, weil der Bäcker seine Lieblingsbrötchen im Ofen vergessen hat.

Von hier oben aus würde das Großmütterchen in mir Görlitz wie ein Kunstwerk der Geschichte detailgenau interpretieren, mit seinen etlichen Gassen, farbenfrohen Fassaden und Kopfsteinpflasterstraßen, mit seinen barocken Bürgerhäusern in der Altstadt und den Gründerzeitvillen im Umkreis. Ich würde mich wohl auch über die vielen Touristen aufregen, natürlich aber genauso meckern, wenn in der Stadt gerade gar nichts mehr los ist. Vor allem aber würde ich mich freuen, jeden Tag in solch einer schönen Stadt aufwachen zu dürfen!

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Eine Straßenszene in Görlitz aus der Vogelperspektive: Touristen entdecken die Stadt.

Goerlitz_Strassenszene_1 THING TO DO

Trotz zahlreicher Touristen ticken die Uhren in der Stadt langsam. Immer schön gemütlich!

Liebe zum Detail

Was wir aus der Vogelperspektive jedoch nicht erspähen, sind die Kleinigkeiten, die diese Stadt zu etwas Besonderem machen. Auch wenn große Teil von Görlitz inzwischen restauriert wurden, trifft man gerade abseits der Touristenpfade immer wieder auf bröckelnde Fassaden und zerbrochene Fenster. Für mich, der den Verfall oft noch mehr liebt, als das ewig neu Entstehende, ein reinstes Mekka.

Alte, unvollständige Schriftzüge längst nicht mehr geöffneter Boutiquen und Läden. Braune, durch und durch verrostete Metallblumen als Türschmuck über wackeligen Holztüren. Verlassene Wohnhäuser, durch deren bröckelige Fassaden Dutzende rote Ziegelsteine ein neues Muster schimmern lassen. Gespenstige Villen, deren Grundstücke die Natur bereits zurückerobert hat. Es sind Dinge wie diese, mit denen Görlitz meine Liebe zum Detail neu entfachte. Görlitz, du bist so viel mehr als Pensionopolis!

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Liebe zum Detail: Diese blumig geschmückte Tür ist schon ziemlich in der Jahre gekommen, konnte ihren Charme jedoch bewahren.

Goerlitz_Verlassenes Haus_1 THING TO DO

Im Umkreis der restaurierten Altstadt trifft man auch immer wieder auf verlassene Wohnhäuser.

Goerlitz_Verlassane Villa_1 THING TO DO

Abseits der Altstadt kann man wunderbar durch Gründerzeitviertel spazieren und dabei sowohl prachtvolle als auch verlassene Villen bestaunen.

Die Suche geht weiter

Wir verlassen die Aussichtsplattform und gehen Stufe für Stufe hinunter in das Hauptschiff der Pfarrkirche. Was gerade noch von der knarrenden Treppe übertönt werden konnte, wird vor der Eingangstür schließlich Gewissheit: Unsere Magen knurren, und so schlendern wir mit St. Peter und Paul im Rücken über die Altstadtbrücke nach Zgorzelec. Heute eigenständige Stadt in Polen, war Zgorzelec einst Ostteil von Görlitz.

Bei einem Radler (oder zwei), knusprigen Pelmeni und schlesischen Klößen lassen wir den Tag am Ufer der Neiße Revue passieren. Unsere Wege würden sich gleich trennen: Während meine Eltern zurück nach Westsachsen fahren, bleibe ich noch ein paar Stunden in Görlitz, bevor es zurück nach Berlin geht. Was wir in diesem Moment jedoch noch nicht ahnen: Mein 1 THING TO DO für Görlitz sollte ich erst später entdecken. Und es sollte mit dem bisher Erlebten schrecklich wenig gemein haben.

Zgorzelec_Pelmeni_1 THING TO DO

Am gegenüber liegenden Neißeufer gibt es polnische Küche zum kleinen Preis. Smacznego!

Auf 1 THING TO DO nehmen wir dich gerade mit auf eine Reise durch Ostdeutschland. Wir finden, es ist Zeit, Ostdeutschland (neu?) für dich zu entdecken! Auf unserer Reiseblogger-Karte kannst du dich über mehr als 60 verschiedene Reiseziele „im Osten“ informieren. Viel Spaß beim Stöbern!

