Von Frankfurt nach Kostrzyn: Schocktherapie Oderradweg

Es gibt wenige Städte in Deutschland, deren Image schlechter ist als das von Frankfurt (Oder). Dass wir für die Kleiststadt an der Grenze zu Polen einmal ein 1 THING TO DO ausrufen würden, hätten auch wir beim besten Willen nicht gedacht. Der Oderradweg, der die Stadt durchquert, zeigt jedoch, dass jede Stadt eine zweite Chance verdient hat. Unser Reisebericht von Deutschlands Ostgrenze beschreibt so auch eine Schocktherapie auf zwei Rädern zwischen Frankfurt und Kostrzyn. Geschrieben von Marc.

Oderradweg Frankfurt Kosztryn

Wir nehmen dich mit auf ein GO EAST! auf zwei Rädern zwischen Frankfurt (Oder) und Kostrzyn.

Nie wieder Frankfurt (Oder)

Keine zehn Pferde würden mich jemals wieder nach Frankfurt bringen. An der dortigen Europa-Universität Viadrina absolvierte ich mein Masterstudium. Das Studium war ansprechend, teilweise hatte ich sogar Kurse in Słubice auf der anderen Seite der Oder. Viele Seminare waren auf Englisch, teilweise auf Französisch. Doch die Internationalität endete an der Ausgangstür der Uni, wo die immer wieder aufblitzende Engstirnigkeit der Frankfurter begann.

Diese Studenten, was wollen die hier überhaupt? Und wenn ich nicht gerade aus der Straßenbahn geschmissen wurde, weil ich alter Flegel mir erlaubte, eine Kugel Eis im tropfsicheren Pappbecher zu essen, suchte ich Zuflucht auf der Insel Ziegenwerder. Hier genoss ich im Sommer die Sonnenstrahlen, die sanfte Oderbrise und den Blick ins nahe Polen.

Frankfurt Oder Ziegenwerder

Blick auf die Insel Ziegenwerder vom Ufer der Alten Oder in Frankfurt.

Frankfurt Oder Ziegenwerder

Auf Ziegenwerder gibt es neben einem Inselbiergarten und zahlreichen Veranstaltungen auch teils unberührte Flecken zu entdecken.

Hummeln im Hintern

In der Tat sind es keine zehn Pferde, die mich zurück nach Frankfurt bringen. Es ist der Frühling. Zum ersten Mal in diesem Jahr sind mehr als 20 Grad angesagt. Die Vorfreude auf einen Hauch von Sommer ließ mich Pläne schmieden, Berlin in Richtung Brandenburg zu verlassen. Nur wohin?

Eine Sache hatte mich während meines Studiums in Frankfurt dann doch gereizt. Während ich meine Pausen – und es waren viele Pausen! – auf Ziegenwerder verbrachte, zog die Oder vor meiner Nase unaufhaltsam in Richtung Norden weiter. Doch wohin fließt sie genau? Und wie sieht es in diesem unbekannten Landstrich nördlich von Frankfurt eigentlich aus?

Frankfurt Oder Slubice

Von der Südspitze Ziegenwerders aus überblickt man die Uferlinien Frankfurts (links) und Słubices (rechts).

Frankfurt Oder Ziegenwerder

Ziegenwerder lohnt in jedem Falle einen ausgiebigen Spaziergänge für all jene, die die Ruhe lieben.

Ungewollte Nostalgie

Die Entscheidung war gefallen: Ich kehre zurück nach Frankfurt, um dem Flusslauf entlang der deutsch-polnischen Grenze mit dem Fahrrad zu folgen. Ein GO EAST! auf zwei Rädern also. Und eine Schocktherapie gegen meine Abneigung zu Frankfurt obendrein. Da trifft es sich gut, dass der Oder-Neiße-Radweg die Stadt durchquert und die nächst größere Stadt mit einer Bahnverbindung zurück nach Berlin nur 32 Kilometer entfernt liegt: Kostrzyn.

Zugegeben, ein bisschen nostalgisch zumute wird mir schon, als ich mein Fahrrad an der Viadrina abstelle, durch Frankfurt streife und natürlich nach Ziegenwerder zurückkehre. Der Himmel blau, die Sonne heiß, erscheint mir die Stadt zwischen zwei Ländern plötzlich gar nicht mehr so hässlich. Mit den Augen eines Reisenden nehme ich Marienkirche, Rathaus und Kleistmuseum ganz anders war als mit den Augen des miesepetrigen Studenten.

Frankfurt Oder Oderturm

Der knapp 89 Meter hohe Oderturm ist eines der Wahrzeichen von Frankfurt (Oder).

