Aukštaitija-Nationalpark: Brandenburgs baltischer Bruder

Ein wenig kommt es mir so vor, als hätten die Litauer im Aukštaitija-Nationalpark eine Landschaft gestaltet, die eine Riesenportion Brandenburg auf überschaubarem Raum zusammenpfercht. Denn im Nordosten des Landes treffen kleine und weite Seen auf schattige Kiefernwälder und sandige Schotterpisten. Im Zentrum einer Wanderung durch den Aukštaitija-Nationalpark steht deshalb vor allem eines: tief durchatmen. Geschrieben von Marc.

Aukštaitija-Nationalpark

Aukštaitija-Nationalpark: An sonnigen Tagen spiegelt sich der Himmel auf den aalglatten Wasseroberflächen unzähliger Seen.

Wanderung von Ignalina nach Puziniškis

Gleich schlägt die Stunde der Wahrheit. Gut drei Stunden bin ich bereits durch den Aukštaitija-Nationalpark gewandert und habe dabei mehr als zehn Kilometer zurückgelegt. Vorbei an blauen Seen, in denen sich die immer weiter auflösende Wolkendecke spiegelt, führte mein Weg entweder entlang stiller Ufer oder knochiger Kiefern. Zwischendurch verlor ich den Überblick, an welchem See ich mich gerade befand. Die Seenlandschaft des Aukštaitija-Nationalparks ist ein Labyrinth, das ich nur langsam durchdringe.

Ins stille Dörfchen Puziniškis, gelegen auf einem Hügel über dem Asalnai-See, führt keine befestigte Straße. Ob ich zum Ladakalnis-Hügel gelange, dem Ziel meiner Wanderung, hängt davon ab, ob ich nach Verlassen des stillen Örtchens mit seinen verlassenen Holzhäusern eine Weg über den natürlichen Kanal hinüber zum Linkmenas-See finde. Ansonsten heißt es für mich, eine bislang recht höhepunktarme Wanderung abrupt zu beenden und auf jenem Weg zurückzukehren, auf dem ich gekommen war.

Aukštaitija-Nationalpark

Puziniškis liegt auf einem grünen Hügel über dem Asalnai-See, auf dessen Wiesen im Frühjahr der Löwenzahn leuchtet.

Aukštaitija-Nationalpark

Einige der traditionellen Holzhäuser in Puziniškis sind verlassen. Vor Ort stieß ich lediglich auf einen Schäfer mit seiner Herde.

Eine ziemlich ungünstige Baustelle

Die Spannung wird ein wenig gedämpft, als ich in einem Moment der Orientierungslosigkeit Google Maps befrage und plötzlich ohne Netz bei maximalem Zoom-in eine Brücke ausmache. Ich verlasse Puziniškis, ziehe noch einmal die neugierigen Blicke der Schafsherde am Ortseingang auf mich und setze meinen Weg durch den Aukštaitija-Nationalpark zielstrebig fort.

Kurz vor der Brücke empfängt mich ein Bauzaun und weist daraufhin, dass es hier kein Weiterkommen gibt. Die Brücke ist eine Baustelle. Kruzifix! Normalerweise bin ich jemand, der Hiobsbotschaften dieser Art hinnimmt, das Beste draus macht und sich vornimmt, auf dem Rückweg eben noch einmal die schöneren Seiten zu genießen. Schilder lügen nicht! Da bin ich ganz obrigkeitstreu.

Aukštaitija-Nationalpark

Puziniškis wird von einigen Pisten durchzogen. Die befestigte Straße endete bereits zuvor im etwas größeren Meironys.

Aukštaitija-Nationalpark

Auf dem Weg zum Ladakalnis-Hügel führte mein Weg vorbei am spiegelglatten Linkmenas-See.

Über diese Brücke muss ich geh’n

In diesem Moment jedoch kann ich mein Pech nicht einsehen. Das soll es gewesen sein? Ich bin extra früh aufgestanden und legte knapp zwei Stunden im Zug von Vilnius nach Ignalina zurück, einer tristen Kleinstadt am Rande des Nationalparks, deren Plattenbauten auf alles andere als Naturidylle einstimmen. Weitere dreieinhalb Stunden später steht meine Wanderung vor dem Aus. Ernsthaft?

Neben dem Bauzahn sehe ich Fußspuren, die vermuten lassen, dass hier nicht nur die Bauarbeiter ab und an vorbeilaufen. Am Ufer angekommen, realisiere ich, dass über die Brücke in der Tat kein Weg führt. Doch um sie zu renovieren, haben sich die zwei tüchtigen Männer eine auf Pontons schwimmende Ersatzbrücke geschaffen, von der aus sie eifrig rumhantieren. Dürfte ich vielleicht? Ganz eventuell? Ganz vorsichtig? Ich zögere keine weitere Sekunde und sprinte auf die andere Seite des Ufers. Glück gehabt!

