Gergeti-Gletscher, Georgien: Aufgeben gibt’s nicht

Ab 1.000 Höhenmetern büßt der Mensch alle 100 Meter ein Prozent seiner Leistungsfähigkeit ein. Ob es deshalb klug war, ohne Training von der Dreifaltigkeitskirche im georgischen Kazbegi aus eine Wanderung zu starten? Auf etwa 2.000 Höhenmetern – und weitere gut 1.000 Meter hinauf zum Gergeti-Gletscher? Ist das noch mutig – oder bereits naiv? Und ist der Gergeti-Gletscher am Fuße des Mount Kazbek überhaupt die Strapazen wert? Ein Reisemoment von Marie.

Gergeti-Gletscher Georgien

Unterwegs zwischen Gergetier Dreifaltigkeitskirche und Gergeti-Gletscher im Nordosten Georgiens. • Credits: Marie Mewes, triffdiewelt.de

Wanderung zum Gergeti-Gletscher

„Ich glaube, ich muss gleich umkehren. Meine Beine machen langsam nicht mehr mit.“ Ich kenne mich vom Wandern fluchend, wimmernd, verhandelnd, freudestrahlend, voller Energie – und kurz vorm Aufgeben. Gerade stand ich vor Letzterem.

Hier, auf etwa 2.500 Höhenmetern, oberhalb der Stadt Kazbegi in Georgien. Wo ich mich noch so wenig an die niedrige Sauerstoffkonzentration gewöhnt hatte, dass ich alle fünf Schritte Halt machen musste, um irgendwie meine rasende Herzfrequenz zu beruhigen. Darauf hatte ich mich eingestellt. Darauf, dass es schwer werden würde zu atmen. Nicht aber darauf, dass ich langsam meine Beine nicht mehr spüren würde.

Gergeti-Gletscher Georgien

Wanderung zum Gergeti-Gletscher: Von Kazbegi bzw. Stepanzminda bis zur Gletscherzunge gilt es ingesamt rund 1.500 Höhenmeter zurückzulegen. • Credits: Marie Mewes, triffdiewelt.de

Beginn der Wanderung

Zwei Polinnen und ich waren auf etwa 2.000 Metern in Richtung Gergeti-Gletscher gestartet. Von der berühmten Gergetier Dreifaltigkeitskirche aus, die mittlerweile als Wahrzeichen Georgiens gilt und vor den mächtigen Bergen des Kaukasus thront, wollten wir weitere 1.000 Meter bergauf wandern.

Jeder Schritt seitdem war es wert gewesen. Eine meiner beiden Begleiterinnen war bereits auf halber Strecke umgekehrt, weil sie solche Probleme mit der Kondition hatte. Auch wir zwei Übriggebliebenen mussten immer wieder Pausen einlegen und stöhnten vor uns hin. Aber noch mehr als vom Laufen blieb mir der Atem aufgrund der Landschaft mehrfach stehen.

Gergeti-Gletscher Georgien

Die Gergetier Dreifaltigkeitskirche ist inzwischen ein beliebtes Touristenziel. Den Weg zum Gergeti-Gletscher allerdings wagen von hier aus nur wenige. • Credits: Marie Mewes, triffdiewelt.de

Georgien ist anders

So etwas hatte ich in meinem Leben noch nicht gesehen. Ich war schon in den Alpen unterwegs, hatte schroffe Felsen in den Nationalparks der USA erlebt, in Indonesien Vulkane bestiegen, kannte die palmenbewachsenen Berge Südostasiens. Doch der Kaukasus in Georgien erschien mir anders: wilde, ungestüme Berge, die vor und hinter mir aufragten wie Riesen, die höher reichen müssen als der Himmel. Noch nie hatte ich mich so lächerlich klein gefühlt.

