Ohridsee Reisebericht: Der Goldtopf Nordmazedoniens

Den Ohridsee ließen wir auf bisherigen Balkan-Reisen links liegen. Stattdessen lernten wir Nordmazedonien lediglich in und um Skopje kennen – und damit gefühlt überhaupt nicht. Unsere Reise nach Albanien aber ermöglichte uns nun einen Abstecher zum Ohridsee. An einem der ältesten Seen der Erde lernten wir so ganz ein anderes Stück Nordmazedonien kennen. Geschrieben von Marc.

Kloster Sveti Naum am Ohridsee

Das hatten wir so nicht erwartet. Als wir am ↠ Kloster Sveti Naum am Südufer des Ohridsees ankamen, war die Anlage äußerst gut besucht. Ein bisschen zu gut: Das Kloster, gemeinsam mit Ohrid und Ohridsee Weltkulturerbe, ist offenkundig ein beliebtes Ausflugsziel für Wandertage. Schulklassen besichtigten die Klosterkirche, und auf dem Parkplatz machten Tourenbusse Halt, die immer mehr Einheimische und Balkanreisende ausluden.

Wir beließen es daher bei einem kurzen Stelldichein. Es sind schließlich nicht nur die Fresken im Inneren des Klosters, die diesen Ort auszeichnen. Es ist auch seine Lage: Der Ohridsee, zweitgrößter See der Balkanhalbinsel, breitet sich von hier aus circa 30 Kilometer in Richtung Norden aus. Zwischen Parkplatz und Ufer lädt ein schmaler Kieselstrand zum Verweilen ein. Das Wasser quietscht türkis. Landschaftlich zeigt sich Nordmazedonien hier vielleicht von seiner schönsten Seite.

Kloster Sveti Naum
Blick von der Uferlinie am Kloster Sveti Naum in Richtung Norden.
Ohridsee Strand
Nach Sveti Naum verkehrt ein nicht ganz zuverlässiger Bus. Wir entschieden uns nach langem Warten fürs Taxi (Kosten circa 20 Euro für beide Richtungen, Stand Mai 2018).

Was ist eigentlich Nordmazedonisch?

Am Ohridsee bekommen wir zum ersten Mal eine vage Idee davon, was Nordmazedonisch heißen könnte. Sveti Naum, das sind mehr als 1.000 Jahre Geschichte. Zwar wurde das Kloster mit der Unterstützung zweier bulgarischer Zaren gegründet. Doch wohnt ihm eine Aura inne, die beispielsweise der Hauptstadt ↠ Skopje völlig fehlt, weshalb Nordmazedonisch auf uns bislang wie ein Konstrukt wirkte.

Auf unserer ersten Balkan-Reise lernten wir Nordmazedonien vorwiegend anhand seiner Kapitale kennen – schiebt man mal unsere missglückte Wanderung im ↠ Mavrovo-Nationalpark beiseite. Skopje betitelten wir ob seiner geleckten, weißen Fassaden im Stadtzentrum gar als Disneyland des Balkans. Ja, der sogenannte Alte Basar hat seinen Reiz. Doch der gegenüber gelegene kitschige Springbrunnen färbt ab und lässt die muslimische Altstadt nur wie eine weitere Themenwelt erscheinen.

Ohrid: Die Perle am Ohridsee

Der Ohridsee hingegen hat nicht nur nur Sveti Naum, sondern unter anderem auch die Stadt Ohrid selbst. Beide schreien vielleicht nicht Nordmazedonisch, aber zumindest “Südbalkanisch”. Zwar trieft das Zentrum der knapp 40.000 Einwohner:innen zählenden Stadt ob seiner touristischen Infrastruktur nicht vor wahrhaftiger Authentizität. Doch im Vergleich zu Skopje scheint das Stadtbild Ohrids über die Jahrhunderte gewachsen.

Freund:innen antiker und mittelalterlicher Bauten, orthodoxer Kirchen und osmanischer Architektur könnten in Ohrid wohl Tage damit verbringen, in die Geschichte einzutauchen. Hoch über der Stadt trifft Amphitheater auf Zitadelle, während sich im Stadtgebiet Moscheen und Kirchen in ihrer Anzahl zu überbieten wollen scheinen. Wir jedoch sind bei unseren Spaziergängen immer wieder abgelenkt von den Panoramen über den Ohridsee. Sie halten uns davon ab, allzu viele Fakten aufzunehmen. Ganz besonders heute.

Ohrid Ohridsee
Durchblick auf den Ohridsee an der Kirche Sveti Pantelejmon.
Ohrid Amphitheater
Das antike Theater der einstigen Siedlung Lychnidos wurde mutmaßlich im vierten Jahrhundert vor Christus erbaut.

Uferspaziergang am Ohridsee

Es tröpfelt etwas, als wir am späten Nachmittag am Ufer des Ohridsees entlang spazieren, das in Richtung der pittoresken Kirche des Heiligen Johann von Kaneo hin steil hinab fällt. Doch die lauwarmen Tropfen sind wohl nichts gegen das, was sich da über dem Ohridsee zusammenbraut – sich aber nicht anschickt, sich zu ergießen. Der Himmel scheint stellenweise schwarz. Durch feine Lücken zwischen mächtigen Wolken schimmern die späten Sonnenstrahlen silbern.

