Chisinau Reisebericht: Die hässlichste Stadt der Welt?

Wer im Netz nach der moldauischen Hauptstadt stöbert, findet einige vernichtende Kritiken. „Chișinău has no reason to exist“, lautet eine der Bewertungen. Und natürlich darf die größte Stadt Moldaus auch in vielen Top-10-Listen der hässlichsten Städte der Welt nicht fehlen. Diese Meinungen hinderten uns nicht daran, uns selbst ein Bild von Chișinău zu machen. Unser Chișinău Reisebericht zeigt dabei auch die Schönheiten einer hässlichen Stadt. Geschrieben von Marc.

Chisinau Reisebericht

Chișinău Reisebericht: Hässlichkeit ist subjektiv, nicht wahr?

Ein misslungener erster Eindruck

Unser Chișinău Reisebericht beginnt mit einer wenig freundlichen Begrüßung. Wir erreichten die moldauische Hauptstadt gegen zehn Uhr am Abend. Rubens, der Betreiber unseres Hostels, hatte im Vorfeld empfohlen, per Taxi vom Busbahnhof im Süden zu unserer Bleibe zu fahren. Vier Euro sollte der Spaß laut ihm kosten. Es wurden zehn. Pro Person. Wenn sich da mal nicht jemand hat schön abzocken lassen.

Wir kamen in Chișinău – sprich: „Kischinau“ – mit Erwartungen an so tief wie der Mariannengraben. Wer nach der 700.000 Einwohner zählenden Metropole googelt, bekommt auf Anhieb nichts als weiße sozialistische Plattenbauten angezeigt. Und mit der Abzockaktion im Taxi hatte die Stadt den ersten Eindruck schon mal gründlich versaut.

Chișinău Reisebericht

Die Plattenbaudichte Chișinăus hat ihren Grund: Im Zweiten Weltkrieg wurde die Hauptstadt Moldaus fast vollständig zerstört.

Chișinău Reisebericht

Der Wiederaufbau Chișinău folgte ab der Ära Chruschtschow dem typischen sozialistischen Städtebau.

Chișinău Reisebericht: Everything is beautiful

Im Hostel angekommen, sollte unser Gastgeber dieses durch und durch negativ gefärbte Bild gehörig durcheinander wirbeln. Wir hatten gerade unsere Betten belegt, als wir Rubens nach der besten Verbindung nach Orheiul Vechi fragten, einer historischen Stätte rund 50 Kilometer nordöstlich der Stadt. Doch anstatt auf meiner Google-Maps-Karte einfach Hostel und Busbahnhof zu markieren, setzte der kleine, wuselige Italiener zu einem nicht enden wollenden Loblieb über Chișinău an.

Am Ende seiner Schwärmerei hatte Rubens rund 30 Orte auf meiner Karte markiert, die wir unbedingt sehen müssten. Eines hatten sie alle gemeinsam: Sie seien „beautiful“. Der mickrige Triumphbogen im Stadtzentrum? Beautiful. Die optisch alles andere als auffällige Kathedrale der Geburt des Herrn? Beautiful! Das vor sich hin siechende Gebäude des Nationaltheaters? B – E – A – U – T – I – F – U – L!

Einiges zu berichten also für unseren Chișinău Reisebericht, und die meisten Tipps von Rubens überprüften wir in der Tat auch auf ihre Schönheit.

Ist nicht unbedingt eines jener Wahrzeichen mit dem „Wow-Effekt“: Die Kathedrale der Geburt des Herrn ist dennoch Moldaus wichtigste Kirche.

Von wegen beautiful

Von so viel Euphorie angesteckt, machten wir uns noch in der Nacht auf den Weg zu einem kleinen Stadtbummel. Als wir schließlich zum ersten Mal vor dem Triumphbogen standen, mussten wir dann doch ein wenig schmunzeln. Nicht nur ist dieser für ein Symbol des Sieges (!) mit nur 13 Metern Höhe ziemlich klein ausgefallen (sein Pendant in Paris misst immerhin 50 Meter). Noch dazu war der „Heilige Bogen“ kreuz und quer mit billigen Lichterketten Marke Euroshop behangen.

