Sewansee: Ljubow und Nostalgie auf 1.900 Metern

Sewansee: Ljubow und Nostalgie auf 1.900 Metern

Es gibt weltweit wohl kaum ein Reiseziel ohne “Perle”. Der Sewansee jedenfalls gilt als Perle Armeniens. Im Osten des Landes gelegen und im Minibus eine gute Stunde von Jerewan entfernt, verspricht der Sewansee laut gängiger Reiseliteratur eine romantische Auszeit auf 1.900 Metern Höhe. Wir selbst machten am Ufer des größten Sees im Kaukasus etwas andere Erfahrungen. Geschrieben von Marc.

Nostalgie am Sewansee

Russischer Schlager nämlich entspricht nicht ganz unseren Vorstellungen von Romantik, doch vielleicht stellen wir uns da auch einfach nur komisch an. Nachdem wir die Sehenswürdigkeit am Sewansee schlechthin hinter uns haben, das ↠ Kloster Sewanawank auf der Sewanhalbinsel, lassen wir uns in einem aus der Zeit gefallenen Restaurant am Südufer nieder. Aus den Boxen schallt jede Menge “Ljubow” – und das in einer Lautstärke hart an der Grenze zur Penetranz.

Die musikalische Begleitung deckt sich mit unserem bisherigen Eindruck der Ufer in der Nähe der Kleinstadt Sewan. Auch der Tourismus hier scheint etwas aus der Zeit gefallen, fast so als gäbe es die Armenische Sozialistische Sowjetrepublik noch. Russische Tourist:innen pilgern zum Sewankloster, selbst die Tretboote am Ufer strotzen nur so vor Nostalgie. Einzig die Coca-Cola-Logos, die hier und da aufblitzen, erinnern uns daran, dass der Eiserne Vorhang gefallen ist. Selbst wenn auch sie nach späten 90ern aussehen.

Sewansee Armenien
Das Kloster Sewanawank wurde im neunten Jahrhundert errichtet, als die Sewanhalbinsel noch eine Insel war.
Sewanhalbinsel
Blick von der Spitze der Halbinsel in Richtung Kloster und Uferlinie.

Sewansee: Strandurlaub in 1.900 Metern Höhe

Der Sewansee ist doppelt so groß wie der Bodensee. Gelegen auf rund 1.900 Metern gehört er zu den größten Gebirgsseen der Welt. Am Ostufer, das sich heute im Dunst versteckt, ragt der Kleine Kaukasus bis auf 3.367 Meter in die Höhe. Fünf Fischarten leben im Sewansee, drei davon einheimisch. Eine Art davon soll gerade auf dem Teller vor uns liegen. Doch wer weiß schon, wo dieses Sammelsurium an Gräten wirklich gefischt wurde.

Als unser Fisch so gut wie nur möglich verspeist ist, laufen wir am Südufer zurück zum Beginn der Sewanhalbinsel und setzen unsere Zeitreise fort. Zwischen kargen Bäumen blitzen immer wieder verlassene Bungalows auf. In Strandnähe stehen Umkleidekabinen, in denen die Gräser inzwischen so hoch gewachsen sind, dass sie an manch sensibler Stelle gefährlich piksen könnten.

Sewansee Armenien
Unser Restaurant der Wahl befand sich unweit der Treppen, die hinauf zum Sewankloster führen.
Sewansee
Strandurlaub am Sewansee: Symbolbild.

Strände der Sewanhalbinsel

Zurück am Ufer begeben wir uns auf die Suche nach einer geeigneten Badestelle. Es hat schon irgendetwas von Revierverhalten: Sobald wir an einem Gewässer dieser Bedeutung entlang spazieren, möchten wir auch darin baden, es gewissermaßen für uns “markieren”. Das war schon in Baku beim ↠ Baden im Kaspischen Meer so. Der Sewansee jedoch ist aufgrund seiner Höhe auch im Spätsommer ziemlich kühl, was unser Vorhaben arg verkompliziert.

Einige Strandabschnitte sind sandig bis kieslig, der Einstieg jedoch felsig und entsprechend rutschig. Ohne Badeschuhe bei diesen Wassertemperaturen ein gewagtes Unterfangen. Manch andere Badestelle scheint für Hotelgäste reserviert, die nächste wiederum wirkt aufgrund von Autoreifen im Wasser wenig einladend. Die wenigen verbleibenden sind bei kleiner Fläche entsprechend gut besucht und bieten uns als scheue Deutsche kaum Platz zum Entspannen. Verflixt!

Baden im Sewansee

Am Vormittag hatten wir den Eindruck gewonnen, dass das Nordufer der Sewanhalbinsel ein deutlich ruhigeres Dasein fristet, und setzen unsere Suche nun ebendort fort. Gleich zu Beginn führt ein Weg zu einem Kieselstrand hinab, an dem keine Menschenseele den Nachmittag verbringt. Wie gemacht für uns, sieht man einmal vom komischen Schaum ab, der zwanzig Meter weiter an der Wasseroberfläche schwimmt.

Nachdem eine Möwe irre kreischend von rechts nach links durch die Luft rast, fassen wir uns ein Herz und bewegen uns in Zeitlupe Schritt für Schritt in tiefere Gefilde. Auf dem Weg gilt es ein dickes Rohr zu überqueren, das unseren Füßen inmitten der größer werdenden Kieselsteine wenigstens Halt bietet. Schnell noch den Oberkörper befeuchten – und ab geht’s! Unsere Kraft reicht nur für ein paar Züge, das Wasser ist wirklich kalt. Doch wer hat schon behauptet, dass so ein Bad auf 1.900 Metern einfach wäre.

Tipp: Ein paar Eindrücke unseres Ausflugs zum Sewansee gibt es auch im Video zu unserer ↠ Kaukasus-Reise.

Nach Sewan gelangst du ab ↠ Jerewan übrigens am besten per Minibus. Die Marschrutki starten ab neun Uhr morgens etwa stündlich vom nördlichen Busbahnhof. Dorthin gelangst du wiederum am schnellsten per Taxi. Die Fahrt nach Sewan dauert circa eine Stunde, von dort aus erreichst du nach einstündigem Fußmarsch die Sewanhalbinsel.

Reisen um zu reisen!
John & Marc

Sewansee Armenien

Veröffentlicht oder inhaltlich überarbeitet am:


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