Havelland: Radtour in die nahe Ferne

In seinen „Wanderungen durch die Mark Brandenburg“ widmet Theodor Fontane dem Havelland im Südwesten Berlins einen ganzen Band. Hier war es vor allem die Landschaft, die den Schriftsteller – für seine Verhältnisse – ins Schwärmen brachte. Zum 200. Geburtstag Fontanes bereisten wir die Region nun auf zwei Rädern. Was vom bescheidenen Zauber des Havellands zwischen Ribbeck im Norden und Schwielowsee im Süden wohl geblieben ist? Geschrieben von John & Marc.

Havelland Radtour
Zwischen Ketzin und Werder an der Havel verläuft der neue Fontane-Radweg auf der Strecke des Havelradwegs.

Enthält Werbung in Folge einer Kooperation mit der Tourismus Marketing Brandenburg GmbH, die uns für zwei Nächte ins Havelland einlud.

Wiste ’ne Beer?

Das Schöne an Brandenburg ist seine Nähe zu Berlin. Am schönsten ist Brandenburg jedoch dort, wo Berlin weit weg wirkt.

Das keine 400 Einwohner zählende Ribbeck ist so ein Ort. Nauen, die nächstgelegene Kleinstadt, erreichst du im Zug zwar in gerade mal einer Dreiviertelstunde ab Berlin-Hauptbahnhof. Trotzdem gelingt es Ribbeck, uns wie im Nu in seiner Aura der Abgeschiedenheit einzufangen – und die Metropole vergessen zu lassen.

Die Geschichte des Herrn von Ribbeck auf Ribbeck im Havelland, dem Protagonisten aus Theodor Fontanes lyrischem Evergreen, hat einen bedeutenden Anteil an dieser Aura. Ohne den Birnen spendenden Ribbeck wäre Ribbeck nicht dieses Ribbeck. Obwohl wir die meisten der 42 Verse vergessen haben, spazieren wir in ihrem Rhythmus durch die leeren Straßen. In unseren Köpfen wird jeder Baum zum Birnbaum. Wer wäre ernsthaft überrascht, wenn hinter der nächsten Ecke ein älterer Herr oder eine ältere Dame fragen würde: „Wiste ’ne Beer?“

Havelland-Radtour: Auftakt in Ribbeck

Das Gedicht Fontanes liegt jedoch nicht nur vage in der Luft: Es gibt auch einige handfeste Berührungspunkte mit ihm im realen Ribbeck, selbst wenn die wenigsten davon authentisch sind. In der kleinen Dorfkirche etwa ist der übrig gebliebene Stumpf von Ribbecks Birnbaum ausgestellt. Die zwei Birnengärten im Dorf wurden dagegen eher aus touristischen Gründen angelegt.

Auch der reichlich gefüllte Picknickkorb vom ↠ Ribbäcker gehört in letztere Kategorie. Wenig überraschend, dominiert auch hier die Birne: zwei Birnenküchlein im Glas, Birnensaft gemischt mit Weißwein, Apfel-Birnen-Saft und natürlich zwei Birnen. In Ribbeck schmecken sie besonders saftig, auch wenn noch längst nicht Erntezeit ist.

Ribbeck Havelland
Picknick für zwei im Pfarrgarten Ribbeck.
Havelland Fontane
Auf Fontane triffst auf einer Havelland-Radtour früher oder später immer.

Vom Weingut an der Loire…

Brandenburg ist das, was du draus machst: Oft sind es einzelne Personen, die einsame Landstriche dank frischer Ideen mit Leben füllen. Es gibt sie auch in Ribbeck. Im ↠ Café Monet serviert der Küchenchef einfach mal Hähnchenbrust mit einer riesigen Portion Erdbeeren. Im Garten davor gibt es Fontane gleich zweimal als Metallkunstwerk zu bestaunen.

Für einen Moment sprachlos sind wir dann auch, als wir unsere Gastgeberin kennen lernen. Wir kommen in einem ehemaligen Kuhstall unter, in dem mehrere Wohnungen sowie ein Bed and Breakfast entstanden sind. Als Stephanie Hoffmann uns begrüßt, ist schnell klar, dass sie keine ursprüngliche Brandenburgerin ist. Dass sie jedoch nach Ribbeck gezogen ist und dafür gemeinsam mit ihrem Mann ihr Weingut an der Loire hinter sich gelassen hat, überrascht dann doch.

Café Monet Ribbeck
Auch mal was wagen: Hähnchenbrust an Erdbeeren im Café Monet.
Havelland Radtour Ribbeck
Der Kuhstall am nördlichen Ende von Ribbeck beherbergt heute Wohnungen und Gästezimmer.

