Heimatlos und Spaß dabei, oder: Was bedeutet Heimat?

Von unserem Trip in den brandenburgischen Fläming und einer abermaligen Busfahrt nach Thüringen inspiriert, wurde es allerhöchste Zeit, mich einmal mit dem Thema Heimat auseinanderzusetzen. Dieser Beitrag handelt also von einer ganz persönlichen Definition und einigen potentiellen Anreizen in die Selbstreflexion zu gehen. Am Ende steht auch die Frage: Was ist deine Heimat? Geschrieben von John.

Was bedeutet Heimat

Was passiert, wenn sich ein Reiseblogger fragt, was eigentlich Heimat bedeutet, kannst du in diesem Artikel nachlesen.

Im Flixbus nach Nordhausen

Grübeln, einfach mal die Gedanken schweifen lassen und in den philosophischen Egolog mit sich selbst treten. Eine Situation in der mir das besonders gut gelingen will, sind die schier endlosen Bahn- und Busfahrten, welche ich als Pendler zwischen Berlin und Nordhausen wöchentlich über mich ergehen lasse. So sitze ich wieder einmal im Fernbus Richtung Thüringen, als mir beim Anblick der sommerlichen Brandenburger Landschaft, mit ihren Kornfeldern und grünen Wiesen, Gedanken zum Thema Heimat kommen.

Passender könnte der Ort für eine gedankliche Auseinandersetzung mit diesem Thema wohl nicht sein. Gestartet in Berlin, wo ich arbeite und liebe, wo meine Freunde wohnen, wo ich alles habe und alles sein kann. Mit Nordhausen als Ziel, wo ich momentan studiere und sich der Großteil meiner Klamotten befindet. Aber irgendwie eben auch dazwischen, irgendwo in Brandenburg. Dem Bundesland, wo meine Familie wohnt, wo ich groß geworden bin, dessen Dialekt ich sprechen kann – wenn ich denn will – und wo mir vieles sehr vertraut ist. Gleichzeitig aber auch in meiner Rolle als Pendler im Fernbus, in denen wir auch als Reiseblogger auf unseren Reisen immer wieder unterwegs zu neuen Entdeckungen und Abenteuern sind. Dass ich ausgerechnet hier über den Begriff und die Bedeutung von Heimat nachdenke, macht irgendwie Sinn.

Was bedeutet Heimat

Grün trifft blau: Ein Bild aus meiner Heimat (?) im Norden von Berlin.

Was bedeutet Heimat

Der Petri-Turm gehört zu den Wahrzeichen der 44.000-Einwohner-Stadt Nordhausen am Tor zum Südharz.

Heimatlos und Spaß dabei?

Doch was ist diese Heimat? Und warum interessiert mich das plötzlich so sehr? Sang ich nicht vor einigen Jahren, während meiner wilden Revoluzzer-Zeit noch lauthals „Heimatlos und Spaß dabei“ von Frittenbude mit? Konnte ich mich nicht wunderbar damit identifizieren, weil ich den Begriff Heimat geradezu ablehnte und plötzlich will ich wissen was das ist, vielleicht sogar wissen wo meine Heimat ist?

Die erneute Präsenz des Themas ist wohl unserem kleinen Ausflug in den Fläming geschuldet. Beim Spaziergang durch märkische Wälder und Wiesen erlebte ich ein schönes, vertrautes Gefühl. Ein Heimatgefühl?

Was bedeutet Heimat

Ließ Heimatgefühle aufkommen: Eine grüne Wiese, durch die wir im brandenburgischen Fläming marschierten.

Cocktail Ambivalente

Doch was wäre mein Leben als aufgeklärter Mensch ohne Ambivalenzen? So blühte neben dieser Vertrautheit gleichzeitig eine melancholisch, ja fast schon depressive Emotion beim Anblick dieser verlassenen Dörfer und Städtchen auf. Eine Mischung aus Ablehnung und Angst beim Gedanken in solch einer Gegend (wieder) wohnen zu müssen.

Ein Gefühlscocktail also, der mich zweifeln lässt, ob sich so tatsächlich die Sehnsucht nach Heimat anfühlt. Die negativen Anteile des Cocktails verderben doch aber alles, was bei anderen aufzublühen scheint, wenn sie von ihrer Heimat berichten oder an Heimat denken. Somit muss ich mich hinterfragen, ob Herkunft gleichzusetzen ist mit Heimat. Scheint bei mir wohl nicht so zu sein.

Was bedeutet Heimat

Unterwegs in Brandenburg: Wie wäre es wohl, von jetzt auf gleich wieder in einem idyllischen Dorf wie Raben zu leben?

Berlin, mein Zuhause

Doch wie sieht’s mit Berlin aus? Seitdem ich denken kann, spielte Berlin immer eine große Rolle für mich. Meine Eltern und ich waren beinahe wöchentlich in Berlin. Ob meine Mutter shoppen wollte, mein Vater mir das Naturkundemuseum zeigte, wir als Familie in den Tierpark fuhren oder einfach einen Sommertag mit Eis am Tegeler See verbrachten. Und immer faszinierte mich diese Stadt mit ihren schier unendlichen Möglichkeiten.

Sobald ich alt genug war, musste ich so gut wie jedes Wochenende selbst nach Berlin fahren, um mit meinen Freundinnen und Freunden diese spannende Stadt zu entdecken. Schnell merkte ich, dass man in Berlin nicht nur alles machen, sondern auch alles sein kann. Und wenn ich jetzt mit dem Bus oder Zug ankomme und diese dreckige und rotzige Stadt erlebe, fühle ich mich Zuhause. Aber bedeutet Zuhause denn nun Heimat?

Was bedeutet Heimat

Scheinbar grenzenloses Berlin: Ein Einhorn grüßt zum alljährlichen MyFest in Kreuzberg.

Studieren in Nordhausen

Und wie steht‘s um Nordhausen? Hier habe ich momentan, aufgrund meines Studiums, einen meiner zwei Lebensmittelpunkte. Ein kleines Städtchen im Norden Thüringens, welches wirklich sehr gemischte Gefühle in mir auslöst. Einerseits empfinde ich das Leben in einer Kleinstadt als sehr entschleunigend, was wirklich entspannend sein kann. Gerade im Winter löste das einiges aus. Gleichzeitig kann ich nicht gerade sagen, dass ich dort warm werde und gerne bin.

Die Kleinheit, das Provinzielle und die doch sehr homogene Bevölkerungsstruktur langweilen mich. Dies auszuhalten fällt mir als schwuler Großstadtbewohner aus dem multikulturellen Kreuzberg wirklich schwer. Außerdem hat auch die Entschleunigung ihre Grenzen und an Tagen, an denen ich in Nordhausen bin, habe ich nicht selten das Gefühl, die Erde würde sich ohne mich weiterdrehen. Ein Ort, der also rein zweckmäßig zum temporären Lebensmittelpunkt wird, kann wohl auch kaum als Heimat bezeichnet werden.

Was bedeutet Heimat

Treppe durch das ehemalige Gelände der Landesgartenschau im thüringischen Nordhausen.

Meine Heimat ist die Welt, oder?

Vielleicht ist die Welt, gar das Reisen an sich meine Heimat? Gerade als Reiseblogger müsste Mensch doch meinen, dass ich diese Annahme ohne mit der Wimper zu zucken bejahen sollte. Tatsächlich ist dem nicht so. Reisen als Erlebnis, als Auszeit, als Erholung, Abenteuer oder einfach einer abweichenden, auflösenden Tagesstruktur ist großartig.

Orte (neu) zu entdecken, fremde Kulturen zu verstehen, sich mit Geschichten und Biografien auseinanderzusetzen macht unglaublich viel Spaß, aber so richtig kann ich dies nicht als Heimat bezeichnen. Es ist ja gerade der Ausnahmezustand, der Reisen zu einem derartigen Erlebnis werden lässt, doch dem Heimat-Begriff haftet in meiner Welt eher eine Art konstantes Sein an.

Was bedeutet Heimat

Uff Achse irgendwo im Nirgendwo der Republik Moldau, oder konkreter: Auf dem Weg nach Orheiul Vechi.

Die vier Ebenen von Heimat

Was oder wo Heimat denn nun eigentlich ist, ist also gar nicht mal so leicht zu beantworten. Ich glaube neben den Kategorien Herkunft, Zuhause und Lebensmittelpunkt, spielt noch einiges mehr mit rein. Weshalb ich Heimat für mich in verschiedene Ebenen einteilen muss. Da wäre die intrapersonelle Ebene. Wo kann ich meinen Bedürfnissen am besten gerecht werden. Heißt: Wo arbeite ich, wo kann ich meinen Hobbies nachgehen, ein zu mir passendes kulturelles Angebot finden?

Die zweite Ebene würde ich als interpersonelle Ebene bezeichnen. Heißt, wer sind meine engsten Bezugspersonen, bei denen ich mich fallen lassen kann, zu denen ich tiefe Verbindungen habe und wo finde ich diese? Die dritte Ebene bezeichne ich als gesellschaftliche Ebene. Es stellt sich die Frage wo ich eine Gesellschaft vorfinde, in der ich mich akzeptiert und gut aufgehoben fühle? Und die vierte Ebene ist die emotionale Ebene. Wo oder wie fühlt es sich richtig an zu sein? Wo gibt es Orte, die ganz bestimmte Gefühle in mir auslösen?

Was bedeutet Heimat

Ich auf dem Feel Festival vor ein paar Jahren. Symbolbild für zwischenmenschliche Kontakte und so.

Das ist meine Heimat

Das entwickelte Modell könnte eine kleine Orientierungshilfe sein, mal für sich selbst zu gucken was oder wo die ganz eigene Heimat ist. Für mich kann ich nur feststellen, dass meine Heimat eben das Zusammenspiel aus all jenem ist, was ich oben beschrieben habe. Es ist Berlin mit seinen vielfältigen Menschen und den großartigen Möglichkeiten, aber auch mit der Nähe zu Brandenburg, zur Natur, zu Seen und Dörfern.

Gleichzeitig ist meine Heimat mein Freundeskreis und meine Beziehung und alles was damit verbunden ist. Und zu guter Letzt gehört irgendwie eben auch das Pendeln momentan zu meiner Heimat, weil es ein großer Teil meines Lebens ist und mich in seiner Banalität prägt.

Was bedeutet Heimat

Das Praktische an Berlin: In der Hauptstadt gibt es auch ganz viel Brandenburg, wie hier entlang des Havelhöhenwegs.

Heimat ist…

Am Ende kann ich nur feststellen, dass Heimat alles sein kann. Ein Ort, ein Mensch, eine Handlung, ein Gedanke oder ein Gefühl. Es kann keinen allgemeingültigen Begriff von Heimat gebe. Wendet man diesen komplexen Begriff an, muss er es wert sein, jedes Mal aufs Neue diskutiert zu werden. Darum scheint auch eine plumpe Politisierung nach meinem Verständnis unmöglich. Und letztlich kann einzig und allein jede Person selbst ihre ganz persönliche Definition von Heimat konstruieren. Heimat ist also das, was du daraus machst! Herzlich willkommen in der Postmoderne.

Und nun bist du an der Reihe: Was bedeutet Heimat für dich? Du musst deinen Gedankenfluss nicht zwingend in den Kommentaren verewigen, aber vielleicht konnte ich dich ja anregen, dich einmal selbst mit dieser nicht allzu einfachen Frage auseinanderzusetzen. Im Rahmen unserer Blogparade zum Reisen #vorderHaustür taten dies im weitesten Sinne übrigens auch einige unserer Bloggerkolleginnen und -kollegen. Vielleicht findest du dort noch weitere Anregungen, diese Frage zu beantworten.

2 thoughts on “Heimatlos und Spaß dabei, oder: Was bedeutet Heimat?”

  1. Anwolf - Unterwegs auch mit Hund says:

    Spannend, deine Auseinandersetzung mit Heimat. Ich habe auch ein zwiegespaltenes Gefühl dazu. Mit Heimat habe ich immer etwas Verstaubtes, Rückständiges verbunden und doch spürte ich tief in mir stets eine Sehnsucht nach so etwas wie Heimat. Ich denke sogar, dass ich so viel reise und unterwegs bin, weil ich immer irgendwie auf der Suche nach genau diesem Ort oder diesem Gefühl bin. Mich hat das Thema so sehr interessiert, dass ich eine Blogparade dazu gestartet habe (leider schon vorbei 😉 ), aber es haben über 30 Blogger teilgenommen und es sind tolle Artikel zusammengekommen. Falls ihr mal reinschauen wollt, hier geht es zum ersten Teil der Auswertung: https://anwolf.wordpress.com/2017/05/22/heimatorte-auswertung-blogparade-teil-1/

    Viele Grüße von Andrea

    1. 1 THING TO DO says:

      Ich find’s wirklich toll, dass sich auch andere Leute mit diesem komplexen Begriff näher befassen und „Heimat“ eben nicht nur als diesen verstaubten Begriff akzeptieren. Ist das Wesen von Heimat doch im Grunde etwas sehr basales in so einem Menschenleben. Von daher echt coole Idee mit der Blogparade dazu! 🙂

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