Wie es ist, für 3,75 Euro in einem Hostel zu übernachten

Gesucht: Eine Bleibe in der Nähe des Hauptbahnhofs von Odessa, gerne günstig. Gefunden: Das Chekhov Hostel für 3,75 Euro pro Person und Nacht unweit der Main Station. Dieses Anekdötchen soll dir einen Eindruck darüber verschaffen, wie es ist in einem ukrainischen Billig-Hostel zu übernachten. Wir hoffen, dass dir nach der Lektüre keine Herpes-Bläschen wachsen – Lesen auf eigene Gefahr! Geschrieben von John.

Das Chekhov Hostel in Odessa ist Teil des Hotel Admiral, das sich auf demselben Gelände befindet.

Ein Tampon-Krönchen

Urplötzlich steigt ein stechender Geruch in meine Nase, Ekel kommt auf. Ich schaue mich um: Dreck, Haarbüschel, ein alter Stinkelappen und links neben der Toilette die wahre Ursache des Gestanks. Meine Augen erblicken einen bis über den Rand gefüllten Badezimmer-Mülleimer. Ein hier durchaus angebrachter Deckel fehlt. Der überquellende Berg aus zerknüllten Papiertüchern und leeren Shampooflaschen wird gekrönt von einem vollgesifften, benutzten Tampon.

Blitzschnell fällt die Entscheidung die sowieso nicht abschließbare Toilette zu verlassen und doch auf die Alternative im Erdgeschoss auszuweichen. Dort verrutscht zwar ständig der Klodeckel, sodass der Allerwerteste gerne mal auf dem blanken, feuchten Keramiksitz landet. Am Waschbecken liegt nur ein uraltes, ausgeblichenes und bröckeliges Stück Seife. Doch fast alles kommt mir in diesem Moment vor wie Luxus, solange ich nicht die Resultate des weiblichen Zyklus riechen und erblicken muss.

Um am nächsten Tag ohne viel Schlepperei unser Gepäck am Bahnhof abzulagern, sollte eine Unterkunft in Bahnhofsnähe ran.

Gesagt, getan: Das Chekhov Hostel liegt nicht nur nahe am Hauptbahnhof von Odessa, sondern lockte uns auch mit einem verdächtig günstigen Preis.

Multikulti-Fußboden

Auch der Gang in die Dusche wird hier zu einem kleinen Abenteuer. Jeder einzelne Schritt soll bedacht sein, damit ich nicht wegrutsche und meine Fußballen doch noch den Fußboden berühren. Denn dieser ist nichts anders als eine Wiese von Haarballen verschiedenster Körperteile von Hostelbewohnern aus der ganzen Welt. Multikulti mal anders.

Natürlich sind auch Ablageflächen im sogenannten Badezimmer Mangelware, und so übe ich mich in Hygiene-Tetris. Ungefährliche Utensilien werden direkt auf Klodeckel, Spülkasten und Waschbecken gestellt, darüber stapele ich all jene Dinge, die mit den Überresten meiner Vorgänger besser nicht in Berührung kommen sollten. Einen Sonderplatz erhält die Zahnbürste, die sensibel so hingelegt wird, dass ihr Kopf frei in der Luft schwebt. Zumindest hoffe ich, dass wenigstens die Luft hier keinen Herpes überträgt.

Der idyllische Eingangsbereich unserer Hostelwahl. Badezimmerbilder ersparen wir dir heute einmal.

Haarige Bauarbeiter

Die Option das Ganze dem Personal zu melden, kommt nicht ernsthaft in Betracht, war doch das Einchecken mit Händen und Füßen, zwei Wörtern Polnisch, drei Wörtern Russisch und vier Wörtern Englisch Kampf genug. Und am Ende stimmt hier ja das Preis-Leistungs-Verhältnis. Die daraus resultierende Maxime: So kurz wie möglich in diesem Hostel aufhalten! So setzen wir uns nur mal eben aufs Bett und nutzen das WiFi aus, voller Hoffnung keine Bettwanzen als lebendige Mitbringsel anzuziehen.

Nach kurzer Zeit wird die Unterkunft auch schon wieder verlassen, denn schließlich warten ja Bierchen und Dinner am Strand auf uns. Doch zuerst eine allerletzte Challenge: Wo war eigentlich noch mal der Ausgang? Bei unserer Ankunft fanden wir schließlich in der von Google Maps angegebenen Adresse nichts außer einer aufgerissenen Straße und ein paar oberkörperfreien Bauarbeitern vor, die ebenso haarig waren, wie der Fußboden im Bad.

