Kasachstans Metropole: Laut, lauter, Almaty

Mit knapp zwei Millionen Einwohnern ist Almaty die größte Metropole Zentralasiens. Eine laute Metropole, die auf den ersten Blick eher für Autos gemacht ist als für Reisende, die genießen wollen. Nicht sonderlich reich an beeindruckenden Sehenswürdigkeiten, bietet Almaty genügend Gründe, die Stadt schnell wieder zu verlassen. Einer davon befindet sich direkt im Umland, wo die Ausläufer des Tienschan über 4.000 Meter hoch gen Himmel ragen. Geschrieben von Marc.

Almaty Sehenswürdigkeiten
Abendstimmung im Park des ersten Präsidenten im Süden von Almaty.

Schwierige Ankunft in Almaty

Gerade nervt mich alles. Am frühen morgen bin ich in Almaty gelandet, habe höchstens eine halbe Stunde geschlafen. Obwohl ich mir zur Entspannung extra Vogelgezwitscher auf Spotify heruntergeladen habe. Der Bus vom Flughafen ins Zentrum von Almaty war schnell so voll, dass ich mich erst zwei Stationen zu spät aus dem Gedränge nach draußen pressen konnte. Endlich auf dem Weg zum Hostel, lässt die sengende Hitze die letzte Energie aus meinen Poren quillen.

Meinen neuen Rucksack muss ich erst noch richtig einstellen. Bei jedem Schritt stößt er dieses ätzende Geräusch aus. Das jämmerliche Quietschen verfolgt mich bis ins ↠ Sky Hostel*, ausgestattet mit einer Terrasse hoch über den Dächern von Almaty. Das sagten mir zumindest die Bilder auf Booking.com. Für den Moment aber interessiert mich das Panorama nicht die Bohne. Ich will ins Bett. Schlafen. Jetzt. Kurzum: Meine ersten Stunden in Almaty sind ein Grauen.

Almaty Sehenswürdigkeiten
Nicht zu bestreiten: Der Landeanflug auf Almaty gehört zu den schöneren seiner Art.
Almaty Sehenswürdigkeiten
Blick über Almaty von der Dachterrasse des Sky Hostels.

Almaty, gemacht für Autos

Nach ein paar Stunden Schlaf habe ich mich beruhigt. Ich trinke eine Cola auf besagter Dachterrasse, lasse den Blick auf Almaty und die umliegenden Ausläufer der Tienschan schweifen. Über 4.000 Meter hoch ragen die Gipfel nicht allzu weit weg von Almaty gen Himmel. Schon beim Landeanflug habe ich mich klammheimlich in diesen Anblick verliebt. Der Schlafmangel hat die Gefühle unterdrückt. So richtig genießen kann ich das Panorama noch immer nicht. Doch jetzt Almaty, gebe ich dir die Chance.

Ich erkunde die größte Stadt Kasachstans zu Fuß. Doch schnell stellt sich heraus, dass Almaty alles ist, nur keine Stadt für Fußgänger. Die Abay Avenue, unterhalb derer einige der wichtigsten Metrostationen von Almaty verlaufen, steht symptomatisch dafür. Ihr Lärm ist ohrenbetäubend. Und sie scheint nicht enden zu wollen. Ohne jeglichen Höhepunkt fürs Auge haste ich an ihrer Seite von A nach B, versuche mich treiben zu lassen. Doch alles, was mich gerade durch Almaty treibt, ist der Wille ganz schnell wieder zu verschwinden.

Almaty Sehenswürdigkeiten
Baustelle an der brummenden Abai Avenue.
Almaty Sehenswürdigkeiten
Typisches Wohnhaus im riesigen Zentrum von Almaty.

Raus hier: Wandern bei Almaty

Ich werde sie noch entdecken, die Orte, an denen Almaty einen Gang herunterschaltet. Werde nach Almaty zurückkehren, nachdem ich durch Kirgisistan gereist bin. Dann erst werde ich erkennen, welch vergleichsweise moderne Metropole Almaty ist. Werde die Vermutung äußern, dass Almaty eine jener Städte ist, die man am besten gemeinsam mit Locals erkundet, die wissen wo der Hase lang läuft. Und nicht nur, wo die Motoren dröhnen.

Fürs erste jedoch bin ich froh, dass nicht Almaty das Ziel meiner Reise nach Zentralasien ist, sondern Kirgisistan. Froh, dass ich ohnehin überlegt hatte, meine Zeit in Almaty hauptsächlich zu nutzen, um eine erste Wanderung zu unternehmen. Denn dafür wiederum ist diese Stadt wie gemacht: Almatys grüne Seite ist relativ schnell erreicht. Im Bus reise ich am nächsten Morgen nach ↠ Medeo, einem südwestlich gelegenen Wintersportort. Knapp zehn Kilometer sind es von hier aus zum ↠ Furmanow, 3.053 Meter hoch. Für zentralasiatische Verhältnisse ein Hügel. Ungefähr so sieht er auch aus. Für mich jedoch ist er einer der bis dahin höchsten Gipfel überhaupt.

