Zugfahren in Südostasien, oder: „Thoughts on a train“

Tropische Frostbeulen, harte Holzbänke und taube Körperteile: Für unsere Artikelserie #Reisemomente blickt Manu zurück auf  ihre High- und Lowlights in den Zügen Südostasiens. Sowohl auf ihrer Reise durch Thailand, Burma als auch durch Indonesien griff sie auf die mal mehr, mal weniger flotten Verkehrsmittel zurück. Was ihre Erlebnisse beim Zugfahren in Südostasien mit ihrem Beruf als Lehrerin, Robbie Williams und einem multifunktionalen Schal zu tun haben, das erklärt sie dir am besten selbst. Ein Reisemoment von Manu. 

Zugfahren in Südostasien

Ein imposanter Schnappschuss von Manu während ihre 4 Days/3 Nights Bootstour von Lombok zum Komodo-Nationalpark. Credits: worldcalling4me.de

A short story by Mango Tshabango

Wahrscheinlich verstehen weniger als drei Menschen die Ironie des Titels meines Reisemoments. Da er aber zu passend ist, um einen anderen zu nehmen, werde ich ihn erklären:

13. März 2015. Englischabitur. Vorschlag A: Auszug aus einer Kurzgeschichte mit dem Titel „Thoughts on a train“ von Mango Tshabango. Thema: Racism in Südafrika mit Bezug zu den USA. Eine Kür für meinen damaligen Kurs, hatten wir doch zehn Tage vor dem Abitur genau über dieses Thema geschrieben. 18 von 22 Prüflingen entschieden sich für diesen Vorschlag. Die Konsequenz: Nach der zehnten Abitur-Korrektur bekam ich Brechreiz bereits beim Einleitungssatz: „The short story ‚Thoughts on a Train‘ by Mango Tshabango from 2010 is about…“ – Mein Bedürfnis, ein weiteres Mal den Namen des Autors zu lesen, ging dezent gegen null.

Zugfahren in Südostasien

Es folgt ein Bericht über das Zugfahren in Südostasien. Meine ganz persönlichen „thoughts on a train“ quasi. What shall I say? Ich bin Deutschlehrerin und besitze die unter dieser Spezies weit verbreitete Kompetenz, stundenlang über Sinnlosigkeiten und wenig bis nichts sagende Themen philosophieren zu können. Ohne Punkt und Komma. Ohne Rücksicht auf Verluste. Wie ein Wasserfall. Mit einer Euphorie, dass es schmerzt. In diesem Sinne: Los geht’s!

Meine Erfahrungen mit Zugfahren in Südostasien sind begrenzt. Ich erinnere mich an zwei Situationen. Erstens, die Zugfahrt von Bangkok nach Chiang Mai im Jahr 2004, eine Nachtfahrt im Schlafabteil und daher wenig aussagekräftig – weil ich überraschenderweise geschlafen habe. Zweitens, die Zugfahrt ab Rangun in 2008, hoch die „Road to Mandalay“. Ach, ich höre den Robbie schon trällern: „Everything I touched was golden, everything I loved got broken on this road to Mandalay.“ – Was auch immer er da singt, mit Burma und Mandalay kann es nichts zu tun haben.

Gili Meno, Indonesien: Zwei Tage völlieg Ruhe und Ausspannen am Strand bei wundervoll klarem Meerwasser. Credits: worldcalling4me.de

Burma: Unterwegs in der Holzklasse

Ich bezweifle stark, dass der Herr jemals in einem burmesischen Zug saß. Holzklasse. Im wörtlichen Sinne. Holzbänke. Blanke Holzbänke. Zu meinen Füßen: ein Käfig mit Hühnern. Gackernde, kackende, stinkende, ständig mit den Füßen scharrende Hühner. Rechts und links von mir: Burmesen, die ganze Reissäcke durch das Land transportieren und teilweise auf ihnen sitzen, weil sie auf den Holzbänken entweder keinen Platz mehr gefunden haben oder weil die Säcke einfach bequemer sind.

Die Höchstgeschwindigkeit des Zuges: 30 Kilometer pro Stunde – viel schneller sollte der Zug beim Aussehen der Schienen auch nicht fahren. Die normale, durchschnittliche Geschwindigkeit: etwas schnelleres Gehen. Doch ein Gutes hat es! Man kann Einkäufe durch die Fenster (oder mit welchem Wort auch immer man die Luftlöcher der Zugwände beschreiben kann) tätigen sowie Obst, Getränke und sogar warmes Essen von Verkäufern, die an den Gleisen stehen, einkaufen. Drei Stunden später spürt man dann auch die Schmerzen in Po und Rücken nicht mehr – alles ist komplett taub.

