Gauja-Nationalpark: Lettlands 50 Shades of Green

Auf den ersten Blick könnte der lettische Gauja-Nationalpark als Märchenkulisse dienen. Sanfte Hügel, grüne Wälder und mystische Höhlen lassen hinter mancher Abzweigung gar den einen oder anderen Troll vermuten. Ob die Märchenwelt der sogenannten Lettischen Schweiz letztlich mehr Kulisse denn waschechtes Naturidyll ist, verrät dir unser 1 THING TO DO für Sigulda. Nur einen Katzensprung von Rīga entfernt entführt das beschauliche Städtchen in die kleinen Weiten des Gauja-Nationalparks. Geschrieben von John & Marc.

Gauja Nationalpark

Der Gauja-Nationalpark in Lettland bietet etliche teil kuriose Sehenswürdigkeiten, egal ob in natürlicher oder kultureller Hinsicht.

Im Zug von Rīga nach Sigulda

Langsam aber sicher nehmen wir Abschied von der Mär vom märchenhaften Gauja-Nationalpark. Schon zehn Minuten vor Abfahrt herrscht am Bahnsteig in Richtung Sigulda dichtes Gedränge. Ein Tag in stiller, grüner Natur sollte es werden, analog zu unserem Abenteuer im Aukštaitija-Nationalpark im Nachbarland Litauen. Doch am Bahnhof von Rīga scheitern wir kläglich an der Aufgabe, alle Quechua-Wanderrucksäcke um uns herum zählen zu können. Es sind einfach viel zu viele.

Der Gauja-Nationalpark ist aber auch wie gemacht dafür, während einer Städtereise in die lettische Kapitale ein wenig baltische Natur zu erleben. Nur eine gute Stunde liegt Sigulda, das Tor in die vermeintliche Märchenwelt, von Rīga entfernt. Das Zugticket für eine Fahrt kostet keine zwei Euro. Nicht nur viele Reisende zieht es raus ins Grüne, auch etliche Locals suchen in der Nähe das Weite – Großeltern mit ihren Enkeln, Pärchen im mittleren Alter wie auch ganze Schulklassen. Einsam, so viel steht fest, werden wir uns heute wohl nicht fühlen. Aus der Traum?

Gauja Nationalpark

Aussicht vom Hügel des Tarzāns-Erlebnisparks in Sigulda, wo wir das eine oder andere Mal mit der Sommerrodelbahn ins Tal hinab sausten.

Gauja Nationalpark

Die Burgruine Krimulda befindet sich unmittelbar in der Nähe des gleichnamigen Schlosses auf der vom Bahnhof aus gegenüberliegenden Seite der Gauja.

Ausflugsziel Gauja-Nationalpark

Der Gauja-Nationalpark ist Lettlands ältester. Er wurde 1973 eingeweiht und ist angesichts seiner 920 Quadratkilometer an einem Tag nur in Teilen erkundbar. Wir beschränken uns auf die saftig grünen Landschaften rund um Sigulda, dessen Name alleine schon nach Märchen klingt. Was soll es hier nicht alles zu entdecken geben: Wir lesen von der größten Höhle des Baltikums, von den Ruinen der Burg Krimulda, von einer Seilbahn, einer Rodelbahn und natürlich der Backsteinburg Turaida. All das kannst hier binnen eines Tages für dich entdecken, ohne dich allzu sehr abzuhetzen. Doch wir nehmen natürlich wie immer erstmal einen Umweg.

Am Bahnhof von Sigulda angekommen, vermeiden wir nämlich tunlichst, den Menschenmassen nachzulaufen. Und sind urplötzlich doch ganz für uns allein. Alle, wirklich alle Fahrgäste strömen direkt in Richtung Seilbahn, die von der einen Uferseite der Gauja auf die andere schwebt. Wir hingegen bleiben auf derselben Uferseite und laufen in Richtung Norden, wo uns mit dem Malerberg eine spektakuläre Aussicht über die Hügel des Gauja-Nationalpark erwarten soll. Keine Ahnung, ob sich der Abstecher lohnen wird. Doch unsere Ruhe scheinen wir dort allemal zu haben.