… in Ribbecks alten Kuhstall

Wir gehören zu ihren ersten Gästen in Ribbeck. Noch ist das Gästezimmer nicht vollendet, doch Charme hat es schon jetzt: Die steinerne Decke des kleinen Zimmers – wie auch der ganzen Wohnung – verweist ganz bewusst noch auf die ursprüngliche Funktion des Gebäudes. Vom Garten aus eröffnet sich purste Brandenburger Landidylle. Zur Linken und zur Rechten des Grundstücks befindet sich je ein Storchennest. Pferde warten auf den nächsten Ausritt.

Es sind Orte wie diese, die uns in Brandenburg am liebsten länger verweilen lassen würden. Und doch hat diese Abgeschiedenheit ihren Preis: Der nächste Supermarkt ist zwölf Kilometer entfernt, am Wochenende fährt der letzte Bus nach Nauen um halb sieben, die Küche des Café Monet schließt – als letzte in Ribbeck – um 20 Uhr. Danach? Funkstille. Und so bleibt Ribbeck für die meisten wohl eher Ausflugsziel und Zwischenstopp als Rückzugsort für die etwas längere Auszeit zwischendrin.

Auf dem Fontane-Radweg durchs Havelland

Auch wir verlassen Ribbeck nach einem „Guten Abend“ und einem „Guten Morgen“, um weiter auf Fontanes Spuren durchs Havelland zu reisen. 1873 widmete der Schriftsteller der Region einen ganzen Band seiner Wanderungen durch die Mark Brandenburg. Den Ort Ribbeck erwähnt er darin übrigens mit keinem Wort – das berühmte Gedicht entstand erst 16 Jahre später. Auf unserem Weg liegen mit Werder, Caputh und Schwielowsee jedoch andere Stationen, die Fontane in seinem umfangreichsten Werk beschreibt.

Unterwegs sind wir auf dem ↠ Fontane-Radweg, der erst zum ↠ 200. Geburtstag des gebürtigen Neuruppiners eröffnet wurde. Zumindest auf unserem Teil der Strecke scheint das Jubiläum etwas zu schnell gekommen zu sein: Hinweistafeln und entsprechende Beschilderung entlang der Strecke fehlen komplett. Doch da die neue Route eine Kombination aus bereits bestehenden Radwegen ist, fällt die Orientierung trotzdem leicht.

Fontane-Radweg Nauen
Auf dem Fontane-Radweg zwischen Ribbeck und Nauen.
Fontane-Radweg Nauen
Unsere Havelland-Radtour führte direkt nach Ribbeck durch märkische Idylle.

Havelland-Radtour: Von Ribbeck nach Ketzin

Unsere Radtour durchs Havelland verläuft lange Zeit eher höhepunktarm. Wir fahren zunächst nach Nauen, wo wir uns nahe der schmucken, aber etwas zu ruhigen Altstadt mit Proviant versorgen, und weiter nach Brieselang, Wustermark und Falkenrehde, bis wir schließlich in Ketzin die Havel erreichen. Auf dem dorthin zeigte sich uns das Havelland gleich zwischen Ribbeck und Nauen von seiner schönsten Seite.

Zwei Kuriositäten hatte der erste Teil der Strecke aber doch zu bieten. Zum einen gibt es da Bredow-Luch, einen Weiler mit staubigen Pisten, der uns samt seiner Umgebung für kurze Zeit denken ließ, der Balkan beginne nicht hinter Wien, sondern doch gleich hinter Berlin. Zum anderen verweist nun ein Ortsausgangsschild am Havelufer in Ketzin in Richtung Schmergow, obwohl es dazwischen immerhin die Havel zu überqueren gilt. Der Grund dafür ist „Charlotte“, die ↠ Havelfähre, die Radreisende wie auch Autos von einem Ufer zum anderen schippert. Für uns ist sie wie ein Tor in eine andere Welt.

Havelland Radtour
Ankunft in der Altstadt von Nauen, das dank seines Bahnhofs ein potenzieller Start- oder Zielpunkt deiner Havelland-Radtour ist.
Havelfähre Ketzin
Havel in Sicht: An Bord der Havelfähre „Charlotte“ in Ketzin.

Auf dem Havelradweg nach Werder

Nachdem der Fontane-Radweg auf den letzten Kilometern zumeist an einer Landstraße entlang führte, ist diese nach der Überfahrt ans südliche Havelufer verschwunden. Ein exzellenter Radweg führt von hier auf dem Deich in Richtung Werder: der Havelradweg. Es sind keine fünf Kilometer, bis die saftige Natur von der nächsten kleinen Ortschaft abgelöst wird. Doch die genießen wir.

