Bukarest Reisebericht: Warum diese Stadt eine Zumutung ist

Manche Städte sind einfach eine Zumutung. Wieso gerade die rumänische Hauptstadt unsere Gehirne an die Grenzen ihrer Aufnahmefähigkeit brachte, erzählt dir unser Bukarest Reisebericht. Dabei erwartet dich eine Stadt, die uns süchtig nach Überraschungen machte und darüber hinaus ein ziemlich konzeptloses 1 THING TO DO bereit hielt. Geschrieben von Marc.

Bukarest Reisebericht

Unser Bukarest Reisebericht nimmt dich mit auf eine Reise durch die Architekturgeschichte der rumänischen Hauptstadt.

Auch mal ausschlafen

Morgens halb zehn in Bukarest. Ein Krug süßer Honig-Zitronen-Limonade schießt genüsslich durch rote Strohhalme in unsere gierigen Mäuler. Die jungen Sonnenstrahlen zwicken unsere müden Gesichter wach. Und wir, wir gönnen uns die Welt und genießen nach sehr, sehr langer Nacht ein Lachsfrühstück im Viertel Lipscani. Der Lachs frisch, das Baguette knusprig, der Meerrettich scharf. Unsere Sinne leben noch!

Sehr, sehr lang war die Nacht nicht wegen irgendwelcher Alkoholeskapaden wie in Chișinău, sondern wegen gewisser Magenprobleme. Das Trinkwasser in der Ukraine oder in Moldau hatte uns zu schaffen gemacht. Unsere Körper signalisierten am Vortag, dass sie so gar keine Lust auf einen ewigen Erkundungstrip haben. Also hieß es für uns, um 18 Uhr zu Bett zu gehen und anschließend ganze 14 Stunden zu schlafen.

Bukarest Reisebericht

Die kulinarische Basis für unseren Bukarest Reisebericht: Lachsfrühstück mit hausgemachter Limonade.

Bukarest Lipscani

In den Gassen des Altstadtviertels Lipscani weht unserer Meinung nach ein Hauch von Budapest.

Ein Stückchen Budapest in Bukarest

Unser ausgiebiges Frühstück in den wie leer gefegten Gassen des Leipziger Viertels (Lipsca bedeutet zu Deutsch „Leipzig“) schafft die Grundlage, das vermisste Reisegefühl nach einem Tag des Unwohlseins wieder aufleben zu lassen. Da passt es gut, dass Lipscani für einen neuerlichen Aufbruch zur Erkundungstour ziemlich perfekt gelegen ist.

Seinen Namen verdankt das Altstadtviertel deutschen Händlern, die hier einst Waren aus Leipzig verkauften, darunter Goldschmiede, Hutmacher, Schuster und Sattler. Wir dagegen würden Lipscani eher „Budapester Viertel“ taufen, da Bukarest uns hier ein wenig an die ungarische Hauptstadt erinnert. Einen kleinen Street Food Markt gibt es hier genauso wie etliche Cafés und Bars, die am Abend aus allen Nähten platzen. Auch die Architektur erinnert uns an das Jüdische Viertel in Budapest.

Bukarest Food Hood

#BUCHAREST: Leider gelang es uns nicht, auf dem Food-Hood-Gelände einen Imbiss zu uns zu nehmen.

Bukarest Leipziger Viertel

Das Leipziger Viertel wird derzeit herausgeputzt, lädt aber jederzeit zum ausgiebigen Schlendern und Ausgehen.

Eine wahnwitzige Idee

Vielleicht kommen wir deshalb auf die wahnwitzige Idee, von hier aus das ehemalige Jüdische Viertel von Bukarest ausfindig zu machen. Wahnwitzig deshalb, weil die Stadt im 20. Jahrhundert einen solchen architektonischen Wandel hinter sich hat, dass es ziemlich naiv anmutet, einen Distrikt aus der Vergangenheit überhaupt ausfindig machen zu können.

Im Zweiten Weltkrieg ließen erst Amerikaner und Briten und später die Nazis ihre Bomben über Bukarest fallen. Viele historische Gebäude des früheren „Paris des Ostens“ wurden dabei zerstört. Um dem anschließenden Wohnungsmangel entgegenzuwirken, setzte die kommunistische Staatsführung ein umfassendes Wohnungsbauprogramm in Gang. 1977 schließlich erschütterte ein Erdbeben Bukarest, das weitere Teile der historischen Bausubstanz zerstörte.

