Wandern Brocken: Harz statt Berghain

Wenn die Rede vom Wandern im Harz ist, denkt man doch irgendwie automatisch an Omi und Opi, die mit ihren Walking-Stöcken einen gemächlichen Tagesausflug unternehmen. Dennoch verzichteten auch wir ein Wochenende lang auf Party, Techno und Metropole und fuhren stattdessen in Richtung Brocken, um das Klischee des Rentnerurlaubs zu brechen. Geschrieben von John.

Wandern Brocken Harz

Wandern Brocken: Im Mai 2015 setzten wir zu einer Wanderung voller Höhepunkte im Harz an.

Der Brocken ruft

Vor gar nicht allzu langer Zeit, das Blatt des Kalenders zeigte es war Mai;
Da fuhren zwei Knaben ins Gebirge hinein.
Genauer gesagt, in den Harz, verschlug es die beiden;
Während die Seele lachte, mussten die Beine leiden.
Sie hatten zwei Tage Zeit, um alles zu erkunden;
Nach der Besteigung des Brockens, waren sie verschwunden.

Nicht ohne Grund, beginnt der Eintrag zu diesem 1 THING TO DO mit jenem kleinen, poetischen Meisterwerk: Unser folgendes Erlebnis steht in direkter Verbindung mit deutscher Dichtkunst, Legenden und Mythen. Doch gemach, gemach – lasset uns zum Anfang zurückkehren und den Ursprung dieses Kurztrips erkunden.

Wandern Brocken: Damals und heute

Wenn es eine Konstante in meiner Kindheit gab, dann dass es Sommer für Sommer mit Papa in den Harz ging. Nicht nur um meine Tante, die ihren Wohnsitz in Wernigerode hatte, zu besuchen, sondern auch um zu wandern und Natur zu erleben. Generell versuchte mein Vater mir viel in der Natur über die Natur beizubringen, was er immer wieder mit einem (aus kindlicher Sicht) „Event“ zu verbinden wusste.

So standen bei Wind und Wetter Fahrrad- und Kanutouren auf dem Programm, doch die Krönung war eben unser jährlicher Ausflug ins deutsche Mittelgebirge. Und genau dort entwickelte ich meine, zugegebenermaßen altersungewöhnliche, Liebe zum Wandern und zu Bergen.

Wandern Brocken Harz

Ich mit etwa 6 Jahren auf dem Brocken und damals schon begeistert.

Heinrich-Heine-Weg Brocken

Zum Vergleich: Ich, 17 Jahre später, wieder am Brocken. 😉

Brocken ist Pflicht

Mit dem melancholischen Verlangen nach Vergangenem, dem Bedürfnis nach geographischen Erhöhungen, die über Kreuz- und Teufelsberg hinausgehen und der Lust nach Natur, beschlossen Marc und ich also, ein Wochenende in den Harz zu fahren. Bei der Planung unserer Unternehmungen, die in diesem zeitlich stark begrenzten Rahmen  überhaupt möglich waren, überließ Marc mir aufgrund meiner Kindheitserfahrungen die absolute Kontrolle und so beschloss ich vor allem eins: Wir müssen auf den Brocken!

Der Brocken, oder auch „Blocksberg“, ist mit 1.142 Metern über Normalhöhennull nicht nur der höchste Berg des Harzes, sondern ganz Norddeutschlands. Und nun kommen wir zu unseren Dichtern und Denkern.

Von Goethe, Fontane und Heine

Schon Johann Wolfgang von Goethe war vom Brocken fasziniert und wurde derart in seinen Bann gezogen, dass er ihm sogar einen Schauplatz in einem der berühmtesten lyrischen Werke der Weltliteratur, Faust, schenkte. Doch auch wenn ich Goethes Begeisterung durchaus nachvollziehen kann, so  ist nicht er der Poet, der im Fokus unseres 1 THING TO DOs stehen soll.

Auch Theodor Fontane trieb sich in der Region umher und verliebte sich in die unglaubliche Landschaft des Harzes. Doch auch er interessiert uns in diesem Fall weniger, denn meine Wahl des Wanderweges zur Besteigung des Brockens fiel eben nicht auf den Goethe- oder Fontane-Weg, sondern auf den Heinrich-Heine-Weg.

Wandern Brocken Harz

Wunderschöne Aussicht über den Oberharz mit Schienen der Brockenbahn im Vordergrund.

