Tirana: Wenn im Regenbogen Farbe fehlt

Immer wenn wir durch unsere Bilder der größeren und kleineren Sehenswürdigkeiten in Tirana stöbern, ist die albanische Hauptstadt plötzlich farbenfroher als wir sie vor Ort erlebten. Hielten wir die Kameralinse allzu oft auf die bunten Ecken Tiranas? Oder war uns der Charme der Stadt vor Ort schlichtweg entgangen? Eine Spurensuche. Geschrieben von John & Marc.

Tirana Sehenswürdigkeiten
Regenbogenfassade im Zentrum von Tirana.

Startpunkt Skanderbeg

Eins vorweg: Im Vergleich zu den Hauptstädten der benachbarten Länder Montenegro und Nordmazedonien erlebten wir Tirana schon vor Ort deutlich mehr als waschechte Hauptstadt. Bei unseren Bummel entlang der wichtigsten Sehenswürdigkeiten wirkte Tirana auf uns lebendiger als ↠ Podgorica, quirliger als ↠ Skopje. Und doch vermochte der Funke zumindest nicht sofort auf uns über zu springen. Warum eigentlich?

Mit dem Skanderbeg-Platz verfügt Tirana über ein Zentrum, das den Namen verdient. Hier beginnt wohl eine jede Entdeckungstour durch die mehr als 400.000 Einwohner zählende albanische Großstadt. Ein gutes Dutzend Straßen findet an ihm sein Ende. Benannt nach dem albanischen Nationalhelden, ist der Skanderbeg politischer und kultureller Mittelpunkt eines ganzen Landes. Das Mosaik auf der Fassade des hiesigen Historischen Nationalmuseums ist der erste Farbtupfer, der sich in unsere Sinne brannte.

Skanderbeg-Platz
Das Shqipëria (zu Deutsch „Albanien“) genannte Mosaik verweist auf die verschiedenen Phasen der Geschichte des albanischen Volks.
Tirana Sehenswürdigkeiten
Die sogenannte Pyramide von Tirana liegt südlich vom Skanderbeg und sollte ursprünglich dem albanischen Diktator Diktator Enver Hoxha gedenken.

Tirana kulinarisch

Zwischen den von Westen her auf den Skanderbeg zulaufenden Straßen Rruga e Durrësit und Rruga e Kavajës tobt das Leben. Für albanische Verhältnisse. Die zahlreichen Cafés sind schon am Vormittag gut besucht. Die einen erinnern an traditionelle Kaffeestuben, während andere auch in Berlin-Mitte stehen könnten. Zumindest gemessen am Angebot veganer Milchsorten.

Wie oft wollten wir auf Reisen schon vergeblich nationaltypische Gerichte probieren? Nicht so in Tirana: Vom Köfte-Imbiss bis zu einfachen albanischen Restaurants machte es uns Tirana einfach, die albanische Küche im Nu kennenzulernen. Nur selten wurde das Gemurmel entlang der Straßen dabei vom Treiben des Hauptstadtverkehrs übertönt. Und dazwischen immer wieder diese farbenfrohen Blickfänger, hier Fassaden in Lachs und Türkis, dort Regenbögen an weißen Hauswänden.

Tirana: Sehenswürdigkeiten mit Vogelperspektive

Das leicht versetzt von der Rruga e Kavajës gelegene ↠ Hostel Albania* fügt sich wunderbar in dieses dynamische Bild ein, das unsere Erinnerung an Tirana heute bisweilen zeichnet. Betrieben von einem Deutschen, der in Tirana sesshaft geworden ist, setzt die mit ein wenig Aussteiger-Romantik gestaltete Dachterrasse der Lebensfreude ein i-Tüpfelchen auf. Natürlich mit Blick auf den Dajti, den 1.613 Meter hohen Hausberg von Tirana.

Dieser bot sich uns auch von der Bar des etwa 70 Meter hohen Sky Towers. Nur dass von Lebendigkeit hier zumindest in den Mittagsstunden noch nicht allzu viel zu spüren war – wir waren die einzigen Gäste. Gleichzeitig ist der Sky Tower Tor ins Ausgehviertel Blloku: Einst von der Öffentlichkeit abgeriegeltes Wohngebiet des kommunistischen Regimes, haben sich zwischen den Villen von einst neue Bars und Cafés niedergelassen. Tagsüber empfanden wir die nördlich gelegeneren Lokale allerdings als etwas einladender.

Muss ja: Tiranas „grüne Lunge“

Der Trubel des Stadtzentrums endet spätestens im südlich gelegenen Großen Park, der wohl grünsten Sehenswürdigkeit in Tirana. Wir betreten ihn auf einem Trampelpfad, der rechts an der Polytechnischen Universität vorbeiführt. Diese liegt wiederum am Mutter-Theresa-Platz, der der berühmtesten Albanerin gewidmet ist und mit roten und gelben Pflastersteinen abermals Farbe ins Spiel bringt.

Der Große Park wurde so geplant, dass auf jeden Einwohner acht Quadratmeter Grünfläche fallen. Durch das Bevölkerungswachstum ist die Pro-Kopf-Fläche mittlerweile zwar auf weniger als ein Drittel davon geschrumpft. Ruhe vom hektischen Stadtleben fanden wir hier trotzdem, wobei dieses „trotzdem“ auch für die Sauberkeit des Parks gilt. Der künstlich angelegte Tirana-See macht in dieser Hinsicht keine Ausnahme. Doch der Anblick jenes grauhaarigen Anglers, der im Minutentakt seine Route ganz gemächlich auswarf, wusste auch so, uns für kurze Zeit in Trance zu versetzen.

