Jekaterinburg: An der Grenze von Europa nach Asien

Versteckte Seen, dichte Birkenwälder, bunte Datschensiedlungen: Wo die Transsibirische Eisenbahn vorbeisaust, tuckern die Elektritschki gemütlich von Bahnhof zu Bahnhof. Die Vorortbahnen russischer Städte ermöglichen Reisenden einen anderen Blick auf das größte Land der Erde. In Jekaterinburg, selbst nicht allzu reich an Sehenswürdigkeiten, konnte ich so ein heimliches Wahrzeichen Russlands näher kennenlernen, das auf dem Weg von Moskau bis zum Ural ständiger Begleiter war: den berühmten russischen Birkenwald. Geschrieben von Marc.

Jekaterinburg Sehenswürdigkeiten Reisebericht

So schön grün strahlt der Frühling bei Jekaterinburg: Im Umland verstecken sich einige unauffällige Sehenswürdigkeiten inmitten der Natur.

Jekaterinburgs rote Linie

Jekaterinburg macht es eiligen Transsib-Reisenden einfach, die wichtigsten Sehenswürdigkeiten in kurzer Zeit abzuklappern. Eine  rote Linie auf den Bürgersteigen lotst sie in drei Stunden durch die Innenstadt. Von der Kathedrale auf dem Blut führt sie zum Operngebäude, zum Hochhaus Visotsky und weiter ins eigentliche Zentrum zwischen den Metrostationen Geologitschetskaja und Ploschad 1905 goda. Von dort aus geht es zurück zur Blutkirche. Natürlich nicht ohne einem Spaziergang am Kai des Stadtteichs, wo sich Jekaterinburg für mich von seiner schönsten Seite zeigt.

Viel mehr hat Jekaterinburg Reisenden nicht zu bieten. Nachdem ich jedoch schon in Kasan nur eine Nacht blieb, gab ich der Stadt trotzdem Chance um Chance. Die misslungenste davon war ein Spaziergang zum Werch-Issetskij-Teich, an dessen Ufer die verbliebenen Holzhäuser von Plattenbauten und Industrie umrahmt werden. Später lief ich die Fußgängerzone auf und ab, wagte mich Mal ums Mal aus dem Zentrum hinaus. Nur um nach Sonnenuntergang jeweils ernüchtert die Skater am Jugendtheater an der Blutskirche zu beobachten. Jekaterinburg ist eine dieser Städte, in denen sich für russische Verhältnisse gut leben lässt. Aber eben wenig erleben.

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Die Kathedrale auf dem Blut ist die mit Abstand bekannteste Sehenswürdigkeit in Jekaterinburg.

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Vor dem Theatergebäude nahe der Blutkirche trifft sich am Abend die Jugend.

Jekaterinburg Sehenswürdigkeiten

Kathedrale auf dem Blut

Die ↠ Blutkirche wurde an jener Stelle errichtet, an der 1918 die russische Zarenfamilie ermordet wurde. Ein Spaziergang durch den umliegenden Park ist besonders dann ein Erlebnis, wenn ihr Glockenspiel erklingt. Vor dem nahegelegenen Jugendtheater treffen sich in den Abendstunden Skater, die zur Kathedrale auf dem Blut führenden Treppenstufen sind ein gutes Fotomotiv.

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Hochhaus Visotsky

Vom 54. Stock des Hochhauses genießt du einen Rundumblick auf Jekaterinburg, der sich vor allem zum Sonnenuntergang lohnt. Tickets für die ↠ Plattform unter freiem Himmel gibt es an der Rezeption im Erdgeschoss für knapp fünf Euro – einfach nach „platform“ fragen. Im 50. Restaurant gibt es auch ein Panorama-Restaurant.

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Gorodskoj Prud (Stadtteich)

Rund um den Stadtteich treffen sich Geschichte und Zukunft von Jekaterinburg. Am Ufer selbst entstehen nach und nach weitere Hochhäuser, darunter spazieren in der warmen Jahreszeit Pärchen und Familien, gerne mit einem Eis in der Hand. In Richtung Süden erstreckt sich das historische Zentrum von Jekaterinburg.