Ilse an unserer Seite

Warum ich genau diesen Weg wählte und was ihn so besonders machte? Nun, bekanntlich führen viele Wege nach Rom, aber eben auch auf den Gipfel des Brockens. Der Heinrich-Heine-Weg punktete vor allem aufgrund von zwei Eigenschaften: Er ist der anspruchsvollste Aufstieg aller Wanderwege und bietet zudem eine wunderschöne landschaftliche Komponente. Letztere bringt einen schnell dazu, die Faszination großen Poeten widerspruchlos hinzunehmen.

Hinzu kam auf dem Weg zum Brocken die unsichtbare, aber omnipräsente Begleitung der sagenumwobenen Prinzessin Ilse, einer angeblich bildhübschen Königstochter, um die sich, zumindest auf den ersten fünf Kilometern des Heinrich-Heine-Weges so ziemlich Alles drehte: Der Aufstieg begann in Ilsenburg, wo sonst?! Nachdem wir das kleine, niedliche Städtchen, dessen Zentrum mit Marktplatz ebenso gut als Kulisse für einen herzzerreißenden Film nach Rosamunde Pilcher  in den Filmstudios Babelsberg stehen könnte, passiert hatten, erreichten wir  den unteren Flusslauf der, na klar, Ilse und befanden uns somit im Ilsetal. Das Bergflüsschen, benannt nach bereits erwähnter Prinzessin, begleitete uns ein ganzes Stück auf dem Weg nach oben. Mal rechts, mal links, mal nur zu hören – aber stets präsent.

Heinrich-Heine-Weg Harz

Findlinge im Harz am Ilsewanderweg auf dem Weg zum Brocken.

Von Ilsenstein zu Ilsenfällen

Bereits nach wenigen hundert Metern, tauchte dann, ganz unscheinbar auf der linken Seite, der Ilsenstein auf. Kaum zwischen den Baumwipfeln zu sehen, aber dennoch beeindruckend, ragte die riesige Klippe gen Himmel. Fasziniert von dieser unglaublichen Kulisse, die ebenfalls ihren Platz in Goethes Faust fand, ging es weiter den Weg entlang, an dessen Rand sich immer mal wieder hier und dort mehrere Tafeln mit Zitaten von Heine fanden.

Nach etwa drei bis vier Kilometern erreichten wir dann die Ilsenfälle, an denen die Ilse noch vollkommen ungezähmt kaskadenartig in Richtung Tal über die durch die Eiszeit hin transportierten Findlinge hinabstürzt. Einen weiteren Kilometer weiter wechselte dann allmählich die Vegetation ihr Antlitz und so wurde der Mischwald abrupt durch eng aneinander stehende Nadelbäume ersetzt. Zum ersten Mal zeigte sich die Kuppe des Brockens. Fast die Hälfte des Weges hatten wir nun geschafft, doch Höhenmeter überwindeten wir bis zu diesem Punkt lediglich circa 300, was hieß, dass der anstrengendste Part noch kommen sollte.

Heinrich-Heine-Weg Harz

Wie seit tausenden Jahren lässt sich das Bergflüsschen die Ilsenfälle hinabfallen.

Wie im Märchenwald

Und so folgten wir weiter den Spuren Heinrich Heines, der diesen Weg selbst vor fast 200 Jahren beschritten hatte. Plötzlich fanden wir uns auf einem ziemlich schmalen Pfad wieder. Eingeengt zwischen dichten Tannenwäldern und einzelnen kleinen Lichtungen, hatten wir das Gefühl, dass jeden Moment märchenhafte Gestalten aus dem Gebüsch springen würden.

Wir fühlten uns, aufgrund der Landschaft wie die Hauptfiguren in einer Geschichte der Gebrüder Grimm und stellten uns vor, wie plötzlich einige Zwerge mit großen, roten Zipfelmützen zwischen den Tannen hervor kämen, uns grimmig anschauten und weiter zögen.

Heinrich-Heine-Weg Hermannklippe

Wie im Märchenbuch: Hermannsklippe und dunkle Tannen zaubern ein traumhaftes Ensemble.

Klettern für Anfänger

Als wir den „Märchenwald“ verließen, folgte bald ein weiteres Highlight: die Hermannsklippe. Diese Felsformation war leicht zugänglich und ohne Mühe zu „erklettern“. Steht man erst mal auf einem der riesigen Findlinge, bietet sich ein grandioser Ausblick über das Harzer Vorland. Doch diese „Belohnung“ sollte es nicht einfach so geben, denn nun folgte der anstrengendste Part der Reise.

