Juta, Georgien: Wenn der Wanderweg zum Wasserfall wird

So langsam reicht’s auch! Auf unserer Wanderung rund um Juta im georgischen Kazbegi-Nationalpark wurde uns buchstäblich ein Hindernis nach dem anderen in den Weg gelegt. Kurz vor dem Ziel hatten wir schließlich endgültig das Gefühl, wir befänden uns in einem lebensechten Jump’n’Run-Spiel. Eine Wanderung in acht Leveln. Geschrieben von John & Marc.

Juta Wandern Georgien

Am Chaukhi-Pass auf über 3.300 Metern erreichten wir das Zwischenziel unserer Wanderung rund um Juta.

Level 1: Fahrt nach Juta

Schwierigkeit: einfach

Kurz vor neun Uhr steigen wir gemeinsam mit vier anderen Wanderern in den Wagen der Mountain Freaks Travel Agency, die im Sommer täglich zwei Fahrten von Kazbegi nach Juta und zurück anbietet. Bis ins Örtchen Sno im Süden von Stepanzminda verläuft die Strecke auf gut ausgebauter Asphaltstraße, die schließlich abrupt endet und auf einer abenteuerlichen Schotterpiste weiter nach Juta führt.

Es beginnt eine Wackelpartie, die wir glücklicherweise nicht mit gänzlich leerem Magen antreten. Bei Gegenverkehr, der hier zugegebenermaßen nur selten vorzukommen scheint, belassen wir es beim Blick nach vorne und verzichten darauf zu realisieren, dass es rechts von uns steil bergab geht. Nichts für schwache Nerven. Doch als sich uns das idyllische Kaukasusdörfchen Juta zeigt, ist jegliches Ruckeln und Raunen vergessen.

Juta Wandern Georgien

Kaukasus-Idylee à la Juta: Das kleine Dorf im Kazbegi-Nationalpark liegt eine knappe Autostunde von Stepanzminda entfernt.

Juta Wandern Georgien

Auf dem Weg zum Chaukhi-Pass geht es gleich zu Beginn recht steil bergauf, bevor es sich eine ganze Weile eher gemütlich weiter wandern lässt.

Level 2: Mit Kälbern durchs Juta-Tal

Schwierigkeit: einfach

Die ersten Meter von Juta hinauf zum Campingplatz Zeta haben es in sich. Unsere Köpfe liegen wahlweise noch im Bett oder denken an das unfreiwillige Geschunkel im Auto zurück, während unseren Beinen schon Höchstleistung abverlangt wird. Vorbei an Zeta und 5th Season, einem Guest House in luftiger Höhe, gestaltet sich der Weg jedoch schnell ziemlich urgemütlich.

Respekt verlangt uns auf dem Weg zum Chaukhi-Pass lediglich eine kleine Herde von Kälbern ab, die sich nicht so recht entscheiden können, ob sie uns überholen lassen oder nicht. Und wo zur Hölle sind Mama und Papa? Beobachten sie aus der Ferne, wie wir mit den Kleinen umgehen? Bereit zum Sturm auf die zwei Eindringlinge? Wir legen unsere panischen Gedanken ab und saugen stattdessen die schier unfassbare Schönheit des Juta-Tals auf.

Juta Wandern Georgien

Das saftig grüne Juta-Tal gehört zu den schönsten Landstrichen, die wir in Georgien erleben durfen.

Juta Wandern Georgien

Auf dem Weg durchs Juta-Tal machten wir abermals Bekanntschaft mit unseren Lieblingsbewohnern Georgiens.

Level 3: Atemnot am Chaukhi-Pass

Schwierigkeit: moderat

Irgendwo muss gleich ein Elf hinter einem Busch hervorspringen. Eventuell zeigt sich auch ein Einhorn auf einer der Klippen. Das Juta-Tal auf dem Weg zum Chaukhi-Pass auf rund 3.300 Metern lädt zum Träumen ein, oder besser: Wir befinden uns mitten in einem Traum voller saftig grüner Wiesen, verwunschener Gebirgsbächlein und weißer Schneefelder an den Schroffen Nordhängen der Riesen im Kazbegi-Nationalpark.