Wir hatten unsere Wanderung im Sonnenschein gestartet, aber es zogen schon nach einer Stunde Wolken auf. Es fing etwas an zu regnen. Mehr und mehr hüllte sich der steinige Weg vor uns in Nebel und ein eisiger Wind preschte uns entgegen. Wir wurden uns einig, dass wir umkehren würden, wenn der Regen zunähme. Auch waren wir uns einig, dass nicht der Weg an sich uns in die Knie zwingen werde. Wenn, dann würde es der fehlende Sauerstoff sein, der den ganzen Körper zu lähmen schien.

Gergeti-Gletscher Georgien

Nach der Gergetier Dreifaltigkeitskirche schlängelt sich der Wanderweg zunächst am Hang entlang – hier bereits auf etwa 2.400 Metern Höhe. • Credits: Marie Mewes, triffdiewelt.de

Dem Gergeti-Gletscher entgegen

Doch erst mal wollten wir nicht aufgeben. Erst mal wollten wir weiter laufen. Versuchen, dem Gergeti-Gletscher so nahe zu kommen wie möglich. Ob wir die acht Stunden wirklich durchhalten würden, die man angeblich für den Weg zum Gergeti-Gletscher und zurück zur Dreifaltigkeitskirche benötigte, zweifelten wir jedoch beide bereits an.

Nach zweieinhalb Stunden bemerkte ich dann also, wie sich die Kraft in meinen Beinen langsam verabschiedete. Es ging gerade steil bergauf, immer weiter, einer im Nebel liegenden Anhöhe entgegen. Was danach kommen würde, konnten wir nicht sehen. Vermutlich noch viele weitere Höhenmeter, die es zu bezwingen galt. Uns beiden war kalt. „Okay“, sagte meine Wanderbegleitung, „wir können noch bis zur Anhöhe, und dann gehen wir zurück“. Ich stimmte zu und schleppe mich weiter.

Oben angekommen begegneten uns drei ungarische Wanderer, die bereits auf dem Rückweg waren. Wir fragten, wie weit der Gergeti-Gletscher noch entfernt liege. Als wir erfuhren, dass es nur noch etwa eine halbe Stunde dauern würde, bis wir ihn erreichen, fiel sofort unsere Entscheidung: Wir laufen weiter!

Gergeti-Gletscher Georgien

Auf unserem Weg zum Gergeti-Gletscher galt es, mehrere Nebelwolken zu durchdringen. • Credits: Marie Mewes, triffdiewelt.de

Gergeti-Gletscher und die Spitze eines Riesen

Der Weg blieb steinig, aber ab hier ging es nur noch wenig bergauf. Motiviert vom nahenden Ziel unserer Strapazen legten wir den Rest des Weges zügig zurück, wurden einen Teil des Weges von Hunden begleitet, durchdrangen dichte Nebelwände und Wolken und nahmen schließlich unsere Kapuzen ab. Es regnete nicht mehr.

Dann, plötzlich, sahen wir etwas Weißes in der Ferne. Wir haben den Gergeti-Gletscher vor unserer Nase! Dahinter: Mount Kazbek, seinerseits dritthöchster Berg im georgischen Kaukasus. Der jedoch versteckte seinen weißen Gipfel eitel hinter der Wolkendecke.

Gergeti-Gletscher Georgien

Da ist er: Den Gergeti-Gletscher erreicht man auf etwa 3.200 Metern Höhe. • Credits: Marie Mewes, triffdiewelt.de

Mount Kazbek zeigt sein Gesicht

Noch vor einer halben Stunde hatte ich geglaubt, ich müsste umkehren. Jetzt war ich heilfroh, dass ich es nicht getan habe. Wieder einmal wurde mir klar, dass die schönsten Orte auf der Welt jene sind, die die Natur ganz von selbst geschaffen hat. Wie hier, am Fuße des Kazbek, auf gut 3.000 Metern Höhe, wo man ihre grenzenlose Macht regelrecht einatmen kann.

