Paris Reisebericht: Rendezvous mit einem weißen Elefanten

Eigentlich wollte John dir dieses Mal von einem 1 THING TO DO aus Paris erzählen. Eine Flasche Wein im Sonnenuntergang vor der Sacré-Cœur? Eine Flasche Wein im Sonnenuntergang vor dem Eiffelturm? Ziemlich unkreativ, dachte er sich, und trat die Aufgabe verzweifelt an mich ab. Und ich? Ich erinnere mich in unserem Paris Reisebericht an ein Rendezvous mit einem weißen Elefanten. Geschrieben von Marc.

Paris Reisebericht

Unser Paris Reisebericht greift ein wenig in die lyrische Trickkiste. Credits: Mamzel*D, „Le cheval du Luxembourg“, Flickr

Und dann und wann ein weißer Elefant

Vor inzwischen acht Jahren hatte ich im Deutsch-Leistungskurs die Ehre, Bekanntschaft mit einem der großen deutschen Dichter zu machen – Rainer Maria Rilke. So richtig funkte es nicht zwischen uns. Teilweise hatte ich gar das Gefühl, seine Lyrik immer dann besser zu verstehen, wenn ich die Verse rückwärts las. Wer hätte gedacht, dass ich eines Tages freiwillig ausgerechnet eines seiner Werke wähle, um selbst in einen Text einzuleiten?

Lange Rede, kurzer Sinn. Ich präsentiere: „Das Karussell“ von meinem neuen Busenfreund Rainer.

Mit einem Dach und seinem Schatten dreht
sich eine kleine Weile der Bestand
von bunten Pferden, alle aus dem Land,
das lange zögert, eh es untergeht.
Zwar manche sind an Wagen angespannt,
doch alle haben Mut in ihren Mienen;
ein böser roter Löwe geht mit ihnen
und dann und wann ein weißer Elefant.

Sogar ein Hirsch ist da, ganz wie im Wald,
nur dass er einen Sattel trägt und drüber
ein kleines blaues Mädchen aufgeschnallt.

Und auf dem Löwen reitet weiß ein Junge
und hält sich mit der kleinen heißen Hand
dieweil der Löwe Zähne zeigt und Zunge.

Und dann und wann ein weißer Elefant.

Und auf den Pferden kommen sie vorüber,
auch Mädchen, helle, diesem Pferdesprunge
fast schon entwachsen; mitten in dem Schwunge
schauen sie auf, irgendwohin, herüber –.

Und dann und wann ein weißer Elefant.

Und das geht hin und eilt sich, dass es endet,
und kreist und dreht sich nur und hat kein Ziel.
Ein Rot, ein Grün, ein Grau vorbeigesendet,
ein kleines kaum begonnenes Profil –.
Und manchesmal ein Lächeln, hergewendet,
ein seliges, das blendet und verschwendet
an dieses atemlose blinde Spiel …

Paris Reisebericht

Ein ziemlich in die Jahre gekommenes Pferdchen auf dem Karussell im Jardin du Luxembourg. Credits: Mor, „Carousel“, Flickr

Kindheit, Unbekümmertheit und Leichtigkeit sind die Begriffe, die mir „Das Karussell“ heute vermittelt. Das Land, „das lange zögert, eh es untergeht“, so scheint es mir, steht für die Jugend, deren Sterblichkeit sich die Mädchen und Jungen auf dem Karussell noch nicht bewusst sind. Wir hingegen, die erwachsenen Beobachter des kindlichen Treibens, sind uns dieser Endlichkeit im Klaren.

Wir mussten uns längst eingestehen, dass der Begriff der „ewigen Jugend“ – ob wir es wollen oder nicht – mehr Wunsch ist als Realität. Wir können uns jung fühlen, können mit der Zeit gehen. Doch dieser positiv naive Blick auf das Leben, die Unbekümmertheit und Leichtigkeit der Kindheit, sie sind uns verloren gegangen. Wir können uns noch immer auf das Karussell setzen, uns als Kind fühlen, aber niemals wieder Kind sein.

Wer sich „Das Karussell“ von Rainer Maria Rilke lieber vorlesen lassen will, findet hier eine Rezitation von Anna Thalbach:

Paris Reisebericht: Rilkes Karussell

„Was hat all das mit einem Paris Reisebericht zu tun?“, magst du dich an dieser Stelle fragen. Die Antwort: Uns Rainer verfasste „Das Karussell“ im Jahre 1906 während seiner Schaffensperiode in der französischen Hauptstadt. Der beschriebene Kreisel ist dabei kein Produkt seiner lyrischen Fantasie, sondern geht auf wahrhaftige Eindrücke seiner Selbst beim Anblick eines Karussells im Pariser Jardin du Luxembourg zurück.

