Beelitz-Heilstätten: Von wegen verlassen!

Verlassen, verwunschen – tausend Mal gelesen, tausend Mal gesehen. Das Gelände der ehemaligen Lungenheilanstalt in Beelitz-Heilstätten gehört zu den bekanntesten Abandoned Places der Bundesrepublik. Doch wir wollten uns nicht lumpen lassen und nahmen selbst an einer Führung durch Beelitz-Heilstätten teil. Und weißt du was? In unserem Rückblick verraten wir, weshalb dieser verlassene Ort gar nicht so verlassen ist, wie du vielleicht denkst. Geschrieben von Marc.

Beelitz-Heilstätten Führungen

Beelitz-Heilstätten: Einblicke in einen verlassenen Ort, der längst nicht mehr verlassen ist.

Berliner Arbeiter, erholt euch!

Hier, wo vor einigen Jahrzehnten tuberkulosekranke Berliner behandelt wurden, beschleicht uns schnell das Gefühl, irgendwer würde eine Endlos-CD der schönsten Vogelstimmen bei voller Lautstärke abspielen. Schaurig? Alles friedlich! Während der ehemalige Krankenhauskomplex auf brachiale Weise vor sich hin zu sterben scheint, erobert die heimische Flora Zentimeter für Zentimeter an Boden zurück. Tot? Alles voller Leben! Wo der verwundete Adolf Hitler 1916 auskurierte, säuselt der Wind durch die Blätter der saftig grünen Bäume. Mystisch? Nö. Ein sanftes Wellenbad der Natur.

Es fällt leicht zu verstehen, weshalb Ende des 19. Jahrhunderts ausgerechnet dieser grüne Fleck in Brandenburg gewählt wurde, um einen gigantischen Krankenhauskomplex für Berliner Arbeiter zu errichten. Zwischen 1898 und 1930 entstanden 60 Gebäude, die mit der Zeit eine kleine Gartenstadt für sich bildeten. Beelitz-Heilstätten verfügte über eine eigene Fleischerei, eine Bäckerei, sogar über ein damals hochmodernes Heizkraftwerk. Weitläufige Badehallen, lichtdurchflutete Gebäude und zahlreiche Liegeterrassen sollten inmitten der Natur zur Heilung der Erkrankten beitragen – und so die Ausbreitung der Tuberkulose eindämmen.

Beelitz-Heilstätten Führungen

Wagst du es? Eingang in eine vergangene Zeit an einem scheinbar verlassenen Ort.

Beelitz-Heilstätten Führungen

Auf den Dächern des Alpenhauses in Beelitz-Heilstätten breitet sich ein Urwald aus.

Führung Beelitz-Heilstätten: Das Alpenhaus

Etliche Male haben wir von den Fototouren anderer gelesen. Im Rahmen der Führung „Alltag in Beelitz-Heilstätten“ tauchen wir nun selbst in das Leben jener Leid geplagten Berliner Arbeiterseelen ein. Schon zuvor auf dem Baumkronenpfad hatte insbesondere das sogenannte Alpenhaus unsere Neugier auf sich gezogen. Nun betreten wir das Objekt der Begierde mit unseren eigenen Füßen. Schwer vorstellbar, dass die Ruinen im „Quadranten A“ einst wie Luxusquartiere auf die Patienten wirkten. Doch diese führten um die Jahrhundertwende schließlich in engen Berliner Mietskasernen ein deutlich tristeres Dasein.

Auf den ersten Blick wirkt das Alpenhaus auf uns, als wäre es einzig für Instagram geschaffen worden. Gab es damals aber noch nicht, wen überrascht es. Doch wir können von Glück sprechen, dass unser Guide nicht nur genügend Freiraum lässt hier auf Fototour zu gehen. Jegor versteht es auch, den Ruinen auf unserer Führung durch Beelitz-Heilstätten Leben einzuhauchen. Er begrüßt uns als Patienten, auch wenn er in seiner Paraderolle als Krankenschwester etwas zu wohlwollend wirkt. Im einstigen Empfangsbereich erklärt er uns, wie jeder Patient seinen Spucknapf in die Hand gedrückt bekam, damit die Bakterien nicht irgendwo auf dem Fußboden landeten. Ansteckungsgefahr und so.

Beelitz-Heilstätten Führungen

Rostige Liege in einem langgezogenen Flur des Beelitzer Alpenhauses.

Beelitz-Heilstätten Führungen

Beinahe ikonisch ist inzwischen diese Ansicht aus dem Alpenhaus in Beelitz-Heilstätten, beinahe Synonym für einen Abandoned Place.

Beelitz-Heilstätten Führungen

Während draußen die Natur in grüner Pracht erstrahlt, verfällt das Innere des Alpenhauses zunehmend.