Reisen um zu reisen!
John & Marc

8 thoughts on “Görlitz: Ein Jungspund entdeckt Pensionopolis”

  1. peter bachstein says:

    tja, ich kenn görlitz ja auch ganz gut – insbesondere auch die widersprüchlichkeit der stadt. wenn du vom bahnhof kommts und die fußgängerzone langgehst, bekommst du erstmal einen schreck. da musst du schon ein bischen durchhalten – etwa bis zum jugenstilkaufhaus, dem alten berliner wertheim nachempfunden, das leider zur zeit auch keins mehr ist. von da an wird die stadt an der neiße immer spannender… tolle fotos habt ihr da gemacht…

    1. 1 THING TO DO says:

      Danke dir! In das Kaufhaus wären wir im Nachhinein gerne mal gegangen, aber so ist das, wenn man sich im Vorfeld kaum informiert und einfach auf Entdeckungstour geht. Nächstes Mal aber bestimmt. 🙂

  2. Wolfgang says:

    Meine Beziehung zu Görlitz: Dort ist meine Mutter geboren, ich war aber noch nie dort. Der schöne Bericht und die tollen Fotos machen direkt Lust, mich einmal auf die Spuren meiner Familie (auch wenn ich wohl kaum welche finden werde…) zu machen.

    1. 1 THING TO DO says:

      Das wird sich auf jeden Fall lohnen! Wir wollen demnächst auch mal nach Schlesien, die Region auf den Spuren von Marcs Opa entdecken. Liebe Grüße!

  3. Wolfgang Stoephasius says:

    Danke für den wieder so spannend geschriebenen Post. Görlitz ist mir irgendwie ans Herz gewachsen. Ich bin ja in Niederschlesien geboren. Es war für mich lange Zeit ein Jammer, dass das Schlesische, die Sprache der einfachen Leute, so wunderbar von Gerhard Hauptmann beschrieben, für immer verloren schien. Aber was für ein Wunder. Als ich 1973 von einem Besuch in meiner Geburtsstadt Landeshut (beschrieben in meinem Buch auf Seiten 41 ff.) zurückkam und in Görlitz tankte, sprach mich der junge Tankwart in breitem Schlesisch an. Da wusste ich, die schlesische Mundart wird weiter leben, auch wenn das Gebiet um Görlitz heute zu Sachsen gehört. Allerdings machte Görlitz damals einen maroden Eindruck auf mich.Ich war das letzte Mal im Jahre 2009 mit Renate in Görlitz und wir waren erstaunt, was aus dieser Stadt geworden ist. Ein Bewohner meinte lakonisch: „Darin waren die Staatsmänner der DDR perfekt, nämlich im ‚Ruinen schaffen ohne Waffen“ – Görlitz war im Krieg nicht von einer einzigen Bombe getroffen worden. Inzwischen war die Stadt wieder ein Juwel geworden, auch Dank der jährlichen großzügigen Spende eines anonymen Wohltäters – und Kulisse für viele internationale Filme, wie „Der Vorleser“ oder „Inglourious Basterds“. Mit besonderer Freude haben wir uns auf dem Tippelmarkt umgeschaut und einige Gefäße und andere Tonarbeiten mit nachhaus genommen. Wir werden die Stadt und seine wunderbare Umgebung mit Sicherheit wieder besuchen. Wären wir in München nicht so verwurzelt, würden wir übrigens sofort nach Görlitz ziehen – und damit leider das Durchschnittalter noch weiter nach unten ziehen.

    1. 1 THING TO DO says:

      Danke für den ausführlichen Kommentar und die Eindrücke! Wir glauben, Görlitz ist prädestiniert für solche Geschichten bei einer solch abwechslungsreichen Geschichte und der heutigen Lage als Stadt an der Grenze. Liebe Grüße an euch beide!

  4. Anwolf - Unterwegs auch mit Hunda says:

    Ganz toller Artikel und so schön geschrieben! Dein Spaziergang mit „Peter und Paul“ durch Görlitz beschreibt die spezielle Atmosphäre, die ich auch oft im Osten empfinde. Ich nenne es auch gerne „morbider Charme“ – einfach faszinierend, aber auch ein wenig traurig. Bin sehr gespannt auf dein 1 THING TO DO aus Görlitz!
    Viele Grüße von Andrea

    1. 1 THING TO DO says:

      Ja, da müssen wir zustimmen, auch wenn der „morbide Charme“ wohl nicht jedem gefallen wird. Aber uns zieht sowas ja irgendwie magisch an… Liebe Grüße!

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