Almaty Wandern Medeo Furmanow
Ankunft in Medeo: Die folgende Wanderung führt in Richtung Kim-Asar-Schlucht.
Almaty Wandern Medeo Furmanow
Blick auf den Furmanow, der Gipfel links im Bild.

Wanderung von Medeo zum Furmanow

Es ist eine andere Gebirgswelt, als ich sie von den Alpen oder von ↠ Georgien kenne. Bedenkst du, dass der Großteil Kasachstans aus Steppe oder gar Wüste besteht, ist die Landschaft hier vergleichsweise üppig. Erst über 2.500 Metern wird die Vegetation deutlich karger, bleibt jedoch selbst über 3.000 Metern noch immer von grünen Gräsern bedeckt. Da ich auf nur etwa 1.600 Metern Höhe starte, ist es bis dahin aber noch ein ganzes Stück.

Die Wanderung beginnt langweilig, im schlechtesten Sinne des Wortes. Ich verlasse Medeo auf asphaltierter Straße, bis nach etwa zwei Kilometern der eigentliche Wanderweg beginnt. Es geht unaufhörlich bergauf. Die Hitze macht mir schnell zu schaffen, doch mit jedem Höhenmeter wird die leichte Brise etwas frischer. Nach etwa zwei Dritteln der zehn Kilometer langen Strecke zum Furmanow erblicke ich Almaty, das sich hinter einer trüben Dunstglocke versteckt. Wie froh bin ich, seinem Lärm entkommen zu sein! Und obendrein der Dämmse, die mir schon bei Abfahrt am frühen Morgen erste Schweißperlen von der Stirn perlen ließ.

Almaty Wandern Medeo Furmanow
Landschaft zu Beginn der Kim-Asar-Schlucht bei Medeo.
Almaty Wandern Medeo Furmanow
Im Hintergrund siehst du Almaty, etwas versteckt im Dunst der Großstadt.

Almaty aus der Vogelperspektive

Die Wanderung von Medeo zum Furmanow verläuft unspektakulär. Sie zieht sich wie ein Kaugummi, der dir angeboten wurde, obwohl du gar keine Lust darauf hattest. Erst kurz vor dem Gipfel kommt ein Hauch von Spannung auf. Almaty in meinem Rücken, blitzen die ersten schneebedeckten Spitzen des Tienschan zu meiner Linken auf, ohne dass sich mir ein Panorama bietet. Die letzten Meter führen durch felsiges Gelände, die mir ein wenig Handeinsatz abverlangen. Bis ich schließlich auf dem Furmanow stehe und damit die 3.000 Meter passiere. Ohne dass es sich nach etwas Besonderem anfühlt. Ein merkwürdiges Gefühl.

Anders als in Georgien, wo ich zum ersten Mal auf ähnlicher Höhe wanderte, macht mir die Höhenluft nicht zu schaffen. Und so entschließe ich mich kurzum, noch ein Stück weiter zu wandern. Bis zum Panoramapunkt auf knapp 3.300 Metern geht es noch einmal steil bergauf. Der Ort macht seinem Namen alle Ehre. Endlich sehe ich sie ganz nah vor mir, die 4.000er an der Grenze nach Kirgisistan, die mich bereits beim Landeanflug ins Staunen versetzten. Ganz ungetrübt ist die Sicht dennoch nicht: Nahe der Gipfel scharen sich die Wolken und vermiesen den Blick in die Ferne. Kommt er noch, der Moment, der mich diese Wanderung nicht vergessen lassen will?

Ein kasachischer Tagtraum

Auf dem Rückweg wandere ich auf etwas versetzter Strecke auf einem Kamm zurück in Richtung Medeo. Die Dunstglocke über Almaty ständig im Blick, wird die Vegetation wieder üppiger, blicke ich zurück auf das Geschaffte. Auch wenn der Furmanow trotz seiner 3.053 Meter noch immer eher nach einem grünen Hügel im Allgäu ausschaut. Es scheint eine Zweckwanderung gewesen zu sein. Eine Wanderung zur Akklimatisierung auf das, was in Kirgisistan noch kommen wird. Bis es plötzlich lautstark beginnt zu rascheln.

Ich traue meinen Augen nicht. Urplötzlich galoppiert ein Pferd nach dem anderen aus einem Hain zu meiner Rechten hervor. Ein knappes Dutzend Wildpferde schnellt erst hangab, dann hangauf in meine Richtung, bis sie plötzlich nur ein paar Meter vor mir den Weg kreuzen. Sie verschwinden so schnell, wie sie erschienen. Und ich, ich fühle mich als wäre ich aus einem Traum erwacht, dessen Fortsetzung ich am liebsten sofort erzwingen möchte. Das muss doch irgendwie gehen! Es war einer dieser Momente auf Reisen, die du nicht wiederholen, nicht planen kannst. Ein Blitzschlag aus dem Nichts. Das i-Tüpfelchen auf einer Wanderung ohne i. Ein Erlebnis, das mich am Ende doch noch trotzdem von Almaty schwärmen lässt.