Ohrid gefällt uns hier am besten. Das liegt nicht nur am Schauspiel über unseren Köpfen. Immer wieder verläuft die schmale “Promenade” auf Holzstegen, vorbei an Fischrestaurants und winzig kleinen, nicht unbedingt einladenden Stränden. Wenn wir das Ufer kurz verlassen, wachsen hier und da eigentümliche weiße Häuser in die Höhe, die mit jeder Etage breiter werden. Dabei hatten wir damals in Skopje fast schon aufgegeben, in Nordmazedonien jemals auf etwas auch nur irgendwie typisch erscheinendes zu stoßen.

Ein Goldtopf namens Ohridsee

Zwischen blauem Himmel auf der einen und respekteinflößenden Wolken auf der anderen Seite, laufen wir wenig später auf den Mauern der Zitadelle hoch über Ohrid auf und ab. Um das Jahr 1000 unter bulgarischer Herrschaft als Festungsanlage errichtet, bietet sie heute Reisenden einen Rundumblick auf Ohrid, das sich immer weiter ins Landesinnere zu strecken scheint, und den Ohridsee, der die Farbe des Himmels langsam aufzusaugen scheint.

Über uns setzen die Wolken nun doch zu einem Schauer an. Und da sich die Sonne trotz dunkler Wolken in Sicht nicht geschlagen gibt, breitet sich zwischen Stadtzentrum und Ohridsee sogleich ein Regenbogen aus. Unsere Mütter sagten früher immer, dass an ihrem Ende ein Goldtopf warten würde. Von hier oben müssten wir doch eigentlich sogar zwei davon sehen! Vielleicht ist der Ohridsee sowas wie der Goldtopf Nordmazedoniens. Und das ist doch ein viel schöneres Attribut als Disneyland.

Festung des Zaren Samuil
Aussicht von der Festung des Zaren Samuil auf den Stadtkern von Ohrid.
Ohridsee Strand
Der längste Strand der Stadt Ohrid erstreckt sich nördlich der Zitadelle.

In Kürze: Unser 1 THING TO DO in Ohrid

Was? Ein Spaziergang vom Hafen zur Festung des Zaren Samuil – am besten am Abend oder späten Nachmittag.
Wo? Die Strecke nimmt nicht den direkten Weg, sondern führt am Ufer entlang über die sehenswerte Kirche hinauf zur Zitadelle.
Wie viel? Der Eintritt zur Festung beträgt circa 50 Cent pro Person (Stand Mai 2018).
Warum? Um im Blickkontakt mit dem Ohridsee der nordmazedonischen Seele etwas näher zu kommen.

Unsere Erlebnisse am Ohridsee haben wir auch in einem kurzen Video festgehalten. Film ab!

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Anreise zum Ohridsee

Übrigens: Nach Ohrid gelangst du von Skopje aus am besten im Bus (Fahrzeit: circa drei Stunden). Von Albanien aus ist der Weg komplizierter: Wir schlugen uns zunächst mit mehreren (Klein-)Bussen nach Pogradec durch und nahmen von dort aus ein Taxi. Es gibt aber auch Direktverbindungen, etwa ab ↠ Tirana. Erkundige dich am besten vor Ort bei deiner Unterkunft und plane im Zweifel – wie immer in Albanien – etwas mehr Zeit ein, wenn du wie wir öffentliche Verkehrsmittel nutzt.

Westlich des Ohridsees lädt übrigens der ↠ Galičica-Nationalpark mit bis zu 2.255 Meter hohen Bergen zum Wandern ein, wobei wir von dort leider (noch) nicht selbst berichten können. Wenn du wie wir vom Nachbarland Albanien aus zum Ohridsee reist, empfehlen wir dir auch unseren einführenden ↠ Albanien-Reisebericht.

Reisen um zu reisen!
John & Marc

Veröffentlicht oder inhaltlich überarbeitet am:


2 Antworten zu “Ohridsee Reisebericht: Der Goldtopf Nordmazedoniens”

  1. Lieber John, Lieber Marc,
    vielen Dank für den schönen Bericht über Ohrid. Es freut mich sehr, dass es euch gefallen hat. Zu eurer Frage, was denn nordmakedonisch sei, kann ich euch sagen, dass eine solche Bezeichnung nicht benutzt wird im Zusammenhang mit Ohrid. Das liegt daran, dass Nordmazedonien ein künstlicher Begriff ist, den die aktuelle und in ganzem Maße unfähige Regierung gegen jedes bestehende Gesetz geändert hat um der EU zu schmeicheln. Der rechtmäßige Name dieses Landes ist Makedonien. Der Ohridsee ist demnach nicht nordmakedonisch, sondern makedonisch oder höchstens Südwest-makedonisch, da er in diesem Teil des Landes liegt.

    • Danke für deinen Kommentar, Jorgi! Das ist natürlich auch eine politische Diskussion. Uns ging es darum auszudrücken, dass wir in Ohrid bisher am ehesten etwas verspürt haben, was Nordmazedonien – oder wie auch immer man es nennt – mit der Brille zweier Reisender authentisch und unterscheidbar macht, lässt man mal Sprache, Geschichte usw. aus. Es hat uns wirklich sehr gut gefallen am Ohridsee!

      Liebe Grüße
      John & Marc

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