Auf dem Bulevardul Stefan cel Mare si Sfint, quasi der moldauischen Variante der Champs Elysées, wehten im nächtlichen Straßenlicht die Mülltüten im Wind. Leere Plastikflaschen drehten einsam ihre Runden. Die „Prachtstraße“ Chișinăus sollten wir auch noch einige Male im Tageslicht betreten. Ihre Bodenplatten sind zu einem großen Teil brüchig oder nicht mehr vorhanden. Und so stolperten wir auf staubigem Sand oder Kiesel in Richtung Triumphbogen. Viel „beauty“ is’ da nich’. Aber wer sagt, dass Schönes immer schön sein muss?

Ein bisschen schief, aber das passt ins Bild: Der kleine Triumphbogen von Chișinău bei Nacht.

Hauptstadt der Wehmut

Moldau Hauptstadt sollte noch einige weitere ziemliche deprimierende Erlebnisse für unseren Chișinău Reisebericht liefern. Vom Hauptbahnhof aus etwa fahren unter der Woche gerade einmal fünf Züge pro Tag ab. Die digitale Anzeige kann ebenfalls nur die nächsten fünf Züge anzeigen, sodass sie von montags bis freitags nicht einmal aktualisiert werden muss. Und das in einer Hauptstadt!

Wer vom Bahnhof in Richtung Stadtmitte spaziert, passiert die provisorischen Stände armer Trödler. Sie verkaufen ramponierte Einzelteile von Haushaltsgeräten, alte Fernbedienungen, rostige Schrauben und Muttern sowie die eine oder andere blecherne Büste Lenins. Weiter im Osten verfällt ein Zirkusgebäude aus Sowjetzeiten. Eine Bildmetapher: Früher zur Bespaßung des Volkes gebaut, steht es heute für die Wehmut, die das Stadtbild Chișinăus laufend auf uns ausstrahlt.

Die geschäftige Anzeigetafel im Hauptbahnhof von Chișinău.

Verkauft sich nur zögerlich: Krimskrams aus einer Zeit, in der Chișinău noch Hauptstadt der Moldauischen Sozialistischen Sowjetrepublik war.

Melting Pot Chișinău

Um den Grund dafür zu finden, dass diese Stadt uns dennoch in bester Erinnerung bleiben wird, müssen wir in unserem Chișinău Reisebericht noch einmal einen Schritt zurück gehen. Dabei tauchen wir inmitten in der Stadt in eine völlig andere Welt ein, nämlich in das Ionika Hostel – während unseres Aufenthalts quasi ein Melting Pot der Kulturen.

Ihrer Lage hat es Moldaus Hauptstadts zu verdanken, dass sich hier Backpacker der besonderen Art aus aller Welt treffen. Wie auch wir reisen die meisten von ihnen weiter nach Odessa oder Bukarest, nach Kiew oder in die rauen Berglandschaften Rumäniens. Chișinău wird so zur Durchgangsstation für etliche Weltenbummler, die sich in der Küche des Ionika Hostels treffen und ihr Butterbrot schmieren.

Welcome to Ionika! Im Ionika Hostel im Zentrum Chișinăus treffen sich gemütliche Backpacker aus aller Welt.

Best of Ionika Hostel

Ein paar wenige Beispiele für jene sonderbaren Reisenden, deren Geschichten wir vor Ort begegneten:

  • Während wir mit Rubens, den zwei üblichen Australiern und einem in Liebeskummer ertrinkenden Deutschen das eine oder andere Glas Rotwein schlürfen, betritt nach Mitternacht ein schmal gewachsener Mann aus China den Raum. „Just a quick soup“, säuselt er. Er wird jedoch noch drei (!) Stunden in der Küche stehen und Gemüse für seine „Energy Soup“ schnippeln, wie Rubens sie taufte. Das macht er nämlich schon seit zwei Wochen. Jede Nacht. Unermüdlich.
  • Bei dieser Gelegenheit erzählt uns Rubens von einem anderen „Asian Guy“, der es einmal drei Wochen in seinem Hostel ausgehalten hat. Drei Wochen in der hässlichsten Stadt der Welt? Irgendwas muss Chișinău also doch zu bieten haben. Nachdem er das Hostel verlassen hatte, traf Rubens ihn auf der Straße wieder. Er war nur in ein anderes Hostel gezogen und brauchte dringend mal einen Tapetenwechsel.
  • Einer der beiden Australier war bereits zum zweiten Mal in Chișinău zu Besuch. Beim ersten Mal absolvierte er hier einen einjährigen Freiwilligendienst und freute sich, als Rubens seinen damaligen Lieblingswein aus seinem privaten Zimmer holte. Der ziemlich süße, hochprozentige „Cahor“ aus den Weinbergen Moldaus sollte uns später noch zum Verhängnis werden. Kopfschmerzgarantie!
  • Ein anderer Italiener lebte einige Monate mit seiner Frau in Bangkok, wo er Eismaschinen verkaufte. Auch ein schöner Job. Am besten daran gefiel ihm, dass hinter seiner Bleibe ein Stripclub war, von dem seine Frau natürlich nie erfuhr. Er gab uns noch den Tip, dass wir besser aufpassen sollten, auf Pirsch vor Ort nicht an einen Ladyboy zu geraten. Er hatte offensichtlich Erfahrung.

Schon wunderlich: Inmitten der kleinen Republik Moldau trafen wir auf Weltenbummler mit den unterschiedlichsten Hintergründen und Geschichten.

Chișinău Nachtleben

Nachdem all diese (und noch viel mehr Geschichten) erzählt und einige Flaschen Rotwein getrunken waren, hatte Rubens – nachdem er schon kurz weggetreten war – nichts Besseres vor, als uns das wilde Nachtleben von Chișinău zu zeigen.

Als arrogant-verwöhnte Party-Berliner ahnten wir Schlimmes. Es war mittwochs. Es war drei Uhr nachts. Es war f*cking Chișinău! Und tatsächlich landeten wir in einem ziemlich fragwürdigen Club namens Military Pub, auf dem ein rumänischer Hiphopper auf einem echten Panzer rappend die jungen Chicas zum Kreischen brachte. Immerhin war die Rum-Cola billig. 

Da ist er wieder: Glanz und Gloria am Triumphbogen von Chișinău.

Das Hostel macht die Reise

Es ist die alte Geschichte: Ein gutes Ho(s)tel kann den hässlichsten Ort der Welt vergolden! In unserem Fall war das Ionika ein klarer Glücksgriff – und das nur eine Nacht, nachdem wir in Odessa für 3,75 Euro pro Nacht im Hostel des Grauens verbracht hatten. Ruben hat es geschafft, inmitten einer Stadt, die in der Tat nicht allzu viel zu bieten hat, einen familiären Ort der Harmonie zu gestalten, der die Latte für folgende Hostelbesuche sehr, sehr hoch setzen sollte.

Und so geschah es auch, dass wir unseren letzten Tag in Chișinău nicht alleine, sondern mit einem ziemlich liebenswerten „Jafa“ verbringen durften. Das ist die Abkürzung für „just another fucking Australian“, wie sich die weltreisenden Australier selbst ironischerweise nennen. Dabei entstanden folgende Aufnahmen, mit denen wir uns aus Chișinău verabschieden.

Unser Fazit: Wer Chișinău eine Chance gibt, wird sehen, dass Hässlichkeit und Schönheit eben wirklich subjektiv sind – und dass man sich mit der richtigen Unterkunft und vor allem mit den richtigen Leuten eigentlich überall auf der Welt eine schöne Zeit machen kann. Selbst in Chișinău.

Hat doch was, oder? Der niedliche Glockenturm zwischen Triumphbogen und Kathedrale der Geburt des Herrn.

An die Leiden des Zweiten Weltkriegs erinnert das Second World War Memorial. 1939 lebten 65.000 Juden in Chișinău, 53.000 davon fielen den Nazis zu Opfer. Die Stadt verlor damals drei Viertel ihrer Wohnfläche – neben Luftangriffen lag dies übrigens auch an einem starken Erdbeben.

