Probier’s mal mit Genügsamkeit: Wieso Reisen reicher macht

Zwischen all den Reiseberichten und -geschichten auf 1 THING TO DO bleibt manchmal nur wenig Platz darüber nachzudenken, was all das Weltenbummeln eigentlich in uns auslöst. Das Projekt 360 von Igor und seinem Blog 7 Kontinente gibt uns die Gelegenheit, über eine ziemlich zentrale Frage zu sprechen: Gibt es da etwas, was das Reisen an uns verändert? An unserem Leben? An unserem Alltag? Wir sagen: Reisen lehrt uns, genügsam zu sein. Geschrieben von Marc.

Wieso Reisen reicher macht

Die serbische Hauptstadt Belgrad fungiert als Rahmen zu unseren Gedankenspielereien rund ums Reisen.

Wenn weniger mehr ist

Manchmal schmunzeln wir darüber, wenn wir auf unseren Reisen durch Straßenzüge laufen, in denen die Fassaden nur vor sich hinbröckeln. Wenn wir in abgelegenen Kneipen Einkehr halten, in denen seit Jahrzehnten alles am selben Platz zu stehen scheint. Genauso staunen wir, wenn uns Menschen trotz des scheinbar wenigen, was sie haben, mit einem Lächeln begegnen. Wie oft stöhnen wir über unseren manchmal drögen Alltag, während mancherorts Menschen Freude daran finden, alle zwei Stunden den Gehweg zu fegen?

Exemplarisch hierfür steht unser 1 THING TO DO für Belgrad, das wir in einer urigen Fischerkneipe an der Donau entdeckten. Umgeben von Relikten aus Zeiten Jugoslawiens, fiel unser Blick hier von der urigen Terrasse auf gemächlich vor sich hin schippernde Fischerbötchen. Was braucht man mehr, um nach durchzechter Nacht den Tag zu krönen? Herzlich wenig. Das denkt sich wohl auch der Inhaber des Etablissements, der sich kaum durchringen konnte, uns als einzige Gäste überhaupt zu bedienen.

Belgrad Nachtleben

Schauplatz für unser 1 THING TO DO in Belgrad war diese Fischerkneipe am Donauufer.

Improvisationstalent Belgrad

In Belgrad trifft man immer wieder auf solche Beispiele, die während unserer Reisen nicht immer ein Foto wert waren, aber rückblickend etwas in uns verändert haben. Ein alter Drahtesel etwa, an dem der Rost jeglichen Lack längst durchfressen hat. Zastavas aus den 80ern, Autos ohne Fensterscheiben oder alternativ mit einem riesigen Loch in der Beifahrertüre, die ihren Zweck offensichtlich noch immer erfüllen. Wieso also ein neues Statussymbol anschaffen?

Die i-Tüpfelchen Belgrader Improvisationskunst gibt es auf der Halbinsel Ada Ciganlija zu begutachten. Während eines Spaziergangs entlang des Save-Ufers liefen wir an etlichen Hausbooten und den zugehörigen Kleingärten vorbei, in denen in der warmen Jahreszeit scheinbar ununterbrochen getüftelt wird, um das Alte möglichst für die Ewigkeit zu bewahren. Nicht zu vergessen die Nachtzüge, die Belgrad mit Budapest und Sofia verbinden und in Deutschland garantiert nicht mehr durch den TÜV kommen würden. Doch sie fahren. Was will man mehr?

Auf unseren Reisen durch Osteuropa nächtigten wir nicht nur einmal in einem Zug, der von außen aussah, als sei er seit Jahrzehnten nicht mehr in Betrieb.

Probier’s mal mit Genügsamkeit

Natürlich sind auch viele Serben nicht davor gefeit, sich über Statussymbole Identität zu verschaffen. Wer ist das schon? Prollige SUVs fahren auf den Straßen genauso wie alte Karren. Vor den Clubbooten am Ušće-Ufer hätten wir im Belgrader Nachtleben wohl stundenlang Lackschuhe und Handtaschen zählen können.

Dennoch scheint man in Belgrad genügsamer zu leben als hierzulande, was nicht zuletzt natürlich mit den sozialen und wirtschaftlichen Bedingungen zu tun hat. Doch diese Rahmenbedingungen scheinen die Stadt keineswegs in eine lähmende Depression verfallen zu lassen. Ganz im Gegenteil sind nicht nur die Straßen rund um den Platz der Republik fast zu jeder Uhrzeit voller Leben, in alten Fabrikgebäuden entstehen Clubs, Kunstgalerien und Hipsterbars.

In Belgrad entstehen in alten Gemäuern laufend neue Hotspots der guten Laune.