Zu unserer Linken fließt die Havel an uns vorbei, sofern man bei ihrer Gemächlichkeit überhaupt von Fließen sprechen kann. Bei wolkigem Himmel sind gerade mal so viele Boote auf ihr unterwegs wie Angler auf den nächsten Fang warten. Wir sehen Schwäne, und zu unserer Rechten Kormorane, Graugänse und immer wieder Störche. Die Natur wirkt so intakt, und doch so zerbrechlich. Dazwischen sind wir so groß, und doch so klein. Und Brandenburg, hier bist du so nah, und doch so fern.

Hier könnten auch wir dir ein ganzes Buch widmen.

In Kürze: Unser 1 THING TO DO im Havelland

Was? Eine Radtour auf dem ↠ Havelradweg.
Wo? In diesem Falle zwischen Werder an der Havel und Ketzin – und gerne darüber hinaus. Der Havelradweg führt schließlich weiter über Brandenburg an der Havel ins Westhavelland. Wir kehren garantiert zurück, um weitere Teile der Strecke für uns zu erschließen.
Wie viel? Im Prinzip nichts, siehst du einmal von Proviant, An- und Abreise etc. ab.
Wieso? Um in Brandenburg abermals diese gewisse nahe Ferne zu spüren.

Noch mehr Havelland: Radtour am Schwielowsee

Den dritten Tag unserer Havelland-Radtour verbrachten wir rund um den Schwielowsee, den die Havel im Norden durchfließt. Um an obigem Artikel anzuschließen: An seinen Ufern sind Berlin und Potsdam für unseren Geschmack etwas zu nah, was sich auch ein wenig an der Attitüde der Menschen feststellen ließ. Statt sich über den Besuch der Reisenden zu erfreuen, schienen wir vielen eher lästig zu sein.

Auch wenn das Ufer des Schwielowsees an vielen Stellen entweder wegen Privateigentums oder schlichtweg wegen sumpfiger Gefilde nicht zugänglich ist, gibt es dennoch ein paar Sehenswürdigkeiten, die wir einen Besuch lohnen – und die wir dir an dieser Stelle nicht vorenthalten möchten.

Sehenswürdigkeiten am Schwielowsee

  • Caputh: In seinen „Wanderungen durch die Mark Brandenburg“ bezeichnete Fontane das idyllische ↠ Caputh als „Chicago des Schwielowsees“, ein Verweis auf seine damals aufstrebende Bedeutung als Handelsplatz. Gelegen zwischen Templiner See im Norden und Schwielowsee im Süden, geht es hier im Sommer recht touristisch zu. Im ↠ Schlosspark Caputh kannst du bei einem Spaziergang die Ruhe genießen. Ordentliche Küche in ansprechendem Ambiente bietet das ↠ Fährhaus Caputh.
  • Ferch: Eine willkommene Abwechslung zwischen all dem Radfahren ist eine Wanderung zum ↠ Wietkiekenberg, 125 Meter hoch und damit für Brandenburger Verhältnisse fast schon Hochgebirge. Oben drauf kommt noch ein 55 Meter hoher Aussichtsturm, von dem aus dir der Schwielowsee zu Füßen liegt. Auch den Berliner Fernsehturm kannst du von hier aus bei guter Sicht erspähen.
  • Werder an der Havel: Die sogenannte Obstkammer Berlins kannten wir bisher nur von diversen Ausflügen zum ↠ Baumblütenfest. Entgegen unserer Erwartung, gefällt uns Werder im Trubel des größten Volksfests Ostdeutschlands sogar etwas besser als bei kleinstädtischer Ruhe. Ein Spaziergang auf der Insel lohnt dennoch, rund um das ↠ Fischrestaurant Arielle kommt gar ein Hauch von Streetfood-Ambiente auf. Auf dem Festland überblickt du Werder am besten von der Bismarckhöhe aus.

So ein bisschen ist unser 1 THING TO DO im Havelland lediglich vorläufiger Natur. Denn irgendwie glauben wir, dass es entlang des Havelradwegs in Richtung Westen noch mehr zu entdecken gibt. Auf unserem Blog findest du übrigens noch weitere Ideen für Radtouren in Brandenburg, zum Beispiel den ↠ Oderradweg zwischen Frankfurt und Kostrzyn, den ↠ Nationalpark Unteres Odertal oder den ↠ Hofjagdweg zwischen Berlin und Spreewald.

Reisen um zu reisen!
John & Marc

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Havelland Brandenburg Tipps

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