Nach etwa zweieinhalb Stunden ist es mit der Idylle dann vorbei. Ging es bislang kaum merklich bergauf – und wenn, dann gleich wieder bergab – so gilt es nun nach unserem Abenteuer am Chalaadi-Gletscher bei Mestia ein weiteres Mal die 3.000 Meter zu knacken. Das grüne Paradies lassen wir hinter bzw. unter uns. Das Atmen fällt mit jedem Schritt schwerer. Wir lassen es langsam angehen, bewegen uns im Schneckentempo und kämpfen ein weiteres Mal mit bröseligem Hochgebirgsboden. Nur nicht überanstrengen!

Juta Wandern Georgien

Zwischen Juta und Chauki-Pass geht es zwischenzeitlich zu wie in einem Fantasy-Film.

Juta Wandern Georgien

Auf dem Chaukhi-Pass befanden wir uns fast vis à vis mit Mount Chaukhi, seinerseits 3.842 Metern hoch.

Level 4: Im Flusslauf zum Arkhoti-Tal

Schwierigkeit: moderat

Halbzeit. Auf dem Chaukhi-Pass angekommen, verbleiben noch vier Stunden, um durch das Arkhoti-Tal zurück nach Juta zu kommen. Unser Fahrer, so wurde uns vor Abfahrt am Morgen gesagt, wartet maximal fünf Minuten. Dann ist Schicht im Schacht. Wir liegen gut in der Zeit, doch allzu viel Abenteuer sollte nicht geschehen, um nicht in einem der Gasthäuser in Juta übernachten zu müssen. Nun ja.

Denn wo ist eigentlich der Weg zurück? Trotz großer Zweifel entschließen wir uns, mit Blick auf die 4.000er entlang der Grenze zu Russland ein trockenes Flussbett hinab zu wandern. Denselben Weg zurück nehmen, den wir gekommen sind? Nicht mit uns. Wäre aber besser gewesen: Das Flussbett wird erst zum Rinnsal, dann zum Bächlein, später zum rauschenden Gebirgsbach. Und dann passiert schließlich, was wir schon in Dutzenden Trickfilmen gesehen haben: Unser flüssiger Wanderweg wird zu einem steil abfallenden Wasserfall. Nichts geht mehr. Links und rechts hohe Klippen. Wir sitzen in der Falle. Nur noch drei Stunden bis Abfahrt.

Juta Wandern Georgien

Vom Chaukhi-Pass aus fällt der Blick in Richtung Norden, wo über 4.000 Meter hohe Gipfel die Grenze zwischen Georgien und Russland bilden.

Juta Wandern Georgien

Unser Weg hinab ins Arkhoti-Tal begann in im trockenen Bett eines Gebirgsbachs, das sich bergab immer mehr mit Wasser füllte.

Level 5: Klettern am Hang

Schwierigkeit: anspruchsvoll

Panik macht sich breit. Der Rückweg durchs Flussbett war derart steil, dass der Weg zurück zum Chaukhi-Pass keine sinnvolle Alternative darstellt. Wir kraxeln die Klippen entlang des Gebirgsbachs hinauf und verschaffen uns einen Überblick. Das klingt rational, doch eigentlich liegen die Nerven blank. Wir schreien uns kurz an. Rechts vom Wasserfall? Ein weiterer steil abfallender Wasserlauf? Links davon? Dasselbe Bild! Vor lauter Ratlosigkeit bemerken wir nicht einmal, in welch atemberaubender Kulisse wir uns befinden.

Ich laufe zu einem Abhang, um einen Weg hinab ins Arkhoti-Tal auszuspähen. Wenn mich hier jemand sehen würde! Es gibt da eine Möglichkeit, die wie alles andere als ein Wanderweg ausschaut. Sie erscheint mir machbar. Auf geht’s! An einem Hang halten wir uns auf gut 100 Metern Strecke am knorrigen Gebüsch fest, um nicht in die Tiefe abzurutschen. Dieselbe Taktik wenden wir auf dem Weg nach unten an, der jedoch abermals von einem Rinnsal erschwert wird, das den Boden aufweicht und uns Mal ums Mal ins Rutschen bringt. Unten angekommen, gilt es eine Art Gletscherbrücke zu überqueren, die über den Arkhoti führt. Gesagt, getan! – Noch zwei Stunden.

