Kurische Nehrung: Wo du die Einsamkeit lieben lernst

Der größte Trumpf der Kurischen Nehrung ist ihre scheinbar unendliche Weite. Im Rahmen einer Radtour von Nida nach Smiltynė durchquerten wir den kompletten litauischen Teil der lang gestreckten Ostseehalbinsel. Unser ziemlich banales 1 THING TO DO für die Kurische Nehrung fanden wir jedoch dort, wo wir unsere Fahrräder abstellen und dieses wohlige Gefühl der Einsamkeit besonders tief einatmen konnten. Ein Streifzug von Klaipėda am Kurischen Haff bis zur Parnidis-Düne an der Grenze zwischen Litauen und Russland. Geschrieben von Marc.

Kurische Nehrung

Morgenspaziergang auf der Parnidis-Düne im Süden des litauischen Teils der Kurischen Nehrung.

Alleine auf der Parnidis-Düne

Wir haben Glück. Es ist noch recht früh am Morgen. Eine der größten Wanderdünen Europas scheint ganz alleine uns zu gehören. Mutterseelenallein stehen wir auf der Parnidis-Düne an der Grenze zwischen Litauen und der russischen Exklave Kaliningrad. Tausende Tonnen Sand unter unseren Füßen, blicken wir zu unserer Linken auf das Kurische Haff. Zu unserer Rechten breitet sich die weite Ostsee aus.

Es ist einer jener Momente, in denen dieses Gefühl der Freiheit in uns aufsteigt. Als wir auf der „Hohen Düne“ entlang spazieren – die offiziellen Höhenangaben schwanken zwischen 44 und 60 Metern – zerfließt der lauwarme Sand langsam zwischen unseren Zehen. Die Sonne lacht. Es weht eine leichte Brise. Die Kurische Nehrung zeigt sich uns auf der Parnidis-Düne von einer ihrer wohl schönsten Seiten. Ein bisschen fühlen wir uns wir in einer Wüste zwischen zwei Meeren.

Kurische Nehrung

Auf der circa 44 Meter hohen Parnidis-Düne bei Nida kannst du den Puderzuckersand zwischen deinen Zehen zerfließen lassen.

Kurische Nehrung

Parnidis-Düne: eine unwirklich wirkende Dünenlandschaft im Süden des litauischen Teils der Kurischen Nehrung.

Erlebnis Kurische Nehrung

Die Parnidis-Düne ist Startpunkt unserer heutigen Radtour, im Rahmen derer wir von der litauisch-russischen Grenze bis zur Nordspitze bei Smiltynė 52 Kilometer zurücklegen werden. Eine Distanz, der wir mit Respekt begegnen. Doch so schnell können wir uns vor der Hohen Düne nicht trennen. Stattdessen verlieren wir uns an ihrem Ostufer, wo die sandigen Hänge steil in Richtung Wasseroberfläche hinabfallen.

Die Zeit geht an diesem Morgen ihren Weg zunächst ohne uns weiter, wir müssen sie später wieder einholen. Mal stapfen wir durchs kniehohe Wasser, mal hinterlassen wir unsere Fußspuren auf dem lehmigen Boden am Ufer. In der Ferne sehen wir die ersten Touristengruppen auf ihrem Weg zur Düne, doch irgendwie können sie uns dieses wohlige Gefühl der Einsamkeit nicht nehmen. Wir verlieren uns weiter in der Ursprünglichkeit, bis wir wieder vor unseren Fahrrädern stehen und beginnen, in die Pedale zu treten.

Kurische Nehrung

Auf der Haffseite der Parnidis-Düne kommt vor lauter Ursprünglichkeit beinahe Urzeitstimmung auf.

Kurische Nehrung

Die Parnidis-Düne liegt südlich von Nida und ist mit dem Fahrrad innerhalb weniger Minuten flott erreicht.

Beschaulich ödes Klaipėda

Manchmal gibt es eben doch so etwas wie eine glückliche Fügung. Gestern hatten wir immer wieder Ausschau nach einem Fahrradverleih in Klaipėda gehalten, der drittgrößten Stadt Litauens. Vergebens. Schlecht vorbereitet wie immer, schlenderten wir durch die Altstadt, die außer einem schönen Segelschiff auf dem Flüsschen Dange und ein paar netten Gässchen wenig zu bieten hat. Die Touristeninformation hatte bereits geschlossen, als uns spät der Geistesblitz ereilte, uns dort nach Fahrrädern zu erkundigen. Unsere Radtour auf der Kurischen Nehrung schien zu enden, noch bevor sie begann.

