Zukunft des Reisens: Sind die fetten Jahre vorbei?

Mit dem Flugzeug nach Neuseeland, ein Roadtrip durch die Staaten: Das Reisen von heute ist abhängig von Rohstoffen, die eines Tages zur neige gehen werden. Als wir begannen, uns mit dem Thema Slow Travel zu beschäftigten, stießen wir auf folgende These: Die Art und Weise, wie wir heute reisen, muss sich künftig radikal ändern. Was ist dran an dieser Behauptung? Und: Was sind Alternativen zum Tourismus, wie wir ihn heute kennen? Gedanken über die Zukunft des Reisens. Geschrieben von John & Marc.

Zukunft des Reisens

Zukunft des Reisens: Liegen die besten Jahre des Weltenbummelns hinter uns?

Slow Travel in der Wissenschaft

Anfang des Jahres luden wir zu einer Blogparade zum Thema Slow Travel. An dieser beteiligten sich knapp 40 Blogger mit inspirierenden Artikeln rund um das langsame Reisen. Bevor wir den Aufruf jedoch starteten, stöberten wir nicht nur in einschlägigen Online-Magazinen, sondern recherchierten auch im wissenschaftlichen Diskurs.

Besonders in Erinnerung blieb uns die Veröffentlichung „Slow Travel and Tourism“ von Janet Dickinson und Les Lumsdon aus dem Jahre 2010. Beide beschäftigen sich mit dem Tourismus aus wissenschaftlicher Perspektive und damit auch mit der Zukunft des Reisens. In ihrem Buch beleuchten sie unter anderem die Frage, ob wir im 21. Jahrhundert weiterhin so reisen können, wie wir es bis dato gewohnt sind. Und wir fragten uns naiv: Warum eigentlich nicht?

Slow Travel Blogparade

Hier geht es zur Übersicht unserer Blogparade zum Thema Slow Travel.

Turbo-Tourismus

Reisende von heute kennen scheinbar keine Grenzen mehr. Gerade mit einem deutschen Reisepass ist man in der Lage, in beinahe jedes Land der Erde ohne unüberwindbare Hindernisse einzureisen. Reiseblogger inspirieren uns tagtäglich zu neuen Entdeckungen, wir alle möchten ihnen am liebsten sofort nacheifern. Schnäppchenportale ermöglichen uns Trips in entlegenste Regionen, über deren Preise man im ersten Augenblick oftmals nur ungläubig staunen kann.

Das Hier und Jetzt des Reisens ist Resultat einer jahrzehntelangen Entwicklung. Betrachtet man internationale Reisen von einem Land ins nächste, so gab es im Jahre 1950 gerade einmal 25 Millionen Ankünfte von Urlaubern, Geschäftsleuten und Co. in jeweils fremden Ländern. 2008 waren es bereits 924 Millionen, und für 2020 werden bereits 1,6 Milliarden Ankünfte erwarten. Welch rasante Entwicklung, welch Turbo-Tourismus!

Ein schwarzer Wermutstropfen

Auch wenn Reisen und Urlaub meistens das Gegenteil von Alltag sind, gehört das Weltenbummeln heute für viele zu den Selbstverständlichkeiten jeder Jahresplanung. Absolventen feiern ihren Abschluss auf Mallorca, Backpacker wandern durch Vietnam, in Australien wimmelt es an Work-and-Travellern und Städte wie Barcelona verzweifeln beinahe am Zustrom hunderttausender Touristen. Heißt: Niemals lag die weite Welt uns so nahe!

Unsere Lust am Reisen jedoch ist verbunden mit einem Wermutstropfen, der in diesem Falle schwarz, ölig und eher Flut als Tropfen ist. 90 Prozent des Reiseaufkommens sind abhängig von Rohstoffen wie Kerosin oder Benzin. Der Tourismus ist verantwortlich für fünf Prozent aller weltweit verursachten Treibhausgase. Was auf den ersten Blick vergleichsweise wenig wirken mag, ist eine riesige Menge – zumal die Branche rasant weiter wächst.

Barcelona Montjuic Panorama

„Was Barcelona tut, um nicht wie Venedig zu werden“ erklärt DIE WELT im Jahr 2015.

Ein bisschen Schwarzmalerei

Geht man davon aus, dass die für das Reisen erforderlichen Rohstoffe endlich sind, so leuchtet die These ein, dass wir eines Tages an die natürlichen Grenzen der Reisefreiheit gelangen. Dies gilt allen voran für Fernreisen, denn je knapper die Rohstoffreserven, desto teurer werden aller Voraussicht nach die Flugpreise. Wer soll sich die Flugreise nach Neuseeland dann noch leisten können?

