Kasan Reisebericht: Wo Katjuscha Tatarisch spricht

Im äußersten Osten Europas gelegen, ist Kasan auf bestem Wege, einen festen Platz auf der touristischen Landkarte zu erhalten. In der Hauptstadt Tatarstan leben ungefähr zu gleichen Teilen Russen und Tataren, das Zusammenleben von Christen und Muslimen ist Markenzeichen von Kasan. Verliebt habe ich mich jedoch nicht gerade in die Metropole an Wolga und Kasanka. Mein Kasan Reisebericht zeigt dir aber den einen Ort, an dem meine Reise durch Russland wirklich begann. Geschrieben von Marc.

Kasan Reisebericht Sehenswürdigkeiten

Das Alafuzov Loft gehört zu den alternativen Sehenswürdigkeiten in Kasan.

Kasan: Hauptstadt Tatarstans

Vom gegenüberliegenden Ufer der Kasanka wirkt sie ganz klein, die größte Moschee Europas. Die ↠ Kul-Scharif-Moschee ist die bekannteste Sehenswürdigkeit von Kasan, aus der Ferne bestimmt sie die Skyline der Hauptstadt Tatarstans. Gelegen im ↠ Kasaner Kreml, Aug in Aug mit den blauen Zwiebeltürmen der Mariä-Verkündungs-Kathedrale, ist sie Symbol für das überwiegend friedliche Zusammenleben der Religionen, auf das Kasan besonders stolz ist.

Kasan wurde bereits mehrfach als lebenswerteste Stadt Russlands ausgezeichnet. Vor der Kul-Scharif-Moschee begegnete ich einem jungen Russen, der bald von Jekaterinburg nach Kasan ziehen wird. „Jekaterinburg ist langweilig, in Kasan tut sich viel, besonders kulturell gesehen“, berichtete er mir. Die 1,1 Millionen Einwohner zählende Metropole an der Mündung der Kasanka in die Wolga bewegt sich Stück für Stück aus dem Schatten von Moskau und Sankt Petersburg.

Kasan Reisebericht Sehenswürdigkeiten

Mein Kasan Reisebericht beginnt an der dem Kasaner Kreml gegenüberliegenden Uferseite der Kasanka.

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Die Kul-Scharif-Moschee im Kasaner Kreml wurde 2005 anlässlich des tausendjährigen Bestehens von Kasan eröffnet.

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Aussichtsterrasse des Kasaner Kremls mit Blick auf die Skyline des gegenüberliegenden Ufers der Kasanka.

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Die blauen Zwiebeltürme der Maria-Verkündigungs-Katherdale im Kasaner Kreml gehören zu den Wahrzeichen der Stadt an Wolga und Kasanka.

Kasan: Sehenswürdigkeiten im Zentrum

Vom dynamischen Kasan war bisher nicht viel zu spüren. Als ich am späten Nachmittag am Ufer der Kasanka entlang spaziere, liegt der übliche Stadtbummel schon hinter mir. Die Bauman-Straße, historisch gesehen wichtigste Handelsstraße Kasans, wirkt heute wie eine typisch „westliche“ Fußgängerzone, jedoch eher klein- als großstädtisch. Vom Tukaja-Platz schlenderte ich weiter ins alte Tatarenviertel am nordwestlichen Ufer der Kaban-Seen. Es schüttete wie aus Eimern, weshalb ich dabei eher an meine völlig durchnässten Sneaker denke als an die traditionellen Holzhäuser mit ihren farbenfrohen Details erinnere, die durchaus einen Abstecher wert sind.

Wahrscheinlich braucht die sechsgrößte Stadt Russlands einfach etwas länger, um sich im Auge ihrer Betrachter:innen wirklich zu entfalten. Wahrscheinlich ist wie immer aber auch alles relativ: 800 Kilometer östlich von Moskau sieht Dynamik nun mal anders aus als in Mitteleuropa.

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Den Kasaner Kreml betrittst du üblicherweise durch das Erlöser-Tor nahe der Metrostation Kremljowskaja.