Gönnen mal anders

Was macht all das mit uns? Nun, ich muss nur einmal zurückdenken, was ich mir in diesem Jahr alles gegönnt habe – in materieller Sicht. Auch hier gilt: herzlich wenig! Habe ich früher jeden Monat mindestens 100 Euro fürs Shoppen eingeplant, gönnte ich mir 2017 bislang nur ein neues T-Shirt und kürzlich ein Paar neue Schuhe. Aber auch nur, weil das Vorgängerpaar bereits mit Löchern an den Zehen glänzte und das Vorvorgängerpaar, das daraufhin kurzum wiederbelebt wurde, ebenfalls nicht mehr ganz gesellschaftstauglich war.

Wenn ich in meinen Kleiderschrank schaue, dann habe ich doch alles, was ich brauche! Wieso muss ich mich in jeder Saison neu erfinden? Und wieso sollte ich mir neue Bettwäsche kaufen, wenn in meinem Schrank so viel Bettwäsche liegt, dass ich ein ganzes Hostelzimmer damit ausstatten könnte? Erfüllt doch alles noch seinen Zweck! Vom schwarzen Pulli bis zu meinen Wandersocken, die nun wirklich schon einige Kilometer hinter sich haben.

Was stellt das Reisen mit uns an? Igors Projekt 360 brachte uns zum Nachdenken.

Reisen macht reich

Es kann sein, dass diese serbische Genügsamkeit in meinem Kopf nichts mehr ist als ein Konstrukt, das sich zwar auf eigene Erlebnisse vor Ort stützt, aus Perspektive der Einheimischen aber überhaupt nicht zutrifft. Es mag sein, dass die beschriebene Genügsamkeit nur eine vermeintliche ist.

Und doch lehrte sie mich, mich mit weniger zufrieden zugeben, mein Selbstbewusstsein mit anderen Dingen aufzufrischen als mit neuen Schuhen. Mein hart erarbeitetes Geld stecke ich seitdem vor allem in Erlebnisse, in Freizeitaktivitäten – und natürlich das Reisen, ein Statussymbol der anderen Art. Denn in dieser Hinsicht passt eines dieser Spruchbilder auf Facebook und Co. mal so ziemlich wie die Faust aufs Auge: „Travelling is the only thing you can buy that makes you richer.“ – Reisen ist die einzige Sache, die du kaufen kannst und dich trotzdem reicher macht. 

Oder besser umgekehrt? Ein Sinnspruch aus dem Belgrader Kultur- und Partyviertel Savamala.

Und wie verändert das Reisen dich? Hast du vielleicht sogar ähnliche Erfahrungen wie wir wir gemacht? Hinterlasse uns gerne einen Kommentar zum Thema! Und falls du ihn noch nicht kennst, gibt es mit unserem Belgrad Reisebericht den passenden Rahmen zum Artikel.

Reisen um zu reisen!
John & Marc

5 thoughts on “Probier’s mal mit Genügsamkeit: Wieso Reisen reicher macht”

  1. susyontour says:

    Ich glaube weniger, dass Reisen reich macht, es sind viel mehr die Begegnungen währenddessen. Auch die mit sich selbst.
    Meine materiellen Güter passen in einen Koffer und das teuerste Gut ist mein Reiserucksack und Susy, unser Van. Den Rest habe ich verschenkt und die Wohnung gekündigt, da waren eh keine Möbel drinnen 😅

  2. Thilo Mueller says:

    Rechtsamt ihr!

  3. Nina says:

    Hallo Ihr! Unterschreibe ich zu 1000% genau so!!! Mein Geld fließt seit Jahren in Erlebnisse und Reisen und ich kaufe nur dann Kleidung, wenn ich sie wirklich brauche (z.B. um etwas kaputtes zu ersetzen). Der Schrank ist (trotzdem) voll – was will ich mehr? Wir sind eine vierköpfige Familie und rechnen alle vier in Reisen um, etwa so: „Was? Das kostet xy? Davon bekomme ich schon wieder ein Wochenende in yz!“ Und so überlegen wir jede Neuanschaffung sehr genau.
    Sehr schön geschrieben!!!
    Bleibt reisend, Nina

  4. Reisefieber says:

    Hallo Marc,
    ich lese diesen Blog einfach sehr gerne, weil er immer wieder zum Nachdenken anregt. Das Improvisationstalent kenne ich von unseren Reisen nach Griechenland oder Nordafrika. Wir werfen einfach viel zu viel weg und kaufen jede Menge Plunde, weil wir glauben dann glücklicher zu sein.

    Mittlerweile spare ich bei Klamotten und Co. und versuche auch mein sauerverdientes Geld für Reisen zurückzulegen.
    Sehr schöner Beitrag zum Projekt 360, was ich übrigens auch für eine gute Idee halte.

    Liebe Grüße
    Renae

    1. 1 THING TO DO says:

      Danke dir, liebe Renate! Ja, wir waren sehr gerne bei Projekt 360 dabei. In Griechenland haben wir auch ähnliches erlebt, eigentlich steht Belgrad auch stellvertretend für viele Reiseziele in (Süd-)Osteuropa. Liebe Grüße! 🙂

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