Juta Wandern Georgien

Unser „Wanderweg“ am Hang entlang. Mit viel Fantasie kannst du sogar die von uns platt getretene Schneise erkennen.

Juta Wandern Georgien

Schneefeld? Minigletscher? An dieser Stelle im Arkhoti-Tal meinten wir, das Gröbste an diesem Tag hinter uns gelassen zu haben.

Level 6: Flussüberquerung

Schwierigkeit: anspruchsvoll

Es beginnt die finale Phase. Wir haben es ins Arkhoti-Tal geschafft, doch ein Wanderweg ist noch immer nicht erreicht. Am Flussufer entlang schlagen wir uns im hohen Gras immer weiter in Richtung Juta durch. Wie schon zuvor in luftiger Höhe hat so ein imaginärer Weg am Fluss allerdings seine Tücken. Immer wieder müssen wir die Uferseite wechseln und dabei den wild dahin rauschenden Arkhoti samt Eiswasser überqueren.

Idealerweise fänden wir eine Stelle, auf der wir über die Felsen im Fluss zur anderen Seite hüpfen können. Doch alle Suche nützt nichts: Wir ziehen unsere qualmenden Wanderschuhe und -socken aus und watscheln ungelenk durchs Wasser hinüber auf die andere Seite. Die Felsen im Wasser sind rutschig. Wir geraten ins Taumeln und sind froh über jede Sekunde, die wir nicht länger im eisigen Arkhoti verbringen müssen. Das Prozedere wiederholt sich dreimal – und frisst unnötig Zeit. Noch eine Stunde.

Juta Wandern Georgien

Das Arkhoti-Tal nordöstlich von Juta ist an dieser Stelle die letzte Niederung vor der georgisch-russischen Grenze.

Juta Wandern Georgien

Dieses Bergflüsschen sollte uns auf dem Rückweg nach Juta ein ums andere Mal ein Schnippchen schlagen.

Level 7: Das Brennnesselfeld

Schwierigkeit: moderat

Nachdem wir bereits mehrfach barfuß die Uferseite wechseln mussten, haben wir langsam das Gefühl, dass uns hier irgendjemand ganz, ganz böse Streiche spielt und permanent der Meinung ist, uns unnötige Steine in der Weg zu legen. Oder eben ein ganzes Feld voller meterhoher Brennnesseln!

Doch in der Zwischenzeit haben wir vollends in den Ranger-Modus geschaltet. Wir haben bereits etliche Kratzer an unseren Knien und Waden, da machen so ein paar Brennnesselstiche nichts mehr aus. Die Bremsen um uns herum übrigens auch nicht. Und so treten wir in aller Ruhe die Monsterpflanzen nieder und gelangen beinahe schadlos durchs Gestrüpp. Bis John bis über die Knöchel hinaus im Schlamm versinkt. Muss ja. Noch drei Kilometer bis nach Juta. Noch 30 Minuten.

Juta Wandern Georgien

„Ein Zeichen der Zivilisation!“ – Dass uns jener Gedanke beim Anblick dieser Kühe kam, zeigt, in welcher Umgebung wir uns zuvor rumtrieben.

Juta Wandern Georgien

An dieser Stelle verblieben uns noch etwa 30 Minuten bis zur Abfahrt unseres Fahrers im Dörfchen Juta.

Level 8: Showdown zurück nach Juta

Schwierigkeit: anspruchsvoll

Eine Minute pro hundert Meter? Klingt machbar, hätten wir nicht schon eine siebenstündige Wanderung hinter uns – mit Hürden, die wir so noch nie nehmen mussten. Minütlich checke ich auf Google Maps, wie wir in der Zeit liegen. Irgendwie schaffen wir es, trotz einer weiteren Flussüberquerung – barfuß natürlich – in der Zeit zu bleiben. Wenn wir mal eine Minute verlieren, heißt es rennen.