Gauja Nationalpark

Mit bis zu 34 Metern Höhe gilt die Gutmannshöhle im Gauja-Nationalpark als größte Erosionshöhle des Baltikums.

Gauja Nationalpark

Bekannt ist die „Gūtmaņa ala“ bei Sigulda vor allem für ihre „Wandgemälde“, die zum Teil über 400 Jahre alt sein sollen.

Wandern im Gauja-Nationalpark

Am Gästehaus Līvkalns macht sich kurze Verwirrung breit, da von hier aus zwei Wege starten und wir nicht so recht wissen, was uns diese lettischen Worte auf dem Wegweiser eigentlich sagen wollen. Es soll der letzte verwirrte Moment auf unserer kleinen Wanderung im Gauja-Nationalpark sein. Wir biegen nach links ab und erreichen bald eine Treppe, die uns hinab in das Tal der Vējupīte bringen, einem beschaulichen Flüsschen auf dem Weg in die weite Gauja.

Das Tal selbst ist wenig beeindruckend, und so richtig will uns die Abenteuerlust an diesem Tag ohnehin nicht packen. Alles wirkt sehr steril, die Wege geradezu idiotensicher. Welch Unterschied zum Aukštaitija-Nationalpark, wo der Nervenkitzel eben genau darin lag, kilometerweit zu laufen ohne genau zu wissen, ob der gewählte Weg überhaupt der richtige ist. Nein, für erlebnisdurstige Wanderer ist der Gauja-Nationalpark hier nicht gemacht. Vielmehr erinnern wir uns an die Naturlehrpfade unserer Kindheit und Jugend erinnert.

Gauja Nationalpark

Wandern im Gauja-Nationalpark: Das Wegenetz rund um Sigulda macht es schier unmöglich sich zu verlaufen. Allerdings gilt es durchaus die eine oder andere Höhe zu überwinden, in der Regel auf Treppen.

Gauja Nationalpark

Die Vējupīte ist ein kleiner Nebenfluss der Gauja und fließt durch ein mal mehr, mal weniger enges Tal.

Liebe fürs Detail

Wie so oft hilft der Blick fürs Detail, unsere Umgebung richtig schätzen zu lernen. Damit meinen wir nicht unbedingt den ewig langen Wurm, der im klaren Wasser der Vējupīte minutenlang unseren Ekel auf sich zieht. Es sind vielmehr die sanften Sonnenstrahlen, die sich durch die dichten Baumkronen hindurch trauen und die Blätter der Farne wie Scheinwerfer ins Rampenlicht stellen. Es sind diese winzigen Wasserläufe, die an Sandsteinwänden in die Tiefe wuseln, bedeckt von winzigen, maigrünen Pflänzchen.

Da wir unter ferner liefen durch den Gauja-Nationalpark spazieren, haben wir genügend Ruhe, um uns eben diesen kleinen Schönheiten zu widmen – und sie überhaupt wahrzunehmen. Die Petershöhle übrigens, das zweite Ziel unserer Wanderung, ist zwar ein Vielfaches kleiner als die wesentlich stärker frequentierte Gutmannshöhle. Wandmalereien aber gibt es hier ebenso, und dazu beinahe die Garantie, sie für sich alleine entdecken zu können. Heute sind es die Zwerge, die zu glänzen wissen.

Gauja Nationalpark

Farne leuchten im kargen Sonnenlicht, das seinen Weg durch die Baumkronen im Gauja-Nationalpark findet.

Gauja Nationalpark

Kleine Pflänzchen machen es sich auf dem feuchten Sandstein entlang des Weges zur Petershöhle gemütlich.