Eine allerletzte Chance blieb uns: unser Hostel am Bahnhof. Wir fragten die Angestellte am Empfang augenblinzelnd, ob sie nicht zufällig zwei Drahtesel verleihen könnte. Und siehe da: Das Grummeln über die nicht stattfindende Radtour war verfrüht. Wir reservierten zwei Räder für den nächsten Morgen und konnten uns vorfreudig in unsere Gemächer zurückziehen.

Kurische Nehrung

Kopfsteinpflaster auf dem Theaterplatz in der Altstadt von Klaipėda.

Kurische Nehrung

Links: Segelschiff auf der Dange. • Rechts: Šakotis, ein traditionelles litauisches Gebäck, serviert in einem Lokal am Theaterplatz.

Radtour von Nida nach Smiltynė

Einen ganzen Tag nehmen wir uns heute Zeit für die Strecke von Nida nach Smiltynė. Und so galt es für uns früh aufzustehen, um zunächst mit dem Schiff von einem der beiden Fährhäfen Klaipėdas auf die insgesamt 98 Kilometer lange Halbinsel in der Ostsee übersetzen. Von Smiltynė schließlich fuhr uns ein Bus samt Fahrrädern hinunter nach Nida, wo wir nach wenigen Minuten Fahrt die Parnidis-Düne erreichten.

Nida selbst ist eines jener urigen Fischerdörfchen, dessen Urigkeit omnipräsent ist und doch nicht mehr allzu authentisch wirkt. Ein Urlauberdörfchen mit bunten Holzhäusern, ganz und gar nicht überlaufen. Und doch erleben wir das ehemalige Nidden eher als baltische Kulisse in einem Freizeitpark. Wir belassen es bei einem Frühstück im Ešerinė, radeln gemütlich durch die ruhigen Straßen und verlassen Nida entlang der Haffküste in Richtung Norden.

Kurische Nehrung

Von Klaipėda aus kannst du entweder mit der „alten“ (nördlicher Ableger) oder mit der „neuen“ Fähre (südlicher Ableger) auf die Kurische Nehrung übersetzen.

Kurische Nehrung

Traditionelles Holzhaus in Nida, fotografiert vom Fahrradsattel aus.

Mit dem Rad auf der Kurischen Nehrung

Unsere Radtour verläuft überraschend überraschungslos. Nachdem wir an einigen stillen, von saftig grünem Schilf gesäumten Buchten samt bunter Fischbötchen vorbeisausen, verlieren wir das Kurische Haff bald aus den Augen. Etwas nordöstlich von Nida ist die lang gestreckte Halbinsel 3,8 Kilometer breit. In der Mitte davon scheinen Haff und Ostsee ewig weit weg.

Der größte Teil des Radwegs zwischen Parnidis-Düne und Smiltynė verläuft durch grüne Wälder und Wiesen. Und so vermissen wir alsbald das Rauschen des Meeres und müssen erst lernen zu verstehen, dass es dieses Nichts und die Einsamkeit sind, die unsere Radtour auf der Kurischen Nehrung zu dem machen, was sie letztlich ist: eine Auszeit für die Seele.

Kurische Nehrung

An der Haffküste nördlich von Nida passierst du die eine oder andere Stille Bucht, die zum Verweilen einlädt.

Kurische Nehrung

Der Radweg von Nida nach Smiltynė führt großenteils durch Wälder und Wiesen der Kurischen Nehrung.

Ostseemomente auf Litauisch

Nach knapp der Hälfte der Strecke führt der Radweg hinter den Dünen entlang, die südlich von Smiltynė unter Naturschutz stehen, um den natürlichen Rhythmus von Flora und Fauna zu bewahren. An unserer Sehnsucht nach Meer ändert dies freilich nichts: Die Dünen versperren die Sicht aufs kühle Nass, von dem wir heute eigentlich nicht genug bekommen können.

Nur zwischendurch blitzt die grün blaue Ostsee auf: Alle paar hundert Meter führen kleine Wege über die Dünen und erlauben uns, unsere Sucht zu stillen. Genau diese Momente, in denen wir die Schuhe ausziehen, auf die Spitze einer Düne zulaufen und unsere Augen beginnen das Meerwasser aufzusaugen, sind typisch für unsere Besuche an der Ostsee. Sei es in Mecklenburg-Vorpommern oder Litauen.

