Wandern Karpaten: Blauäugig am Abgrund

Die rumänischen Karpaten erlebten wir vor allem beim Wandern in der Pietra Craiului intensiv. Ein weiteres Mal machten wir die Erfahrung, dass Unvorhergesehenes beim Wandern irgendwie dazugehört – zumindest, wenn man John und Marc heißt. Eine Geschichte darüber, weshalb unsere schlechte Vorbereitung aufs Wandern in den Karpaten in ein waghalsiges Abenteuer mündete. Geschrieben von Marc. 

Wandern Rumänien Karpaten

Die Pietra Craiului, zu Deutsch „Königssteingebirge“, ist ein Teilstück der rumänischen Karpaten.

Mit dem Zug zur Pietra Craiului

Es ist Spätsommer. Das Grün der Felder zwischen Brașov und Zărnești am Rande der Karpaten bereitet sich zaghaft auf den Herbst vor. Ein junger Gelbschleier legt sich über die Blätter. Alle paar Kilometer pustet ein rüstiger Traktor grauen Staub in die Luft. Mollige Schafe kauen zufrieden ihr Gras. Dunkle Pferde warten auf den nächsten Ausritt. Rumänische Landidylle.

Während diese Szenerie rechts an uns vorbei saust, pubertiert links neben uns eine Gruppe Jugendlicher schäkernd vor sich hin. Sie müssen um die zwölf, dreizehn Jahre alt sein. Die Mädchen finden die Jungs nach außen hin genauso doof wie die ersten sprießenden Pickel auf ihrer Nase. Umgekehrt genauso. Wie banal die Probleme des Alltags damals doch waren!

Zug Brasov Zarnesti

Mit dem Regionalzug fuhren wir etwa 45 Minuten von Brașov in die Kleinstadt Zărnești am Fuße des Königssteingebirges.

Gratisfolklore im Zug

Als Kichern und Stänkern langsam etwas zu laut werden, fasst sich eine blonde Frau mittleren Alters ein Herz. Sie packt ihre Gitarre aus und setzt sich mitten in die Gruppe. Sobald sie die ersten Takte anstimmt, legt ein Jugendlicher nach dem anderen seine Scham ab und stimmt mit ein. Plötzlich singt neben uns ein Jugendchor rumänische Volkslieder! Ein Gratiskonzert mitten im Zug.

Die atmosphärische Zugfahrt nach Zărnești ist ein gelungener Auftakt zu unserem Abenteuer im rumänischen Königssteingebirge, auf Rumänisch „Pietra Craiului“. Am nächsten Morgen brechen wir zu einer Wanderung in den Karpaten auf, die im Nachhinein unsere bislang vielleicht schweißtreibendste war. Aber auch eine, von der wir viel für die Zukunft mitnehmen werden.

Zarnesti Pietra Craiului

Zărnești ist ein beschauliches Örtchen mit einem ganz schicken Kleinstadtkern und zerfallenden Plattenbauten am Stadtrand. Im Hintergrund grüßt bereits die Pietra Craiului.

Entspanntes Wandern in den Karpaten

Unser Abenteuer beginnt mit einer Flucht. Der mächtige Schäferhund der Besitzer unserer Pension lässt sich trotz aller Mühen nicht davon abhalten, das Grundstück gemeinsam mit uns durch die Zauntür zu verlassen. Er stellt sich dabei so geschickt an, dass wir hoffen, dass er mit dem Ausbüxen genauso viel Erfahrung hat, wie mit dem Zurückkehren.

Ansonsten startet unsere Wanderung in den Karpaten sehr entspannt. Vielleicht sogar zu entspannt. Etwa zwei Stunden lang geht es kaum merklich bergauf. Wenn wir einmal ein paar Höhenmeter gewinnen, verlieren wir diese gleich wieder. Das Seltsame daran: Zărnești liegt auf 677 Metern Höhe. So langsam fragen wir uns, wann wir die ausstehenden rund 1.300 Meter bis zu den ersten Gipfeln der Pietra Craiului eigentlich zurücklegen werden.