Es stimmt nachdenklich, dass die gewohnte Globetrotterei in Zukunft Geschichte sein könnte, während man gerade noch davon ausging, dass das Reisen Jahr für Jahr schneller und komfortabler wird. Wird es kommenden Generationen überhaupt möglich sein, von Alaska nach Australien, von Buenos Aires nach Wladiwostok zu reisen? Oder werden all die Inspirationen und kulturellen Einflüsse, die wir heute durch die Welt tragen, eines Tages nur noch durch die Virtual-Reality-Brille erfahrbar sein?

Slow Travel: Die Zukunft des Reisens?

Das Konzept des langsamen Reisens schickt sich an, dieser Entwicklung eine Alternative gegenüber zu stellen. Dickinson beschreibt Slow Travel wie folgt:

„Slow Travel beschreibt ein sich stetig in Entwicklung befindliches Konzept, das eine Alternative zum Reisen per Auto oder Flugzeug anbietet. Diese Alternative äußert sich darin, dass Menschen langsamer über den Landweg zu ihrer jeweiligen Destination reisen, dort länger verweilen und insgesamt weniger reisen.“

Slow Travel – in der Theorie – schließt das Reisen per Auto oder Flugzeug aus ökologischen Gründen aus. Im Gegenzug setzt das Konzept auf Fortbewegungsmittel wie Überlandbusse, Züge, Fähren sowie auf die Kraft des menschlichen Körpers, zum Beispiel in Form von Wandern oder Radfahren. Gleichwohl betont Dickinson, dass langsames Reisen den entstehenden Rohstoffverbrauch nicht völlig ersetzen, jedoch deutlich reduzieren kann.

Sofia in Sicht – Ankunft am frühen Morgen nach mehr als zehnstündiger Fahrt per Nachtzug.

Sofia in Sicht – Ankunft am frühen Morgen nach mehr als zehnstündiger Fahrt per Nachtzug.

Langsamkeit schafft Zeit

In Rahmen unserer Blogparade haben wir bereits einige teils ungewöhnliche Alternativen zum Flugzeug vorstellen dürfen. Gleichwohl jedoch betonten dabei die wenigsten Blogger den Aspekt der Nachhaltigkeit, der beispielsweise beim Reisen mit Kanu, Fahrrad oder Segelboot durchaus eine Rolle spielt. Der CO2-Verbrauch pro Kopf und Reise schließlich ist beim Urlaub ohne Flugzeug und Auto deutlich geringer.

Der Fokus der Artikel lag vielmehr auf dem Reiseerlebnis an sich, das durch Slow Travel betont wird. Diesen Aspekt freilich greifen auch Dickinson und Lumsdon auf, wenn sie ihr Verständnis des langsamen Reisens erläutern. In Bezug auf die längeren Reisezeiten, die etwa bei Nutzung von Zügen anstatt Flugzeugen entsteht, zitieren sie ihren Kollegen Peters wie folgt: „Der Kern […] liegt darin, dass [langames] Reisen nicht nur Zeit nimmt, sondern auch Zeit schafft.“

Generation easyJet

Wer schon einmal mit dem Nachtzug unterwegs gewesen ist, wie wir von Budapest nach Belgrad nach Sofia, der weiß, dass die manchmal nervige Reise von A nach B auch als wertvoller Teil des Urlaubs selbst verstanden werden kann. Diese Einsicht, so glauben wir, ist uns als „Generation easyJet“ manchmal abhanden gekommen. Mal ehrlich: Flüge sind doch eher Mittel zum Zweck und gleichen gerade auf der Kurzstrecke eher einer alltäglichen U-Bahnfahrt. Wären da nicht Sicherheitskontrolle und überfüllte Warteräume.

Unser Augenmerk liegt allzu oft darauf, was am Reiseziel geschieht, nicht aber darauf, was während der Reise dorthin passiert. Slow-Travel-Ikone Dan Kieran beschreibt wohl am besten, wie wir uns auf das Wesentliche besinnen können, wenn wir durch ein Zugfenster beobachten, wie sich die Landschaft um uns herum sekündlich wandelt, anstatt in 10.000 Metern Höhe darüber hinweg zu sausen – und dabei den Kerosin-Turbo anzuschmeißen.

Bekommt im Konzept des langsamen Reisens nur die Rolle des Miesepeters – das Flugzeug.

Ihm wird im Konzept des langsamen Reisens nur die Rolle des Miesepeters zugewiesen – das Flugzeug.

Das Slow Travel Happy End

Slow Travel möchte niemanden belehren. Jeder und jede von uns reist anders, setzt andere Schwerpunkte. Das Konzept jedoch macht bewusst, dass unsere heute so selbstverständliche Art des Reisens nur vermeintlich selbstverständlich ist. Die Zukunft des Reisens hängt von uns allen ab. Vor allem aber auch davon, wie sich Transport und Tourismus in den kommenden Jahrzehnten weiterentwickeln.