Auf Bali machte Manu auch in der einen oder anderen Tempelanlage Station. Credits: worldcalling4me.de

Sänk ju for träwwalling wis Kerata Api

Unterwegs im Zug von Yogyakarta nach Jakarta in Indonesien stelle ich mir die Frage, ob sich die Zeiten in den letzten Jahren deutlich zum Positiven verändert haben, oder ich einfach im falschen Land unterwegs war – ein Gedanke, den ich zum damaligen Zeitpunkt schon einmal hatte. Nein, ernsthaft: Bus fahren in Thailand bin ich durchaus gewohnt. Auch in Vietnam. Nicht alles geht mit Scooter. Natürlich sind die Kontraste zu damals mehr als deutlich, wenngleich die Geschwindigkeit immer noch, zumindest gefühlt, dieselbe wie damals ist.

Mein Zug in Indonesien jedoch bringt sämtliche Annehmlichkeiten mit sich, die man sich nur vorstellen kann: Es gibt bequeme Sitze, Stromanschlüsse bei den Sitzen und eine Crew, die ständig herumläuft und die Reisenden mit völlig überteuertem und übel schmeckenden Kaffee versorgt – ich weiß auch nicht, warum mir gerade jetzt „sänk ju for träwwelling wis deutsche Bahn“ einfällt. Es gibt einen Fernseher, der – proudly presented by Kereta Api, quasi die Deutsche Bahn in Indonesien – heute „Nachts im Museum – Teil 2“ zeigt. Zumindest wenn man die passenden Stöpsel hat.

Tropischer Frostenbeulenalarm

Vor allem aber gibt es eine sehr gut funktionierende Klimaanlage. Zu gut. Denn hier ist eine dringende, entsprechende Reise-Vorbereitung anzuraten, da Klimaanlagen (auch oder vor allem in asiatischen Bussen) grundsätzlich viel zu kalt eingestellt sind. Socken, Decke, diverse Jäckchen/Pullis sollten daher im Reisegepäck so verstaut sein, dass man schnell und problemlos an sie herankommt. Sehr schnell. Es herrscht Frostbeulengarantie.

Einmal mehr erwiesen sich meine flauschigen Flugzeugsocken, die ich beim letzten Mal als Handschuh-Ersatz nutzte, um den Ijen herunterzufahren, und mein Ayshe-Schal als unverzichtbare Reise-Accessoires. Letzterer ist ohnehin ein multifunktionales Reisegadget und lässt sich immer wunderbar als Decke, Kopfbedeckung in Moscheen, Bedecken meiner Knie (Sarong-Style), Schal bei Regen auf dem Roller, Kälteschutz, wenn man mal spontan einen Berg besteigen möchte, einsetzen lässt.

Sonnenuntergang vor Sumbawa, einer der grünen Inseln Indonesiens. Credits: worldcalling4me.de

Die Vorzüge des Nichtstuns

Auch um die rauchenden Passagiere wird sich gekümmert. Stündlich hält der Zug an einem Bahnhof. Fünf bis zehn Minuten Wartezeit, die von den Passagieren nicht ungenutzt bleiben. Alle Raucher raus auf den Bahnhofssteig – das Schild „non-smoking area“ interessiert hier ja niemanden – und wieder rein, wenn der Schaffner beginnt, die Türen zu schließen.

Dank der vorhandenen Steckdosen kam ich ein gutes Stück in meinem Buch weiter, habe zahlreiche Bilder und Videos auf dem Handy sortiert. Vielleicht verfasse ich demnächst mal einen Beitrag über „Dinge, die man tun kann, wenn man absolut nichts zu tun hat“. Denn das Nichtstun kannst du im Zug in Indonesien bestens zelebrieren.

Happy End einer 15-stündigen Bootstour vor Komodo bei schlechtem Wetter. Credits: worldcalling4me.de

Weitere Reiseberichte von Manu, die weit über das Zugfahren in Südostasien hinausgehen, findest du auf ihrem Blog worldcalling4me – darunter vor allem auch ihre Artikel aus Malaysia und Indonesien. Erinnerst auch du dich an ein besonderes Erlebnis auf deinen Reisen, das unbedingt seinen Platz in unserer Serie finden muss? Dann findest du auf der Übersichtsseite unserer Reisemomente alle Infos, wie du deine Geschichte einreichen kannst.

Reisen um zu reisen!
John & Marc

2 thoughts on “Zugfahren in Südostasien, oder: „Thoughts on a train“”

  1. Marianne says:

    Toll geschriebener Artikel . Er hat mich richtig mitgenommen auf die Bahnfahrten. Welch Abenteuer…

    1. 1 THING TO DO says:

      Wir sind jetzt auch ganz angefixt… 🙂 Liebe Grüße!

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