Luckenwalde: Spurensuche nach einer vergessenen Industriestadt

Luckenwalde ist nur Brandenburgkennern als einstige Industriemetropole bekannt, auch als Ausflugsziel bei Berlin läuft die 20.000-Einwohner-Stadt zumeist unter ferner liefen. Für überregionale Bekanntheit sorgen lediglich Fläming-Therme und Flaeming-Skate, gleich mehrere Rundkurse starten hier. Bei unserer Stippvisite in Luckenwalde vermochte jedoch ein anderer Ort, die „rote Stadt“ als Ausflugsziel bei Berlin in unser Bewusstsein zu rücken. Geschrieben von Marc.

[Der Artikel enthält Werbung in Folge einer bezahlten Kooperation mit dem Tourismusverband Fläming e.V., der uns für eine Nacht zur Erkundung der Region einlud.]

Luckenwalde Ausflug Berlin

Auf Spurensuche in Luckenwalde: eine Kamera im HeimatMuseum der Stadt südlich vom Berlin.

Ein tristes Willkommen

Der Himmel über Luckenwalde ist wolkenbehangen, monotones Grau wohin wir auch schauen. Selbst die goldene Bibliothek am Bahnhof möchte heute nicht so recht funkeln. Es nieselt, dazu weht eine kalte Brise. Auf dem Weg ins Stadtzentrum passieren wir einige leerstehende Häuser. John fühlt sich kurioserweise an ↠ Odessa in der Ukraine erinnert. Ich an eine beliebige Stadt im toten Winkel Brandenburgs, die ich niemals besuchen wollte.

Manchmal braucht es einen Türöffner, um auf Reisen einem Ort etwas abzuverlangen. In Luckenwalde eröffnet uns das HeimatMuseum eine andere Perspketive auf die Stadt im Süden Berlins. Es ist nicht das typische Heimatmuseum, das mit Jahreszahlen und Exponaten um sich schmeißt, ohne ein wirkliches Konzept zu verfolgen. Schon im ersten Raum macht es unmissverständlich klar, dass das, was in Luckenwalde heute vielerorts verfällt, Spuren einer vergessenen Industriestadt sind.

Luckenwalde Ausflug Berlin

Die goldene Bibliothek begrüßt Reisende bereits am Bahnhof von Luckenwalde.

Luckenwalde Ausflug Berlin

Verlassenes Backsteingebäude in der Käthe-Kollwitz-Straße in Richtung Stadtzentrum.

HeimatMuseum Luckenwalde

Zählt Luckenwalde heute etwa 20.000 Einwohner, so waren es in der Weimarer Republik noch rund 25.000 Einwohner. 11.000 von ihnen waren Gewerkschaftsmitglieder, 80 Prozent wählten die SPD, die selbst 1933 noch stärkste Partei wurde. Luckenwalde war (und ist) eine „rote Stadt“. Das HeimatMuseum greift dies auch optisch auf, immer wieder setzen quietschend rote Hingucker einen Kontrapunkt zur modern gehalten, dunkelbraun-weißen Einrichtung.

12.000 Exponate zeigen die Ausstellungsräume. Dennoch wirkt die Ausstellung nicht überladen. In der Mitte der Räume erzählen einige wenige die Geschichte der Stadt, beginnend mit ihrer Entstehung über die Entwicklung zur Industriestadt bis hin zu NS-Zeit, DDR und Gegenwart. Der Großteil der Ausstellungsstücke aber befindet sich in den riesigen Vitrinen an den Wänden. Ohne Beschriftung stehen sie symptomatisch für die jeweilige Epoche. Hier kommt dem HeimatMuseum zugute, dass sein Konzept von Beginn an klar ist. Wem das gelingt, der braucht auch keine einschläfernden Texttafeln.

Auf YouTube lädt dich Museumsleiter Roman Schmidt auf eine ↠ Vorabführung ein. 

Luckenwalde Ausflug Berlin

Das moderne HeimatMuseum von Luckenwalde bietet Einblicke in die Geschichte der „roten Stadt“.

Luckenwalde Ausflug Berlin

Die riesigen Bahnhofsschilder im HeimatMuseum bieten ein gutes Fotomotiv.

Luckenwalde Ausflug Berlin

Rote Sterne wie dieser leuchteten in DDR-Zeiten vor Fabriken auf, wenn die Produktion nach bzw. über Plan verlief.

