Songköl: Kirgisistans mystischer Bergsee

Gelegen auf mehr als 3.000 Metern Höhe, gehört der Songköl zu den begehrtesten Reisezielen in Kirgisistan. Was längst nicht bedeutet, dass die Idylle unter Touristenscharen leidet: Noch immer gibt es Jurtencamps, die versuchen ihre Authentizität zu bewahren. Obendrein schreckt die umständliche Anreise zum Songköl genügend Reisende ab. Zum Glück. Über einen gelungen misslungenen Abstecher zum zweitgrößten See Kirgisistans. Geschrieben von Marc.

Songköl Kirgisistan
Der Songköl ist Kirgisistans größter Süßwassersee.

Die Sache mit der Stutenmilch

Wie schmeckt eigentlich Stutenmilch? Es ist eine jener Fragen, die ich mir vor meiner ↠ Kirgisistan-Reise nie gestellt hatte. Doch plötzlich ereilt mich die Antwort schneller, als ich die Frage in meinem Kopf zu Ende stellen kann.

Das Wetter am ↠ Songköl ist denkbar schlecht. Trotz Sommer herrschen einstellige Temperaturen. Es regnet durchgängig. Und vom See selbst bekomme ich nur dann etwas mit, wenn sich die Wolken, die mitten durch das Jurtencamp ziehen, einen Moment lang auflösen. Ich sitze in der „Küche njurte“ der Familie, die hier während der warmen Jahreszeit Reisende empfängt. Während ich mich an der Feuerstelle aufwärme, reicht mir die Großmutter eine etwas zu große Schale ↠ Kumys. Vergorene Stutenmilch. Na dann wollen wir mal.

Übernachten in einer Jurte
Das Yurt Camp Azamat liegt am Nordufer des Songköl.
Übernachten in einer Jurte
Typisch kirgisische Frühstückstafel im Yurt Camp Azamat.

Muss ja muss ja nicht

Ich wurde nicht so erzogen, dass ich Dinge, von denen ich mich schon vor dem ersten Probieren ekele, von vornherein ablehne. Schon aus reiner Höflichkeit will ich einen Schluck probieren. Auch, um beim nächsten Stelldichein mit Reisenden mitreden zu können. Ich hebe die Schale an meine Lippen, öffne meinen Mund einen winzigen Spalt weit. Doch schon bevor ich zum ersten Mal schlucke, macht sich dieser beißende, etwas mistige Geschmack an meinem Gaumen breit, den ich während meiner letzten Woche in Kirgisistan nicht mehr los werde.

Kumys ist so etwas wie das Nationalgetränk Kirgisistans. Ihm werden gesundheitsfördernde, ja heilende Kräfte nachgesagt. Darauf hatte mich die Tochter der Familie, des Deutschen mächtig, abermals hingewiesen. Doch ich kann gar nicht anders, als den Moment abzupassen, in dem ich unbeobachtet von dannen ziehen kann, um bloß nicht noch die ganze Schale austrinken zu müssen. Nichts wie raus. So viel zum Thema Höflichkeit.

Songköl Kirgisistan
Das Nachbarcamp verschwindet nach und nach in Nebelschwaden.
Jurtencamp Kirgisistan
Auf einem Spaziergang gen Ufer passierst du weitere traditionelle Jurten.

Songköl: Wandern in Wolken

Ich habe Glück. Der Regen am Songköl ist etwas schwächer geworden, für ein paar Sekunden ist der Weg zum Ufer wolkenfrei. Doch als ich mich aufmache, endlich etwas vom zweitgrößten See Kirgisistans zu sehen, fallen bereits die nächsten Wolken die Hänge hinter dem Jurtencamp hinab und holen mich in Windeseile ein.

Egal. Bereits die Anreise zum Songköl erwies sich als strapaziös. Öffentliche Verkehrsmittel hierhin gibt es nicht. In Kotschkor organisierte ich mir tags zuvor einen Fahrer, der mich über eine der drei Passstraßen auf 3.016 Meter Höhe fuhr. Wegen starker Regenfälle war der Pass der Wahl gesperrt, die Ausweichroute ließ uns erst im Dunkeln ankommen. Nun aber bin ich hier und will das Beste aus meinem Aufenthalt machen. Umhüllt vom feuchten Nebel setze ich meinen Spaziergang fort.

Anreise zum Songköl
Anreise zum Songköl am Vorabend.
Songköl Kirgisistan
Auf dem Weg zum Ufer des Songköl: Das Azamat Yurt Camp versteckt sich weiter hinten im Dunst.