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In der Innenstadt von Kasan, auf dem Weg zur Baumanstraße, eine der wichtigsten Sehenswürdigkeiten der Stadt.

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Charakteristisches Holzhaus im Tatarenviertel von Kasan, das – in einst sumpfigen Gebiet – langsam im Erdboden versinkt.

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Viele der traditionellen Tatarenhäuser sind mit kleinen, hölzernen Kunstwerken geschmückt.

Kasan: Am Ufer der Kasanka

Inzwischen hat sich das Wetter beruhigt, doch die tief stehende Sonne versteckt sich bereits hinter den Bäumen am Kasanka-Ufer. Der Himmel färbt sich allmählich lila und lässt die Kul-Scharif-Moschee so noch orientalischer wirken. Bald werden die ersten Lichter der Nacht Kasan erleuchten, doch zunächst spaziere ich weiter in Richtung Westen, um die – nicht nur sprichwörtlich – „andere“ Seite Kasans zu erkunden.

Es gibt hier keine wirkliche Uferpromenade. Vom kleinen Freizeitpark am nördlichen Ende der Dekabristow-Straße, die die Kasanka auf Höhe des Kasander Kremls überquert, stapfe ich zunächst barfuß durch den kühlen Sand eines Strandbads. Irgendwann schlage ich mich auf immer schmaleren Schlammwegen durch Gebüsch und Birken, passiere kleine sandige Buchten, vor denen Angler ihre Ruten auswerfen. Die Dynamik, von der mir am Morgen berichtet wurde, nimmt sich hier eine genüssliche Auszeit.

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Strandbad an der Kasanka mit Blick auf den Kasaner Kreml mit Kul-Scharif-Moschee.

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Orthodoxe Kirche an der Mündung der Kasanka in die Wolga.

Die andere Seite von Kasan

Ein wenig abseits des Ufers treffe ich auf einen zunächst verlassen scheinenden Gebäudekomplex, der fernab von Kasaner Kreml und weiteren historischen Sehenswürdigkeiten Kasans auf seine eigene Art und Weise auf sich aufmerksam macht. Eine überdimensionale weiße Maske ziert ein kleines Gebäude im Eingangsbereich, ihre Augen leerer als die einer Schaufensterpuppe. Ich bin mir unsicher, ob sie mich gerade einladen, einzutreten, oder mir doch eher raten, das Weite zu suchen.

Meine Neugierde jedenfalls weckt sie. Ich betrete das Gelände, auf der linken Seite eines langen Gangs stehen ein paar Holzbänke, umrahmt von Graffiti jeglicher Couleur – Portraits, Spongebob, Politik. Ich fühle mich an die einstigen Fabrikgelände ArtPlay und Roter Oktober erinnert, über die du in meinem ↠ Moskau Reisebericht mehr erfährst. Doch im Gegensatz zu ihnen wirkt ihre Kasaner Schwester geradezu wild, authentisch und unentdeckt: zerbrochene Fensterscheiben, wo Schutt und riesige Regenpfützen den Boden säumen.

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Eingangsbereich des einstigen Fabrikgebäudes im Norden von Kasan.

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Streetart trifft auf zerbrochene Fensterscheiben und Europaletten.

Graffiti im Alafuzov Loft

Auf dem weiteren Weg durch das eigentümliche Gelände blicke ich in die Augen weiterer Riesenmasken, manche wiederum völlig leer, andere quietschebunt und lebendig. Immerhin bin ich mir inzwischen sicher, nichts Verbotenes zu tun. Zwar bin ich der einzige hier, nachdem die einzige Touristin mir zum Abschied ein schüchternes „Hi!“ entgegnete. Doch ich erspähe auch einen offiziellen Eingang ins Innere einer der Gebäude, an einer Wand stehen außerdem ein paar Informationen. Auf Russisch natürlich, womit ich denkbar wenig anfangen kann. Doch das Wichtigste kann ich entziffern: Das Ding hier heißt ↠ Alafuzov Loft.