Malerberg, Sigulda: Lettlands Schweiz

Von der Petershöhle aus kehren wir zurück zur Weggabelung, an der wir zuvor die Vējupīte-Schlucht hinter uns ließen. Nun jedoch laufen wir weiter in Richtung Malerberg, der letzten Station unserer Auftaktwanderung in Sigulda, bevor auch wir das Ufer wechseln und es den anderen Ausflügler:inne:n gleich tun. Auf Treppen geht es für lettische Verhältnisse steil bergauf. Immerhin befinden wir uns in der Lettischen Schweiz, wie der Gauja-Nationalpark mit einem gewissem Augenzwinkern auch genannt wird.

Oben angekommen, erwartet unsere Augen ein schroffer Fokuswechsel – weg vom Klein-Klein, hin zum weiten Panorama über die schier endlosen Grüntöne der sich vor unseren Füßen ausbreitenden Hügellandschaft. Wir sind baff, dass uns das sonst so flache Lettland hier eine beinahe „mittelgebirgig“ anmutende Szenerie präsentiert. Zwischen die hellen Laubbäume mischen sich tannengrüne Nadelbäume. Gemeinsam reihen sie sich dicht an dicht und lassen in der Mitte die engen Schlaufen der Gauja erahnen. Zu unserer Linken erblicken wir die Burg Turaida. Winke, winke! Wir kommen schon noch rüber. Aber erstmal atmen wir tief durch.

Gauja Nationalpark

Blick vom Malerberg über die grünen Hügel im Gauja-Nationalpark.

Gauja Nationalpark

Auf der anderen Uferseite grüßt die Backsteinburg Turaida, die wohl bekannteste Attraktion im Gauja-Nationalpark.

Gauja-Nationalpark: Unser 1 THING TO DO für Sigulda

Was? Eine Miniwanderung vom Bahnhof in Sigulda zum Malerberg.
Wo? Der eigentliche Weg beginnt im Norden von Sigulda beim Gästehaus Līvkalns und führt durch die Vējupīte-Schlucht – mit optionalem Abstecher zur Petershöhle – hinauf zum Malerberg. Dauer: circa anderthalb bis zwei Stunden bei gemütlichen Tempo.
Wie viel? 
Für die Zugfahrt von Rīga nach Sigulda und zurück werden keine vier Euro fällig. • Aktuelle Zugverbindungen
Warum? Um Sigulda abseits des Touristenstroms zu entdecken und dabei sowohl die kleinen Details als auch die kleine Weite der Lettischen Schweiz zu genießen.

Gauja Nationalpark

Keine Sorge: Stille Natur gibt es durchaus auch auf der anderen Uferseite der Gauja zu besuchen. Am besten meidest du die Hauptstraße zur Backsteinburg und nutzt stattdessen die Wege direkt am Ufer.

Gauja Nationalpark

Ein typisches Bild unserer Baltikum-Reise: Der Frühling meinte es sowohl in Litauen als auch in Lettland mehr als gut mit uns.

Gauja Nationalpark

Auch am Ufer der Gauja selbst findest du das eine oder andere Stille Plätzchen. Wie wär’s hier mit einem Picknick?

Abseits von Sigulda hat es der Gauja-Nationalpark übrigens auch schon in unsere Lettland-Reisetipps geschafft, für die wir fünf andere Reiseblogger:innen nach ihren schönsten Reisemomenten in Lettland befragt haben. Schon gelesen? Wenn du auf deinem Baltikum-Trip weitere Naturmomente erleben möchtest, empfehlen wir dir außerdem unsere Reiseberichte aus dem lettischen Kuldīga sowie dem litauischen Teil der Kurischen Nehrung.

Reisen um zu reisen!
John & Marc

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Gauja Nationalpark Lettland

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2 Gedanken zu “Gauja-Nationalpark: Lettlands 50 Shades of Green”

  1. Pingback: Sonntags Top 7 #103 | antetanni sagt was | antetanni
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  3. Sigrid says:

    Ein wirklich sehr, sehr schöner Bericht mit ganz tollen Fotos und schon der Titel ist schon „inspirierend“ 🙂 Aber Grün hat ja wirklich so unglaublich viele Schattierungen und Nuancen – also prima ausgewählt! Dieser Nationalpark ist auf jeden Fall ein sehr guter Tipp!
    Herzliche Grüße, Sigrid

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