Noch zehn Minuten, aber auf den letzten Metern vor Juta geht es noch einmal kurz bergauf. Nicht gerade das, was sich unsere Glieder gerade wünschen. Doch wir wollen in dieses verfluchte Auto und uns auf der Schotterpiste zurück nach Kazbegi die letzten Stückchen Kraft und Verstand aus der Birne schaukeln lassen. Wir schaffen es.

17:00 Uhr. Wir sind die letzten am Auto und steigen in den Wagen, als wäre alles komplett nach Plan verlaufen. Was die anderen wohl erlebt haben? Unseren „Weg“ sind sie jedenfalls entlang gewandert. Falls das überhaupt schon irgendwer jemals getan hat – oder jemals wieder tun wird.

Juta Wandern Georgien

In Richtung Norden bauen sich die Hänge über dem Arkhoti-Tal auf bis zu 4.451 Meter auf.

Juta Wandern Georgien

Zurück in Juta, wo wir zu gerne ein Gläschen Honig mitgenommen hätten – wäre da dieser verfluchte Zeitdruck nicht gewesen.

In Kürze: Unser 1 THING TO DO für Kazbegi

Was? Wasserfall und Brennnesselfeld hin oder her: Die Täler rund um Juta gehören zu dem schönsten, was Georgien uns zu zeigen hatte. Gib dir einen Ruck und fahr nach Juta, von wo aus du in teils unberührte Kaukasus-Landschaften starten kannst.
Wo? Juta befindet sich südöstlich von Stepanzminda und ist nicht mit öffentlichen Verkehrsmitteln erreichbar. Plätze im Shuttle der Mountain Freaks kannst du entweder direkt bei der Travel Agency oder im Tourist Office in der Nähe des Ortszentrums erwerben. 
Wie viel? 
Der Preis für die Hin- und Rückfahrt mit den Mountains Freaks beträgt 25 GEL (Stand: September 2017). Wenn du dir mehr Zeit in Juta und Umgebung lassen möchtest, solltest du außerdem eine Übernachtung vor Ort einplanen.
Warum? Um zu verstehen, was Ursprünglichkeit und Natur bedeuten und was den wilden Kaukasus von den zivilisierten Alpen unterscheidet.

Unser Abenteuer rund um Juta im Kazbegi-Nationalpark kannst du streckenweise auch im YouTube-Video zu unserer Kaukasus-Reise nachverfolgen (ab Minute 6:59). Voilà:

Wenn dich das Wanderfieber nun endgültig gepackt hat, findest du hier eine Übersicht auf all unsere kleinen und großen Gipfelstürme im georgischen Kaukasus:

In Mestia, der größten Stadt in Oberswanetien, unternahmen wir eine Tageswanderung ins abgelegene Kaukasus-Dörfchen Tsvirmi.

Ebenfalls in Mestia machten wir uns auf den Weg zu den Koruldi-Seen auf 2.700 Metern Höhe. Von dort aus ging es für uns zum ersten Mal über die Schwelle von 3.000 Metern – zum Chalaadi-Gletscher am Fuße von Mount Ushba.

Ungemütlich und vor allem nass ging es auf unserer Wanderung rund um Kazbegi bzw. Stepanzminda zu.

Alle weiteren Abenteuer in luftiger Höhe findest du in unseren Wanderberichten.

Reisen um zu reisen!
John & Marc

6 thoughts on “Juta, Georgien: Wenn der Wanderweg zum Wasserfall wird”

  1. vonhierunddablog says:

    Oh wow, Georgien muss ja unglaublich sein. Der Kaukasus und vor allem Georgien sind schon lange ein Traum von mir. Eure Bilder und Eindrücke stecken mich mit Reisefieber an!

    1. 1 THING TO DO says:

      Wir können Georgien allerwärmstens empfehlen! 🙂

  2. Hania Kartusch says:

    wunderbarer Bericht mit herrlichen Fotos – danke!

    1. 1 THING TO DO says:

      Vielen lieben Dank! 🙂

    1. 1 THING TO DO says:

      Das trifft es gut! 😀 Liebe Grüße!

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