Im Luxemburggarten wiederum hielt ich bereits dreimal Einkehr, und damit, wie es der Zufall will, auf jeder meiner bisher drei Parisreisen. Während meines ersten Besuchs blieb mir der Garten kühl und kahl in Erinnerung. Kein Wunder, denn es war Januar – und das einzige Grün waren die Rasenflächen, deren Farbe die kalte Jahreszeit überdauerte. Rund um das zentrale Wasserbecken jedoch fielen mir schon damals Dutzende Stühle auf, die mich erahnen ließen, dass dieser Ort an warmen Tagen ein anderes Ambiente besitzen würde.

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Im Winter bleiben viele der Stühle im Jardin du Luxembourg leer. Credits: Scott Dextor, „chairs in the garden“, Flickr

Ein drittes Mal im Luxembourg

So kam es, dass ich vor kindlicher Neugier den Jardin du Luxembourg auch während meiner nächsten Reisen nach Paris besuchte. Das letzte Mal im Mai 2014, als ich Frankreichs Kapitale zusammen mit John erneut entdeckte. Am frühen Vormittag setzten wir zu einer neuerlichen Stippvisite im Luxembourg an. Im Schlepptau eine Freundin, die damals noch in Paris lebte und uns die Stadt aus ihrer Sicht vorstellte.

Ich erinnere mich daran, dass dieser Park ein anderes Paris zeigte, als man es als Tourist zumeist präsentiert bekommt. Nein, der Luxembourg war nicht menschen- und auch nicht touristenleer. Doch sein mediterranes Flair versprühte eine gänzlich andere Atmosphäre als beispielsweise der Champ de Mars rund um den Eiffelturm oder der Vorplatz der Cathédrale Notre-Dame de Paris.

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Der Jardin du Luxembourg bei meinem zweiten Besuch: Hier kommt Sommerstimmung auf!

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Der Luxemburggarten setzt auf eine Mischung klassizistisch französischer und englischer Gartenbaukunst. Credits: Richard Moross, „Paris“, Flickr

Alles und nichts

Ich erinnere mich auch an die ergrauten Boule-Spieler, die sich weniger ihren silbernen Kugeln widmeten als dem tagtäglichen Plausch „de tout et de rien“, über alles und nichts, wie die Franzosen sagen. Ich erinnere mich an eine etwa 20 Köpfe zählende, jugendliche Sportgruppe, die unweit davon entfernt in der Vormittagssonne gehörig das Schwitzen gelehrt bekam.

Ich erinnere mich außerdem, wie uns nicht allzu wohl dabei war, diese sportliche Aktivität zu beobachten, während wir uns Baguette und Käse in die Mäuler stopften. Natürlich erinnere ich mich ebenso daran, dass der Anblick unzähliger Jogger unserem so flauen wie erfüllten Bauchgefühl sein Übriges tat.

Paris Reisebericht

Schachspieler bei einer scheinbar ziemlich spannenden Partie Schach. Credits: Jonathan Petit, „Playing chess at Jardin du Luxembourg“, Flickr

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Und dann und wann eine graue Taube! Credits: Jana Voss, „Jardin du Luxembourg“, Flickr

C’est la vie!

Der Jardin du Luxembourg war für uns jedoch vor allem Ort der Gelassenheit und Stille. Auf den im Winter noch leeren weißen Stühlen klappten die Menschen reihenweise ihre Bücher auf oder nutzten die Ruhe, um in florierender Umgebung mit dem Laptop zu arbeiten.

Genüsslich flanierten Pariser und Touristen jeglichen Alters und jeglicher Nationalität zwischen dem prächtigen Palais du Luxembourg, dem Sitz des französischen Senats, und den mehr als 100 verstreuten Statuen im Park, darunter Beethoven und Chopin, Stendhal und Flaubert. Dazwischen erfreuten sich Kinder an den Irrwegen ihrer kleinen Segelboote, die sie genüsslich auf dem Wasserbecken vor dem Palais kreisen ließen. Eine neuerliche Begegnung mit diesem Land, das lange zögert, eh es untergeht!

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Heiteres Treiben im Jardin du Luxembourg, im Hintergrund thront der 210 Meter hohe Tour Montparnasse. Credits: Isabell Schulz, „Jardin du Luxembourg“, Flickr

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Und dann und wann ein weißes Segelschiffchen! Credits: Ernest McGray Jr., „Jardin du Luxembourg“, Flickr

Gedankenkarussell

Vor allem aber erinnere ich mich, wie wir drei inmitten dieses sanften Trubels palavernd das gemächliche Treiben beobachteten. Für gute zwei Stunden hatten wir unsere Decke ausgebreitet und ließen bei einem ziemlich stereotypen Picknick mit Baguette, Käse, Butter und Marmelade die Welt im Kleinen an uns vorbeiziehen. Wir ließen die Gedanken kreisen beinahe so als wären sie Rilkes Karussell.