Frankfurt Oder Marienkirche

Die St.-Marien-Kirche wurde innerhalb eines Zeitraums von 250 Jahren im Mittelalter gebaut.

Oderradweg ab Frankfurt (Oder)

Als ich unter der Stadtbrücke nach Słubice hindurchfahre, habe ich meinen Frankfurter Horizont bereits überschritten. Viel weiter hatten mich meine zwei Studentenbeine damals nicht getragen. Warum auch? Ich war jeden Tag aufs Neue froh, so schnell wie möglich nach Berlin zurückzukehren. Am liebsten wäre ich eigentlich gar nicht erst losgefahren in dieses furchterregende Frankfurt (Oder).

Der Oderradweg – bzw. genau genommen der Oder-Neiße-Radweg – führt mich zunächst durch trostlose Gewerbegebiete. Die Oder ist auf den ersten Kilometern fast verschwunden. Was wird das werden? Am Ende habe ich morgen den Muskelkater meines Lebens – das Fahrrad stand seit einem halben Jahr im Keller – und hätte nichts weiter gesehen als die Gartenzwerge, die ab und an aus einem Kleingarten grüßten.

Frankfurt Oder Street Art

In den Gassen rund um die Europa-Universität Viadrina kann man in Frankfurt sogar ein wenig Street Art entdecken.

Frankfurt Oder Altbauten

Farbenspiel in der Frankfurter Fischergasse unweit des Oderufers.

Freiheit in den Oderwiesen

Nach 15 Minuten jedoch lassen mich selbst die Gartenzwerge allein. Frankfurt könnte ich per Schulterblick noch erspähen, doch meine Augen schauen nur noch nach vorn und saugen die Panoramen nur so auf. Den Oderradweg verlasse ich kurzerhand, um durch die Oderwiesen zu radeln. Ganz plötzlich fühle ich mich so unerwünscht wie ein Student in Frankfurt, als ein paar Schwäne und Enten hastig die Flucht vor mir ergreifen. Dann eben nicht!

Eine gute Stunde vom Berliner Hauptstadttrubel entfernt bin nun voll und ganz der Einsamkeit ausgeliefert. Ein Gefühl der Freiheit macht sich breit. Ich beginne leise zu summen. Hört ja keiner, außer den Schwänen und Enten – und die quaken auch nicht schöner. Hier gibt es gerade nur mein Fahrrad, die Oder und mich. Eine Wonne. Und genau das, wonach ich in Brandenburg immer wieder suche.

Frankfurt Oder Oderradweg

Ob man die Oderwiesen nördlich von Frankfurt mit dem Rad durchqueren kann, hängt vom aktuellen Wasserpegel der Oder ab.

Frankfurt Oder Oderradweg

Scheinbar gemächlich fließt die Oder ab Frankfurt weiter in Richtung Lebus und Kostrzyn.

Lebuser Oderberge

In Richtung Lebus wird der Weg zunehmend anstrengend. Als er schließlich verschwindet und ich mich mit dem Fahrrad durch feuchtes Gras quäle, verrät mir ein verwirrter Blick in Google Maps, dass ich mich verfahren habe. Muss ja mal passieren auf so einer Radtour. Ich befinde mich auf einer langgezogenen Oderhalbinsel, die zur Einbahnstraße wird. Also geht es ein ein paar Kilometer zurück – durchs feuchte Gras.

Als ich den richtigen Weg finde, darf ich mein Fahrrad schieben. Durch Sandboden. Die nassen Räder freuen sich. Es beginnt das beschwerlichste Stück in Richtung Kostrzyn: Bevor ich im Oderbruch Einkehr halte, heißt es die Oderberge vor Lebus zu erklimmen, die über dem Grenzfluss thronen, mich letztlich jedoch mit einer schweifenden Aussicht belohnen. Der Oderradweg regiert mit Zuckerbrot und Peitsche.

Frankfurt Oder Oderradweg

Und plötzlich steht da eine Sanddüne. Das ehemalige Preußen wurde ja nicht umsonst als Sandbüchse Friedrich des Großen bezeichnet.

Oderberge Lebus

Auf dem Weg durch die Oderberge vor Lebus gibt es immerhin den einen oder anderen Hügel zu überwinden.

Das Oderbruch, ein Binnendelta

Als ich Lebus erreiche, bemerke ich erstaunt, dass ich mich nun nicht nur auf dem Oderradweg, sondern auch auf dem Jakobsweg bewege. Als Station auf meiner Route ist Lebus selbst nicht weiter auffällig. Doch ich kann mir vorstellen, dass sich hier wunderbar in einem der Ferienhäuschen ausspannen lässt. Freiheit tanken eben.