Aukštaitija-Nationalpark

Zwischen Linkmenas- und Alksnas-See ragen kleine Bauminselchen aus dem Wasser.

Wandern am Ladakalnis-Hügel

Schnell nach Überquerung der Brücke verstehe ich, welch Versäumnis es gewesen wäre, umzukehren. Der Linkmenas reflektiert leuchtend weiße Frühlingswolken, am Rande derer ein Fischer in Zeitlupe durchs Schilf schippert. Bevor ich den 195 Meter hohen Ladakalnis-Hügel erreiche, gilt es weitere, leichte morsche Holzbrücken zu überqueren und dabei meinen Blick in den kleinen Bauminselchen zu verlieren, die imposant aus dem Wasser emporsteigen.

Über eine Treppe besteige ich schließlich den Ladakalnis, von dem der Blick auf gleich sechs Seen fallen soll. Eine Panoramakarte an Ort und Stelle erleichtert mir die Suche. Irgendwo da und dort kommen hinter Baumkronen die Seen Nummer fünf und sechs zum Vorschein. Doch ich entschließe, mich nicht über den angekündigten Sechs-Seen-Blick lustig zu machen, sondern freue mich, es überhaupt bis zu diesem Hort der Weite und Einsamkeit geschafft zu haben.

Aukštaitija-Nationalpark

Vom Ladakalnis aus gilt es den Aukštaitija-Nationalpark aus der Vogelperspektive zu begutachten.

Trampen in Litauen

Nach Ladakalnis und einigem Auf und Ab über weitere Treppen laufe ich entlang einer kaum befahrenen Asphaltstraße nach Ginučiai, das den Litauern wegen seiner authentischen Wassermühle von Begriff ist. Da ich für die gesamte Strecke bereits viel länger gebraucht habe, als gedacht, entschließe ich mich, zum ersten Mal alleine zu trampen, um zumindest ein paar Kilometer gutzumachen. Die Zeit wird langsam knapp.

Zaghaft strecke ich den Daumen raus, als sich eines der seltenen Autos in meine Nähe verirrt. Ich habe Glück: Bereits der erste Fahrer, ein Mann Mitte/Ende dreißig, erbarmt sich. Wir verständigen uns mit Händen und Füßen über die weitere Strecke. Mein Ziel, nur ein paar Kilometer vorzufahren, bleibt jedoch unverstanden, und so befinden wir uns in Windeseile bereits an der Kreuzung zurück nach Ignalina. Urplötzlich jedoch biegt mein Chauffeur in Richtung Norden ab. Im Sauseschritt entfernen wir uns von Ignalina in Richtung Lettland – und Weißrussland.

Aukštaitija-Nationalpark

Eine Treppe führt auf den Ladakalnis-Hügel. Von nun an ist der Weg deutlich besser ausgebaut und touristengerecht hergerichtet.

Aukštaitija-Nationalpark

Ginučiai liegt an einem glasklaren Fluss, der den Almajas- mit dem Asekas-See verbindet.

Abrupter Abschied

Angesichts der Sprachbarriere ist es mir nicht möglich, die genauen Beweggründe für die neue Fahrtrichtung herauszubekommen. Ist es vielleicht Zeit für ein wenig Panik? Gedanklich schmiede ich bereits Pläne, wie ich aus dem Wagen flüchte, sobald mein Fahrer das nächste Mal stoppen muss. Wir kommen der weißrussischen Grenze immer näher. Was zur Hölle passiert hier?

An einer Fabrik, einem Kraftwerk, einem Landwirtschaftsbetrieb – was auch immer – hält das Auto schließlich an. Gut 20 Kilometer nördlich von Ignalina. Mein Fahrer steigt aus, übergibt einem älteren Herren im Blaumann ein paar Schrauben und setzt sich zurück ins Auto. „Ignalina?“, fragt er noch einmal – und biegt zurück in Richtung Ausgangspunkt meiner Wanderung ab. „Eine Kurierfahrt“, denke ich mir und sitze wieder etwas bequemer auf dem Beifahrersitz.

Aukštaitija-Nationalpark

Bushaltestelle in Meironys: Hier ist weniger eindeutig mehr. #weilwirdichlieben

Auftakt zur Badesaison

Zurück in Ignalina bleiben mir knapp zwei Stunden, bevor der nächste Zug nach Vilnius fährt. An einem kleinen See südlich des Bahnhofs mache ich es mir auf einem der typischen Holzstege gemütlich, die von jedem Grundstück aus ins Wasser ragen. Ich habe die Befürchtung, dass zu jedem Steg ein Besitzer gehört, der nur darauf wartet, mich wegzuscheuchen. Ich setze mich dort nieder, wo das Risiko am geringsten erscheint.