Wir hielten eine Weile inne, staunten, schwiegen. Dann traten wir den Rückweg an. Noch einmal blieb ich stehen, blickte zurück. Der weiße Gipfel des Mount Kazbek schaute mir entgegen. „Stopp, stopp!“, rief ich meiner Begleitung zu, riss mir den Rucksack vom Rücken, wollte meine Kamera rauskramen, den Blick stur auf den majestätischen Berg gerichtet.

Gergeti-Gletscher Georgien

Mount Kazbek ist mit 5.047 Metern der dritthöchste Berg Georgiens und achthöchster Gipfel im Großen Kaukasus. • Credits: Marie Mewes, triffdiewelt.de

Zurück zur Dreifaltigkeitskirche

Ich war zu langsam. Die Wolken schoben sich wieder vor den Riesen. Die Spitze des Mount Kazbek sollte an diesem Tag kein perfektes Bild in meiner Fotosammlung werden. Stattdessen hatte sie sich nach drei Stunden alveolen- und kräftezerreißender Wanderung – frierend und feucht vom Regen, inmitten all des Stolzes, den Weg dennoch geschafft zu haben – in mein Herz gebrannt. Wie als hätte der Kazbek uns nur mal kurz auf die Schulter klopfen und zeigen wollen: „Das habt ihr gut gemacht!“

Nach insgesamt fünf Wanderstunden stehen wir erneut vor der Gergetier Dreifaltigkeitskirche. 2.000 Höhenmeter – 1.000 rauf, 1.000 runter – haben wir heute per Fuß zurückgelegt. Was für ein Wahnsinn, denke ich. Welch ein Glück wir hatten, dass wir die Strecke zum Gergeti-Gletscher trotzdem in so kurzer Zeit schafften. Dass der Regen nicht schlimmer geworden war. Und dass der Kazbek uns seine weiße Krone gezeigt hatte.

Aber genau so ist Georgien eben: Ein Abenteuer, welches es Tag für Tag wert ist, begangen zu werden. Und welches einen dutzendfach entlohnt.

Weitere Artikel von Marie aus Georgien findest du auf ihrem Blog Triff die Welt. Darin erklärt sie dir unter anderem auch, wie du den Kaukasusstaat mit kleinem Budget entdeckst. Eine Routenbeschreibung für die Wanderung zum Gergeti-Gletscher findest du hier

Gergeti-Gletscher Georgien

Meine Wanderung zum Gergeti-Gletscher in Georgien war nicht nur ein Abenteuer für die Atemwege, sondern vor allem auch für meine Beine. • Credits: Marie Mewes, triffdiewelt.de

Maries Reisemoment ist der Auftakt zur zweiten Runde unserer Berichterstattung aus Georgien. Und weißt du was? Auch wir waren drauf und dran, dem Gergeti-Gletscher einen Besuch abzustatten. Und weißt du noch was? Wir sind grandios gescheitert. Wieso, das erfährst du schon ganz bald auf 1 THING TO DO. Kleiner Tipp: Das Wetter auf Maries Bildern ist unserer Meinung nach eigentlich ziemlich nett…

Reisen um zu reisen!
John & Marc

2 thoughts on “Gergeti-Gletscher, Georgien: Aufgeben gibt’s nicht”

  1. SISSI says:

    Hallo, das ist wirklich spannend für mich zu lesen! Ich war 2016 auch auf dem kazbeg. Bei schlechter Witterung und Eisregen, Erschöpfung pur. Aber ein unglaubliches Gefühl dann oben, wie du auch beschreibst. Mein Respekt für dich! Lg sissi

    1. Triff die Welt says:

      Hallo Sissi,

      so langsam habe ich wirklich den Eindruck, dass ich Glück mit dem Wetter hatte. Dabei kam es mir an dem Tag gar nicht so vor :D. Das Wetter im Kaukasus ist einfach ein unberechenbarer Rebell.
      Danke für deine lieben Worte. Toll, dass auch du es trotz der Widrigkeiten bis nach oben geschafft hattest!

      Liebe Grüße,
      Marie

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