Im wahren Zentrum

Eigentlich keine Sehenswürdigkeit, aber sehr praktisch ist der Greenwich-Supermarkt (Straße des 8. März 46), in dem du dich für deine Weiterfahrt mit der Transsibirischen Eisenbahn oder deine Erkundungen in und um Jekaterinburg eindecken kannst. Folgst du der Straße der 8. März in Richtung Norden, passierst du das wahre Zentrum der Stadt. Am Ploschad 1905 goda grüßte eine Lenin-Statue.

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Ausflug mit der Vorortbahn

Am dritten Tag werde ich Jekaterinburg erst spät am Abend in Richtung Nowosibirsk verlassen. Ich habe Lust bekommen, zwischen all den Städten zumindest für einen Tag russische Natur zu schnuppern. Ein gar nicht so einfaches Unterfangen: Die Strecke der Transsibirischen Eisenbahn ist abseits der Städte nur mit wenigen landschaftlichen Höhepunkten gespickt, die im Rahmen von Tagesausflügen erreichbar sind. Bei Jekaterinburg erhoffte ich eigentlich mir eine Wanderung im Ural. Doch der macht ausgerechnet hier eine Pause.

Die Inhaberin meines Hostels weiß auch nicht weiter. Ich scheine der Erste zu sein, der sie mit einem solch absurden Wunsch konfrontiert. Und dann auch noch auf Englisch! Doch ich gebe nicht auf und recherchiere einen kleinen Hügel in der Nähe von Jekaterinburg, auf dem in Winter sogar ein Skilift in Bewegung ist. Eine Elektritschka würde vom Hauptbahnhof bis zur Station Pionerskaja gleich in der Nähe fahren. In gerade Mal einer Stunde wäre ich da. Auf geht’s! Es ist der Beginn eines Abenteuers, das ich rein gar nicht auf der Liste hatte.

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Bahnhof der Siedlung Pionerskaja zwischen Jekaterinburg und Rewda.

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Unterwegs im Birkenwald bei Jekaterinburg, dem Reisende mit der Transsibirischen Eisenbahn zumeist nur aus dem Zugfenster heraus begegnen.

Vier Irrwege im Nichts

Erster Irrweg: Abschottung auf Russisch

Einmal eine Datschensiedlung sehen! Aus irgendeinem Grund gehörte dies zu den Dingen, die ich in Russland erleben wollte. Wahrscheinlich eine Phoenix-Doku. Als ich die Elektrischtka verlasse, ist mein erstes Ziel also klar. Um zur Siedlung Pionerskaja zu gelangen, überquere ich einmal die Gleise und laufe eine marode Steintreppe hinunter. Von oben war die Aussicht leider besser: Ich stelle fest, dass die Siedlung von zwei Meter hohen Zäunen umgeben ist, die kaum einen Blick nach Innen zulassen.

Auch das Tor ist verschlossen, also laufe ich auf feuchtem Untergrund vorbei an weiteren Zäunen. Der Weg ist beschwerlich, teilweise auf ganzer Breite von Pfützen durchzogen. Datschen bekomme ich nur durch kleine Schlitze zu sehen, oder wenn der Weg mal ein paar Zentimeter höher verläuft und ich auf Zehenspitzen stehend darüber schauen kann. Ein Versuch war’s wert. Dann eben nicht.

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Heimlicher Blick ins Innere der Datschensiedlung Pionerskaja bei Jekaterinburg.

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Zumindest aus der Vogelperspektive konnte ich ein paar Eindrücke von der Datschensiedlung gewinnen.

Zweiter Irrweg: Wandern im Ural

Mein zweites Ziel ist der Woltschicha, ein 525 Meter hoher Hügel östlich von Rewda. Im Winter ist er beliebtes Ausflugsziel für Schneeballschachten, Rodelspaß und zumindest ein bisschen Snowboarding. Im späten Frühling ist das offenkundig anders. Natürlich liegt kein Schnee, doch dass mich am Eingang zum Skikomplex zwei aggressive Hunde lautstark davor warnen einzutreten, hätte ich auch nicht erwartet.

Es ist kalt und es nieselt. Ich bin mir nicht mehr sicher, ob dieser Ausflug eine gute Idee war. Der nächste Zug nach Jekaterinburg fährt erst in sechs Stunden, und schon jetzt soll meine – zugegeben etwas planlose – Entdeckungsreise ein Ende finden? Nicht mit mir, ihr blöden Tölen. Der Weg durch den Birkenwald scheint mir ohnehin sympathischer. Und so schlage ich mich umgeben von schwarzweißer Rinde Meter für Meter nach oben. Mit dem Gefühl, etwas Verbotenes zu tun. In Russland. Gibt bessere Gefühle. Und die Aussicht von oben? Wäre schöner bei Sonnenschein. Aber immerhin kann ich nun behaupten, einen „Gipfel“ im Ural erklommen zu haben.