Ein kleines Stück Heimat in Chișinău: 1.510 Kilometer war die deutsche Hauptstadt in diesem Moment entfernt.

Zirkusfiguren am verfallenden Gebäude des ehemaligen moldauischen Staatszirkus.

Das Zirkusgebäude ist leider nicht mehr zugänglich, für Freunde von „abandoned places“ aber dennoch einen Besuch wert.

Ein bisschen Street Art geht immer, auch in Chișinău. Hier in einer proeuropäischen Variante.

Sowjetcharme in Reinkultur: Im Cosmos-Hotel kannst du tatsächlich noch ein Zimmerchen buchen, davor präsentiert sich ein sowjetischer Oberbefehlshaber auf seinem Gaul.

In Kürze: Unser 1 THING TO DO für Chișinău

Was? Übernachte im Ionika Hostel nahe des Stadtzentrums – und nein, für diese Empfehlung erhalten wir nicht einen müden Pfennig.
Wo? Die genaue Adresse lautet Strada Mihail Kogălniceanu 58. Die Hausnummer muss man leider ein wenig suchen, aber dafür gibt es direkt nebenan ein leckeres und günstiges mediterranes Restaurant.
Wie viel? Ein Bett im gemischten 6-Personen-Schlafsaal kostet etwa sieben Euro pro Person und ist damit durchaus erschwinglich. Es gibt auch Doppelzimmer für die ganz Scheuen unter euch.
Warum? Um inmitten der Stadt die ganze Welt zu finden – und vielleicht sogar die perfekte Begleitung für deine Erkundungstour durch Chișinău.

Auf unseren Chișinău Reisebericht folgt schon bald Bukarest, der nächsten Station unserer Reise von Kiew ins montenegrinische Kotor. Die rumänische Hauptstadt erreichten wir übrigens mit einem der fünf Züge, die unter der Woche den Hauptbahnhof von Chișinău verlassen. Weitere ungewöhnliche Reiseziele stellen wir dir auch im Rahmen unseres Projekts GO EAST! vor: Reiseziele in Osteuropa neu entdecken.

Reisen um zu reisen!
John & Marc

5 thoughts on “Chisinau Reisebericht: Die hässlichste Stadt der Welt?”

  1. Äquilibrist says:

    Hi ihr,
    also wirklich schön verfasster Artikel, ich musste einige Male schmunzeln.
    Besonders gelungen auch das Fazit:)
    LG, Monique

  2. Maria says:

    Okay… Ich werde Chişinãu definitiv nicht besuchen 😉 aber euer Bericht von der Stadt und dem Flair der Stadt ist sehr interessant. Von der kleinen Hauptstadt wusste ich so gut, wie nichts.
    Viele Grüße
    Maria

  3. goldeneslichtimzimmer says:

    Herzlichen Dank, Ihr Beiden, für den amüsanten Beitrag! Ich werde die Stadt nicht auf meine travel-Liste setzen, aber habe nun einen wundervollen Einblick erhalten! Gute Reise weiterhin!

  4. antjesoasis says:

    Danke für den Einblick nach Chișinău – und ja, wer sucht, der findet etwas Schönes …. Und es sind ja fast immer die Menschen und Erfahrungen, die einen Ort zu etwas Besonderem machen, oder eben auch nicht!! Aber das Leid nicht zu den schönsten Städten zu gehören, teilen ja die meisten postsozialistischen Städte, zumindest in gewissen Ecken, wo der Krieg zu viel zerstört hat. Und wenn ich manchmal durch meine Heimatstadt laufe, denke ich das auch, obwohl Berlin natürlich auch super schöne Ecken hat : )