Mystischer Songköl

Am Ufer grasen ein paar Kühe, unbeeindruckt vom Wetter, das für sie ohnehin nichts Besonderes darstellen dürfte. Mehr als einmal hatte ich davon gelesen, dass am Songköl zum Teil vier Jahreszeiten an nur einem Tag herrschen. Gestern Abend fielen sogar ein paar Schneeflocken. Nun ist der Herbst an der Reihe. Du musst wohl Glück haben oder einfach Ausdauer, um Songköl bei anhaltend blauem Himmel zu erleben – und vielleicht sogar auf 3.000 Metern Höhe ins denkbar kühle Nass zu springen.

Ein weiteres Mal verzieht sich der Wolkendunst in Richtung andere Uferseite, die ich an diesem Tag nicht auch nur einmal sehen werde. Doch zumindest die Uferlinie am Jurtencamp zeigt sich mir jetzt. Erneut sind es nur ein paar Minuten. Kurz blitzt sogar ein Stück blauen Himmels hervor. Ich finde mich damit ab, den Songköl nur von seiner mystischen Seite kennenzulernen. Auch sie ist wunderschön.

Songköl Kirgisistan
Einen Moment lang zeigt sich die Sonne inmitten dichter Wolken.
Songköl Kirgisistan
Ein Blick von Ufer zu Ufer? An diesem Tag ein Ding der Unmöglichkeit.

Im Zwiegespräch mit der Natur

Ich bin alleine auf weiter Flur, höre lediglich das Säuseln des Windes, der immer wieder auffrischt. Die sanften Wellen, die am Ufer brechen. Die kalten Regentropfen, die um mich herum auf den nassen Boden fallen. Eigentlich wollte ich heute auf einen der umliegenden Hänge kraxeln, um den Songköl aus der Vogelperspektive zu genießen. Doch das Abenteuer würde keinen Sinn machen.

Im Wissen darüber, dass mir nicht mehr viele Momente bleiben würden, versuche ich, die Momente nur so aufzusaugen. Ich setze mich immer wieder nieder, den Blick mal ins Nichts gerichtet, mal in die Ferne, die heute zwangsläufig so nah scheint. Ich könnte fluchen, enttäuscht sein. Doch der Songköl ist selbst unter diesen Umständen von solch einmaliger Schönheit, dass ich jeden negativen Gedanken verdränge. Im Wissen, dass ich eines Tages zurückkehren möchte. Zurückkehren muss.

Songköl Kirgisistan
Der wohl schönste Moments meines Ausflugs zum Songköl.
Songköl Kirgisistan
Während meines Aufenthalts am Songköl zogen die Wolken teilweise dicht am Boden entlang gen Westen.

Und plötzlich Frühling am Songköl

Die nächste Wolkenwand rast auf mich zu, begleitet von einem leichten Donnern. Keine halbe Stunde lang war es mir vergönnt, am Songköl zu spazieren, ehe ich abermals ins Jurtencamp zurückkehre. Inzwischen haben sich drei weitere Deutsche um die Feuerstelle versammelt. Ihren Ausflug zu Pferde müssen sie abbrechen. Zu schlammig, zu gefährlich sind die Pisten.

Unsere Gastgeber bereiten uns eine warme Suppe zu. Sie können nicht mit ansehen, wie wir trotz mehrerer Schichten Kleidung in der Kälte zittern. Wir sind uns fremd. Unsere Leben könnten viel unterschiedlicher nicht sein. Trotzdem fühlen wir uns willkommen, wohl aufgenommen. Und müssen doch bald Abschied nehmen: Der Guide der drei anderen lädt uns in sein Guest House im nicht allzu weit entfernten Kyzart ein. Ein Angebot, dass ich nicht ausschlagen kann. Wir quetschen uns in ein Auto, in dem wir auf holprig nassen Wegen wehmütig abreisen. Und als wir den Pass erreichen, lacht die Sonne vom blauen Himmel.

Songköl Kirgisistan
Plötzlich scheint die Sonne: Aufbruch nach Kyzart.
Songköl Kirgisistan
Unfreiwilliger Fotostopp: An dieser Stelle war unser Wagen bereits zum ersten Mal vom durchweichten Boden überfordert.

In Kürze: Mein 1 THING TO DO am Songköl

Was? Eine (oder mehrere) Übernachtung(-en) im ↠ Azamat Yurt Camp*.
Wo? Das Jurtencamp befindet sich am nördlichen Ufer des Songköl, abseits der touristischeren Camps im Osten und dabei übrigens auch fußläufig – innerhalb einer Tageswanderung – ab Kyzart oder Kilemche erreichbar.
Wie viel? Die Übernachtung im Einzelbett kostet inklusive Frühstück umgerechnet ungefähr sieben Euro. Obendrein kannst du gegen Aufpreis auch Mittag- und Abendessen dazu buchen.
Wieso? Um am Songköl – ganz egal bei welchem Wetter – in herzlicher Atmosphäre bedingungslose Wärme zu verspüren.