Zwar lagen nur noch knapp 3 Kilometer bis zum Gipfel vor uns, aber eben auch noch etwa 400 Höhenmeter und so begann das Wandern gen Brocken auf einem schier nie enden wollenden, extrem steilen Steinplattenweg, der vor gerade einmal 25 Jahren noch absolutes Sperrgebiet war und ausschließlich von Grenzsoldaten der ehemaligen DDR betreten bzw. befahren werden durfte.

Heinrich-Heine-Weg Bismarckklippe

Ein überwältigender Ausblick von der Bismarckklippe über das Harzer Vorland.

Ende in Sicht

Doch auch dieser 15 Grad steile Aufstieg hielt noch einmal eine Überraschung für uns bereit. Denn etwas versteckt auf der rechten Seite, fanden wir jetzt die Bismarckklippen vor. Bei diesem Gesteinsmassiv mussten wir dann tatsächlich etwas klettern. Jeder professionelle Kletterer muss sich nun wahrscheinlich das Lachen verkneifen, doch für völlige Leihen wie uns, war das etwas ganz Besonderes. Der Ausblick war einfach noch phänomenaler und bot ein wunderschönes Panorama über den Oberharz.

Zurück auf dem Wanderweg, wurden die Bäume jetzt allmählich kleiner und die Vegetation insgesamt dürftiger. Schon bald erreichten wir den Kleinen Brocken, ein vor dem Gipfel vorgelagerter Bergsporn, der das Ende des steilen Weges markierte. Die Spitze des Brockens offenbarte sich nun in ihrer Ganzheitlichkeit unseren Augen und die letzten anderthalb Kilometer standen an, bis wir dann den höchsten Punkt Norddeutschlands erreicht haben sollten und unsere Reise auf den Spuren Heinrich Heines endete.

Wandern Brocken Harz

Auf 1.142 Metern kann es schonmal ganz schön windig werden und so fällt das Fotografieren etwas schwerer.

In Kürze: Unser 1 THING TO DO am Brocken

Was? Den Brocken über den Heinrich-Heine-Weg besteigen.
Wo? Im Harz, genauer gesagt von Ilsenburg, Sachsen Anhalt zum Gipfel des Brockens.
Wie viel? Bis auf die Anreise nach Ilsenburg und einer eventuellen, wohlverdienten Stärkung auf dem Gipfel, völlig kostenlos.
Warum? Weil dieser Aufstieg vor allem mit vielen atemberaubenden Natur-Highlights wie dem Ilsenstein, den Ilsenfällen oder den Bismarckklippen reizt.
Was noch? Insgesamt legt man einen Weg von rund elf Kilometern und 850 Höhenmetern zurück. Der Wanderweg ist nicht besonders überlaufen und so wandert man meist allein. Alles in allem benötigt man circa drei bis vier Stunden bis man den höchsten Punkt Norddeutschlands erreicht.

Weitere Impressionen aus dem Harz findest du in unser Bildergalerie rund um den Heinrich-Heine-Weg. Zudem haben wir für dich eine Übersicht über alle Wanderberichte von 1 THING TO DO zusammengestellt. Viel Spaß beim virtuellen Wandern!

Reisen um zu reisen!
John & Marc

18 thoughts on “Wandern Brocken: Harz statt Berghain”

  1. Pingback: Umfrage: Wo ist Sachsen-Anhalt am schönsten? - 1 THING TO DO
  2. Trackback: Umfrage: Wo ist Sachsen-Anhalt am schönsten? - 1 THING TO DO
  3. Pingback: Warum wir alle mehr durch Deutschland reisen sollten - heldenwetter
  4. Trackback: Warum wir alle mehr durch Deutschland reisen sollten - heldenwetter
  5. Pingback: Fünfmal Inspiration für: Sachsen-Anhalt - 1 THING TO DO
  6. Trackback: Fünfmal Inspiration für: Sachsen-Anhalt - 1 THING TO DO
  7. frankbrehe says:

    Ein schöner Bericht! Wir waren im Februar da! Immer wieder. Gruß fb / Kombinat Lux

    1. 1 THING TO DO says:

      Ist sicherlich auch zu jeder Jahreszeit ein bisschen anders! 🙂 Danke und liebe Grüße

  8. brittachrkeller2013 says:

    Ja, das Gute liegt oft auch nah. Starte demnächst mit meinen Söhnen auf eine Jugendherbergstour durch Süddeutschland. Bin auch gespannt was wir da alles erleben. Bin auf jeden Fall gespannt wo es Euch noch hinverschlägt.
    Herbstlaubfarbene Grüße Britta

  9. Kat says:

    Jetzt hab ich glatt Lust bekommen, fast zwanzig Jahre nach meiner ersten (und letzten) Brockenbesteigung – während einer Klassenfahrt im Harz – nochmal hinzufahren.

