Vilnius Reisebericht: Eine Stadt zum Vergessen

Vilnius Reisebericht: Eine Stadt zum Vergessen

In Vilnius gibt es einen Ort, der auf ungewöhnliche Rechte aufmerksam macht. Zum Beispiel auf das Recht zu irren, das Recht nichts zu verstehen und das Recht, nicht geliebt zu werden. Oder aber das Recht, Hund zu sein! Wo genau sich dieser seltsame Ort in der Hauptstadt Litauens versteckt, verraten wir dir in unserem Vilnius-Reisebericht. Geschrieben von Marc.

Die barocke Altstadt von Vilnius

Es gibt Städte, da scheint sich das Besondere ganz bewusst außerhalb des Stadtkerns zu verstecken. Wir selbst leben in so einer Stadt: Würden wir uns als Reisende in Berlin lediglich Museumsinsel, Fernsehturm und Gendarmenmarkt anschauen, so würden uns Leben im Kiez, der grüne Stadtrand und die nächtliche Szene verborgen bleiben. Obwohl Berlin für uns gerade dort Berlin ist.

In Vilnius scheint das anders. Zumindest auf den ersten Blick. Das Zentrum ist nicht nur barockes Prunkstück Litauens, sondern auch ein Mittelpunkt des Alltags. Natürlich geht es hier touristisch zu. Doch wo tagsüber Selfiesticks gezückt werden, wird am Abend ein paar Querstraßen weiter gefeiert. Im ↠ Bernhardiner-Garten gleich nebenan tummeln sich Familien. Und auch Užupis, vielerorts als Szeneviertel von Vilnius bezeichnet, ist nur einen Katzensprung von der Altstadt entfernt.

Vilnius Reisebericht
Unser Vilnius-Reisebericht startet in der Altstadt: Wie so oft findest du die stillen Ecken erst, wenn du die Hauptstraßen verlässt.
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Der Gediminas-Prospekt, Hauptstraße von Vilnius, führt auf geradem Wege zu Glockenturm und Kathedrale.

Authentisches Vilnius

Vilnius ist kompakt. Mit knapp 550.000 Einwohner:innen zählt der flächenmäßig größte Stadt des ↠ Baltikums weniger als ↠ Leipzig. “Niedlich”, denken wir uns immer wieder, während wir durch Altstadt und umliegende Viertel laufen. Schauen wir uns die reiche Geschichte der Kapitale an, wird ihr dieses Attribut jedoch nicht gerecht.

Mehr als zwei Jahrhunderte lang war Vilnius Hauptstadt des ↠ Großfürstentums Litauen, das sich teilweise von der Ostsee bis ans Schwarze Meer erstreckte. Dass Vilnius über den intaktesten barocken Stadtkern in Mittel- und Osteuropa verfügt, überrascht vor diesem Hintergrund nicht. Viele der Fassaden erstrahlen in neuem Glanz. Was andernorts in Kitsch mündet, ist hier mit Bravour gelungen: Vilnius konnte seine Authentizität bewahren.

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In der Altstadt von Vilnius tummeln sich alleine rund 50 Sakralbauten dicht and dicht.
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Aufgrund seines Alters und des weichen Untergrunds steht der Glockenturm von Vilnius mittlerweile etwas schief. Seine Fundamente wurden bereits im 14. Jahrhundert errichtet.

Vilnius von oben: Kathedrale und Gediminas-Turm

Die 360 Hektar große Altstadt von Vilnius lässt sich nicht nur im Rahmen eines ziellosen Stadtbummels erschließen. Die hügelige Lage von Wilna, wie der deutsche Name der Stadt lautete, ermöglicht uns an mehreren Orten zu beobachten, wie sich Vilnius malerisch zwischen den beiden Flüssen Neris und Vilnia in die grüne Landschaft einbettet.

Ganz ohne Hügel gelingt uns dies im 57 Meter hohen Glockenturm gegenüber der weißen ↠ Kathedrale, aufgrund seiner Neigung gewissermaßen der Schiefe Turm von Vilnius. In den Abendstunden lassen wir die Blicke über Alt- und Neustadt vom ↠ Gediminas-Turm schweifen, gelegen auf dem 142 Meter Burgberg. Die Aussicht von den Drei Kreuzen, 1989 als Freiheitssymbol wiedererrichtet, haut uns nach diesen Panoramen nicht mehr vom Hocker. Doch solltest du wie wir von Aussichtspunkten nicht genug bekommen, lohnt auch dieser Ausflug ganz bestimmt.

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Blick über den Fluss Neris und die Neustadt von Vilnius vom Gediminas-Hügel.
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In Richtung Südwesten erblickst du vom Gediminas-Turm aus quasi die gesamte Altstadt von Vilnius.

Grünes Vilnius: Drei Kreuze

Auf dem Weg zu den ↠ Drei Kreuzen lernen wir Vilnius von seiner grünen Seite kennen. Wir möchten beinahe soweit gehen, dass die Hänge rund um Vilnia und Bernhardiner-Park einen Vorgeschmack bieten auf das, was die Natur Litauens so liebenswert macht. In der warmen Jahreszeit durchzieht das ganze Land ein saftiges Grün, in dem kleine Seen und Flüsse für erfrischende Momente sorgen. Östlich des Gediminas-Turms bietet das Zusammenspiel beider Elemente eine schmackhafte Kostprobe.