Kurische Nehrung

Circa ab Hälfte der Strecke zwischen Nida und Smiltynė hast du die Gelegenheit, vom Radweg entlang der Dünen aus hin und wieder ein Päuschen am einsamen Ostseestrand einzulegen.

Kurische Nehrung

Ein Großteil der Ostseeküste südlich von Smiltynė gehört zum Nationalpark Kurische Nehrung. Entsprechend naturbelassen ist die hiesige Dünenlandschaft.

Ostsee im Großformat

Schon am Vortag genossen wir mehrere dieser Ostseemomente. Auf der Kurischen Nehrung gibt es sie überall zu erleben, ihr Sandstrand erstreckt sich über Dutzende Kilometer, begleitet von einem stillen Band karger Dünen. Unsere Radtour hätten wir folglich gar nicht unternehmen müssen, um unser 1 THING TO DO ganz im Westen von Litauen in unseren Herzen abzuspeichern.

Ostsee pur bietet schon die Küste auf Höhe von Smiltynė, die per Fähre ab Klaipėda rasend schnell erreicht ist. Man könnte sagen, die Kurische Nehrung und ihre Strände böte Ostseemomente wie viele andere Lagen am Baltischen Meer auch. Doch für uns ist das zu kurz gegriffen: Für uns bedeutet sie Ostsee im Großformat.

Kurische Nehrung

Um unser 1 THING TO DO für die Kurische Nehrung zu erleben, musst du keine Radtour einplanen: Bereits bei Smiltynė laden einsame Strände zum Verweilen ein.

Kurische Nehrung

Strandspaziergang von Smiltynė in Richtung Süden: Schon hier kannst du die Vorzüge der Kurischen Nehrung voll und ganz genießen.

Kurische Nehrung und Klaipėda: Unser 1 THING TO DO

Was? So banal wie nur möglich: ein Spaziergang am ewig langen Sandstrand der Kurischen Nehrung.
Wo? Von den beiden Fährablegern in Klaipėda gelangst du in wenigen Minuten nach Smiltynė, von wo aus es nur noch ein paar hundert Meter von Haff- zu Ostseeküste sind. Der Sandstrand wird umso einsamer, je weiter du nach Süden spazierst.
Wie viel? Hin- und Rückfahrt kosten von beiden Terminals aus gerade einmal 80 Cent (Stand Februar 2018, Fahrräder kostenlos). Aktuelle Preise und Abfahrtzeiten findest du hier.
Warum? Um die Zeit zu vergessen und eine Extraportion Ostsee fürs Gemüt zu vernaschen.

Kurische Nehrung

Der Sandstrand an der Ostseeküste der Kurischen Nehrung erstreckt sich über mehrere Dutzend Kilometer.

Kurische Nehrung

Blick nach Norden: Der Sandstrand der Kurischen Nehrung scheint endlos.

Unser Reisebericht über die Kurische Nehrung ist der zunächst letzte Streich unserer Berichterstattung aus Litauen. Weitere Erlebnisse unserer Baltikum-Reise kannst du in unserem Vilnius Reisebericht sowie in unseren Artikeln über Trakai und Aukštaitija-Nationalpark erstöbern. Und übrigens: In unseren Litauen-Reisetipps findest du weitere Inspiration für deinen Besuch auf der Kurischen Nehrung.

Reisen um zu reisen!
John & Marc

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4 Gedanken zu “Kurische Nehrung: Wo du die Einsamkeit lieben lernst”

  1. Andrea says:

    Wie schafft Ihr das eigentlich immer meine Traumziele rauszupicken und dann auch noch mit so wunderbaren Fotos zu würzen. Ich will jetzt sofort los, an die Nehrung wollte ich schon immer. Jetzt hab ich echt Reisesehnsucht. Ganz liebe Grüße an euch 2

    1. 1 THING TO DO says:

      Danke dir! Aber müssen wir jetzt ein schlechtes Gewissen bekommen? 😀

      Liebe Grüße!

      1. Andrea says:

        Nein, ganz im Gegenteil! Das ist doch etwas Schönes.

        1. 1 THING TO DO says:

          Na dann haben wir ja noch mal Glück gehabt… 😀

Wir freuen uns auf deine Gedanken zum Artikel!

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