Transformers live: Im Nachtzug von Chișinău nach Bukarest

Zeit für eine Gute-Nachtzug-Geschichte! Um von der Republik Moldau nach Rumänien einzureisen, wählten wir unser persönliches Fortbewegungsmittel der Wahl. Wieso unser Nachtzug von Chișinău nach Bukarest dabei plötzlich zu schweben begann, erzählt dir die folgende Reiseanekdote unseres Balkan-Trips von Kiew nach Montenegro. Geschrieben von John.

Nachzug Chisinau Bukarest

Unterwegs im Nachtzug von Chișinău nach Bukarest, der nach ein paar Stunden zur Schwebebahn mutierte.

Nachtzug von Chișinău nach Bukarest

Allen Unkenrufen trotzend verbrachten wir in Chişinău, der Hauptstadt der kleinen Republik Moldau, eine echt tolle Zeit mit vielen schönen Erlebnissen und netten Bekanntschaften. Irgendwann aber war es allerhöchste Eisenbahn weiterzuziehen – und das im wahrsten Sinne des Wortes. Mit Rumänien stand das nächste Ziel auf unserer Reise von Kiew nach Dubrovnik an.

Wie praktisch, dass es in dem ziemlich mageren Fahrplan des schnuckeligen Hauptbahnhofes Chişinăus eine direkte Verbindung nach Bukarest gab. Das i-Tüpfelchen an dieser Tatsache war dann noch der Umstand, dass es sich bei dieser Verbindung um die uns liebste Art von Fortbewegungsmitteln auf langen Strecken handelte: einen Nachtzug.

Nachtzug Chisinau Bukarest

Die übersichtliche Anzeigetafel im Bahnhof von Chișinău, von wo aus wir per Nachtzug nach Bukarest weiterreisten.

Der Bahnhof von Chișinău

Neben der Linie nach Bukarest kann man vom einzigen Rangierbahnhof Moldaus mit der Eisenbahn immerhin noch nach Moskau, St. Petersburg und zweimal wöchentlich nach Odessa gelangen, sodass die dynamische Anzeigetafel die meiste Zeit über das gleiche ankündigt.

Insgesamt wirkte der Bahnhof sehr sauber und neu. Er machte auf uns den Eindruck, als sei man voller Erwartungen, dass hier bald viel mehr Züge abfahren und unzählige Menschen Bahnsteige und Bahnhofsgebäude säumen. Als wolle man mit diesem Bahnhof zeigen, dass Chişinău und die Republik Moldau auf eine neue Zeit vorbereitet wären. Und doch herrschte an diesem Bahnhof eine unglaubliche Stille und Einsamkeit.

Nachtzug Chisinau Bukarest

Ziemlich tote Hose im Bahnhof von Chișinău, wo rechts bereits der Nachtzug nach Bukarest wartet.

Fast allein im Nachtzug

Diese Einsamkeit sollte sich auch im Nachtzug fortsetzen. Außer uns stiegen nur sehr wenige Leute in die blauen Waggons des rumänischen Zuges ein. Noch fix dem Schaffner die Fahrkarten vorzeigen und dann ab in die Kabine. Vom Nachtzug von Kiew nach Odessa waren wir offen gesagt deutlich mehr Komfort, Reinlichkeit und Freundlichkeit des Personals gewohnt. Allerdings reisten wir dieses Mal auch nicht in der ersten Klasse und das Ticket war mit circa 35 Euro pro Person auch etwas günstiger.

Um Punkt 16:45 Uhr folgte ein lauter Trillerpfeifenpfiff – und der Nachtzug setzte sich allmählich in Bewegung. Also eins muss man den Nachtzügen des Balkans doch lassen, egal wie alt, stickig oder dreckig sie manchmal sein mögen, aber die Fahrt begann in unserem Falle bislang immer pünktlich.

Nachtzug Chisinau Bukarest

Ostblock-Charme weit und breit im Nachtzug von Chișinău nach Bukarest.

Angeheitert nach Rumänien

Da es ja quasi noch mitten am Tag war und über 13 Stunden Zugfahrt vor uns lagen, machten wir uns natürlich schon vorher unsere Gedanken, was wir während dieser langen Zeit machen sollten. Deshalb kauften wir im Supermarkt nahe dem Bahnhof eine Flasche moldauischen Wein sowie ein paar Snacks.

Eben diese wurden nun genüsslich verzehrt, wobei wir uns nach unserem süffisanten Erlebnis im Hostel vom Wein deutlich mehr erhofften. Da andere Fahrgäste zum „Socializen“ fehlten, blieben wir uns selbst überlassen. Wir quatschten, guckten verträumt aus dem Fenster, hörten Musik und nutzten die Zeit, um Einträge in unser Reisetagebuch zu schreiben.