Inmitten dieser atemlosen Stadt, unweit organisierter Touristentruppen, geschäftiger Büromenschen und fleißiger Studenten, legte Paris im Jardin du Luxembourg eine Pause ein. Egal ob Kasperle-Theater oder Schachspiel, Boule oder Basketball, Tennisplatz oder Kaffeegarten – auf 26 Hektar schien hier Jedermann nach seiner Façon glücklich zu sein, sorgenlos zu sein. Und hier und da, so munkelt man, begegnet selbst der vernünftigste Erwachsene im Luxembourg einem weißen Elefanten. Dann und wann.

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Unser Picknick im Jardin du Luxembourg mit gar nicht stereotypen französischen Lebensmitteln. Das Ende für unseren Paris Reisebericht.

In Kürze: Unser 1 THING TO DO für Paris

Was? Ein Picknick im Jardin du Luxembourg mit anschließender Erkundung der Parkanlage.
Wo? Der Jardin du Luxembourg befindet sich im Quartier Latin. Die nächste RER-Station heißt Luxembourg (RER B), die nächste Métro hält an der Station Odéon (Linie 7 oder 10).
Wie viel? Je nach Appetit. Glücklicherweise gehören Baguettes und Käse zu den erschwinglichen Lebensmitteln in Paris. 😉
Warum? Um im Pariser Stadttrubel einmal durchzuatmen, die Gedanken kreisen zu lassen und einmal nicht nur Touristen zu sehen.

Bei aller Liebe zu unserem weißen Elefanten sind wir uns sicher, dass wir eines Tages noch mindestens ein weiteres 1 THING TO DO für Paris entdecken werden. Betrachte unseren Paris Reisebericht daher eher als Inspiration für Paris-Anfänger. Denn gewiss lässt sich in der französischen Hauptstadt noch viel mehr erleben, was sich unter der Oberfläche erst nach einigen weiteren Reisen offenbart.

Reisen um zu reisen!
John & Marc

8 thoughts on “Paris Reisebericht: Rendezvous mit einem weißen Elefanten”

  1. Tobias S says:

    Der Jardin du Luxembourg ist auch mein 1thingtodo in Paris. Definitiv der Ort, an den ich jeden Paris-Frischling schleppe. (Dicht gefolgt: „Shakespeare and Company“ sowie der Wochenmarkt an der Bastille) – aber an den Luxemburgergarten erinnere ich mich immer wieder gern und gut… übrigens auch an ein „Rasen betreten verboten“-Schild genau an der Ecke, wo ihr picknickte.
    Ist aber schon eine Weile her. Und ich kann mich irren.
    😉

    1. 1 THING TO DO says:

      Haha. 😀 Sehr schön, dass du unser 1 THING TO DO teilst! An dieser Stelle war sehr wahrscheinlich kein „Rasen betreten verboten“-Schild (mehr), aber in der Tat gibt es diese. „Unsere“ Wiese war auf jeden Fall stark frequentiert! 🙂

  2. Paleica says:

    ist es denn jemals möglich, sich in paris für nur EINES zu entscheiden? 😉

    1. 1 THING TO DO says:

      Wir hatten ja zugegebenermaßen auch so unsere Probleme, aber der Jardin du Luxembourg war rückblickend schon eine gute Wahl. 🙂 Liebe Grüße!

  3. Marianne says:

    Hey,
    wenn ich nur zwei Stunden Zeit in Paris hätte, würde ich definitiv nirgendwo anders hingehen als in den Jardin du Luxembourg. Ich würde mich auf einen der hellgrün lackierten Metallstühle setzen und Blumenbeete anschauen, Menschen beobachten und träumen. Ohne Baguette, Käse und Wein. Lieber würde ich mir einen völlig überteuerten Espresso und ein Eis am Kiosk kaufen. Wenn ich zwei Tage in Paris hätte, würde ich am Anfang und am Ende einmal in den Jardin du Luxembourg gehen. Dazwischen Museé d’Orsay, Bastille Viertel und Place du Vosges…. oh je , ich gerade ins Schwärmen.
    Viele Grüße von Marianne
    alleinereisenjetzt.wordpress.com

  4. Jocy says:

    Das sieht mal sowas von einladend aus, dieses Picknick! Die Flasche Wein hätte aber sicher auch ne gute Geschichte ergeben 😉

  5. Iris B. says:

    ach, wie oft ich damals am Brunnenrand saß und meine Boote über das Wasser getrieben habe … definitiv einer der schönsten Plätze in Paris!

  6. Wolfgang Stoephasius says:

    Schöne Geschichte!

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