Bukarest Lipscani

Nur wenige Straßenzüge im Bukarester Zentrum zeugen von der Vorkriegszeit, wie hier in Lipscani.

Piața Unirii Springbrunnen

Leere Springbrunnenanlage an der Piața Unirii, dem Platz der Einheit.

Städtebau frei nach Schnauze?

Der rumänische Diktator Ceaușescu nutzte die neuerlichen Zerstörungen dazu, einen radikalen Umbau der Innenstadt voranzutreiben. Große Teile der ehemaligen Altstadt wurden durch kolossale Bauten nach seinem Geschmack ergänzt. Paradebeispiel hierfür ist der Parlamentspalast, eines der flächenmäßig größten Gebäude der Welt. Einst als „Haus des Volkes“ erbautet, nannte die Bevölkerung diesen (Erzählungen nach) irgendwann „Haus des Sieges über das Volk“.

Die Bukarester Innenstadt ist noch heute geprägt von Ceaușescus monumentalem Größenwahn, wobei der Lack an vielen Stellen längst wieder ab ist. Der skurril anmutende Architekturmix wird komplettiert durch moderne Bürohochhäuser, die scheinbar ohne viel Konzept dorthin gebaut werden, wo halt gerade noch Platz ist.

Budapest Parlamentspalast

Dem Parlamentspalast (Grundfläche: 65.000 Quadratmeter) wichen in den 70er Jahren 40.000 Wohnungen sowie einige Kirchen und Synagogen.

Bukarest Architektur

Alt trifft neu: Auf einen solchen Architekturmix triffst du in der Bukarester Innenstadt immer wieder.

Jüdisches Viertel Bukarest

Das besagte Jüdische Viertel ist ein weiteres Exempel dafür, wie stark sich Bukarest in den vergangenen Jahrzehnten verändert hat. Inmitten eines grauen, verfallenden Plattenbaublocks steht das (während unserer Reise geschlossene) Jüdische Museum, das in einer an sich sehenswerten Synagoge untergebracht ist. Wenige Meter zuvor marschierten wir orientierungslos um eine riesige Baugrube, über der ein dunkler, gläserner Gebäudekomplex in die Höhe ragte.

Bevor wir die alte Schneider-Synagoge überhaupt entdeckten, spazierten wir außerdem entlang zweigeschossiger Altbauten, die mal renoviert, mal teilrenoviert, mal scheinbar kurz vorm Zusammenbruch die Gassen zieren. Wo Mülltüten im Wind wehen, stoßen wir Sekunden später auf die prächtige Biserica Sfântul Gheorghe Nou, auf deren etwas befremdlich anmutende Malereien wir an dieser Stelle nicht eingehen.

Bukarest Jüdisches Museum

Das Jüdische Museum Bukarest ist im Templul Unirea Sfântă untergebracht – umgeben von einem tristen Plattenbau.

Biserica Sfântul Gheorghe Nou

Malereien an der Biserica Sfântul Gheorghe Nou. Das nicht-religiöse Auge kommt hier ein wenig ins Grübeln.

Süchtig nach Überraschung

Für unsere Augen sind die radikalen Brüche im Bukarester Stadtbild eine Zumutung, wobei „Zumutung“ in diesem Falle nicht negativ belastet ist. Nach Chișinău – Sozialismus quasi überall – und Odessa – bunte Bröckelaltbauten an jeder Ecke – müssen wir uns an den ausufernden Stilmix der Bukarester Innenstadt erst gewöhnen.

Es ist spannend, hier von einer Straße in die nächste abzubiegen und nicht zu wissen, was uns dort erwartet. Bei diesem Gedanken kommt uns in den Sinn, wie wir uns an den wunderschönen Grachtenhäusern in Amsterdam irgendwann satt gesehen hatten. Wenn man so will, ist es in Bukarest genau umgekehrt: Je mehr wir uns verirren, desto süchtiger werden wir nach der Überraschung.

Bukarest Architektur

Mancherorts überragen moderne Hochhäuser den Bukarester Architekturmix.

Bukarest Street Art

Bukarest zeigte sich uns nicht als florierende Street-Art-Metropole. Doch es müssen ja nicht immer ganze Fassaden bemalt werden.

Heile Welt am Stadtrand

Nach dem architektonischen Hin und Her im Zentrum von Bukarest zieht es uns am Nachmittag „raus ins Grüne“. Am Stadtrand winden sich einige Seen schlaufenartig durch Rumäniens Kapitale. Der dort gelegene Herăstrău-Park ist mit seinen Laufwegen und Kinderaugen, die entweder freudig strahlen oder schreiend weinen, die typische „grüne Lunge“ einer Großstadt.