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Vorsicht, bissiger Hund! Eingang zum Skikomplex am Woltschicha.

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Ausblick vom Woltschicha auf die nähere Umgebung. Im Hintergrund die Stadt Rewda.

Dritter Irrweg: Verloren im Birkenwald

Ich hasse es, beim Wandern Wege zweimal zu gehen. Lieber schlage ich mich durchs Dickicht, als auf meinen eigenen Fußspuren zurückzulaufen. Das geht nicht immer gut. Doch so schwierig kann das ja nicht sein: Vom Woltschicha aus habe ich die Umgebung aus der Vogelperspektive gesehen. Die Seenlandschaft in der Ferne ist mein Ziel. Immer nur gerade aus, und zur Not habe ich ja Google Maps.

Doof nur, wenn es keinen wirklichen Weg geradeaus gibt und sich die Linien, die sich im meinem Kopf zum geraden Weg gen Wasser verbinden, laufend kreuzen und obendrein Google Maps nichts als eine graue Fläche anzeigt. Inzwischen beginnt es stärker zu regnen, der Boden wird immer schlammiger und lässt die drei Streifen auf meinen Sneakern verschwinden. Ich habe keine Ahnung, wo ich bin, bis ich irgendwann wieder auf die Gleise treffe. Sie türmen sich vor mir auf, nach Osten münden sie in einen Tunnel, nach Westen folgt Kurve um Kurve. Zu gefährlich. Also marschiere ich zurück zur Pionerskaja. Noch mal alles auf Anfang.

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Vor lauter Schwarzweiß kann die Orientierung im Birkenwald schon einmal verloren gehen.

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Die Monotonie des russischen Birkenwalds wurde schnell zum Symbol meiner Reise mit der Transsibirischen Eisenbahn.

Vierter Irrweg: Flucht ins Paradies

Google Maps funktioniert immer noch nicht. Die einzige Orientierung, die ich habe, ist die schwammige Erinnerung an die Aussicht vom Woltschicha – und meine beiden Füße auf dem Boden. Inzwischen meine ich aber immerhin zu wissen, wo ich auf gar keinen Fall zum Wasser gelange. Ausschlussprinzip. Also laufe ich zunächst an einer gut befahrenen Straße in Richtung Rewda und biege nach etwa einem halben Kilometer in Richtung der nächsten Datschensiedlung ab. Vielleicht ist es auch Pionerskaja. Ich weiß es nicht.

Ein Russe werkelt am Stromhäuschen an einem kleinen Kanal herum. Er bemerkt mich nicht. Was mir recht ist. Ich bin wahrscheinlich der erste Ausländer, der hier sein Unwesen treibt. Ich bemerke, dass er das Tor ins Innere der Datschensiedlung offen gelassen hat. Sollte ich? Ich zögere, und ergreife die Gelegenheit doch noch beim Schopfe. Endlich drin! Ich stromere ein wenig ängstlich entlang der Gärten, in denen reichlich Gemüse angebaut wird, in denen die bunten Holzhäuser stehen, die ich an Bord der Transsibirischen Eisenbahn zu Tausenden an mir vorbei rauschen sah. Ich bleibe keine fünf Minuten. Doch das reicht. In mir steigt Genugtuung auf, dass ich es doch noch geschafft habe. Trotz aller Barrikaden!

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So viel Heimlichkeit! Kurzer Fotostopp in einer Datschensiedlung bei Rewda.

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Wer etwas auf sich hält, bringt seine Datsche mit farbigem Anstrich zum Leuchten.

Eins mit der Natur

Im Stromhäuschen wird noch immer gewerkelt, als ich die Siedlung verlasse. Er sieht mich immer noch nicht. Es ist mir immer noch recht. Ich spaziere am Kanal entlang weiter, während der Himmel über mir plötzlich aufklart und der Sonne ihren Auftritt lässt. Der Kanal mündet irgendwann in einen anderen, ein bisschen fühle ich mich an den Spreewald mit seinen Hunderten Fließen erinnert. Um mich herum ist alles grün, der himmelt strahlend blau. Doch irgendwann ist Schluss, mal wieder gibt es kein Weiter mehr. Egal: Es gibt kaum einen schöneren Orten für ein solch bittersüßes Ende.