Die verbleibenden 25 Kilometer nach Kostrzyn führt mich der Weg über den Oderdeich, der das Oderbruch vor Überschwemmungen schützt. Das Oderbruch ist ein sogenanntes Binnendelta, wobei ich bis dato nicht einmal wusste, das diese Landschaftsform existiert. Obwohl die Ostsee noch über 150 Kilometer entfernt ist, befinde ich mich hier nur knapp über dem Meeresspiegel. In diesem Kessel fühle ich mich gleich noch viel einsamer.

Oderradweg Oderbruch

Nach Lebus bietet das Oderufer einige schöne Plätze zur Stärkung zwischendurch.

Oderradweg Oderbruch

Ein Hauch von Auenlandschaft gibt es hin und wieder auf der anderen Seite des Oderradwegs zu entdecken.

Oderradweg Oderbruch

Ein Schäfer führt seine Schafe zum Oderufer und sorgt so für etwas Trubel im stillen Nichts.

Auf Schotterpisten durch Kostrzyn

Nach ziemlich genau drei Stunden erreiche ich Kietz, jenem Teil des früheren Küstrin, der westlich der Oder liegt und nach 1945 „deutsch“ geblieben ist. Ich entschließe mich, auf dem Weg nach Osten nicht nur die Oder, sondern auch die Warthe zu überqueren, die hier in den dem deutsch-polnischen Grenzfluss mündet.

Sobald ich in Kostrzyn eine der asphaltierten Hauptstraßen verlasse, heißt es mein Fahrrad durch löchrige Staubwege zu navigieren. Es zieht mich hinab zur Warthe, von wo aus ich mich am Ufer entlang zum Nationalpark Warthemündung durchschlängeln möchte. Doch anders als die Oder führt die Warthe Hochwasser und zwingt mich Mal ums Mal über Schotterpisten zurück ins Stadtzentrum. Der Uferweg ist schlichtweg überschwemmt.

Kosztryn

Noch eine der angenehmeren Schotterpisten im polnischen Kostrzyn, die jede Federung testen.

Kosztryn Warthe

Irgendwo unter dem Wasser liegt wohl ein Uferweg, der zum Nationalpark Warthemündung führt. Schön wär’s gewesen.

Nationalpark Warthemündung

Nachdem meine Federung gehörig ins Schwitzen gelangt ist, finde ich ebenso schweißgebadet den Eingang zum Nationalpark Ujście Warty. Auch hier führt ein auf einem Deich angelegter Radweg durch die grüne Landschaft, die gen Süden in weiten Teilen von den Wassermassen der Warthe überflutet ist – was übrigens für weite Teile des Jahres gilt.

Rechterhand ragen dicke Baumstämme aus dem Wasser, während ich aufpassen muss, auf dem Radweg keine Eierschalen zu überfahren. 260 Vogelarten gibt es im Nationalpark Warthemündung, 170 davon brüten hier. Die Natur hat sich hier ein kleines Paradies geschaffen. Als Mensch fühle ich mich deshalb völlig fehl am Platz. Alle fünfzig Meter scheuche ich Höckerschwäne, Reiher, Schwarzhalstaucher oder Enten auf, die hektisch von dannen ziehen. Ich kehre um und lasse ihnen ihre Freiheit.

Nationalpark Warthemündung

Im Nationalpark Warthemündung verhindert ein Deich die weitere Überflutung der Landschaft und schafft gleichzeitig Platz für einen Radweg für Besucher.

Nationalpark Warthemündung

Nördlich der Warthe mäandert ein Nebenfluss ein wenig einsam vor sich hin.

Nationalpark Warthemündung

Mal wieder verhindert der hohe Warthepegel einen längeren Spaziergang am Ufer.

Nationalpark Warthemündung

Vereinzelt zeigt sich, dass der Nationalpark Warthemündung so einigen Vogelarten Unterschlupf bietet.

Festung Küstrin: Eine vergessene Stadt

Bevor ich die Heimreise antrete, entdecke ich auf einer Landzunge zwischen Oder und Warthe eine vergessene Stadt. Umschlossen von den Mauern der ehemaligen Festung Küstrin befand sich hier einst die Altstadt des heutigen Kostrzyn, die im Zweiten Weltkrieg dem Erdboden gleichgemacht wurde. Heute sind lediglich Teile der Festungsanlage rekonstruiert und locken ein paar Besucher von beiderseits der Oder an.