Ein paar Hoffnungsschimmer immerhin gibt es. Airbus beispielsweise hat sich das Ziel gesetzt, den Kerosinverbrauch bis 2050 um 75 Prozent zu senken – ein mutiges Ziel. Realisiert werden soll dieses Wunder durch einen effizienteren Umgang mit Kerosin, aber auch durch den Bau ultraleichter Flugzeuge, die entsprechend weniger Treibstoff benötigen. Nicht zuletzt tüftelt die Wissenschaft beispielsweise an Biosprit aus Algen, um eines Tages unabhängig vom „schwarzen Gold“ durch die Lüfte schweben zu können.

Und die Moral von der Geschicht‘? Allzu schwarz malen müssen wir die Zukunft des Reisens nicht. Wenn man daran glauben mag, dass sich allen voran Flug- und Straßenverkehr auf ein nachhaltigeres Morgen zubewegen. Wer sich darauf jedoch nicht verlassen möchte, kann auch selbst anpacken. Muss es immer das Flugzeug sein, oder ist ein Nachtzug nicht gar bequemer und günstiger? Müssen wir allzu oft und allzu weit in die Ferne schweifen? Oder reicht auch mal ein Ausflug in die eigene unbekannte Umgebung, wie unsere Spreewald Fahrradtour zeigt?

Reisen um zu reisen!
John & Marc

12 thoughts on “Zukunft des Reisens: Sind die fetten Jahre vorbei?”

  1. Apfel|Nuss|und|Mandelkern says:

    Euer Artikel gefällt mir sehr gut! Dass der Reiseweg wieder zu einem wichtigeren Erlebnis als das Reiseziel wird, wird auch in einigen Filmen sehr schön aufgearbeitet – ich habe meine Abschlussarbeit über das Thema „Reise als Heilung“ in Roadmovies geschrieben, bei der sich herausgestellt hat, dass gerade die Reise, die aus der eigenen Körperkraft erfolgt, eine Reise ist, die an ein, wenn auch unterbewusstes Ziel führt.Das ist jetzt natürlich geisteswissenschaftlich gedacht, aber ich denke diesen Trend kann man in unserer Gesellschaft beobachten.

    1. 1 THING TO DO says:

      Das klingt doch interessant! Wir sind/waren auch beide in den Geistes- und Sozialwissenschaften unterwegs, deine These klingt nach einem guten Ansatz in Sachen Reisephilosophie. Liebe Grüße 🙂

  2. Dori says:

    Hallo ihr Lieben,
    ein spannendes Thema habt ihr hier eröffnet und ich finde euren Beitrag klasse. Besonders bei Reisen innerhalb Europas recherchiere ich sehr gerne über die beste Anreisemöglichkeit. Leider sind Zugreisen mittlerweile sehr teuer (wenn man nicht > 3 Monate) bucht und die Deutsche Bahn zB hat mir ihren Streiks letztes Jahre meine Geduld schon sehr strapaziert. Ich weiß, bei Lufthansa gab’s mindestens genausoviele Streiks 😉
    Im Vergleich zur Bahn ist leider der Flug oftmals dennoch billiger und eben auch bequemer – was für die meisten dann ausschlaggebend ist. Nur wenige Menschen sitzen lieber mehrere Stunden im Zug als 1-2 Stunden im Flugzeug. Da müsste man ja wieder mehr Zeit einplanen und die hat man ja bekanntlich nicht.
    Euer Beitrag hat mich soeben sehr nachdenklich gestimmt und mir schwirren ziemlich viele Gedanken sowie Fragen im Kopf herum. Ich denke, ich muss öfters über meinen ökologischen Fußabdruck nachdenken und tatsächlich mal Luxus/Geld gegenüberstellen mit unserer schönen Natur/Zeit.
    Liebe Grüße aus dem Wunderland von einer nachdenklichen
    Dori

    1. 1 THING TO DO says:

      Na das freut uns doch, dass unsere Gedankenspiele auch bei dir etwas ausgelöst haben… 🙂 Wir denken auch ähnlich wie du. Aber manchmal ginge es einfach auch ohne Flugzeug – Nachtzüge sind unser liebstes Beispiel. Man ist nachts unterwegs und spart dabei sogar noch eine Unterkunft. Das kann bei manchen Strecken sehr praktisch sein! Liebe Grüße 🙂

  3. Tobias S says:

    Das Zeitalter der Pferdekutschen ging nicht zu Ende, weil es plötzlich keine Pferde mehr gab…

    Ist das eine naive Antwort auf eine so wichtige Frage, die ihr da aufwerft? Ich glaube nicht… wir sehen *endlich* (nachdem schon in Kindersendungen in den 80ern von neuen Energiequellen gesprochen wurde), wie rasant sich Erneuerbare Energien entwickeln. Und erst gestern stellte ich überrascht fest, dass doch immer mehr Elektro-Autos auf der Straße zu sehen sind. Stück für Stück. Es geht voran.