Das Thermometer heute zeigt deutlich über zwanzig Grad – nicht selbstverständlich im baltischen Mai. Hinter mir liegt eine Wanderung durchs idyllische Niemandsland des Aukštaitija-Nationalparks mit einem kleinen, aber unerwarteten Pensum an Nervenkitzel. Ich streife meine Badehose über, ziehe mein T-Shirt aus und lasse mich ins kalte Wasser gleiten.

Litauen, ich bin angekommen.

Aukštaitija-Nationalpark

Von diesem Steg aus startete ich in die Badesaison 2017.

Aukštaitija-Nationalpark

Am Nordufer der kleinen Sees im Süden von Ignalina verfügt so ziemlich jedes Grundstück über seinen eigenen Steg.

In Kürze: Unser 1 THING TO DO im Aukštaitija-Nationalpark

Was? Kröne deine Wanderung im Aukštaitija-Nationalpark mit einem Sprung ins kühle Nass an einem der Seen rund um Ignalina.
Wo? Ignalina im Nordosten von Litauen erreichst du innerhalb von anderthalb bis zwei Stunden mit dem Zug ab Vilnius, der mehrmals täglich fährt – auch schon früh am Morgen. Die nächste Bademöglichkeit findest du im Süden des Bahnhofs in Richtung Gavyus-See.
Wie viel? Der Preis für die Hin- und Rückfahrt beträgt ungefährt acht Euro pro Person. • Fahrplan und Preise
Warum? 
Und das auszukosten, was Litauen in Massen zu bieten hat: Stille Seen, in denen du dank Wasserspiegelung scheinbar im Himmel badest.

Aukštaitija-Nationalpark

Wenn das Wetter auf deinem Besuch im Aukštaitija-Nationalpark mitspielt, führt wohl kein Weg daran vorbei, einmal ins kühle Nass zu springen. Badesachen nicht vergessen!

Wanderung von Ignalina nach Ginučiai

Zur Orientierung geben wir dir hiermit noch einen Routenvorschlag zur Entdeckung des Aukštaitija-Nationalparks auf zwei Beinen an die Hand. Die Strecke von Ignalina nach Ginučiai ist ungefähr 17 Kilometer lang und nimmt gut fünf Stunden in Anspruch.

  • Ignalina vom Bahnhof aus in Richtung Westen verlassen. Entlang der Straße 114 führt zunächst ein Radweg in Richtung Palūšė. Hinweis: Da es recht schlammig weitergehen kann, ist eine Fahrt mit dem Rad nur bedingt empfehlenswert.
  • Am Nordufer des Lusiai-Sees geht es weiter nach Meironys, von dessen Nordwestende eine Schotterpiste vorbei am Nordufer des Asalnai-Sees weiter nach Puziniškis führt. Der Asalnai bleibt dabei nicht immer in Sichtweite.
  • Der Weg zu besagter Brücke führt an Puziniškis vorbei, das dennoch einen Zwischenstopp lohnt. Nach knapp einem Kilometer folgt schließlich eine Abzweigung nach links zum Uferwechsel.
  • Weiter geht es am Südufer des Linkmenas-Sees in Richtung Ladakalnis-Hügel. Auf dem Weg überquerst du weitere Brücken, während sich linker Hand der Alksnas-See ausbreitet.
  • Nach dem Ladakalnis folgt ein Auf und Ab über Holztreppen. Die hiesigen Hügel bilden den Schauplatz einer litauischen Sage. Eine Asphaltstraße führt schließlich nach Ginučiai, von wo aus du zurück nach Ignalina trampen kannst.
Aukštaitija-Nationalpark

Ab Palūšė führt der Weg am Ufer des Lusiai-Sees entlang in Richtung Meironys.

Aukštaitija-Nationalpark

Inmitten eines dicht bewachsenen Kieferwalds zwischen Meironys und Puziniškis scheinen die Seen des Aukštaitija-Nationalpark zwischenzeitlich weit weg.

Der Aukštaitija-Nationalpark ist bei Weitem nicht der einzige idyllische Ort abseits von Ostsee und Kurischer Nehrung, den Litauen zu bieten hat. Wo du zum Beispiel Heißtluftballons über einer Inselburg in den Abendhimmel steigen sehen kannst, verraten wir in unserem Trakai Reisebericht. Und auch für Litauens Hauptstadt haben wir ein 1 THING TO DO parat, über das du in unserem Vilnius Reisebericht mehr erfährst.

Reisen um zu reisen!
John & Marc

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