Wie so oft entdecken wir diese Seite, indem wir uns mal wieder nicht dazu durchringen können, den üblichen Weg in Richtung Drei Kreuze zu gehen. Stattdessen nutzen wir Schleichwege, verlaufen uns und finden uns in einem verwunschenen Märchenwald wieder. Gemessen daran, dass Litauen an keiner Stelle höher als 300 Meter liegt, geht es hier mitunter ziemlich steil zu. Was schließlich darin mündet, dass ich auf durchnässtem Boden umknicke und den Abstecher humpelnd fortsetze.

Republik Užupis

Im Süden des Bernhardiner-Parks überqueren wir über die Fluxus-Brücke die Grenze zum Stadtteil Užupis, wobei Grenze in diesem Kontext durchaus wörtlich genommen werden kann. Einst vernachlässigtes Viertel am Rande der Altstadt, wurde in dem Künstlerviertel vor einigen Jahren die ↠ Republik Užupis ausgerufen. Deren Existenz beruht jedoch nicht auf dem ernsthaften Versuch, einen Staat zu errichten, sondern ist eher als Kunstaktion zu verstehen.

Užupis verfügt über eine eigene Flagge und einen eigenen Präsidenten. Die Verfassung spiegelt das Ziel ihrer Väter und Mütter wieder, ein Viertel zu schaffen, in dem die Gemeinschaft zählt. Wer in Užupis jedoch eine zweite Freistadt Christiania wie in ↠ Kopenhagen erwartet, wird enttäuscht. Wir stießen hier weder auf besonders viel Streetart, noch auf besonders alternative Kneipen, noch auf Weed-Schwaden. Vielmehr geht es hier – wie überall in Vilnius – gemütlich zu.

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Die Republik Užupis geht auf eine Kunstaktion zurück, wird inzwischen aber immer häufiger auch symbolisch von Staatsvertreter:innen besucht.
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Fest am Tibet-Platz von Užupis: In der Republik wird versucht, über Kunst und Feste den Gemeinschaftssinn zu stärken.

Užupis und das Recht auf Nichtwissen

Wie gemütlich es in der Republik zugeht, erleben wir am Uferstreifen mit Blick auf die gegenüberliegende Altstadt. Barfuß lassen wir unsere Füße in der ziemlich kühlen Vilnia baumeln. Hinter uns treffen sich Familien, Freund:innen oder Reisende auf einen Kaffee. Zwei kleine Jungs überbieten sich neben uns darin, wer wie viele Steinchen gleichzeitig in die Vilnia schmeißen kann – und freuen sich insgeheim darüber, wenn uns ein paar Wassertropfen mitten im Gesicht treffen.

Gleich um die Ecke wurde im ↠ Café Užupio die Verfassung der gleichnamigen Republik auf einer Bronzetafel verewigt. Der vierzehnte von insgesamt ↠ 41 Punkten lautet wie folgt:

“Jeder Mensch das Recht, manchmal nicht zu wissen, ob er Verpflichtungen hat.”

Verpflichtungen? Hier in Vilnius vergessen wir sie tatsächlich langsam wieder. Und sind gespannt auf das, was uns Litauen in den kommenden Tagen noch vergessen lassen wird.

Vilnius-Reisebericht: Unser 1 THING TO DO

Was? Am Westufer der Republik Užupis die Füße in der Vilnia baumeln zu lassen.
Wo? Das Ufer zwischen Tibet-Platz und Užupio-Brücke bietet eine Reihe von Cafés und ist von der Altstadt aus fußläufig zu erreichen – sie liegt ja quasi gegenüber.
Wie viel? 
An sich nichts. Wenn du in einem der gemütlichen Lokale einen Drink zu dir nehmen möchtest, musst du jedoch aus mitteleuropäischer Sicht nicht mit hochpreisigen Überraschungen rechnen.
Warum? Um auf deine Zeit in Vilnius und Litauen in aller Ruhe zurückzuschauen – oder dich auf das zu freuen, was noch kommt.

Nach unserem Vilnius-Reisebericht kehren wir Litauens Hauptstadt noch nicht ganz den Rücken. Von Vilnius aus starteten wir nämlich gleich zu drei Tagesausflügen, die die Vielfalt des kleinen Baltikumstaats ganz gut widerspiegeln. Mit dem Zug in nicht allzu langer Zeit erreichbar sind neben ↠ Kaunas und ↠ Trakai auch die idyllischen Seen im ↠ Aukštaitija-Nationalpark. Nie gehört? Dann wird es Zeit.

Reisen um zu reisen!
John & Marc

Vilnius Reisebericht

Veröffentlicht oder inhaltlich überarbeitet am:


4 Antworten zu “Vilnius Reisebericht: Eine Stadt zum Vergessen”

    • Vielen lieben Dank! In Vilnius waren wir Ende Mai, was sehr empfehlenswert ist, da der Frühling in Litauen dann seinen Höhepunkt erreicht, während er sich in Deutschland verabschiedet. 😚

      Liebe Grüße!

  1. Schöner Bericht, der wirklich Lust auf einen Vilnius Besuch macht! Ich habe jetzt Litauer kennengelernt, viele kommen hier nach Norwegen zum arbeiten, aber selbst habe ich es noch nicht geschafft ort hin zu fahren, wird aber garantiert nach geholt!

    LG aus Norwegen
    Ina
    http://www.mitkindimrucksack.de

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