Ich ziehe meine durchnässten Schuhe und Socken aus, um sie in der Sonne zu trocknen, setze ein paar Schritte im glasklaren Wasser und lege mich ins feuchte Gras. Wüsste ich es nicht besser, ich würde mich fühlen wie der einzige Mensch in einem Umkreis von 100 Kilometern. Vögel zwitschern um die Wette, Bienen saugen Nektar aus quietschend gelbem Löwenzahn. Eine von ihnen findet Gefallen an mir und macht es sich auf meinem T-Shirt gemütlich. Frühlingsgefühle in Russland. Ein Reisemoment, der sich den Namen 1 THING TO DO redlich verdient. Ein Reisemoment, der gleichzeitig so vergänglich ist. Die herannahenden Wolken sind noch dunkler als in den vergangenen Stunden. Der Wind frischt auf. Es wird stürmig an der Grenze von Europa nach Asien.

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Himmel trifft Wald trifft Wasser: So ungefähr hatte ich mir meinen Ausflug bei Jekaterinburg vorgestellt.

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Für einen kurzen Moment riss der Himmel über mir auf und zeigte mir, wie viel Schönheit in einem solch unbedeutendem Ort steckt.

In Kürze: Mein 1 THING TO DO für Jekaterinburg

Was? Setz dich in eine Elektritschka in Richtung Rewda, wo du zum Beispiel bei Pionerskaja das ländliche Russland an der Schwelle zwischen Europa und Asien kennenlernen kannst.
Wo? Die Station Pionerskaja bietet sich an, um auch den Woltschicha zu besteigen. Im Nachhinein war ich allerdings etwas traurig, nicht schon in Fljus ausgestiegen zu sein, das – aus dem Zugfenster gesehen – idyllischer wirkt. Allerdings weiß ich nicht, welche Irrwege mich wiederum dort erwartet hätten. Die Abfahrtszeiten auf Google Maps stimmten in meinem Fall.
Wie viel? Die Zugtickets für Hin- und Rückfahrt kosten circa sieben Euro (Stand Juni 2018).
Wo? Um ein saftiges Stück stereotypster russischer Natur zu erleben.

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Schnappschuss aus dem Zugfenster während der Fahrt zurück nach Jekaterinburg.

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Datschen und Fischerbötchen in Fljus, gelegen an der Bahnstrecke zwischen Rewda und Jekaterinburg.

Alle Reiseberichte meiner vier Wochen zwischen Sankt Petersburg und Baikalsee findest du im Übersichtsartikel meiner ↠ Russland-Reise. Bist auch du mit dem Zug unterwegs? Dann schau doch mal, wie ich die Strecke von Moskau bis nach Ulan-Ude in der ↠ Transsibirischen Eisenbahn erlebte. Vor Jekaterinburg war ich übrigens in der Hauptstadt Tatarstans unterwegs: Das 1 THING TO DO dazu gibt es in meinen ↠ Kasan Reisebericht.  

Reisen um zu reisen!
John & Marc

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4 Gedanken zu “Jekaterinburg: An der Grenze von Europa nach Asien”

  1. Andrea says:

    Spannend, dieser Spaghat zwischen wunderschöner Natur und gräßlicher Zivilisation. Die Kontraste hat du gut deutlich gemacht, danke dafür. Ich lese deine Rußlandberichte so gerne.
    Liebe Grüße

    1. 1 THING TO DO says:

      Das freut mich zu hören, vielen Dank! Der Spagat wird in Nowosibirsk dann glaube ich auch noch einmal deutlich, wenn auch auf andere Art und Weise. 🙂

      Liebe Grüße zurück!

  2. Dorie says:

    Wow, das ist wirklich mal Klischee-Russland 😀
    Aber wenigstens konntest du am Ende noch den Punkt von deiner To-Do Liste streichen 🙂
    Liebe Grüße
    Dorie von http://www.thedorie.com

    1. 1 THING TO DO says:

      Auf jeden Fall, aber für das Klischee muss man eben ein paar Umwege einlegen. 😀

      Liebe Grüße zurück!

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