Meine Erlebnisse am Songköl kannst du zum Teil übrigens auch im Video zu meiner Reise durch Kirgisistan nachempfinden:

 

Songköl: Praktische Informationen

Anreise zum Songköl

  • Per Fahrer: Am üblichsten ist die Anreise im Auto ab Kotschkor. An der Hauptstraße – in unmittelbarer Nähe zur Marschrutka-Station – gibt es diverse Travel Agencies, die dir auch spontan bei der Suche nach einem Fahrer weiterhelfen können (Fahrtzeit mindestens drei Stunden, circa 50 Euro pro Fahrt). Hierzu solltest du jedoch natürlich nicht zu spät anreisen. Nach Kotschkor gelangte ich im Sammeltaxi ab Balyktschy (circa eine Stunde, umgerechnet circa zwei Euro).
  • Zu Fuß: Im Unwissen darüber, wie realistisch es ist, innerhalb eines Tages zum Songköl zu wandern, zog ich die Anreise per Fahrer vor. Meiner Meinung nach – ich habe es aber, wie gesagt, nicht selbst probiert – sollte es jedoch durchaus möglich sein, ab Kyzart – noch besser ab Kilemche – eine Tageswanderung zum Songköl bzw. zum Azamat Yurt Camp zu unternehmen. In Kyzart gibt es mehrere Guest Houses, von denen aus du im Morgengrauen aufbrechen kannst. Übrigens gibt es auch eine tägliche Marschrutka-Verbindung über Kotschkor nach Bischkek. Am besten vor Ort über Abfahrtszeiten und Kapazitäten informieren.
  • Auf dem Pferd: Was zu Fuß geht, funktioniert natürlich auf dem Pferd. Allerdings solltest du dich um die Organisation hierbei im besten Falle bereits im Vorfeld der Reise, zumindest aber in Bischkek kümmern. Deine Unterkunft kann dir hierbei sehr wahrscheinlich weiterhelfen.

Übernachten in einer Jurte

  • Ähnlich wie in Hostels hast du in den meisten Jurtencamps die Wahl zwischen Einzelbetten in Jurten mit mehreren Betten. Teilweise kannst du auch Jurten als Doppelzimmer buchen. Sollten dir die Standards bei der Recherche etwas zu hoch vorkommen, wäre ich an deiner Stelle vorsichtig: Eine Übernachtung in der Jurte ist kein Luxus. Alles andere wird dir keine authentische Erfahrung bieten – auch wenn die meisten Jurtencamps am Songköl mit Nomadentum ohnehin nicht mehr viel gemein haben.
  • Im Falle des Azamat Yurt Camps gab es eine eigene Jurte für die Mahlzeiten („Aufenthaltsjurte“) sowie eine weitere Jurte zur Zubereitung der Mahlzeiten – durch die Familie.
  • Das Azamat Yurt Camp verfügte obendrein über zwei provisorische Duschen, ein Waschbecken im Freien und sogar eine (Bio-)Toilette mit Spülung – etwas abseits der Schlafjurten gelegen.
  • Es ist – mangels fließenden Wassers – davon auszugehen, dass die Bettwäsche nicht nach jedem Gast gewechselt wird. Ein eigener (Seiden-)Schlafsack im Gepäck ist daher ratsam. Sonderlich kalt sollte es am Songköl auch bei schlechtem Wetter nachts nicht werden: Zumindest im Azamat Yurt Camp waren die Decken sehr dick und mit gut isolierendem Schafsfell gefüllt.
  • Zur Sicherheit kannst du deinen Schlafplatz in einigen Jurtencamps vorab über die gängigen Buchungsportale reservieren. Tipp: Mir wurde im Azamat Yurt Camp mitgeteilt, dass das eigentlich nicht nötig ist – was wiederum mehr Flexibilität bezüglich deiner An- und Abreise ermöglicht.

Nach meinem unerwartet kurzen Aufenthalt am Songköl reiste ich über Kyzart zurück nach Bischkek, von wo aus ich wiederum nach ↠ Osch im Süden von Kirgisistan aufbrach. Von ↠ Sary Mogul aus, einem Weiler unweit der Grenze zu Tadschikistan, hatte ich in puncto Bergsee deutlich mehr Glück, wie du im Artikel zu meiner ↠ Wanderung zum Tulparköl nachlesen kannst.

Reisen um zu reisen!
John & Marc

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Songköl Kirgisistan

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