Tokio: Auf einen Drink mit Bill Murray

Rooftop-Bars lösen auf Reisende eine ganz eigene Faszination aus. Erst der Blick von oben lässt das Ausmaß einer Stadt erkennen. Er hilft dabei, sie noch ein bisschen besser zu verstehen. Besonders natürlich, wenn man bei einem Drink am Abend beobachten kann, wie sich nach und nach das Lichtermeer der Nacht entzündet. Umso schöner, dass eine jener Rooftop-Bars ihren Weg in unsere Reisemomente gefunden hat – die New York Bar in gut 200 Metern über Tokio. Ein Reisemoment von Alexander Kuffner.

Aussicht auf Tokio vom 238 Meter hohen Roppongi Hills Mori Tower.

Lost in Translation

Der in die Jahre gekommene und längst nicht mehr so angesagte Schauspieler sitzt im Smoking an einem mondänen Tresen, nippt gelangweilt an einem Whisky – wie jeden Abend. Es ist ein fast komisches Bild, wie er sich da so einsam und Zigarre rauchend in seiner Midlife-Crisis suhlt. Dann betritt Charlotte die Bar – wie jeden Abend. Sie ist weniger als halb so alt wie er. Und als sich ihre Blicke treffen, legt er für einen kurzen Moment den Gesichtsausdruck eines geschlagenen Hundes ab und ringt sich zu einem Lächeln durch.

Bob, der alternde Schauspieler (Bill Murray) und die Studentin Charlotte (Scarlett Johansson), beide Amerikaner, leben im Park Hyatt Hotel in Tokio. Bob, weil er gerade einen albernen Werbespot für einen japanischen Whisky dreht. Charlotte, weil sie ihren Mann, einen jungen Star-Fotografen, zu einem mehrwöchigen Job begleitet. Beide können schlecht schlafen. Die Bar wird ihre gemeinsame Schlummertrunk-Festung in einer Stadt, deren Schönheit und Exotik sie sich zunächst aus verschiedenen Gründen verschließen – und in einem Leben, in dem sich beide nicht wohlfühlen.

Die New York Bar im Park Hyatt Tokio – we have been „Lost in Translation“.

Endlich wieder New York Bar – auf einen Drink mit Bill Murray.


Eine Liebeserklärung an Tokio

„Lost in Translation“ (2003) von Sofia Coppola ist mehr als ein Film über einen zarten, traurigen und oft absurd-komischen Flirt, der keiner sein darf und letzten Endes zu nichts führt. Es ist eine Liebeserklärung an Tokio. Im Kino hatte er mich damals sofort „gekauft“ für diese Stadt und Japan an sich.

Mittlerweile habe ich den Streifen bestimmt sechs Mal gesehen – und war bereits zwei mal im „Park Hyatt“, dem Haupt-Drehort von „Lost in Translation“. Nicht zum Übernachten – die Preise sind teilweise absurd. Nein, zum Trinken und Schauen! Die Besuche dort stehen ganz oben auf meiner Liste der besten persönlichen Reisemomente. Und das nicht nur wegen des Films: 
Regelmäßig taucht das Hotel mit der New York Bar auf Top-20-Listen der besten Rooftop-Bars der Welt auf. Mit Recht!

Das sieht man, wenn man aus der Toilette der New York Bar tritt.

Blick von unten auf den Shinjuku Park Tower: Das Hotel befindet sich nur in den oberen Stockwerken, die Rooftop-Bar grüßt aus der 56. Etage.


Dicke Teppiche und tiefe Verbeugungen

Alleine der Weg dorthin lässt staunen. Denn das Hotel hat nur einige Stockwerke des riesigen Wolkenkratzers bezogen. Im großen Erdgeschoss muss man erst einmal einen Aufzug finden, der einen sanft in den 46. Stock fährt. Dort flufft man dann durch den weichen Flor zentimeterdicker Teppiche an Skulpturen vorbei, durch eine riesige Halle, eine Art Bibliothek und schließlich zu einem weiteren Aufzug, der einem selbstverständlich von einem Boy bestellt wird. Und noch höher – ins 52. Stockwerk.

„Ding!“ – Die Türen öffnen sich vor zwei Empfangsdamen, die sich sofort tief zur Begrüßung verbeugen und einem den Weg in die Bar weisen. Das Licht ist sehr gedämpft und schon beim Eintreten fällt der Blick auf die unglaublich große und hohe Glasfront, durch die Tokios Skyline hinein leuchtet. Dieser Blick, alleine dieser Blick macht es zur Pflicht, einen Drink in dieser Bar zu nehmen. Bill hin, Scarlett her.

