Ulan-Ude: Russlands buddhistisches Gesicht

Wer mit der Transsibirischen Eisenbahn am Ufer des Baikalsees vorbeifahren möchte, macht in der Regel in Ulan-Ude Station. Als ich dies realisierte, musste ich dennoch zur Sicherheit noch einmal auf die Karte schauen. Zu mongolisch klingt der Name – nach Städten wie Nowosibirsk, Krasnojarsk, Irkutsk. Nur circa 200 Kilometer von der mongolischen Grenze überrascht das wenig. Überraschungen jedoch bietet die Hauptstadt Burjatiens allemal. Geschrieben von Marc.

Ulan Ude Burjatien
Buddhistische Kultur in Russland: Der Rinpotsche-Bagscha-Dazan in Ulan-Ude, Burjatien.

Eine burjatische Fata Morgana

Schmutzige Teppichfetzen, leere Farbeimer, Plastiktüten in allen Farben. Dazwischen der Kadaver eines Hundes, lange nicht ausgewachsen und doch schon völlig zersetzt. Ein gefundenes Fressen für Aasvögel. Nur ein paar hundert Meter hinter mir wirbelt eine Windhose Dreck und Staub in die Luft. Es ist eine skurrile Umgebung für eine Wanderung. Aber wahrscheinlich bin ich auch der erste Mensch, der jemals ernsthaft durch diese inoffizielle Müllkippe gewandert ist.

Bald laufe ich querfeldein. Aus der Ferne noch glaubte ich, inmitten der burjatischen Steppe schneebedeckte Hügel zu sehen. Inzwischen aber bin ich ihnen näher gekommen und bemerke, dass der vermeintliche Schnee nichts als eine optische Täuschung war. Stattdessen dürre Nadelbäume, zwischen denen die Wolken schneeweiß schimmerten. Offenkundig bin ich nun endgültig so weit nach Osten vorgedrungen, dass ich keinen Begriff mehr von der Landschaft habe, in der ich mich bewege.

Ulan Ude Burjatien
Müllkippe bei Iwolginsk: Gibt schönere Wanderstrecken.
Ulan Ude Burjatien
Die Hügelkette da hinten war Ziel meiner Spontanwanderung bei Iwolginsk.

Ausflug von Ulan-Ude nach Iwolginsk

Iwolginsk ist eine öde Kleinstadt bei Ulan-Ude, der über 400.000 Einwohner zählenden Hauptstadt von Burjatien. Von keiner der beiden Städte, auch nicht von der Region selbst, hatte ich vor meiner ↠ Russland-Reise jemals etwas gehört. Der einzige Grund, weshalb ich mich an Bord der Transsibirischen Eisenbahn bis hierhin durchgeschlagen habe, ist der Baikalsee. Wäre meine Reise in Irkutsk zu Ende gegangen, wäre ich nicht einen Millimeter an seinem Ufer entlang gefahren. Auf der Strecke zwischen Irkutsk und Ulan-Ude hatte ich hingegen teilweise das Gefühl, vom Zugfenster aus direkt in ihn hinein springen zu können.

Ulan-Ude, und mit ihm Burjatien, das übrigens formell schon nicht mehr zu Sibirien, sondern zum Fernen Osten Russlands zählt, sind somit die größten Unbekannten, mit denen ich bislang Bekanntschaft schließen durfte. Gleich werden sie mich zum ersten Mal überraschen: Als ich die vermeintliche Schneekuppe erreiche, schaue ich vordergründig auf blass grüne, im Hintergrund auf rötlich braune Hügel, auf denen riesige Schatten tanzen. Eine karge Szenerie, und doch voller Schönheit. Keine 200 Kilometer weiter beginnt die Mongolei. Wüsste ich es nicht besser, ich würde behaupten sie von hier aus schon sehen.

Ulan Ude Burjatien
Aussicht nach Süden: In knapp 200 Kilometern Entfernung grüßt die Mongolei.
Ulan Ude Burjatien
Aussicht auf Iwolginsk, das circa 20 Kilometer von Ulan-Ude entfernt ist.

