Wandern Olymp

Zwölf Götter sollen auf den Gipfeln des Olymp einst gehaust haben. Wenn du die rund 2.900 Meter selbst erwanderst, beseitigst du letzte Zweifel: In dieser unwirklichen Szenerie überlebt nicht einmal Zeus. Aber ob göttlicher Beistand beim Wandern im Olymp nicht vielleicht doch von Vorteil ist? Geschrieben von Marc.

Wanderung zum Olymp: Erster Tag

Litóchoro – Enipéas-Schlucht – Priónia – Refuge A

Den ersten Tag meiner Wanderung im Olymp habe ich hinter mir. Auf 2.082 Metern Höhe erreiche ich die Berghütte Spílios Agapitós. 1.350 Höhenmeter liegen zwischen meinem Startpunkt, der griechischen Kleinstadt ↠ Litóchoro unweit der Olympischen Riviera, und „Refuge A“. Unter diesem Namen ist die bewirtschaftete Hütte mit Restaurant und Schlafmöglichkeiten auf mancher Wanderkarte auch zu finden.

Mir stecken jedoch deutlich mehr Höhenmeter in den Knochen. In der Enipéas-Schlucht führte der gut markierte Wanderweg (E4) gen Olymp ständig bergauf und wieder bergab. Konsequent an Höhe gewann ich erst ab Priónia, wo ein einfaches Restaurant Wanderer:innen bewirtet. Frisch gestärkt lief ich weiter durch Laubwald, später durch immer lichter werdenden Nadelwald. Refuge A zeigte sich erst im letzten Moment des ersten Tages meiner Wanderung im Olymp. Für die 20 Kilometer ab Litóchoro brauchte ich etwa neun Stunden.

Wandern Olymp
Blick in die Enipéas-Schlucht: Am Ortsausgang von Litóchoro sind die Gipfel des Olymp circa 30 Kilometer entfernt.
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Beim Wandern in der Enípeas-Schlucht überquerst du den gleichnamigen Fluss sieben Mal.

Übernachten am Olymp: Hütte Spílios Agapitós

Anderer Wanderer:innen hatte ich auf dem Weg kaum getroffen. In der Enípeas-Schlucht besuchte eine Familie die Höhlenkapelle Agios Dioniyios. Rund um den Parkplatz von Priónia waren ein paar mehr Ausflügler:innen unterwegs. Die meisten reisten mit dem Auto an, schauten sich den Enípeas-Wasserfall an und liefen einmal kurz in die Schlucht hinunter. Zu den Gipfeln des Olymp wollten die wenigsten wandern. Do dachte ich. Die Berghütte am Olymp würde ich heute fast für mich alleine haben.

Denkste. Erschöpft betrete ich Refuge A und setze meinen Rucksack ab. Am rustikalen Empfangstresen frage ich nach einem Bett für die Nacht. Ob ich denn eine Reservierung hätte? Ich habe keine. Denn ich ging davon aus, dass das in Nebensaison nicht zwingend nötig ist. „Das ist schlecht“, entgegnet man mir, „ich habe nicht mal mehr eine freie Notmatratze“.

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Von Priónia aus führt der Europäische Fernwanderweg E4 zunächst über Treppen in Richtung Refuge A am Olymp.
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Am Ende des ersten Tages am Olymp galt es ein relativ steiles Stück zurückzulegen, auf dem Bild bis zur „grünen Kante“.

Refuge A: Ausharren bis Sonnenuntergang

Das kommt unerwartet. Wo kommen all diese Wanderer:innen her? Umkehren könnte ich noch immer. Zumindest nach Priónia, wo noch ein paar Leute zurück nach Litóchoro fahren könnten. Doch was, wenn nicht? Und überhaupt: Das soll es gewesen sein? Ich bin hier, um den Olymp zu besteigen! Ich bleibe hartnäckig. Irgendwo werde ich doch schlafen können. Und wenn es eine knochige Holzbank ist.

Siehe da: Es gibt eine Warteliste. Kann ja sein, dass der eine oder die andere mit Reservierung gar nicht mehr auftaucht. Wissen werde ich das aber erst um 22 Uhr. Solange soll ich ausharren. Und wenn es dann keine freie Matratze gibt? Nun, diese Frage wird mir nicht so richtig beantwortet.

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Abendstimmung an der Berghütte „Refuge A“, wo der erste Teil meiner Wanderung im Olymp sein Ende findet.
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Blick zurück auf den letzten, recht anstrengenden Teil der Wanderung ab Litóchoro zum Olymp.

Warten auf die Warteliste

22 Uhr, das klingt aus der Ferne nicht wirklich spät. Doch vielleicht weißt du aus eigener Erfahrung, wie sehr man sich nach anstrengender Wanderung darauf freut, nach Sonnenuntergang einfach nur ins Bett zu gehen. Okay, ein Bierchen und ein Absacker noch. Aber dann wird es höchste Zeit! Vor allem jetzt im Oktober, wenn die Sonne früh vom Himmel verschwindet. Vor allem hier auf über 2.000 Metern im Olymp, wo die Winde im Herbst auffrischen und die Temperaturen gen Gefrierpunkt sinken.