Luckenwalde Ausflug Berlin

Der Titel „Rote Stadt“ spiegelt sich auch in unscheinbareren Exponaten wieder.

Wie eine andere Stadt

Das HeimatMuseum erlaubt sich einige Erzähltechniken, die wir von einem Museum in einer Stadt dieser Größe nicht erwartet hätten. Im Raum „StaLag 3a“ stehen wir auf Glasscheiben, unter denen Fundstücke aus dem größten Kriegsgefangenenlager im Militärkreis Berlin so ausgestellt werden, wie sie gefunden wurden. Ohne Schnickschnack. Im letzten Raum „telefonieren“ wir mit Luckenwaldern, die uns ihre Lebensgeschichte erzählen. Manche wollen einfach nur weg, andere die Mauer zurück. Die Zukunft von Luckenwalde bleibt so im Ungewissen.

Als wir das Museum wieder verlassen, fühlen wir uns wie in einer anderen Stadt. Wir versuchen uns zurückzuversetzen in die Zeit, als unermüdlich Rauch aus Dutzenden Schornsteinen in den Himmel stieg und Tausende Arbeiter in den Fabriken ihr Werk verrichteten. Das Hotel Vierseithof, in dem wir unsere Fahrräder ausliehen, ist Relikt dieser Zeit, geht ein Teil des Komplexes doch auf die erste Fabrik in Luckenwalde überhaupt zurück. Anderen Fabriken ist bis heute keine neue Rolle zugefallen.

Luckenwalde Ausflug Berlin

Die erste Fabrik Luckenwaldes entstand auf dem Gelände des heutigen Hotels Vierseithof.

Luckenwald Ausflug Berlin

Schotten dicht: Immer wieder treffen wir im Stadtbild auf verschlossene Fenster unbewohnter Häuser.

Schiefer Turm von Luckenwalde

Ein paar Schritte weiter besuchen wir den 39 Meter hohen Marktturm, Wahrzeichen der Stadt und ein bisschen schief. Er ist höher als die erst später errichtete St. Johanniskirche. Ein Unding in der damaligen Zeit, weshalb er kurzum als Kirchturm genutzt wurde. Riesige Glocken hängen noch heute im Marktturm, der aus gutem Grund nur im Rahmen von Führungen besichtigt werden kann, wobei du dich besser vorab online über anstehende Termine informierst. Der Aufstieg ist ein kleines Abenteuer für sich, die Deckenhöhe teils abenteuerlich klein. Könnten tollpatschige Gäste im Turm schalten und walten wie sie wollen, gäbe das wohl saftige Beulen.

Auch aus der Vogelperspektive wird klar, dass die Industriestadt Luckenwalde Geschichte ist. Nur ein paar Schornsteine sind geblieben, die allermeisten wurden zurückgebaut bzw. abgerissen. Dafür sehen wir das in Bauhaustradition erbaute Stadttheater, das von der Bedeutung der Stadt in den 20er Jahren zeugt. In südwestlicher Richtung verläuft die Fußgängerzone in der Breiten Straße als Zeichen dafür, dass Luckenwalde auch ohne Fabriken überlebt.

Luckenwalde Ausflug Berlin

Eine der riesigen Glocken im Marktturm von Luckenwalde, die auch heute noch zum Einsatz kommen.

Luckenwalde Ausflug Berlin

Aussicht vom Marktturm in Richtung Süden, auf der linken Seite fällt insbesondere die Fußgängerzone von Luckenwalde ins Auge.

Luckenwalde: Ausflug zur Hutfabrik

Mit unseren Fahrrädern unternehmen wir einen kurzen Abstecher raus aus dem Stadtzentrum. Im HeimatMuseum hatte das Modell der einstigen Hutfabrik unser Interesse auf sich gezogen. Heute ist sie besser bekannt als ↠ Mendelsohnhalle, benannt nach ihrem Architekten, Eric Mendelsohn. Eine typische Fabrik Marke Brandenburg sieht anders aus, das charakteristische Färbereigebäude erinnert sogar an einen Hut. Dass der Expressionismus auf diese Art in Luckenwalde zugeschlagen hat, überrascht uns.

Unsere Gästeführerin im Marktturm meinte, dass die Luckenwalder in den Zeiten der Industriestadt alles gerne etwas anders machen wollten, Hutfabrik und Stadttheater sind Ausdruck hierfür. Sie sprach von der den Luckenwaldern von damals eigenen Arroganz. Vielleicht würde Luckenwalde ein Stück dieser positiv gerichteten Arroganz wieder gut tun. Das selbstbewusste HeimatMuseum ist ein Schritt in diese Richtung.