Iwolginski Dazan: Buddhistisches Kloster in Russland

Das eigentliche Ziel meines Ausflugs von Ulan-Ude nach Iwolginsk jedoch ist ein ganz anderes. Es könnte mit der Müllkippe nicht weniger gemein haben. Ihren beißenden Geruch noch in der Nase, fahre ich mit einer Marschrutka ein paar Minuten weiter ins Zentrum des Buddhismus in Russland. Der ↠ Iwolginski Dazan, circa 25 Kilometer von Ulan-Ude entfernt, wurde 1945 mit dem Segen Stalins erbaut, obgleich über 10.000 Burjaten seinem Regime zu Opfer fielen. Dass es Buddhismus in Russland gibt, war mir bekannt. Doch, offen gesagt, hatte ich keinerlei Vorstellung davon.

Die Klosteranlage dient heute auch als Universität und wirkt so, im Zusammenspiel mit den Wohnhäusern der Mönche, wie eine Mischung aus Dorf und Campus – nur eben mit buddhistischem Antlitz. Als ich den Dazan betrete, stechen mir sofort knallrote Gebetsmühlen ins Auge: Wer sie zum Drehen bringt, soll auf gutes Karma hoffen können. Wer braucht das nicht, doch ich halte mich trotzdem zurück. Ich habe zu großen Respekt vor der Religion und will als Laie niemandem vor den Kopf stoßen.

Ulan Ude Burjatien
Schon in den Büschen außerhalb des Iwolginski Dazan wehen Gebetsfahnen.
Ulan Ude Burjatien
Einer von mehreren Tempeln auf der buddhistischen Klosteranlage bei Ulan-Ude.

Tatsächlich Asien: Russland buddhistisch

Der Iwolginski Dazan ist meine erste Begegnung mit dem Buddhismus. Eine Begegnung, die mich beflügelt. Der Spaziergang durch das Kloster macht mir abermals bewusst, welche Strecke ich auf dieser Reise zurückgelegt habe. Knapp 6.000 Kilometer habe ich zwischen ↠ Moskau und Ulan-Ude im Zug zurückgelegt und währenddessen Kilometer für Kilometer bemerkt, wie ich mich nicht nur geografisch von Europa entfernte. Dichter Birkenwald wich karger Steppe, die Menschen sahen immer weniger „europäisch“ aus. Und erst jetzt, umgeben von buddhistischen Tempeln, fühle ich mich endgültig in Asien angekommen.

Das Alles mag offensichtlich klingen. Und wer tatsächlich auf die Idee kommen sollte, von Moskau aus im Flugzeug nach Ulan-Ude zu reisen, wird diesen Wandel ebenfalls spüren. Allerdings denkbar abrupt, von einem Moment auf den anderen. Eine Reise mit der ↠ Transsibirischen Eisenbahn jedoch zeigt die endlosen Nuancen dazwischen. Mit ihr dauert die Reise von Moskau nach Ulan-Ude – ohne Zwischenstopps – mehr als ein Dutzend mal länger. 82 Stunden versus sechs. Die schiere Dauer der Reise schärft die Sinne, schärft den Blick. Im Iwolginski Dazan wird mir genau das zum ersten Mal überbewusst. Ein Gefühl, das noch schöner ist, als den Baikalsee aus dem Waggon heraus im Sonnenlicht funkeln zu sehen. Und dafür sage ich Ulan-Ude danke.

Ulan Ude Burjatien
Palast von Pandito Hambo-Lama Damba Ajuschejew, dem Oberhaupt der Buddhistischen Traditionellen Sangha Russlands (gerne mal laut lesen!).
Ulan Ude Burjatien
Ein knallbunter Wächterlöwe wacht über den Eingang einer der Klostergebäude.