Beelitz-Heilstätten Führungen

Stillleben in einem der düsteren Räume des Alpenhauses in Quadrant A der einstigen Lungenheilanstalt.

Beelitz-Heilstätten Führungen

Die riesigen Fenster des Speisesaals im Alpenhaus lassen dessen frühere Pracht zumindest erahnen.

Anekdoten aus dem Sanatorium

Es sind kleine Anekdoten, die die Aura der ehemaligen Lungenheilanstalt spürbar machen. Am Speisesaal berichtet Jegor, wie Krankenschwestern einst akribisch darauf achteten, dass bloß niemand ein paar Leckereien heimlich in seine Hosentasche steckte. Hätte ja sein können, dass die wertvolle Kost dem Besuch aus Berlin weitergereicht werden würde. Banausen! Denn diese konnten von der ritualmäßigen „Mästung“ in den Heilstätten nur träumen.

Teil unserer Alltagsführung durch Beelitz-Heilstätten ist folglich auch das Küchengebäude, in der die Speisen für bis zu 1.600 Patienten, Pfleger und Ärzte zubereitet wurden. Verwahrlost liegen alte Kühlschränke in kleinen Räumen herum, daneben Schutt und Putz, über Jahre von Wänden und Decken herabgefallen. Im Hauptraum hängen umringt von Graffiti monströse Rauchabzüge über unseren Köpfen. Dass die beigefarbenen Fliesen aus dem Hause Villeroy & Boch stammen, tut der Dekadenz keinen Abbruch. Der Lack ist ab.

Beelitz-Heilstätten Führungen

Besprühte Wände, gelbe Fliesen und zunehmender Verfall versprühen im Küchenhaus ein ganz eigenes Flair.

Beelitz-Heilstätten Führungen

Eine Sammlung von Kühlschränken im Küchenhaus von Beelitz-Heilstätten. Allerdings nicht wirklich museumstauglich.

Beelitz-Heilstätten Führungen

Die Rauchabzüge im Küchensaal scheinen in der Luft zu schweben.

Beelitz-Heilstätten Führungen

Türen ins scheinbare Nichts, das doch an jeder Ecke zu neuen Entdeckungen ruft.

Die Schönheit des Verfalls

Den wohl krassesten Gegensatz zwischen Ideal und Verfall bekommen wir im alten Hörsaal zu sehen. Ab den 1930ern wurde dieser für Vorträge von Chirurgen der Berliner Charité genutzt, während in den Nebenräumen Tierversuche stattfanden. Die brüchigen Holzjalousien sorgen hier für ein besonders mystisches Licht, dessen müde Strahlen den zerstörten Sitzreihen ein bemitleidenswertes Antlitz verleihen. Ein Höhepunkt unserer Zeitreise.

Es ist genau diese oft besungene Schönheit des Verfalls, die dafür sorgte, dass Beelitz-Heilstätten längst kein Ort mehr ist, der nur von waghalsigen Jugendlichen heimgesucht wird. Auf unserem Besuch bemerken wir, dass hier touristische Profis am Werk sind. Der Baumkronenpfad, welcher in bis zu 23 Metern Höhe über Alpenhaus und Co. führt, steht unter dem Motto „Baum und Zeit“. Wenn du also einen Ausflug nach Beelitz-Heilstätten unternimmst, tauchst du längst nicht nur in eine vergangene Zeit ein. Du wirst Zeuge eines vermeintlich verlassenes Ortes, der längst eine neue Bedeutung gefunden hat: ein Ausflugsziel zwischen Natur, Geschichte – und Zukunft.

Beelitz-Heilstätten Führungen

Umgefallene Sitzbänke im ehemaligen Hörsaal.

Beelitz-Heilstätten Führungen

Rostige Farbenspiele verleihen dem Hörsaal eine schaurig schöne Note.

Beelitz-Heilstätten Führungen

Die verfallenen Holzjalousien im Hörsaal formen ein Muster des Verfalls.

Beelitz-Heilstätten Führungen

Überhaupt kein Problem, allein im Hörsaal ein paar Dutzend Fotomotive aufzuspüren und dabei den Anekdoten deines Guides zu lauschen!

Beelitz-Heilstätten Führungen

Klare Sache: Der Lack ist ab.

Beelitz-Heilstätten Führungen

Es bedarf einiges an Vorstellungskraft, um sich in den leer stehenden Gebäuden des früheren Sanatoriums hineindenken zu können.