    Und das Fliegen? Wird sich auch verändern. Weniger Kerosin, leichtere Materialien, mehr Leute im Flieger (ob das gut ist…), vielleicht auch andere Antriebsarten. Verschwinden wird es nicht. Eher werden immer mehr Menschen fliegen. China. Afrika.

    Auf der Mittelstrecke könnte das Fliegen allerdings an Popularität verlieren. Dank besserer, schneller Bahnverbindungen. Oder so irren Ideen wie dem HyperLoop.

    Das bleibt natürlich alles nur Vermutung… aber wird sich das Reisen zurückdrehen lassen?
    Nein. Das glaube ich wirklich nicht.

  4. Anwolf - Unterwegs auch mit Hund says:

    Sehr wichtige Aspekte, die ihr da ansprecht. Ich bin immer schon gerne gereist und auch viel mit dem Flugzeug. Nun mit Hund hat sich das komplett gewandelt und ich entdecke sozusagen die weite Welt vor der Haustür. Ich vermisse gar nichts und entdecke jeden Tag Neues und Wunderbares. Und die Umwelt wird auch geschont… 😉

    Viele Grüße von Andrea

    1. 1 THING TO DO says:

      Danke für deinen Kommentar! 🙂 Wir glauben auch, dass vieles am Reisen einfach davon abhängt, wie wir die Welt wahrnehmen und an die Reise herangehen… man muss nicht 20 Stunden fliegen, um Neues zu entdecken. Liebe Grüße zurück!

  5. Wolfgang Stoephasius says:

    Danke, gut geschrieben!

    1. 1 THING TO DO says:

      Danke dir!

  6. Oli says:

    Ich hab mal von einer Studie gelesen, die besagt, dass bei 80 Prozent der Artikel, in denen der Titel ein Fragezeichen hat, die Frage mit Nein beantwortet wird. Das wird dann auch begründet, aber den Teil krieg ich nicht mehr hin…

    Ein Nein würde ich auch bei diesem Text als Antwort geben. Der Club von Rome progonstizierte bereits in den 70er-Jahren, dass wir heute kein Öl mehr haben würden. Tatsächlich ist der Rohstoff so günstig wie nie. Davon abgesehen: Wenn das Öl wirklich ausgeht, werden andere Energieträger zur Vrefügung stehen. Da mache ich mir keine so grossen Gedanken.

    Die Reduktion um 75 Prozent Treibstoff scheint mir ehrgeizig, aber machbar. Das bleiben ja noch 35 Jahre. Schau dir nur mal an, was seit 1980 alles passiert ist. Der BMW meines Vaters aus dieser Zeit brauchte für 100 Kilometer 16 Liter. Sein jetziges Auto in einer ähnlichen Grössenordnung noch etwa 7 und das ist auch nicht mehr ganz State of the Art.

    Eher Bedenken habe ich, dass sich Orte vermehrt dem Tourismus verschliessen. So wie jüngst die Cinque Terre in Italien. Es ist sehr wahrscheinlich, dass immer mehr Orte Kontingente einführen und die Kontingentierung über den Geldbeutel laufen wird. Das würde aber eher nicht den Slow Travel fördern, sondern das das schnelle Reisen, weil sich Langsamreisende das einfach nicht mehr leisten können.

    1. schlingsite says:

      Kommt Zeit kommt Rat.Irgendeine Quelle findet sich immer.

    2. 1 THING TO DO says:

      Haha, das mit der Fragestellung kam in dem Falle sehr spontan, weil kein Titelbild passte und dann war da dieser dickliche Panda… 🙂

      Wir glauben, man muss den Text von Dickinson/Lumsdon wirklich als Text von 2010 werten. Seitdem hat sich schon wieder so viel getan, gerade wenn man sich die Ölproduktion anschaut, aber auch nachhaltige Energien. Da hast du definitiv recht. Einige zukunftsweisende Aspekte und Ideen waren damals noch nicht absehbar.

      Insofern verblüffend, wie sich die Zeit wandelt, aber mit ihr wächst zurzeit auch das Bewusstsein für Nachhaltigkeit, weshalb Slow Travel in diesem Kontext weiterhin eine Alternative bieten kann. Zumal Slow Travel ja mehr ist, als nachhaltiges Reisen – oben genannter Text schießt sich nur ziemlich auf dieses Thema ein.

      Liebe Grüße!

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