Zarnesti Wandern Karpaten

Das Wandern in den Karpaten beginnt ohne große Anstrengungen, doch die ersten Gipfel um die 2.000 Meter Höhe gelangen bald in Sichtweite.

Ende eines Tagtraums

Inmitten der vom Morgentau noch feuchten Wiesen machen wir an einem friedvoll vor sich hin plätschernden Bächlein Rast. Libellen drehen ihre Runden, violette Herbst-Krokus-Pflänzchen strecken sich der Sonnen entgegen. Wir fühlen uns wie im Märchenwald, während die Vögel über uns zu einem weiteren Chorständchen ansetzen. Irgendwie fänden wir es vollkommen logisch, wenn um die Ecke gleich Elfen und Feen auf uns warten würden.

Unser Tagtraum endet, als wir urplötzlich an eine Abzweigung gelangen, die wir so nicht auf dem Schirm hatten. Trotz unserer gescheiterten Wanderung im Mavrovo-Nationalpark Mazedoniens haben wir uns auch diesmal nur spärlich auf die genaue Route vorbereitet. Wir sind ohne Karte in den Karpaten unterwegs.

Pietra Craiului Wandern

An diesem idyllischen Plätzchen hielten wir zum ersten Mal Rast. Ein gutes Frühstück war auch nötig angesichts der Strapazen, die bald folgen sollten.

Mit Anlauf ins Abenteuer

Am Vorabend jedoch hatten wir uns am Häuschen der Touristeninfo den „blauen“ Weg ausgeguckt, der aus der Vogelperspektive innerhalb nur eines Tages machbar erschien. Doof nur, dass beide Richtungen an dieser Kreuzung einer blauen Markierung folgen – nämlich einem blauen Kreuz und einem blauen Strich.

Vielen unserer Abenteuer ist gemeinsam, dass John und ich in verzwickten Situationen wie diesen jeweils in genau die andere Richtung gehen wollen. Meistens setzt sich dabei derjenige durch, der gerade die falsche Eingebung hat. So auch dieses Mal in der Pietra Craiului: Beide Wege führen zwar irgendwie zum Ziel, doch einer besitzt eine viel höhere Schwierigkeit. Dreimal darfst du raten, für welchen Weg wir uns nun entscheiden…

Wandern Karpaten

Ein Krokus im September. Hatten wir bis dahin auch noch nicht gesehen.

Dunkle Vorboten

Als hätte uns der Wald warnen wollen, verdunkelt sich die Szenerie nur wenige Momente nach unserer halsbrecherischen Entscheidung. Im Schatten der Pietra Craiului gelangt kein Sonnenstrahl mehr durch die Baumkronen. Der Boden ist feucht, das braungelbe Laub rutschig. Was machen wir beide hier bloß wieder?

Wer ein mal bisschen über die Pietra Craiului recherchiert, wird vom folgenden Ereignis kaum überrascht sein. Das Königssteingebirge ist Teil der Karpaten, fällt jedoch an allen Seiten steil bergab. Heißt: Wer sich für eine kurze Route hinauf zum Kamm entscheidet, erwischt zumeist nicht den schnellsten, sondern einfach jenen Weg, bei dem in kurzer Zeit viele Höhenmeter zurück gelegt werden.

Pietra Craiului Wandern

Rund um die Pietra Craiului geht es recht flach zu, die Anstiege haben es dafür teilweise entsprechend in sich.

Wie der König der Welt

Dieser Geistesblitz sollte uns beiden jedoch vor unser Wanderung in den Karpaten nicht kommen. Wir sind nun mitten drin im Schlamassel. Vor uns türmt sich ein steiler Hang auf. Doch ohne jegliche Ahnung über die Lage, in der wir uns befinden, freuen wir uns in diesem Moment zunächst, endlich einmal vorwärts zu kommen – beziehungsweise nach oben.