Dieser Ort ist nicht verlassen

Wirklich verlassen ist die ehemalige Lungenheilanstalt ohnehin nicht mehr. Das wird nicht nur am Wochenende spürbar, wenn Freunde und Familien über den Baumkronenpfad spazieren und Gruppe für Gruppe an einer der Führungen durch Beelitz-Heilstätten teilnimmt. 2017 finden zum ersten Mal „Lange Nächte“ statt, in denen du das Gelände unter Sternenhimmel besuchen kannst. Die historischen Liegehallen wurden unlängst erstmals nach dem Zweiten Weltkrieg als Theaterbühne genutzt, Betriebsweihnachtsfeiern in ungewöhnlichen Ambiente werden angeboten. Nicht zuletzt ist das Areal eine Oase der Ruhe, in der du auch an gut besuchten Tagen deine stille Ecke findest.

Schade um dieses Paradebeispiel romantisch verfallender Schönheit? Keineswegs. Selbst als Freunde von Abandoned Places müssen wir doch eingestehen, dass ihr Reiz letztlich in ihrer zeitlichen Begrenztheit liegt. Sei es wegen des drohenden Abrisses – oder eben ihrer anstehenden Neubenutzung wegen. Gerade für letztere ist Beelitz-Heilstätten ein Vorzeigeobjekt. Und ganz ehrlich? Wirklich verlassene Orte hat Brandenburg noch genügend in petto. Wetten, dass? Du muss nur bereit sein, sie zu entdecken. Auf geht’s!

Beelitz-Heilstätten Baumkronenpfad

Der 320 Meter lange Holzpfad schlängelt sich Aug in Aug mit den Baumkronen durch das Gelände.

Beelitz-Heilstätten Baumkronenpfad

Baumkronenpfad meets Alpenhaus: Von oben wird der Sieg der Natur über den Verfall besonders deutlich.

Beelitz-Heilstätten Baumkronenpfad

Positiver Nebeneffekt des neu entstandenen Urwalds: Die Bäume saugen die Nässe auf und schützen die Gebäude vor dem endgültigen Niedergang.

Eine Führung durch Beelitz-Heilstätten gehört ohne Frage zu den Höhepunkten im brandenburgischen Fläming. Unser 1 THING TO DO für die Region jedoch fanden wir an gänzlich anderer Stelle, wie du in unseren Fläming Ausflugstipps nachlesen kannst. Und siehe da: Auch einen verlassenen Ort haben wir auf unserer Reise entdeckt, den wir so garantiert nicht auf der Rechnung hatten – den Sportplatz Altes Lager. Schon gelesen?

Reisen um zu reisen!
John & Marc

Offenlegung: Der Besuch des Baumkronenpfades sowie die Führung „Alltag in Beelitz-Heilstätten“ wurden uns von der Tourismus-Marketing Brandenburg GmbH ermöglicht. Unsere Meinung? Bleibt dieselbe.

3 thoughts on “Beelitz-Heilstätten: Von wegen verlassen!”

  1. Tanja im Norden says:

    So was finde ich ziemich gruselig. Da, wo ich wohne, ist eine alte Lungenklinik, nicht ganz so spektakulär wie Beelitz, von der es im Internet natürlich auch einiges an Bildern gibt, da würde ich ganz sicher nie rein gehen. Wirklich alte Burgen und Ruinen dagegen finde ich sehr spannend, also gibt es da irgendwo im Altern eines verlassenen Gebäudes einen Punkt, an dem es von gruselig zu spannend kippt.

    1. 1 THING TO DO says:

      Wie heißt die ehemalige Klink denn? In Beelitz-Heilstätten ist das wie gesagt mittlerweile weniger gruselig, da alles durchgeplant ist und man das Gelände auf verschiedenen Touren jeweils mit einem Guide besuchen kann. So setzen sich auch die Geschichten der Guides im Kopf fest, nicht die Gruselfantasien, die entstehen, wenn man auf sich allein gestellt ist. 😀 Liebe Grüße!

      1. Tanja im Norden says:

        Ich weiß nicht wie sie früher hieß, lokal heisst sie Zauberberg, das ist jetzt nicht sooo kreativ.
        Sie ist offiziell nicht zugänglich, manchmal wird dort gezündelt und meines Wissen gibt es Ärger, wenn man dort erwischt wird. Bilder gibt’s u. a. hier: http://broken-places.de/klinik-aprath/
        Damit möchte ich aber keinesfalls dazu anregen, sich dort rumzutreiben. Ich würde keinen Fuß da reinsetzen.
        Neulich hat mich mal jemand gefragt, wie man da hinkommt, ich habe es ihm auch erklärt und wir haben danach noch geunkt, dass das wohl der ominöse „Investor“ war, der immer mal wieder im Zusammenhang mit dem Gelände durch die Zeitungsmeldungen spukt. Später fragte ich mich dann, ob es wohl klug war, ihm den Weg gezeigt zu haben.

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