In Kürze: Mein 1 THING TO DO für Ulan-Ude

Was? Einen Ausflug zum Iwolginski Dazan zu unternehmen.
Wo? Iwolginsk erreichst du per Marschrutka ab Ulan-Ude nach circa 40-minütiger Fahrt. Laut diversen Quellen fahren die Marschrutki am Busbahnhof von Ulan-Ude ab, gelegen etwas abseits des Stadtzentrums in Richtung Selenga-Ufer. Ich jedoch wurde von dort aus freundlicherweise zu einem anderen Busbahnhof gefahren, wo ich schließlich in die richtige Marschrutka nach Iwolginsk einstieg. Heißt: Besser vor Ort einmal nachfragen, „Iwolginsk“ versteht glücklicherweise jeder. Von der Endstation aus gelangst du schließlich mit einer weiteren Marschrutka zum Iwolginski Dazan.
Wie viel? Hin- und Rückfahrt kosten zusammen umgerechnet circa zwei Euro (Stand Juni 2018), der Eintritt ist frei.
Warum? Um im Zentrum des buddhistischen Russlands wachgeküsst zu werden.

Ulan-Ude Sehenswürdigkeiten

Die burjatische Hauptstadt Ulan-Ude, deren Bevölkerung heute zu circa einem Drittel aus Burjaten besteht, ist nicht sonderlich reich an Sehenswürdigkeiten. Ein Besuch lohnt trotzdem, und zwar nicht nur wegen der Möglichkeit, am Baikalsee entlangzufahren:

  • Auf einer Erhebung am Rande von Ulan-Ude kannst du mit dem Rinpotsche-Bagscha-Dazan ein weiteres buddhistisches Kloster besuchen. Dieses ist deutlich kleiner als der Iwolginski Dazan, dafür wehen hier umso mehr Gebetsfahnen im Wind, während du den Blick auf Ulan-Ude und die geschwungene Selenga schweifen lässt.
  • Zum Dazan gelangst du mit Marschrutka Nummer 97, die vom zentralen Sowjetow-Platz abfährt (gegenüber vom Hotel Baikal Plaza). Dort findest du auch die bekannteste der Sehenswürdigkeiten in Ulan-Ude: die größte Leninkopf-Statue der Welt.
  • Gleich nebenan tummeln sich an lauen Sommerabenden Skater, Familien und Pensionäre rund um den Springbrunnen am Burjatischen Opern- und Balletttheater. Auf dessen Rückseite hast du einen akzeptablen Blick auf die Unterstadt, den du dir gerne mal mit einem frisch verliebten Pärchen teilst.
  • Durch den eher kümmerlichen Triumphbogen gelangst du in Richtung Süden auf der Lenin-Straße zur Arbat, der Fußgängerzone von Ulan-Ude. Noch weiter südlich kannst du an der Mündung der Uda in die Selenga „im Grünen“ spazieren (nicht zu viel erwarten).

Ulan-Ude ist übrigens auch Station im ↠ Video zu meiner vierwöchigen Reise durch Russland.

Ulan-Ude liegt 15 Stunden Zugfahrt von der mongolischen Hauptstadt Ulaanbaatar sowie zwischen sechseinhalb und neun Stunden von Irkutsk entfernt. Von dort aus kannst du auf deiner Transsib-Reise direkt zum Baikalsee aufbrechen, zum Beispiel zum Wandern nach ↠ Listwjanka oder nach ↠ Olchon, der größten Insel im tiefsten See der Erde.

Reisen um zu reisen!
John & Marc

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Ulan Ude Burjatien

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2 thoughts on “Ulan-Ude: Russlands buddhistisches Gesicht”

  1. Dorie says:

    Wirklich schön geschriebener Artikel! Ich muss gestehen, dass ich gar nicht wusste, dass es ein buddhistisches Zentrum in Russland gibt.
    Liebe Grüße
    Dorie von http://www.thedorie.com

    1. 1 THING TO DO says:

      Russland ist in dieser Hinsicht wirklich sehr vielfältig. Die Republik Kalmückien am Kaspischen Meer ist sogar die einzige Region in Europa, wo der Buddhismus vorherrschende Religion ist. 🙂

      Liebe Grüße
      John & Marc

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