Zudem sind steile Anstiege für uns nichts Neues. Schon beim Wandern in der Hohen Tatra hieß es für uns: „Augen zu und durch!“ Wirklich angenehm sind die Strapazen natürlich nicht, doch irgendwann ist jeder Hang überwunden. Man ergötzt sich an der Aussicht und ist stolz wie Bolle, seinen inneren Schweinehund ein weiteres Mal überwunden zu haben. Für einen kurzen Moment fühlt man sich wie der König der Welt!

Wandern Pietra Craiului

Die steilen Klippen um uns herum sorgten dafür, dass kein Sonnenstrahl mehr seinen Weg in die Tiefen der Schlucht fand.

Wandern Pietra Craiului

So viele Höhenmeter haben wir selten innerhalb relativ kurzer Zeit zurückgelegt. Im Hintergrund erkennst du, dass wir schon ein gutes Stück vorangekommen waren.

Gefährliche Bodenverhältnisse

Doch dieser Anstieg am Abhang der Pietra Craiului ist anders. Ich höre auf zu zählen, wie oft ich mir selbst schon gesagt habe, dass es nach dem nächsten Hang wohl geschafft sein wird. Zum einen hätte ich nicht gedacht, dass wir diesen Abhang wirklich bis zum bitteren Ende hinauf kraxeln werden, ohne irgendwann auch nur einmal abzubiegen. Zum anderen sieht es immer wieder so aus, als hätte der Berg ein Ende, bis sich schließlich neue Felsmassen auftürmen.

Bereits im unteren Zehntel des Weges haben wir uns Äste gesucht, um uns Halt zu verschaffen. Waren die Bodenverhältnisse ganz unten noch feucht-rutschig, müssen wir uns nun durch Geröll kämpfen, wobei Mal ums Mal eine kleine Steinlawine in den Abgrund saust. Teilweise ist der Anstieg so krass, dass wir die Äste voraus werfen mussten, um uns Stück für Stück auf allen Vieren hinauf zu kämpfen. Immer mit der notwendigen Vorsicht versteht sich, damit wir uns nicht gegenseitig Steinchen ins Gesicht schütten oder uns auf eine ungewollte Schlitterpartie ins Tal zurück nach Zărnești begeben.

Wandern Karpaten Pietra Craiului

Lockeres Geröll sorgte dafür, dass beim Aufstieg Mal ums Mal eine kleine Steinlawine in Richtung Flachland katapultiert wurde.

Wandern Pietra Craiului

Weiter, immer weiter! Diese Blümchen machten Hoffnung, dass die steile Schlucht bald ein Ende haben wird.

Die Nordspitze der Pietra Craiului

Für zusätzliche Frustration sorgte anfangs noch, dass der dichte Wald jede Sicht versperrte. Wir mühten uns Meter für Meter – und wurden nicht belohnt! Mittlerweile jedoch ist die Flora der Pietra Craiului naturgemäß sehr spärlich. Wir realisieren, dass wir uns in einer steil abfallenden Schlucht befinden und stellen uns vor, wie hier nach starken Regenfällen die Wassermassen in die Tiefe schießen. Ein Glück ist der Himmel über uns blau.

Bei jedem Blick zurück zeigt sich nun das ferne Tal, von dem aus wir aufgebrochen sind. Wir haben in etwa zwei Stunden lang so viele Höhenmeter erklommen, dass es nun nicht mehr weit ist bis zum Varful Turnul, dem ersten Gipfel des Gebirgskamms. Die Nordspitze der Pietra Craiului liegt auf 1.911 Metern Höhe. Viele brechen von hier aus auf, um den gesamten Kamm in Richtung Süden zu bewandern, wo dieser Höhen bis 2.204 Meter aufweist.

Wandern Karpaten Pietra Craiului

Erst mal Päuschen machen und die Beine ausruhen: Auf dem Gipfel Varful Turnul.