Es ist befremdlich, durch die überwucherten Ruinen einer aufgegebenen Stadt zu laufen, die nicht etwa vor einigen hundert oder tausend Jahren einmal existierte, sondern vor gerade einmal 70 Jahren. Großväter und Großmütter haben hier ihre Kindheit verbracht. Ich erkenne die Grundmauern ganzer Straßenzüge, erkenne Bordsteine, Gullydeckel, Kellerfenster. Mich beschleicht ein beklemmendes Gefühl, die Schande unserer Zivilisation zu sehen, die ganze Ortschaften ausgelöscht hat.

In diesem Moment sehne ich mich zurück nach dem Gefühl der Freiheit, das auf dem Oderradweg in mir aufstieg. Und beginne leise zu summen.

Festung Küstrin

Einige Festungsmauern zeugen noch heute von der Geschichte der Landzunge zwischen Oder und Warthe.

Festung Küstrin Berliner Tor

Das Berliner Tor als Nordeingang zur Landzunge wurde inzwischen renoviert.

Festung Küstrin

Ein gemütlicher Bummel durch die ehemaligen Straßen und Gässchen der aufgegebenen Altstadt schärft das Auge für deren Überbleibsel.

In Kürze: Unser 1 THING TO DO für Frankfurt (Oder)

Was? Schwing dich auf dein Fahrrad und entdecke die Oderlandschaft nördlich von Frankfurt. Dort gibt es das Ziegenwerdergefühl in XXL.
Wo? Auf dem Oder-Neiße-Radweg in Richtung Kostrzyn schlängelt sich die Oder besonders imposant durch die Landschaft – zwischen den Oderwiesen nördlich der Kleiststadt und Reitwein südwestlich von Kostrzyn.
Wie viel? Für die Zugfahrten von Berlin nach Frankfurt sowie von Kostrzyn zurück nach Berlin solltest du mit bis zu 30 Euro pro Person inklusive Fahrradkarte rechnen.
Warum? Um in der Einsamkeit das Gefühl der Freiheit wiederzufinden.

Manchmal liegt das Reiseglück vor der Hautür – und manchmal genügt es, altbekannte Orte mit dem Blick eines Reisenden zu durchstreifen, um den Alltag zu vergessen. In diesem Sinne passt unser Ausflug auf dem Oder-Neiße-Radweg zwischen Frankfurt und Kostrzyn bestens zu unserer Blogparade rund um das Reisen #vorderHaustür. Du bist auf den Geschmack gekommen und würdest am liebsten sofort auf zwei Rädern losdüsen? Der Reisebericht zu unserer Spreewald Fahrradtour sorgt zumindest vorübergehend für Ablenkung.

Reisen um zu reisen!
John & Marc

5 thoughts on “Von Frankfurt nach Kostrzyn: Schocktherapie Oderradweg”

  1. Robert Piotrowski says:

    Bitteeeeeeeeeeeeeeee kein Ń bei KostrzyN. Bittttttttttttttteeeeeeeeeeeeeeeeee

    1. 1 THING TO DO says:

      Danke für den Hinweis! Wir hatten vorher noch einen anderen Hinweis zwecks Schreibweise bekommen, aber diese letztlich verschlimmbessert… 😉 Liebe Grüße!

  2. Tine says:

    Die Fotos sehen ja traumhaft aus. Die Oder ist wirklich ein Geschenk fürs Auge. Auch sehr schön geschrieben. Ich bin auch bereits auf dem Oder-Neiß-Radwegs weiter nördlich geradelt, fand es aber ehrlich gesagt etwas langweilig. Vielleicht hatte ich einfach nur Pech mit dem Streckenabschnitt. Es waren auch echt viele Radler unterwegs und es war sehr windig auf dem Deich. Da war ich dann froh als der Radweg dann Richtung Hinterland abbog.

    1. 1 THING TO DO says:

      Danke dir, Tine! 🙂 In unserem Falle waren wir montags unterwegs, das hat sicherlich dazu geführt, dass auf der gesamten Strecke nur drei, vier Fahrräder unterwegs waren. Und es war eben noch recht früh im Frühling. Wo genau warst du unterwegs? Wir wollten eigentlich auch noch mal durch den Nationalpark Untereres Odertal radeln. Liebe Grüße!

      1. Tine says:

        Ich bin von Neulewin bis Neuglietzen entlang der Oder geradelt, dann weiter nach Bad Freienwalde. http://www.unterwegsinberlin.de/brandenburg/radtour-brandenburg-guestebieser-loose-oder-nach-bad-freienwalde-tag-2 Oh ja der Nationalpark Unteres Odertal steht auch noch auf meiner Liste. Hach Brandenburg hat so schöne Eckchen. Samstag geht’s übrigens von Berlin nach Frankfurt Oder mit dem Rad.

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