  5. Wolfgang Stoephasius says:

    Servus! Zur Ergänzung zu eurem wieder ausgezeichnet gestalten Blogbeitrag, will ich euch einen Teil des Entwurfes zu meinem Buch „In 70 Jahren um die Welt“, der aus Platzgründen nicht untergebracht werden konnte, nicht vorenthalten:
    Moldawien, drei Länder in einem Staat: Als passionierter Reisender werde ich immer wieder gefragt, in welchem Land es mir am besten gefallen hat und werde mit Unverständnis bedacht, wenn ich antworte, dass ich diese Frage nicht beantworten kann. Vor einigen Jahren war meine Antwort die, dass ich die Frage zunächst ins Gegenteil verkehrte und meinte, am wenigsten hätte es mir in Moldawien gefallen. Irgendwann habe ich dann aber irgendwo gelesen, dass man dorthin, wo man sich nicht wohl gefühlt hat, nochmals zurückkehren sollte. Das habe ich mir zu Herzen genommen.
    Mit dem Zug fahren Renate und ich im Sommer 2010 von Bukarest nach Chisenau, die Hauptstadt von Moldawien. Dort bin ich bei der Reise vor sechs Jahren auf eine ganze Menge unfreundlicher Menschen getroffen und wollte nun sehen, ob dieser Eindruck ein subjektiver war. Unsere erste Begegnung mit einer Moldawierin findet gleich im Zug statt und die Schlafwagenschaffnerin scheint die Vorurteile von damals zu bestätigen, sie ist wirsch und unhöflich. Am Bahnhof finden wir einen Taxifahrer, der seinen Job ordentlich macht, freundlich ist und uns nicht über das Ohr haut. Das vorab im Internet gebuchte kleine Hotel entpuppt sich als eine Unterkunft, die ausschließlich von jungen Frauen geführt wird. Hier fällt uns gleich auf, wie modisch sich die Damenwelt kleidet, manchmal vielleicht etwas „billig“. Das hübsche schlanke Mädel, welches uns beim Gepäck hilft, trägt Stöckerl, also High Heels, von gefühlten 30 Zentimetern, 12 werden es allemal sein. Höflich lehne ich es ab, dass sie unsere Koffer über die Treppe in den zweiten Stock trägt, muss ich doch befürchten, dass sie sich mindestens einen Knöchel bricht. Gleich beim ersten Spaziergang stellen wir fest, dass nicht nur die Mädels in unserem Hotel, sondern die jungen Frauen generell nahezu durchwegs hübsch und überschlank sind, weil sie sich ganz offensichtlich kaum etwas zu essen gönnen und ihren Verdienst in Mode investieren. Die jungen Männer haben es eher mit der Technik, Kleidung ist da weniger wichtig. Liegt in Rumänien der monatliche Durchschnittslohn bei 350 Euro, sind es hier nur 80. Da wundern wir uns schon, welche Luxusschlitten in den Straßen unterwegs sind. Obwohl Rumänisch Staatssprache ist, reden die meisten Leute Russisch oder Ukrainisch, für uns ist da kein Unterschied zu erkennen. Inschriften auf Schildern sind meist auf Kyrillisch. Mit der Freundlichkeit habe ich nun offensichtlich doch mehr Glück. Es gibt zwar immer noch einige Ignoranten, die meisten von ihnen russischsprachig, aber im Großen und Ganzen sind die Leute hilfsbereit, oft zurückhaltend, das hängt aber sicher mit den Sprachproblemen zusammen. Man mag es glauben oder nicht, in dieser Gegend wird ein vorzüglicher Wein gekeltert, einst kamen die Vorzugsweine der Sowjetunion von hier. Schon bei meinem letzten Aufenthalt wollte ich die Weinkeller der Kelterei Cricova besichtigen, dort soll es 120 km unterirdische Gänge voller Wein geben. Damals ging es nicht, weil ich der einzige Interessent war. Dieses Mal können für die nächsten Tage keine Buchungen entgegengenommen werden, weil die Führungen völlig ausverkauft sind. Die Leute von dieser Firma tragen die Nase ganz schön hoch, geben keine Antwort, ob wir vielleicht auf die Warteliste kommen könnten. Also beschließe ich, auf eigene Faust