Wir schwingen uns aufs Rad und fahren durch die heile Welt von Bukarest. Dabei umrunden wir den Herăstrău-See, dessen Bäume am Ufer in der heißen Sonne den ersehnten Schatten spendieren. Die Bausünden aus der Innenstadt scheinen ewig weit weg – bis wir den Park verlassen und den gigantischen Triumphbogen von Bukarest entdecken.

Herăstrău-Park Bukarest

Der Herăstrău-Park im Norden von Bukarest befindet sich in der Nähe des Romexpo-Geländes und einiger Universitätsfakultäten. Wir erkundeten die Anlage mit dem Rad.

Tragischer Triumphbogen

Die Baumeister haben es geschafft, auch hier – an einem Symbol des Sieges – eine gewisse Tragik einzubauen. Denn aus irgendeinem Grunde steht der Bogen zu keiner der ihn anvisierenden Straßen und Boulevards zu 100 Prozent parallel. Symmetriefanatiker wie uns schmerzt dieser Anblick. Doch er passt ins Bild: Bukarest fordert unseren Sinn für Ästhetik heraus.

Und das ist auch gut so. Ohnehin können wir mit blank geputzten, penibel durchgeplanten Städten wenig anfangen. Ein bisschen morbider Charme schadet in der Regel nie. Genau diesen hätten wir auch in Bukarest erwartet, doch irgendwie passt die rumänische Hauptstadt nicht in jene Kategorie der in Prunk verfallenden Ortschaften. Für uns aber macht sie genau das besonders.

Triumphbogen Bukarest

Der Arcul de Triumf steht in heutiger Form seit 1936. Zuvor musste ein Provisorium aus Holz und Stuck herhalten.

In Kürze: Unser 1 THING TO DO für Bukarest

Was? Ein blinder Stadtbummel durch die Bukarester Innenstadt.
Wo? Wir starteten mit einem Frühstück in Lipscani, verirrten uns anschließend rund um die Sinagoga Mare und schlenderten weiter nach Norden in Richtung der Ubahnstation Universitate.
Wie viel? Nüschte.
Warum? Um Bukarest Schritt zu Schritt zu begreifen, anhand der Architektur in die Geschichte der vergangenen Jahrzehnte einzutauchen und dich Meter für Meter überraschen zu lassen.

In Montenegro sollten wir später mit einem rumänischer Ungarn auf Wanderschaft gehen. Dass wir mit Bukarest nicht so recht warm wurden, nahm dieser uns allerdings nicht übel. Für ihn ist der Süden Rumäniens sowieso der hässlichere Teil des Landes, mit Bukarest als zu vernachlässigendem Höhepunkt. Und was sollen wir sagen? Zumindest sollten uns die nächsten Stationen unserer Reise durch Rumänien und den Balkan definitiv besser gefallen.

Reisen um zu reisen!
John & Marc

3 thoughts on “Bukarest Reisebericht: Warum diese Stadt eine Zumutung ist”

  1. Tobi says:

    Ich bin letztes Jahr im Spätsommer auch an einem verlängerten Wochenende schon mit Bukarest warm geworden; auch das ist also möglich;)
    Am positivsten überrascht hat mich tatsächlich das Stadtbild. Trotz all der Brüche sieht man in der Innenstadt immer mal wieder den Charme vergangener Zeiten durchblitzen – Bukarest hatte ja immerhin mal den Beinamen „Paris des Ostens“ 🙂
    Negativ überrascht haben mich die Gassen der Altstadt mit ihren Kneipen. Dort fand ich überhaupt nichts authentisch. Eine sah aus wie die andere, mit dutzenden immer gleichen Sitzgarnituren, mit riesiger Werbung bedruckt. Sogar eine Oktoberfest-Kneipe gab es, die nicht im entferntesten was mit Bayern zu tun hatte.

  2. Frauke says:

    Für uns geht es am Himmelfahrtswochenende nach Bukarest. Wir haben bisher so viel Negatives über diese Stadt gehört, dass wir uns nun mit eigenen Augen überzeugen wollen, ob es wirklich so schlimm ist. Euer Bericht macht auf jeden Fall neugierig.
    Liebe Grüße
    Frauke und Jojo

    1. 1 THING TO DO says:

      Vier Tage? Wir vermuten, dass Bukarest eine jener Städte ist, die sich erst nach ein paar Wochen entfalten. Wie gesagt, die Stadt ist eine Zumutung. 😉

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