Almaty Wandern Medeo Furmanow
Hier waren die Wildpferde bereits wieder in sicherer Distanz.
Almaty Wandern Medeo Furmanow
Überbleibsel einer alten Seilbahn, im Hintergrund der Furmanow.

In Kürze: Mein 1 THING TO DO für Almaty

Was? Eine Wanderung im Süden von Almaty, zum Beispiel zwischen Medeo und Furmanow.
Wo? Von Almaty aus gelangst du alle halbe Stunde mit Buslinie 12 nach Medeo, die zum Beispiel gegenüber vom Hotel Kazakhstan startet. Der Wanderweg von Medeo zum Furmanow – und weiter zum Panoramapunkt – ist via ↠ MAPS.ME gut nachvollziehbar. Hier findest du die Strecke ebenfalls, inklusive Höhenprofil.
Wie viel? Hin- und Rückfahrt im Bus kosten umgerechnet zusammen circa 60 Cent. Erschwinglich. Und noch ein Tipp: Im Supermarkt Stolitschny (Metro Almaly) kannst du dich vor der Wanderung mit Proviant eindecken. Solltest du ebenfalls nach Kirgisistan weiterreisen: Genieße die Auswahl!
Wieso? Um das lärmende Almaty aus sicherer Entfernung im Grünen zu erleben – und vielleicht ebenfalls einen kasachischen Tagtraum zu erleben. 

Meine Erlebnisse in und um Almaty habe ich übrigens auch in einem kurzen Video festgehalten. Film ab!

 

Almaty Sehenswürdigkeiten: Meine Favoriten

Mein Reisebericht aus der kasachischen Metropole gibt nur einen Ausschnitt meiner Erlebnisse wider, weshalb ich dir an dieser Stelle eine Auswahl weiterer Sehenswürdigkeiten in Almaty schildere.

  • Der ↠ Park des ersten Präsidenten im Süden von Almaty ist die Ruheoase in einer manchmal viel zu lauten Stadt. Von hier aus scheinst du direkt gen Tienschan aufbrechen zu können. Die riesigen Wasserspiele im Eingangsbereich laden zum Verweilen in einer Metrople ein, die keine Weile zu kennen scheint. Mit der Metro leider nicht zu erreichen, ich schlug mich irgendwie mit Bussen in Richtung Süden vor. Wer nicht wagt…
  • Das eigentliche Zentrum von Almaty – sprich: Restaurants, Cafés, Shopping-Möglichkeiten – ist für Ortsunkundige zunächst nicht allzu leicht ausfindig zu machen. Am besten zu erkunden, wenn du an den Metrostationen Schibek Scholy oder Almaly aussteigst.
  • Liebhaber:innen georgischer Küche kommen im ↠ Restaurant Daredschani in der Nähe beider Metrostationen auf ihre Kosten. Schmeckt fast wie in ↠ Tiflis. Und es gibt Chinkali!
  • Der Sairan nahe des gleichnamigen Busbahnhofs – hier starten auch die Marschrutki nach ↠ Bischkek – ist ein künstlicher See inklusive künstlichen Sandstränden inmitten eines wenig anschaulichen Wohngebiets. Verspricht Abkühlung an viel zu heißen Tagen.
  • Der 1.130 Meter Kök-Töbe ist so etwas wie der Hausberg von Almaty, erreichbar mit der Seilbahn gleich neben dem Palast der Republik. Oben angekommen, erwartet dich in typisch postsowjetischer Manier ein kleiner Freizeitpark – wenngleich mit vergleichsweise modernen Antlitz. Die Aussicht auf Almaty ist in der Seilbahn am schönsten. Allerdings finde ich persönlich die Aussicht von Sky Hostel vielversprechender, denn hier bist du mittendrin.

Almaty war Start- und Endpunkt meines Trips nach Zentralasien, bei dem ich überwiegend in Kirgisistan unterwegs war. Alle zugehörigen Artikel sowie praktische Informationen zu deiner Reise findest du im einleitenden ↠ Kirgisistan Reisebericht.

Reisen um zu reisen!
John & Marc

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Kasachstan Wandern Almaty

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2 thoughts on “Kasachstans Metropole: Laut, lauter, Almaty”

  1. chaoslady says:

    Hallo Marc,
    Dankeschön für diesen Bericht! Wie immer ganz „leichtfüßig“ geschrieben und liest sich wunderbar… ganz oft musste ich schmunzeln und war richtig froh, dass dir die Wildpferde über deinen Wanderweg gelaufen sind… denn ich habe mir von Herzen gewünscht, das deine „Strapazen“ entlohnt werden. Dein Bericht klingt sehr wohlwollend und respektvoll (dabei überlese ich die Kritik/Unzufriedenheit keinesfalls), was ich bewundere und als ein Zeichen von einer außergewöhnlicher Persönlichkeit deute… und für das Zwischenmenschliche so wichtig finde. Also nochmal danke!
    Liebe Grüße
    Natalia

    1. 1 THING TO DO says:

      Danke für diesen lieben Kommentar, Natalia! ☺️ Ein Hoch auf Wildpferde. 😉 Liebe Grüße zurück!

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