Wandern Karpaten Pietra Craiului

Auf der linken Seite gut zu erkennen ist Zărnești, wo wir unsere Wanderung in den Karpaten begonnen hatten.

Es wird noch anspruchsvoller

Doch als wir den Gipfel erreichen, ist daran nicht zu denken. Wir überlegen kurz, ob wir noch ein Stück auf dem Kamm weiterlaufen, denn den anstrengendsten Part haben wir schließlich hinter uns. Doch nach dem soeben durchgestandenen Abenteuer wollen wir kein Risiko eingehen und entscheiden uns, den Abstieg zu beginnen. Natürlich nicht ohne den Ausblick auf Zărnești zu genießen – inzwischen rund einen Kilometer unter uns.

Das „Schöne“ am Abstieg: Der Weg mit dem roten, kreisrunden Zeichen gehört zu den zwei anspruchsvollsten Wanderrouten in der gesamten Pietra Craiului. Noch schwieriger als unser Aufstieg. Volltreffer! Vom Varful Turnul in Richtung der Hütte Cabana Curmatura gilt es folglich noch einige brenzlige, noch steilere Abhänge über die dort befestigten Ketten zu meistern. Doch im Vergleich zum ersten Teil unserer Wanderung in den Karpaten fühlen wir uns dabei eher wie auf einem Kinderspielplatz für Erwachsene.

Wandern Karpaten Cabana Curmatura

Der Abstieg in Richtung Cabana Curmatura fiel beinahe noch steiler aus, allerdings konnten wir hierbei die zahlreich angebrachten Ketten nutzen.

Wandern Karpaten Cabana Curmatura

Ja, auch hier ist ein Wanderweg zu erkennen!

Wandern Karpaten

Der Wanderweg zwischen Cabana Kurmatura zurück nach Zărnești gestaltete sich deutlich gemütlicher und zwang uns immer wieder, kurze Abstecher einzulegen, um etwa diese Kuhherde zu begutachten.

Wandern Karpaten

Gebirgsidylle auf rumänische Art!

Richtige Fehlentscheidung

Nachdem wir über Stock und Stein zu einer weiteren Schotterpiste gelangen – diesmal allerdings ohne Abrutschgefahr – stampfen wir mit dampfenden Füßen zurück nach Zărnești, von wo aus wir mit dem Zug nach Brașov sausen. Rechterhand ziehen gelbgrüne Felder vorbei, ein Traktor bläst grauen Staub in die Luft. Schafe kauen Gras. Pferde warten auf den nächsten Ausritt.

Begleitet werden wir diesmal allerdings nicht von einem rumänischen Jugendchor, sondern vom Gefühl, in den Karpaten ein weiteres Mal unsere Grenzen ausgetestet, ja, erweitert zu haben. Wussten wir zuvor, dass jeder harte Anstieg ein Ende findet, so wissen wir jetzt, dass auch ein noch härterer Anstieg überstanden werden kann. Wer diese Erfahrung schon einmal gemacht hat, der weiß, dass was fürs Wandern, irgendwie auch für die Hürden des Alltags gilt. Vielleicht sind wir mittendrin also gar nicht falsch abgebogen. Sondern genau richtig.

Übrigens: Ein paar Sequenzen unserer Wanderung in den Karpaten gibt es auch in unserem Reisemomente-Video aus Rumänien.

Unser Abenteuer in der Pietra Craiului gehört definitiv zu unseren Outdoor-Highlights 2016, weshalb wir mit diesem Beitrag auch an der entsprechenden Blogparade von Outdoor-Blog.org teilnehmen. Da uns aus noch zu berichtenden Gründen jedoch ein weiteres Stelldichein mit den rumänischen Karpaten verweigert blieb, vergeben wir unser 1 THING TO DO für die Region erst nach einem weiteren Besuch. Bis dahin findest du alle weiteren unserer Abenteuer in luftiger Höhe in unseren Wanderberichten.

Reisen um zu reisen!
John & Marc

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