Fünf Stunden vergehen, in denen ich drei mal zu Abend esse, unnötig Snacks kaufe, Bilder bearbeite und zwei Bierchen trinke. In denen ich hin und her laufe und mir bereits ein inoffizielles Notquartier für die Nacht ausschaue: eine unbequeme Holzbank außer Sichtweite in einer Nebenhütte. Doof nur, dass ich schon vor Sonnenuntergang friere. Meine Kleidung ist auf griechischen Herbst ausgelegt. Also auf deutschen Sommer. Vielleicht wäre es doch ganz nett, im beheizten Gasthaus zu schlafen?

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Im Hintergrund grüßen die Gipfel des Olymp, die auf Refuge A bereits zum Greifen nahe scheinen.
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Während meiner Wartezeit auf Refuge A versuche ich, es mir auf den Holzbänken im Nebenhaus gemütlich zu machen.

Schlafenszeit am Olymp

Es ist 22 Uhr. Die meisten, die ein Bett abbekommen haben, haben sich bereits in ihre Zimmer zurückgezogen. Wie kuschlig warm sie es haben müssen! Die beiden Aufenthaltsräume werden geräumt, Matratzen und Schlafsäcke aus dem Dachboden heruntergereicht. Nach und nach wird die Warteliste abgearbeitet. Ich sitze im Flur auf einem wackeligen Holzklotz und beobachte das Treiben. Langsam wird mir bange. Immer weniger Matratzen sind frei. Inzwischen sind es nur noch drei. Irgendwann schallt es aus dem Nebenzimmer zu mir hinüber: „Marc!“

Selten habe ich mich so darüber gefreut, dass jemand meinen Namen ruft! Ich habe Glück. Sogar ein Schlafsack ist noch übrig! Schnell wird es ruhig im Zimmer. Alle haben das Warten satt. Endlich bekomme ich meinen Schlaf. Matratze statt Holzbank. Glück gehabt.

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Nachdem des Warten ein Ende hat, verbringe ich die Nacht doch noch auf einer Matratze.
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Der zweite Tag meiner Wanderung im Olymp beginnt früh: Die Sonne versteckt sich noch hinter dem Horizont.

Wandern im Olymp: Zweiter Tag

Von Refuge A zum Skala-Gipfel im Olymp

Gegen sechs Uhr klingelt mein Wecker. Wir schlafen im Aufenthaltsraum. Die ersten Wanderer:innen wollen hier bald frühstücken. Kein Problem für mich, denn ich wollte ohnehin zum Sonnenaufgang aufstehen. Nach schnellem Frühstück mache ich mich auf zum zweiten Teil der Wanderung im Olymp, die mich zum 2.866 Meter hohen Skala-Gipfel führen soll. Ich bin der erste, der sich auf den Weg zum Gipfel macht. Natürlich. Wieder werde ich kaum eine Menschenseele entlang der diesmal nur vier Kilometer langen Wanderstrecke sehen, auf der ich allerdings nochmals 800 Höhenmeter zurücklege.

Es dauert eine Weile, bis die ersten Sonnenstrahlen meinen Körper beim Wandern aufwärmen. Doch während ich noch auf sie warte, tauchen sie den Olymp rechts von mir in ein sattes Rotorange. Vier, fünf Minuten dauert das Schauspiel nur. In diesem Moment kann ich verstehen, weshalb diesen Gipfel in der Antike nachgesagt wurde, Heimat der Götter zu sein. Als ich die Baumgrenze hinter mir lasse, hüllt die Sonne das Gestein wieder ins gewohnte Grau.

Wandern Olymp
Als die Sonne über der Enípeas-Schlucht emporsteigt, färbt sich der Olymp für kurze Zeit rotorange.
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Erste Sonnenstrahlen sorgen für den ersehnten Wärmeschub, im Hintergrund grüßen Enípeas-Schlucht und Ägäis.

Besteigung des Olymp: Skala-Gipfel

Die Wanderung von Refuge A zum Skala-Gipfel ist erstaunlich einfach. Zumindest gemessen an unseren Abenteuern im ↠ Kaukasus im Vorjahr. Der Wanderweg ist nicht zu verfehlen. Wenn ich bergauf wandere, dann überwiegend auf gerader Linie. Als ich auf das letzte Stück der Strecke einbiege, bleiben noch immer knapp 400 Höhenmeter zum Gipfel. Ich wandere auf Schotter, umgeben von einer unwirklich kargen Landschaft aus Bergen, die sanfte Wellen schlagen statt kantige Ecken.

Nach knapp zwei Stunden Wanderung erreiche ich als zweiter an diesem Tag den Skala. Ein Koreaner hatte mit mir einen unausgesprochenen Kampf geführt. Ich ließ ihn ziehen, der permanente Höhengewinn ließ mich bald gemütlicher laufen. In insgesamt elf Stunden habe ich 2.500 Höhenmeter zurückgelegt, blicke nun vom Olymp zurück auf Enípeas-Schlucht und Olympische Riviera. In der Ferne erahne ich sogar die ↠ Halbinsel Chalkidikí, über der sich an diesem Morgen Wolken stauen.