Im Nachhinein erfahre ich, dass das ehemalige Fabrikgelände inzwischen Kulturzentrum ist, inklusive dreier Theater, einer Bar und weiterer Veranstaltungsräume. Ein großer Teil jedoch wird noch immer renoviert und umgebaut, nur nach und nach zieht Kreativität in die Mauern ein. Scheinen vergleichbare Projekte in Moskau schlichtweg fertig, so habe ich hier in Kasan tatsächlich das Gefühl, dass sich etwas entwickelt. Etwas, das ich in dieser Form in diesem Teil Russlands nicht erwartet hätte. Etwas, das mir doch noch eine Idee gibt, was Dynamik in Kasan bedeuten könnte.

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Die übergroßen Masken ziehen sich wie ein roter Faden durch das Gelände des Alafuzov Lofts.

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Hölzerne Treppen führen vorbei an weiteren Skulpturen auf das Dach eines der Gebäude.

Der wirkliche Beginn der Reise

Im Hinterhof des Alafuzov Lofts stehen weitere Tische und Bänke, heute sind sie menschenleer. „In Berlin wäre hier jeden Tag Halligalli“, denke ich mir. Und in der Tat kann ich mir vorstellen, dass dieser Ort auch irgendwo in Berlin stehen könnte, irgendwo in Friedrichshain-Kreuzberg oder sogar noch ein Stückchen weiter östlich. Vermutlich aber wäre er schon gentrifiziert worden.

Hölzerne Treppen im Außenbereich führen mich Etage für Etage auf eines der Dächer. In Berlin gab es sie auch mal, diese verlassenen Gebäude, auf deren Dächern wir unser Bierchen tranken und über Gott und die Welt philosophierten. Die meisten davon sind Geschichte. Umso mehr verfalle ich hier, wo ich am wenigsten mit einem Déjà-vu gerechnet hatte, in Nostalgie. Ich setze mich aufs Dach, blicke in die Ferne, erspähe gar den Kasaner Kreml. Meine Russland-Reise beginnt eigentlich erst jetzt. Beim Philosophieren mit mir selbst.

Kasan Reisebericht Sehenswürdigkeiten

Über den Dächern von Kasan: In der Ferne siehst du sogar die Kul-Scharif-Moschee im Kasaner Kreml.

Kasan Reisebericht Sehenswürdigkeit

Nördlich der Kasanka wird in Kasan vor allem eines: gelebt.

Kasan Reisebericht: Mein 1 THING TO DO

Was? Entdecke im Alafuzov Loft das alternative Kasan und genieße vom Dach des einstigen Fabrikgeländes einen Blick über den Dächer Kasans. Auf dem ↠ Instagram-Account des Alafuzov Lofts erhältst einen Einblick in aktuelle Entwicklungen und Projekte.
Wo? Das Alafuzov Loft liegt im weniger touristisch geprägten Teil Kasans (Adresse: Ulitsa Gladilova 55), nördlich des Kasaner Kremls. Von der Metrostation Kosja Sloboda kannst du entweder einen halbstündigen Spaziergang unternehmen, oder du fährst mit der Buslinie 1 bis Uliza Krasnokokschajskaja vor.
Wie viel? Der Besuch von Fabrikgeländes und Dach ist kostenlos (Stand Juni 2018).
Warum? Um ein authentisches Stück russischer Alternativkultur kennenzulernen.

Einige Eindrücke aus Kasan und dem Alafuzov Loft gewinnst du übrigens auch im Video zu meiner Reise durch Russland.

 

Nächste Station auf meiner Reise durch Russland ist Jekaterinburg, von wo aus ich mich mit der ↠ Transsibirischen Eisenbahn auf den Weg nach Osten begebe. Weiteres über meine vier Wochen zwischen Sankt Petersburg und Baikalsee, darunter praktische Informationen über Kosten und Route, erfährst du im zugehörigen ↠ Russland Reisebericht.

Reisen um zu reisen!
John & Marc

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