    Das kommt definitiv ins Wochenendprogramm für den nächsten Sommer – Danke dafür! 🙂

    1. 1 THING TO DO says:

      Was für eine große Ehre, wenn der Artikel solche Reaktionen auslöst! Vielen Dank! 🙂

  10. roykristall says:

    Das ist immer so eine Geschichte mit dem wandern… die meisten denken wirklich das dieses Hobby nur von älteren Menschen wahrgenommen wird. Wenn meine Frau und ich los ziehen, dann gibt es viele ungläubige Gesichter 🙂
    Noch dazu bin ich ehemaliger American Footballer, musste aus verletzungsgründen aufhören… da passt das dann für die Leute schon garnicht. Aber so bleibt mein Knie in Bewegung und es hält mich fit und wir erleben sehr viel wunderschöne Landschaft usw.
    Unsere Seite findet man unter:
    http://www.royundnickysfreizeit.wordpress.com
    Ich wünsche euch weiterhin viel Spaß beim wandern und entdecken 🙂

    1. 1 THING TO DO says:

      Ich denke auch: Wandern hält fit! Und neben der Anstrengung hat es natürlich auch einen wahnsinnig erholenden Effekt. Liebe Grüße!

  11. peter bachstein says:

    tolle tour – und kein nebel auf dem gipfel? ihr glücklichen. als ich neulich da oben war konnte ich ausrufen mit heinrich heine: aussicht keine. er verhüllt eben gern sein haupt, der alte harzer zauberberg…

    1. 1 THING TO DO says:

      Danke dir! Wir hatten in der Tag Glück. Es zog zwar ein ganz schönes Lüftchen da oben, aber keinerlei Nebel trübte die Sicht. Liebe Grüße! 🙂

  12. Pingback: Unterwegs: Von Krakau nach Thessaloníki | 1 THING TO DO
  13. Trackback: Unterwegs: Von Krakau nach Thessaloníki | 1 THING TO DO
  14. LarasWelt says:

    Ach ja der Harz und der Brocken… Die Verbindung zu Goethe finde ich auch spannend :). Bin nach meinem Abitur dieses Jahr mit Faust noch sehr vertraut. Ansonsten verbinde ich mit dem Harz vor allem Ausflüge mit der Familie im Schnee und Schlitten. Schön, dass ihr auch solche vermeintlich „langweiligen“ Gegenden erkundet und das Besondere findet.

  15. Lena says:

    Ein toller Artikel! Ich glaube, man muss die Orte selbst entdecken und lieben lernen oder eben nicht lieben lernen. Aber er ist egal, was andere sagen. Das wichtigste ist doch, dass man sich selbst wohl fühlt und die Zeit genießt – egal ob das der Harz, die Nordsee oder der Schwarzwald ist. Und oft sind es die Menschen, die solche Dinge über den Harz sagen, die noch nie dort waren! 🙂

    1. 1 THING TO DO says:

      Danke und ja, deine Worte treffen es so ziemlich auf den Punkt! 🙂

  16. Laura says:

    Ein sehr schöner Artikel, der deine Faszination für den Harz deutlich wiederspiegelt!
    Ich durfte fast jedes Wochenende in den Harz 😀 Zum Wandern, zum wilde Beeren Essen, zum Feuersalamanderbestaunen, zum Genießen.
    Wir planen nun unseren ersten einwöchigen Wanderurlaub im Harz und werden von so manchen Leuten belächelt. „Das machen doch nur meine Großeltern“ oder „Ihr macht Urlaub in Schierke?“
    Aber es gibt soooo schöne Ecken zu entdecken und wie du schon schriebst, das „melancholische Verlangen nach dem Vergangenem“ zu befriedigen 🙂
    Eine schöne Impression deines/eures Harzerlebnisses.
    Liebe Grüße
    Die Wandertrollin Laura 😉

    1. 1 THING TO DO says:

      Hallo Laura! Vielen lieben Dank für dein Lob und schön, dass wir anscheinend ähnliche Harzerfahrungen machen durften. 😀 Liebe Grüße zurück!

Kommentar verfassen