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Der Skala-Gipfel rückt langsam näher: Die letzten Meter zu einem der Gipfel im Olymp ziehen sich allerdings.
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Überirdische Kräfte sind zum ganzjährigen Überleben im Olymp sicherlich von Vorteil.

Mytikas: Den höchsten Gipfel des Olymp im Blick

Die Wanderung im Olymp ist meine erste im Hochgebirge, die ich alleine angetreten bin. Niemand zum Späßchen machen oder schweigsamen Beisammensein. Ja, ich habe eine Neigung zu Selbstgespräch und Selbstmusizieren entwickelt. Besonders in der Schutzhütte hätte ich gerne ein vertrautes Gesicht bei mir gehabt. Aber für mich selbst lerne ich, dass ich Abenteuer wie diese auch alleine überstehen kann – auch wenn es mal zwickt oder ein paar Meter zu lange stur bergauf geht. Ich pack das! Ganz ohne göttlichen Beistand.

Die Wanderung auf den tatsächlich höchsten Gipfel im Olymp, den mit 2.918 Metern etwas höheren ↠ Mytikas, schenke ich mir. Ich habe gehört, dass das letzte Stück kein Zuckerschlecken sei. Man solle es besser nicht alleine bewältigen und einen Schutzhelm tragen. Geschenkt. Die Aussicht vom Skala ist quasi dieselbe – und auf dem Mytikas sieht man den Mytikas nicht. „Wieder was geschafft!“, denke ich mir und trete den Rückweg nach Litóchoro an. Göttlich.

Wandern Olymp
Blick vom Skala auf den gegenüberliegenden Mytikas, dem höchsten Gipfel im Olymp.
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Aus der Höhe ist besonders gut erkennbar, wie sich die Enípéas-Schlucht ihren Weg gen Ägäis bahnt.

In Kürze: Unser 1 THING TO DO fürs Wandern im Olymp

Was? Eine Übernachtung in der ↠ Schutzhütte Spílios Agapitós, um den Olymp bei Sonnenaufgang besteigen zu können. Besser nicht ohne vorher einen Schlafplatz zu reservieren.
Wo? Die Schutzhütte (2.082 Meter, geöffnet von Mai bis Oktober, 110 Betten, Platz für Zelte) liegt am Europäischen Fernwanderweg E4, höhentechnisch etwa in der Mitte zwischen Priónia und Olymp-Gipfeln (Wanderroute Teil 1Teil 2). Litóchoro erreichst du in nur etwa einer Stunde mit dem Zug ab Thessaloníki. Da Litóchoro einige Kilometer vom Bahnhof entfernt ist, trampst du am besten oder hältst ein Taxi an. Zugtickets kannst du hier bequem online kaufen.
Wie viel? Der Preis für eine Übernachtung beträgt 13 Euro pro Person (Stand: September 2018).
Warum? Um den Wanderweg zum Olymp im Morgengrauen fast für dich allein zu haben – und zu sehen, wie sich die Gipfel rotorange färben.

Wanderung zum Olymp an nur einem Tag?

Diese Frage habe ich mir im Vorfeld der Reise zum Olymp selbst gestellt. Meiner Meinung nach ist es nur an den längsten Tagen im Jahr und bei ausgesprochen guter Kondition möglich, die gesamte Strecke Litóchoro – Enípeas-Schlucht – Priónia – Refuge A – Skala und zurück zu gelangen (circa 33 Kilometer). Allerdings nur dann, wenn du dich zum Sonnenaufgang auf den Weg machst und auf dem Rückweg von Priónia aus in Richtung Küste trampst. Auch ich kürzte den Rückweg übrigens ab und fuhr nach der Besteigung des Skala per Anhalter von Priónia zurück nach Litóchoro, wo ich mich später am Tag noch an der ↠ Olympischen Riviera abkühlte.

Alternativ kannst du mit dem Auto nach Priónia aufbrechen und von dort aus an einem Tag zu den Gipfeln des Olymp und wieder zurück wandern. Aber mal ehrlich: So einen Sonnenaufgang im Olymp erlebst du auch nicht alle Tage. Und die Enipéas-Schlucht siehst du so auch nicht in ganzer Schönheit.

Weitere Eindrücke meiner Wanderung im Olymp gibt es im Video über meine Reise im Osten Griechenlands. Übrigens inklusive einer Stelle, bei der ich mich selbst noch immer erschrecke:

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Wenn du zum Wandern im Olymp nach Griechenland aufbrichst, ist vielleicht auch die zweitgrößte Stadt des Landes eines deiner Reiseziele. Unser 1 THING TO DO verraten wir dir in unserem ↠ Thessaloníki-Reisebericht. Wenn du es lieber abgeschieden magst, habe ich außerdem noch einen Geheimtipp für dich: Auch auf der hierzulande kaum bekannten griechischen Halbinsel ↠ Pilion südlich des Olymp unternahm ich eine kleine Wanderung.

Reisen um zu reisen!
John & Marc

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