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In dieser Straße vermutete Google Maps das Hostel. Eine der besonders einladenden Gegenden der „Perle am Schwarzen Meer“.

Kriminelle Einwanderer

Nur über einen unübersichtlichen Hof, der Eingang dazu versteckt in einer Seitengasse, gelangten wir mit Hilfe verschiedenster uns auf Ukrainisch und Russisch hinterher brüllender Menschen zur Rezeption. Besonders auf uns abgesehen hatte es ein hochbetagter Sicherheitsbeauftragter, der immerhin von 3,75 Euro auch bezahlt sein soll. Er hielt uns im ersten Moment wohl für kriminelle Einwanderer. Ganz offensichtlich hatten wir den falschen Eingang zum Hostel gewählt.

Den „richtigen“ Eingang finden wir schließlich erst als wir das Hostel wieder in Richtung Strand verlassen. Aus dem letzten verwinkelten Eckchen treten wir aus einer Glastür, in die ein einfacher weißer Zettel geklebt ist, auf dem ganz unspektakulär „Hostel“ steht. Vorbei an einigen Katzen und einmal mehr über besagten Hof, finden wir dieses Mal aus eigener Kraft die Rezeption, die sich im Gebäude des zum Hostel gehörigen Hotels befindet.

Es grünt so grün, wenn Chekhovs „Unkraut“ blüht.

Lädt zum ausgiebigen Flanieren: Der Innenhof des Chekhov Hostels in Odessa.

Auf nimmer Wiedersehen

Das Hotel, so lernen wir, ist wesentlich leichter zu finden. Wir hoffen auf eine bis in die Nacht durchgängig geöffnete Tür und brechen auf in Richtung Schwarzes Meer. Einige Stunden später, mitten in der Nacht und mitten im strömenden Sommernachtsregen, sind wir wieder zurück in einer Gegend, die scheinbar nicht mal unser einheimischer Taxifahrer kennt. Glück gehabt: Die Tür ist offen.

Eine Nacht müssen wir hier jetzt aushalten, dann geht’s weiter auf Tour durch Odessa. Auf unserem Trip von Kiew nach Montenegro sollten wir nie wieder in der günstigsten Bleibe des jeweiligen Reiseziels übernachten. Die Moral von der Geschicht‘ lautet: Zentral und günstig ist nicht alles. Nächstes Mal filtern wir die Hotelvorschläge vor allem auch nach Bewertung.

Auf dem Weg zum Strand trafen wir schließlich auf ein weiteres Kuriosum von Odessa: Dorthin gelangt man nämlich auch per Seilbahn.

Im Prinzip hat uns das Chekhov Hostel in Odessa für 3,75 Euro zwar all das geboten, was wir wollten: Ein Bett, eine Dusche und den Luxus, ganz zentral am Hauptbahnhof zu nächtigen. Was will man mehr? 😉 Und doch zeigte uns diese kleine Anekdote, dass „Geiz ist geil!“ auf Reisen auch seine Grenzen kennt. Trotz allem fanden wir rund um unseren Aufenthalt im Hostel auch ein 1 THING TO DO. Mehr dazu in unserem Odessa Reisebericht. Schon gelesen?

Reisen um zu reisen!
John & Marc

25 thoughts on “Wie es ist, für 3,75 Euro in einem Hostel zu übernachten”

  1. Hans-Georg says:

    Sehr bildhaft beschrieben die Eindrücke der sanitäten Einrichtungen, so bildhaft, dass mir der Kloß immer noch im Hals sitzt.

    1. 1 THING TO DO says:

      Na hoffentlich hat sich der Kloß inzwischen wieder gelöst… 😀

      1. Hans-Georg says:

        Es schmeckt jedenfalls wieder!

  2. Michelle von MAD TRAVELING says:

    Haha. Wie herrlich! Ich musste mich wirklich zusammen raufen, dass ich nicht laut losgelacht habe (um mich herum sind überall Menschen – ich glaube die gucken sonst ein bisschen komisch) 😉
    Der Artikel ist wirklich super geschrieben und lässt eigene Erinnerungen hochkommen. So habe ich in Brasilien im Amazonas Gebiet in einem Hostel übernachtet bei dem in der Dusche nur ein dunkles Loch im Boden war und ich ständig angst hatte, dass da was rausgekrochen kommt …brrr…

    1. 1 THING TO DO says:

      Haha, danke für den Kommentar! Die Hostels der Welt könnten sich auch ein ganzes Gruselbuch füllen…

  3. goldeneslichtimzimmer says:

    Mein Lieblingswort: „Hygiene-Tetris“

  4. Rainer Ott says:

    Hi ihr Beiden! Die guten, alten Billighostels… wer kennt sie nicht :o)
    Gut geschrieben – der Stil gefällt mir.
    Save travels!