Luckenwalde Ausflug Berlin

Modell der Hutfabrik im HeimatMuseum Luckenwalde.

Luckenwalde Ausflug Berlin

Und das Original: Die „Mendelsohnhalle“ wurde zwischen 1921 und 1923 erbaut.

Ausflug nach Luckenwalde: Unser 1 THING TO DO

Was? Ein Besuch im HeimatMuseum mit anschließender Spurensuche in Luckenwalde.
Wo? Das HeimatMuseum liegt direkt im Stadtzentrum, eingebettet zwischen St. Johanniskirche und Stadtverwaltung. Luckenwalde verfügt über einen Regionalbahnanschluss nach Berlin.
Wie viel? Ein Besuch von Dauer- und Sonderausstellung kostet 2,50 Euro pro Person (Stand Oktober 2018), weitere Informationen dazu (auch zu Führungen) findest du hier.
Warum? Um bei deiner Abfahrt eine andere Stadt als bei deiner Ankunft zu verlassen.

Luckenwalde Ausflug Berlin

St. Johanniskirche und Marktturm in der Altstadt von Luckenwalde. Auch wenn es so scheint: Beide Gebäude sind nicht miteinander verbunden.

Luckenwalde Ausflug Berlin

Links: Früherer Eingang der St. Johanniskirche. Rechts: Marc auf Erkundungstour auf zwei Rädern in der Fußgängerzone von Luckenwalde.

Tipps für deinen Ausflug nach Luckenwalde

  • Der Fläming ist dann am schönsten, wenn du ihm Zeit gibst, sich zu entfalten. Daher empfehlen wir dir eine Übernachtung, um mehr Luft für neue Entdeckungen zu haben. In Luckenwalde ist das ↠ Hotel Vierseithof* eine Instanz. Urgemütlich geht es zum Beispiel im ↠ Hühnerhof im nicht weit entfernten Treuenbrietzen zu, erreichbar mit der Bahn.
  • In der ↠ Fläming-Therme in Luckenwalde überzeugte uns vor allem der Saunabereich, der über eine Finnische, eine Bio- und eine „Karpaten“-Sauna sowie ein Dampfbad verfügt. Deutlich turbulenter geht es in den beiden Wasserrutschen nebenan zu.
  • Wenn du Luckenwalde und die nähere Umgebung mit dem Fahrrad erkunden möchtest, kannst du dir im Hotel Vierseithof Fahrräder ausleihen. Es handelt sich hier allerdings um Citybikes, weshalb du nicht allzu lange Fahrten planen solltest. Fahrradschloss nicht vergessen!

Luckenwalde reiht sich nahtlos in eine Reihe unerwarteter Entdeckungen ein, die wir bislang im Fläming erleben durften. Tags zuvor unternahmen wir übrigens einen ↠ Ausflug nach Beelitz und nahmen obendrein an einer der ↠ Beelitz-Heilstätten-Führungen teil. Weitere Inspiration für deine Reise in die Kulturlandschaft südwestlich von Berlin und Potsdam findest du in unseren ↠ Fläming-Ausflugszielen.

Reisen um zu reisen!
John & Marc

Möchtest du deinen nächsten Ausflug rund um Berlin nutzen, um unsere Spurensuche in Luckenwalde fortzusetzen? Dann freuen wir uns über deinen Pin auf Pinterest.

Luckenwalde Ausflug Berlin

War jut? Dann danke fürs Teilen!

4 Gedanken zu “Luckenwalde: Spurensuche nach einer vergessenen Industriestadt”

  1. Petra Krüger says:

    Hallo Silvia, das ist ja super das du dich für die Kultur von Luckenwalde so interessiert.

    1. 1 THING TO DO says:

      Danke, aber wer ist diese Silvia? 🙂

      Liebe Grüße
      John & Marc

  2. Dorie says:

    Immer wieder interessant von Orten zu lesen, von denen ich wirklich noch nie was gehört habe!
    Danke für den informativen BEitrag.
    Liebe Grüße
    Dorie von http://www.thedorie.com

    1. 1 THING TO DO says:

      Danke dir, liebe Dorie! Darüber berichten wir ja insgeheim am liebsten… 😀

      Liebe Grüße
      John & Marc

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht.