Wandern Montenegro: Knockout auf 2.522 Metern

Es ist der höchste Berg, den wir bislang auf unseren Reisen bestiegen haben. Der Gipfelsturm? Ein Kampf. Der Bobotov Kuk im Durmitor-Nationalpark verlangte uns jeden Tropfen Kondition ab, denn vor dem finalen Anstieg versuchte uns ein zielloses Auf und Ab mürbe zu machen. Die Aussicht vom Dach des Durmitor-Nationalparks jedoch zeigt, weshalb Wandern in Montenegro zweifelsohne zu den schönsten Naturerlebnissen auf dem Balkan zählt. Geschrieben von Marc.

Wandern Montenegro Durmitor-Nationalpark

Wandern Montenegro: Im Durmitor-Nationalpark bezwangen wir den höchsten Berg des kleinen Balkanlandes.

Wandern Montenegro: Auf in den Kampf

Die letzte Runde hatte es in sich. Lange Zeit fragten wir uns, wann wir eigentlich jene popeligen 600 Höhenmeter zurücklegen sollten, die sich im Vorfeld wie ein Klacks anhörten. Schiere Blauäugigkeit. Wir starteten auf ungefähr 1.800 Metern über dem Meeresspiegel, doch nach guten zwei Stunden hatten wir gerade einmal knapp die 2.000er-Grenze überschritten. Immer dann, wenn wir einen Hang erklommen hatten, folgte ein zermürbender Abstieg. Auf und ab. Auf und ab.

Vor dem Finale ließen wir unsere Füße im türkisblauen Wasser eines klitzekleinen Bergsees baumeln. So früh am Morgen – wir starteten gegen sechs Uhr mit dem Auto in Žabljak – hatte dies den angenehmen Beigeschmack, dass unsere glühenden Zehenspitzen vielleicht sogar die ersten des Tages waren, die hier eintauchten. Es sollte eine letzte Erfrischung sein vor dem großen Showdown. Denn hoch über uns forderte uns Bobotov Kuk bereits zum Duell.

Wandern Montenegro Bobotov Kuk

Am Fuße des Bobotov Kuk musste eine Speziallinse herhalten, um Wasser und Gipfel gleichermaßen abzulichten.

Wandern Montenegro Bobotov Kuk

Unser Gegner: Der Bobotov Kuk ist mit 2.522 Metern der höchste Berg im Durmitor-Nationalpark.

Nur fliegen ist schöner

Wir sind mit Unterstützung angereist. Tags zuvor lernten wir Robert kennen, einen ungarischen Rumänen aus Cluj-Napoca, mit dem wir bei Blitz und Donner zu einer Eishöhle im Durmitor-Nationalpark wanderten. In seinem Hostel traf er Christina, eine in Amsterdam lebende Amerikanerin aus der Nähe von Seattle. Diese bereist den kleinen Balkanstaat per Mietwagen, und so öffnete sich uns die Türe, den mit öffentlichen Verkehrsmitteln unerreichbaren höchsten Gipfel Montenegros doch noch zu besteigen.

Christina ist unsere stärkste Waffe im Kampf gegen Bobotov Kuk. Während uns das Auf und Ab im Vorfeld zu schaffen machte, flog sie ohne mit der Wimper zu zucken über jeden Höhenunterschied hinweg. Genau genommen scheint dies also einzig und allein unser Kampf zu sein. Wir sind keineswegs langsame Wanderer, aber Flügel sind uns bislang nicht gewachsen. In ihrem Windschatten jedoch kämpft es sich leichter.

Wandern Montenegro Bobotov Kuk

Startpunkt: Gemeinsam mit Christina und Robert fuhren wir zu einem denkbar kleinen Parkplatz am Sedlo-Pass.

Wandern Montenegro Durmitor-Nationalpark

Wandern im Durmitor-Nationalpark: Ein altbekanntes Bild auf 1 THING TO DO findet mit diesem Artikel endlich seine Geschichte.

Demut vor dem Feind

Demütig bereiteten wir dem frohen Baumeln unserer Füße im kristallklaren, eiskalten Wasser ein Ende. Wir waren noch nicht vollends erschöpft, doch nach der Wanderung am Vortag blickte Bobotov Kuk hochnäsig auf uns herab, als wollte er uns heute alles abverlangen. Er wirkte geradezu unnahbar auf uns. Wir waren nur ein paar Dutzend Meter Luftlinie von seiner Spitze entfernt. Und doch trennten uns rund 600 Meter vom Gipfelkreuz. Von nun an aber gab es nur noch eine Richtung, und die führte nach oben. Auf und auf. Auf und auf.

Während der ersten Meter lotsten uns die Wegmarkierungen durch graues Geschütt, die uns Bobotov Kuk unmerklich näher brachten. Eine weitere Finte. Doch schon bald waren unsere Hände gefragt. Aus Wanderern wurden Kletterer. Vorneweg? Christina. Muss fliegen schön sein! Als wir damit beschäftigt waren, jeden Schritt so zu wählen, dass bloß kein Steinchen eine ganze Lawine auslöst und uns zu Fall bringt, breitete sie einfach ihre Flügel aus und spuckte Bobotov Kuk eiskalt vor die Füße.

Wandern Montenegro Durmitor-Nationalpark

Von oben nach unten: Christina, Robert, John und Marc (hinter der Linse).

Bobotov Kuk vs. 1 THING TO DO: Runde eins

Mal ums Mal waren die Felssporne von Metallketten umsäumt, an denen wir uns entlang hangelten. Eigentlich sind sie Freund und Helfer jedes Wanderers, doch immer wieder bemerkte ich, dass die Ketten mich in die Irre führten. Einige Male spürte ich, dass ich viel mehr Halt gewann, wenn ich einfach mein Gleichgewicht einsetzte. Als wenn Bobotov Kuk uns eine Falle gestellt hätte.

Zwischenstopp. Die erste Runde war vorbei. Zwischen Đevojka auf 2.440 Metern und Bobotov Kuk auf 2.522 Metern Höhe hätte sich die Gelegenheit ergeben, kurz innezuhalten. Doch Christina nahm nur einen Schluck Wasser und setzte zum nächsten Höhenflug an. Wir schnürten unsere Wanderschuhe ein letztes Mal, als wären es Boxhandschuhe. Sie saßen perfekt – und Bobotov Kuk saß schwitzend in der Ecke.

Wandern Montenegro Durmitor-Nationalpark

Endlich begannen die Gipfel, die unsere bisherige Wanderung säumten, kleiner zu werden.

Wandern Montenegro Bobotov Kuk

Charakteristische Wellenformen in den Felsmassiven des Durmitor-Nationalparks im Nordosten Montenegros.

Bobotov Kuk vs. 1 THING TO DO: Runde zwei

Glockenschlag. Das gleiche Spiel noch mal. Klettern. Metallketten. Jeden Schritt bewusst setzen. Wir waren im Tunnel. Nur hin und wieder warfen wir einen Blick auf die skurrilen Gebirgszüge des Durmitor-Massivs. Doch oben angekommen, Bobotov Kuk den entscheidenen Haken zugesetzt, würde der Ausblick ohnehin genüsslicher ausfallen.

Auf und auf. Auf und auf. Klettern. Metallketten. Jeden Schritt bewusst setzen. Tunnelblick. Wir sind im Modus. Über uns immer weniger Bobotov Kuk – und urplötzlich fällt er nieder. Der Kampf ist beendet. Der Gegner liegt zu unseren Füßen. Darunter gefühlt die ganze Welt. Knockout in der zweiten Runde.

Wandern Montenegro Bobotov Kuk

Durmitor-Nationalpark von oben: Der Veliko-Škrčko-See scheint aus der Vogelperspektive ein ebenso malerisches Wanderziel zu sein.

Wandern Montenegro Durmitor-Nationalpark

Geschafft! Auf dem Gipfel des Bobotov Kuk zeigte sich der Durmitor-Nationalpark in seiner vollen Pracht.

Durmitor-Nationalpark von oben

Auf 2.522 Metern Höhe blicken wir zurück auf das Geschaffte, als würden wir auf unser eigenes Königreich hinab schauen. Der kleine Bergsee ist nicht zu sehen, zu steil war der Anstieg. Dafür schweifen unsere Augen über die eigenartig sanften, grün-grauen Wellen der Gesteinsmassen, neben denen eine zackige Krone aus zierlich massiven Felsen in die Höhe ragt.

Hinter uns meinen wir den Crno Jezero zu erspähen, einem malerischen See vor den Toren Žabljaks, von dem aus wir gestern in Richtung Eishöhle aufgebrochen waren. Dazu der lang gestreckte Veliko Škrčko jezero, in dem wir gleich zu gerne ein Bad nehmen würden. Beim nächsten Mal vielleicht. Und neben uns? Christina. „Das war ganz schön hart“, meint sie plötzlich. Wir setzen uns nieder – und atmen tief durch.

Wandern Montenegro Durmitor-Nationalpark

Was ist davon wohl der Gipfel, oder sind sie alle Gipfel? Fragen, die uns bei diesem Anblick immer wieder in den Kopf schossen.

Wandern Montenegro Durmitor-Nationalpark

Unsere Wanderung im Nordosten Montenegros begannen wir in den frühen Morgenstunden – morgendliche Schattenspiele inklusive.

In Kürze: Unser 1 THING TO DO im Durmitor-Nationalpark

Was? Die Besteigung des mit 2.522 Metern höchsten Bergs in Montenegro, dem Bobotov Kuk.
Wo? Im Durmitor-Nationalpark. Unsere Homebase hatten wir in Žabljak, einer Kleinstadt im Nordosten Montenegros. Von hier aus kannst du entweder mit einem Taxi – am besten beim Hotel oder Hostel erfragen – oder mit dem Mietwagen bis zum Sedlo-Pass fahren. Hier startet der rund fünf Kilometer lange Aufstieg in Richtung Bobotov Kuk. Inklusive Rückweg auf selber Strecke brauchten wir gute fünf Stunden.
Wie viel? Proviant solltest du in Žabljak besorgen, vor Ort gibt es rein gar nichts. Die Supermarktpreise im Durmitor-Nationalpark sind aus deutscher Perspektive günstig. Ansonsten fallen nur die Transportkosten an.
Warum? Um Bobotov Kuk zu zeigen, was in dir steckt, und auf dem Gipfel die wahre Schönheit des Durmitor-Nationalparks zu begreifen.

Wandern Montenegro Durmitor-Nationalpark

Einsame Holzbank am Sedlo-Pass, dem Startpunkt unserer gut fünfstündigen Wanderung. Unten an der Straße befindet sich ein kleiner Schotterparkplatz.

Wandern Montenegro Durmitor-Nationalpark

In Serpentinen führt der Sedlo-Pass durch die Gebirgslandschaft des Durmitor-Nationalparks. Schon im Auto ein Erlebnis!

Mit unserem Kampf gegen Bobotov Kuk startet unsere Berichterstattung aus Montenegro, auf der wir dich mitnehmen auf Reisen nach Podgorica, zum Skutarisee (dem größten See des Balkans!), ins Urlauberstädtchen Bar sowie das nicht minder pittoreske Kotor. Das Thema Wandern in Montenegro ist damit noch nicht beendet, schließlich wartet noch unser zweites Abenteuer im Durmitor-Nationalpark auf dich. Eins vorweg: Es wird rutschig. Und es wird donnern.

Reisen um zu reisen!
John & Marc

6 thoughts on “Wandern Montenegro: Knockout auf 2.522 Metern”

  1. Maria says:

    Oh mein Gott – das sieht echt super schön, aber gleichzeitig auch mega anstrengend aus!!

    Wir waren erst vor 2 Wochen im Durmitor Nationalpark und haben uns die Berge von unten angeschaut!
    Respekt, dass ihr es bis oben hin geschafft habe!

    Hier gibt es meine Empfehlungen zu Montenegro:
    https://www.fernwehzauber.de/2017/06/18/auf-balkan-tour-oh-du-sch%C3%B6nes-montenegro/

    Liebe Grüße
    Maria

    1. 1 THING TO DO says:

      Sehr schön, danke dir! Schöne weitere Tipps für alle zum Weiterlesen. 😉 Montenegro ist so klein und hat wirklich jede Menge zu bieten! Liebe Grüße

  2. Heinz und Christine says:

    Kann mich MMarianne nur anschließen! Leider nichts mehr für uns „alte Leut“. Wir müssen jetzt per Seilbahn und Geländewagen die Berge besteigen (siehe Ätna). Ist aber besser als gar nichts. Die Bilder in eurem Bericht machen aber echt Lust auf Montenegro. Wenn wir nächste Woche Korfu anlaufen, ist Montenegro auch nicht mehr weit.
    Liebe Grüße aus Crotone/Italien
    Christine von der Anima mea

    1. 1 THING TO DO says:

      Danke euch! Wart ihr schon mal in Kotor! Wenn nicht, dann solltet ihr da unbedingt hin. 🙂 Liebe Grüße!

  3. Marianne says:

    Atemberaubende Fotos, die unglaubliche Schönheit der Natur und die Winzigkeit des Menschen in jeder Hinsicht. Da kann man nur demütig werden. Danke für den mitreißenden Bericht und die unglaublich fantastischen Fotos.
    Viel Spaß weiterhin
    MMarianne

    1. 1 THING TO DO says:

      Danke dir, liebe Marianne! 🙂 Demut trifft es in der Tat sehr gut… Liebe Grüße!

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