Nachtzug Chisinau Bukarest

Unser Schlafgemach für sechs Personen hatten wir dieses Mal komplett für uns allein.

Eine freundliche Grenzbeamtin

Nach einigen Stunden Fahrt stoppte der Zug plötzlich: Wir waren in Ungheni, dem Grenzort zu Rumänien. Wir standen also kurz vor der Einreise nach Rumänien und somit der Europäischen Union. Nun begann das übliche Prozedere der Grenzkontrollen, die wir sonst in Nachtzügen immer nur im Halbschlaf erlebten, wenn Grenzbeamte inbrünstig gegen die Türen der Abteile klopften und mit geballter Stimme „Passport!“ brüllten.

Dieses Mal sollte es jedoch ganz anders ablaufen. Die Grenzbeamtin war super freundlich, fragte kurz ob wir Zigaretten oder Alkohol mit uns führen würden und wenn ja, wie viel, gab uns den Ausreisestempel und zog grinsend von Dannen. Kurz danach fuhren wir über den Grenzfluss und stoppten erneut.

Übrigens: In unserem Rumänien-Video findest du auch ein paar Sequenzen unserer Fahrt im Nachtzug von Chișinău nach Bukarest.

Plötzlich schwebt der Nachtzug

Dieses Mal kam erneut eine Dame vorbei, die sich allerdings weniger für die Sachen in unseren Rucksäcken als für uns interessierte. Eine Ärztin, die uns fragte, ob wir auch wirklich gesund seien, erlebten wir bisher genauso wenig, wie das, was an diesem Grenzübergang noch folgen sollte.

Denn plötzlich wurde der Zug in der Mitte geteilt. Wir gingen zuerst davon aus, dass nur ein Teil des Zuges bis Bukarest fahren würde. Tatsächlich wurde die zweite Zughälfte allerdings gegenüber abgestellt und begann sich merkwürdig zu erheben. Ganz verdattert beobachteten wir das Geschehen bis uns klar wurde, was da passiert: Die Radsätze wurden ausgetauscht.

Nachtzug Chisinau Bukarest

Wer genau hinschaut, wird erkennen, dass auf diesem Bild irgendetwas nicht stimmt.

Nerds unterwegs

Wir hatten völlig außer Acht gelassen, dass die Republik Moldau als ehemalige Sozialistische Sowjetrepublik mit 1520 Millimetern eine völlig andere Spurweite als das europäische Schienennetz mit seinen 1435 Millimetern hat. Die Waggons transformierten somit vor unseren Augen, in dem die alten Radsätze und Drehgestelle weggeschoben wurden und neue dazu kamen.

Anschließend wurden auch wir angehoben. Parallel dazu machten Rumänische Grenzbeamte einen kurzen Check, erkundigten sich, warum wir einreisen und ließen uns nach ein paar Sekunden auch wieder in Ruhe. Es cool zu finden, wie die Räder eines Eisenbahnwaggons ausgetauscht werden, mag etwas nerdig klingen, aber doch war es, weil völlig überraschend, echt interessant.

Nachtzug Chisinau Bukarest

Blick auf die neuen (oder alten) Radsätze, während unser Waggon quasi in der Luft schwebte.

Ankunft mit flauem Magen

Nach der abgeschlossenen Transformation ging es rasch weiter, und schon bald brach die Nacht an. Vielmehr, als unzählige Versuche bei wackelnden Waggons und immer wieder quietschenden Bremsen einzuschlafen, folgte nicht mehr.

Um viertel vor sechs wurden wir schließlich geweckt, machten uns schnell frisch, zogen uns an und waren, anders als der Ärztin am Grenzübergang versichert, nicht ganz so gesund bereit, Bukarest zu erkunden.

Doch das, liebe Kinder, ist eine andere Geschichte, die wir in unserem Bukarest Reisebericht näher erläutern werden. Auch in der rumänischen Hauptstadt sowie in der Region rund um die Karpaten waren wir ausschließlich mit öffentlichen Verkehrsmitteln unterwegs. Wenn du eher der Typ für einen Roadtrip bist, empfehlen wir dir zur weiteren Lektüren den Gastartikel von puriy unterwegs über ihre Erlebnisse auf Rumäniens Straßen.

Reisen um zu reisen!
John & Marc

2 thoughts on “Transformers live: Im Nachtzug von Chișinău nach Bukarest”

  1. flowerywallpaper says:

    Danke für den guten Bericht samt Fotos. Es gibt auch einen Zug der von Moskau über Wien nach Nizza fährt. Auch da wird das Fahrwerk getauscht…Grüße aus dem Gebirge.

    1. 1 THING TO DO says:

      Das klingt auf jeden Fall auch nach einer spannenden Strecke! Russland müsste zwecks #GoEast eigentlich auch noch seinen Weg auf unseren Blog finden… 😉

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