eine Kellerei zu suchen. Nach Recherchen im Internet fahren wir für einen lächerlichen Betrag mit einem klapprigen Bus in das Dorf Cojuschna und irren herum, bis wir endlich mit der Hilfe von Dörflern, welche unserer Zeichensprache folgen können, den Weg zur Weinkellerei finden. Das Anwesen wirkt verwaist und heruntergekommen. Pech gehabt, denken wir. Drei Männer, die mit Dachdeckerarbeiten im Nachbarhaus beschäftigt sind, fuchteln mit den Armen herum, klettern herunter und führen uns in den Garten des verwahrlosten Geländes. Eine Dame im schwarzen Cocktailkleid mit den üblichen gefühlten 30-cm-Stöckerln kommt, öffnet eine Sesam-Öffne-Dich-Geheimtür und wir landen in einem riesigen Keller in dessen Gängen angeblich eine Million Weinflaschen lagern. Die Firma produziert nicht mehr, aber die Weine werden weiterhin vermarktet, darunter jahrzehntealte Köstlichkeiten. Bei der Probe bekommen wir Weine kredenzt, die teilweise 35 Jahre alt sind und auch entsprechend schmecken, also „oideln“, wie wir Bayern sagen würden. Unsere Führerin spricht nur Russisch oder vielleicht auch Ukrainisch, Fachwörter aus der Weinwelt sind irgendwie international und wir können ihren Ausführungen recht gut folgen. Wann hat man die Gelegenheit kilometerweit durch Gänge voller verstaubter Weinflaschen zu spazieren und in einem prunkvollen steinernen Saal in welchem auch schon Putin bewirtet wurde auf edlen Massivholzstühlen edle Tropfen zu verkosten?
    Während unseres Aufenthaltes ist Nationalfeiertag angesagt mit viel Musik und noch mehr herausgeputzten Mädels. Am 27. August 1989 hat sich Moldawien von der UdSSR losgesagt. Es ist das ärmste Land Europas mit seinen 5,5 Millionen Einwohnern auf einer Fläche von der Größe von Oberbayern. Ein Jahr nach der Unabhängigkeit begann der Bürgerkrieg, der bis 1992 dauerte und viele Opfer forderte. Die Teilrepublik Transdnjestr mit 550 000 Einwohnern wollte selbstständig werden, ist es defacto nun auch mit einer eigenen Währung, einem Rubel der außerhalb des Landes wertlos ist, und einer eigenen Armee. Dort müssen wir natürlich hin und nehmen den öffentlichen Bus. An der sogenannten Grenze werden wir behandelt wie zu den schlimmsten kommunistischen Zeiten mit Einreisebeamten von denen wir nur die Hände sehen, weil sie ihre Gesichter hinter Einwegspiegeln verstecken. Tiraspol, die Hauptstadt, strotzt vor Armut mit seinen heruntergekommenen Wohnhäusern, aber wartet mit einem riesigen Paradeplatz, der mit Fahnen behängt ist, auf. Die Menschen feiern in den nächsten Tagen 20 Jahre Unabhängigkeit. Unvorstellbar bei einer greifbaren Armut ist, dass wir an einem Tag fünf Stretchlimousinen, jede wohl 12 Meter lang, sehen. So viele bekommen wir in der sogenannten Schicki-Micki-Stadt München in einem ganzen Jahr nicht zu Gesicht. In einem Park steht ein russischer Panzer zu welchem Brautpaare pilgern, um sich fotografieren zu lassen. Braut, Bräutigam und Hochzeitsgesellschaft in die neueste Mode gekleidet. Angeblich kontrolliert eine einzige Mafiafamilie das Leben im Land, verdient ganz offensichtlich mit Menschenhandel, Drogen und Geldwäsche recht gut.
    Ein weiterer Ausflug führt uns nach Süden und zwar in die autonome Teilrepublik Gagauzia mit einer türkischsprachigen russisch-orthodoxen Minderheit. Die Leute dort haben wenigstens kein eigenes Geld und Grenzkontrollen gibt es auch keine. In der „Hauptstadt“ Comrat treffen wir in der orthodoxen Kathedrale auch auf eine Hochzeit, bescheiden und ohne Stretchlimousinen, Brautpaar und Gäste sind nicht so aufgedonnert wie in Tiraspol.

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