Blick aus der Bar auf die fast zehn Millionen Einwohner zählende Metropole.

Schweben auf der Bar-Wolke

In wenigen Sekunden stellt sich ein aufmerksamer Angestellter vor, der einen Platz zuweist und die Karten bringt. Dann sitzt man da in seinem bequemen Lederstuhl. Im Hintergrund plätschert leise guter Jazz und die Augen wollen sich einfach nicht von dieser Megacity abwenden, über der man gerade in einer Bar-Wolke zu schweben scheint.

Zwei frisch gezapfte Bier, das lokale Asahi, finden den Weg auf die Stoffservietten vor mir und meiner Begleitung. Langsam richte ich den Blick in die Bar selbst. Ja, genau: Dort saß Bob jeden Abend, hier – genau an meinem Platz – Scarlett. Schon auf dem Weg nach oben fielen mir diverse Drehorte aus dem Film auf. Alles sieht auch bei meinem Besuch in 2016 noch genau so aus, wie in „Lost in Translation“.

Diese Skulptur befindet sich im Foyer des Park Hyatt und ist auch aus dem Film „Lost in Translation“ bekannt.

I’ll be back, Bill

Die Bedienung bringt eine Schale Nüsschen und Reiscracker. Die Verbeugungen sind tief, die Preise hoch und ich bestelle trotzdem einen guten schottischen Whisky. Wenn nicht hier, wo dann? Schaut man so in die Runde, erkennt man hier und da andere Westler, die – genau wie ich – verstohlen die Kameras zücken. Und wenn man genau hinhört, wabern ab und zu geflüstert die Namen Bill Murray und Scarlett Johansson durch den Klangteppich aus Jazz. Die Atmosphäre ist enorm relaxed, obwohl – oder gerade weil – sich hier doch eher die High Society einen genehmigt. Plus die Touristen, die in Erinnerung an den Film schwelgen oder einfach nur die Aussicht genießen.

Um 70 Euro ärmer verlasse ich die Bar, in der selbst der Gang auf die Luxus-Toilette ein kleines Ereignis ist, nach zwei Stunden mit einem großen Lächeln im Gesicht. Und mit dem Vorsatz, auch noch ein drittes Mal wieder zu kommen. Dann zum Essen. Oder besser noch als Gast.

Quittungen, die man einfach aufhebt.



New York Bar, Tokio: Quick Facts

Dresscode: Keine Scheu! Einen Dresscode braucht man nicht zu fürchten. Sicherlich sollte man nicht in Shorts, löchrigem T-Shirt und Sandalen dort aufschlagen. Aber Jeans und Sweatshirt sind durchaus in Ordnung.
Fensterplatz: Wenn kein Platz an der Fensterfront frei ist, nicht traurig sein. Der Ausblick ist auch so toll. Außerdem braucht man der überfreundlichen Bedienung nur zu sagen, dass man eigentlich gerne am Fenster sitzen würde. Sobald dort etwas frei wird – so war es bei mir – wird man höflich gefragt, ob man nicht umziehen möchte.
Kosten: Wer nur einen Kaffee trinken, beziehungsweise nicht all zu viel Geld ausgeben will, sollte vor 20 Uhr wieder verschwunden sein. Denn ab dann spielt täglich eine Live-Band gehobenen Barjazz, wie im Film eben. Dafür werden rund 20 Euro „Cover Charge“ auf die Rechnung geschlagen. Und: Es darf auf allen Plätzen geraucht werden!
Adresse: 163-1055 Tokio, Shinjuku-ku, Nishishinjuku 3-7-1-2
Nächste Metro-Stationen: Shinjuku, Shinsen-Shinjuku oder Hatsudai

Übrigens: Die Qualität der Fotos bitte ich zu entschuldigen – meine DSLR wäre mir dann doch zu peinlich gewesen, also musste das Smartphone herhalten. 

Weitere Eindrücke von Alexanders Japan- und vielen weiteren Reisen findest du auf mythirdblog.

Übrigens hat auch die Geburtsstunde von 1 THING TO DO etwas mit einer ganz bestimmten Rooftop-Bar in Tel Aviv zu tun, wie John in seinem Portrait beschreibt. Alle weiteren Geschichten unserer aktuellen Artikelserie findest du auf der Übersichtsseite zu unseren Reisemomenten.

Reisen um zu reisen!
John & Marc

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