Mutter-Teresa-Platz
Bunte Farbenspiele auf dem Mutter-Teresa-Platz, im Hintergrund die Polytechnische Universität von Tirana.
Großer Park Tirana
Reflexionen auf dem Tirana-See, gelegen im Großen Park der albanischen Hauptstadt.

Tirana: Alles so schön bunt?

Eigentlich könnte unser Reisebericht aus Tirana an dieser Stelle dem Ende zu neigen. Doch bis jetzt gibt er nur eine Facette davon wieder, wie wir die albanische Hauptstadt erlebten. Wir könnten Tirana als klassische Lebestadt zeichnen, in der du dich von Café zu Café treiben lässt, Albanien von seiner kulinarischen Seite lieben lernst und auf Streetart-Tour gehst. Doch das ist eben nur ein Teil der Wahrheit.

Tirana ist eine Stadt im Aufbruch, könnte man sagen. Das Viertel Blloku steht symptomatisch dafür, wie sich Albanien Stück für Stück aus den Leiden kommunistischer Diktatur und wirtschaftlichen Chaos heraus kämpft. Ein solcher Aufbruch aber gedeiht in der Regel nur dort, wo zuvor etwas zusammengebrochen ist.

Tirana Sehenswürdigkeiten
Streetart an der Pyramide von Tirana, die wir so in Albanien nicht erwartet hätten.
Tirana Sehenswürdigkeiten
Ganz klar: Tirana kann auch weniger bunt.

Zwischen Armut und dem Grauen der Geschichte

Es sind vor allem zwei Erlebnisse, die unsere Erinnerungen an Tirana weniger farbenfroh malen. Das erste erwartete uns gleich zu Beginn der Reise, als wir in einem Café in der Rruga e Durrësit einen Vormittagssnack zu uns nahmen. Im Minutentakt begegneten uns große Kulleraugen, die um eine Spende baten, um etwas zu Essen, zu Trinken oder einfach ein paar Münzen. Klar, das passierte uns auch in anderen Städten passieren. Doch von da an entdeckten wir Tirana mit dem Bewusstsein im Hinterkopf, tatsächlich durch eines der ärmsten Länder Europas zu reisen.

Das zweite Erlebnis folgte in der Unterwelt Tirana, wo die Ausstellung Bunk’Art 2 in einem ehemaligen Folterkeller der Geheimpolizei Sigurimi auf künstlerische Weise dem Staatsterror im kommunistischen Albanien gedenkt. Die unzähligen kleinen Räume erzählen beklemmende Geschichten, hinter denen nackte Fakten stecken.

Die Suche nach Goldtopf

Besonders bedrückte uns ein Raum, in dem nichts als zwei Stühle und ein klappriger Holztisch mit einer Schreibmaschine standen. Jedes Tippgeräusch schaltete das kühle Licht im Raum ein und wieder aus, als würden im Sekundentakt kleine Blitze einschlagen. Eine Installation, die auf die seelisch brutalen Verhöre der Geheimpolizei verweist. Im Zusammenspiel mit weiteren Räumen macht sie einmal mehr bewusst, wie sehr die albanische Gesellschaft zerrissen und von Misstrauen gezeichnet war, in Teilen vielleicht noch immer ist.

Es sind diese beiden Erlebnisse, die unsere Erinnerung an Tirana zwischen allen Hoffnungsschimmern blasser machen als die bunten Fassaden, die es auf unsere Bilder geschafft haben. Für uns jedoch gehören beide Seiten dazu, um Tirana kennen, verstehen und ja, auch mögen zu lernen. Auch ein blasser Regenbogen bleibt ein Regenbogen. Und Tirana hat die Suche nach dem Goldtopf gerade erst begonnen.

Ein paar der Sehenswürdigkeiten in Tirana haben es übrigens auch in unser Video aus Albanien geschafft:

 

In Kürze: Unser 1 THING TO DO für Tirana

Was? Ein Besuch der Ausstellung ↠ Bunk’Art 2. Zum Weiterlesen empfehlen wir ein Interview, das ihr Direktor Ergys Gezka dem ↠ MDR gegeben hat.
Wo? Am südlichen Ende des Skanderbeg-Platzes, gleich vor dem Nationaltheater (Teatri Kombëtar).
Wie viel? Umgerechnet circa vier Euro pro Person (Stand Mai 2018).
Warum? Um einen ehrlichen und reflektierten Zugang zu Tirana, seiner Geschichte und seiner Gegenwart zu gewinnen.

Einen Überblick auf unsere Reise durch den kleinen Balkanstaat an der Adria bekommst du übrigens in unserem ↠ Albanien Reisebericht. Von Tirana reisten wir anschließend weiter zum ↠ Koman-Stausee und kehrten nach unserer Wanderung von Valbona nach ↠ Theth ein weiteres Mal in die Hauptstadt zurück.

Reisen um zu reisen!
John & Marc

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Tirana Albanien Sehenswürdigkeiten

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2 thoughts on “Tirana: Wenn im Regenbogen Farbe fehlt”

  1. Gjergj says:

    Es gibt in Tirana auch zahlreiche Murals. Damit man alle interessanten Kunstwerke findet, nutzt man am besten den speziellen Online-Stadtpan, mehr dazu hier https://albanien.ch/forum/p3/viewtopic.php?f=3&t=18348

    1. 1 THING TO DO says:

      Danke für den Tipp!

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