    1. 1 THING TO DO says:

      Danke dir! Und oh ja, da gibt es bestimmt eine Geschichten zu erzählen. 😀

  5. Christian@kuechenereignisse says:

    Mag sein, dass das Preis/Leistungs-Verhältnis gepasst hat. Aber das ist wohl einer der gar nicht so seltenen Momente, wo der Preis zu niedrig ist.

  6. Sabine von Ferngeweht says:

    Warum um Himmels Willen seid Ihr da eine ganze Nacht geblieben??? Keine zehn Pferde hätten mich da gehalten!

    1. 1 THING TO DO says:

      Sturheit? 😉 Und im Schlafsack fühlt man sich nachts zumindest gut geschützt von allem Drumherum. 🙂

  7. zeilentiger says:

    Sehr eindrücklich!

    1. 1 THING TO DO says:

      Djakuju! 😉

  8. Mario says:

    Hey ihr beiden,
    cooler Einblick in eure Hotel-Auswahl! Hat mich irgendwie gleich ein bisschen an meine damalige Backpacking-Tour durch Polen erinnert. Das war 2013. Und wir waren auch zu Spottpreisen in Hostels abgestiegen. Wobei ich die 8 bis 9 EUR bisher immer für unschlagbar hielt. Zumal: mit Frühstück. Also „Frühstück“. Bestehend aus Toast oder Cornflakes. Aber immerhin! Und immerhin hatten wir damals immer bloß normal verschmutzte Bäder. Nix wildes.
    Respekt an euch für euer Durchhaltevermögen und Sitzfleisch. Gerade letzteres kann man ja auf dem kalten Keramik auch gut gebrauchen! 😉
    Beste Grüße,
    Mario

    1. 1 THING TO DO says:

      In der von dir genannten Preisklasse haben wir auch schon einige Male in Hostels geschlafen, allen voran auf dem Balkan, und eigentlich nur gute Erfahrungen gemacht (vor allem in Skopje). Aber die 3,75€ werden wohl auf längere Zeit unerreicht bleiben. Und die Gegenleistung dafür hoffentlich auch. 🙂

      Liebe Grüße!

  9. Marianne says:

    Hmm. Der Ekel kommt mir schon beim Lesen hoch. Da kann man vielleicht doch lieber woanders sparen…
    Grüße aus Hamburg
    Marianne Alleinereisenjetzt.wordpress.com

    1. 1 THING TO DO says:

      Definitiv, gerade in der Ukraine, wo sowieso aus mitteleuropäischer Sicht alles sehr günstig ist. 😉 Liebe Grüße!

  10. dorie says:

    Oh mein Gott, mir ist gerade ein wenig schlecht geworden.
    Aber sehr interessanter Eindruck 😀
    Liebe Grüße, Doris
    http://www.thedorie.com

    1. 1 THING TO DO says:

      Auch mal ’ne interessante Wirkung eines Blogbeitrags… 😀 Liebe Grüße!

  11. ReiseSpeisen says:

    Naja, so habt ihr etwas zu erzählen! 😀 Toll geschrieben im Übrigen! 🙂

    1. 1 THING TO DO says:

      Das dachten wir uns auch… 😀 Danke dir!

  12. Lisa says:

    Ich gebe auch lieber 1 oder 2 Euro – in dem Fall auch 20 Euro für eine Nacht aus. Klar ist günstig reisen gut für den Geldbeutel , aber weniger gut für meine Seele . Ich wäre nicht geblieben. Respekt, dass ihr das so durchgezogen habt!

    1. 1 THING TO DO says:

      Es war ja nur eine Nacht… und immerhin stimmte die Lage. Aber wir werden sicher nicht wiederkehren! 😀

  13. Janett says:

    Urrrgs! Danke für euren Reisebericht. Ich tu mich ja schon schwer damit, in ein übelriechendes Hotel abzusteigen. Das was ihr berichtet habt, wäre für mich ein Grund, vorzeitig das überteuerte Hotel umme Ecke zu buchen. Nur um aus dem Laden wegzukommen. Gab es denn alternativen?

    1. 1 THING TO DO says:

      Es gab durchaus noch weitere Hostels/Hotels/Pensionen, aber die meisten lagen in der Innenstadt. Das war uns zu weit weg mit unserem Gepäck, das am Bahnhof lagerte und dort auch wieder hin sollte… 😉 Aber wir sind ja ohne Krankheiten aus der Sache rausgekommen. 🙂

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