Udabno-Gebirge: Ein langsames Abenteuer in Georgien

Georgien liegt im Trend. Das ist klar. Seitdem das Land am Großen Kaukasus von Deutschland aus relativ günstig erreicht ist, zieht es immer mehr Reisende an die Grenze zwischen Europa und Asien. Sie suchen (wie wir) das Abenteuer, und doch tummeln sich viele von ihnen an den üblich verdächtigen Orten. Unsere Gastautorin Brigitte lebt in Tiflis und lädt mit ihrer Wanderung im Udabno-Gebirge an der Grenze zu Aserbaidschan dazu ein, Georgien abseits der ausgetretenen Pfade zu entdecken. Ein Gastartikel von Brigitte.

Udabno Georgien

Wandern im Süden Georgiens

Ich heiße Brigitte und komme ursprünglich aus der Schweiz. Seit drei Jahren lebe ich jedoch in Georgien, genauer gesagt in Tiflis, mit meinem georgischen Mann, Wacho. „Das geht nicht. Nicht erlaubt. Viel zu gefährlich!“, doch trotzdem hat mich Wacho an jenem Sonntagmorgen zur Marschrutka-Station gebracht, von der aus es für mich in Richtung Osten ging.

Drei Tage allein zu wandern, das war mein Wunsch. Doch angekommen an der Station, war der übliche ÖV-Kleinbus, in Georgien „Marschrutka“ genannt, nicht da. Dafür aber ein PW, der für ein paar Lari noch einen Platz frei hatte. Rein gesetzt und ab die Post. Bis nach Gurjani, zur Abzweigung Richtung Süden, David Gareja, dem bekannten georgisch-orthodoxen Kloster auf Fuße des Udabno.

Udabno Georgien

Die Landschaften im Udabno-Gebirge, dem Ziel meiner Wanderung im Süden Georgiens, halten sanfte Farbenspiele bereit.

Udabno Georgien

In der Ferne grüßen bei klarer Sicht die schneebedeckten Gipfel des Großen Kaukasus.

Weiblich, alleine und erst noch zu Fuß

An den Häusern, die von Gurjani in die Iori-Ebene führen, war ich bis jetzt immer mit dem Auto vorbei gerauscht. Jetzt aber hatte ich genügend Zeit zum Schauen und Staunen. Langsam ist schön. Doch ich merkte, dass sich die Ebene ganz schön zieht. Die Straße neben mir war nicht stark befahren. Mein Anblick mit Rucksack muss ungewöhnlich gewesen sein, denn oft hielt man ungefragt neben mir an – selbst wenn ich mal weiter im Feld war.

Ob man mir helfen könne? Ob alles in Ordnung sei? Ein Stück mitfahren? Lange lehnte ich dankend ab. Bis ich merkte, dass ich niemals beim Dorf Udabno, meinem geplanten Übernachtungsort, ankommen würde mit meiner Spaziererei. So kletterte ich denn bei Gio, einem Lastwagenfahrer aus Gurjani, ins Führerhäuschen. Er war mit einer Ladung Beton unterwegs. Es stellte sich heraus: Bis zur nächsten Abzweigung war es doch ein schönes Stück.

Udabno Georgien

Szene aus Sagarejo, einer Kleinstadt im Südosten Georgiens.

Udabno Georgien

Herbstliche Farben auf meinem Weg durch die Iori-Ebene.

Udabno Georgien

Ein Lada im Sauseschritt.

Gefahr in Verzug

Wenn der Große Kaukasus verschneit ist, weichen die Hirten mit ihren Schafherden nach Süden aus. Vor den entsprechenden Schäferhunden wurde ich immer wieder gewarnt und begegnete ihnen deshalb mit Respekt. Doch die zwei, denen ich hier begegnete, leckten mir nach kurzer Zeit die Hand, nur um mich wenig später nicht länger interessant genug zu finden.

Bei den zwei Bauernhöfen, die ich passieren musste, nachdem ich bei Gio ausgestiegen war, wurde es jedoch einigermaßen brenzlig. Ein fetziges Bellen und ein tiefes, röhriges Knurren aus tiefster Seele von der Seite kamen mir immer näher. Drei Stück, und Brigitte, die den Blick vor sich auf die Straße heftete und einen Schritt nach dem anderen machte. Mein Atem war laut, aber ohne beklemmende Angst. Nach wenigen Sekunden war es zu Ende und sie zogen ab. Uff.

Udabno Georgien

Die zwei Schäferhunde dieser Herde hatten schon bald kein Auge mehr für mich.

Udabno Georgien

Auf meiner Wanderung durch den Süden Georgiens passierte ich auch diese Hochebene.

Europäische Exotik in Georgien

Als die Ebene überstanden war, ging es für mich aufwärts in die Weiten des Udabno-Gebirges. Ich liebe diese Landschaft wegen ihrer sanften Farben. Lange wanderte ich auf einer Hochebene, ohne einer Menschenseele zu begegnen. Bei klarer Sicht schimmerte in weiter Ferne ein weißer Streifen, die Schneespitzen des Großen Kaukasus im Norden.

Am zweiten Tag traf ich zwei Schafherden, deren aserbaidschanische Hirten ohne Hunde unterwegs waren. Ei, das war schön, Teil des bläkenden Treibens zu werden! Und doch war ich froh, als mich plötzlich Motorengeräusch aus einer selbstvergessenen Pause aufwirbeln ließ: Ein russisches Pärchen, das von Moskau mit dem 4×4 nach Georgien gereist war, geriet dank ihres phantasievollen Navis auf meinen Weg. Das war für sie eine schöne Überraschung, im Niemandsland eine Schweizerin aufzulesen!

Udabno Georgien

Hier ist der Hirte zugleich Schäferhund.

Udabno Georgien

Schafsherde eines aserbaidschanischen Hirten: Die Grenze zum Nachbarland rückte auf meinem Weg immer näher.

Reich beschenkt nach Hause

Wieder in der Zivilisation. Der Jandarasee, dessen Mitte die Grenze zwischen Georgien und Aserbaidschan bildet, wurde mir quasi als Abschlussbouquet überreicht. Hier gibt es viele seltene Vogelarten. Ich las einen Bericht von finnischen Vogelkennern, die letztes Jahr hier waren.

Zivilisation ja, Tourismus nein. Als ich Ranes, der an der Straße stand, auf Georgisch nach einem Guesthouse fragte, wusste er darauf keine Antwort. Er bat mich in seinen Garten und rief seinem Sohn, der Englisch könne. Doch es brauchte kein Englisch. Als seine Frau Chito lächelnd aus dem Haus kam, war klar, dass ich bei ihnen übernachten werde. Wie wunderbar unkompliziert. Die drei Tage haben sich gelohnt.

Udabno Georgien

Jandara, oder: „Zurück in der Zivilisation“. Wenn auch nur ein bisschen.

Udabno Georgien

Der Jandarasee liegt zu zwei Dritteln in Georgien und zu einem Drittel in Aserbaidschan.

Eine Einladung

Zusammen mit Wacho bin ich im Aufbau eines kleinen, aber feinen Reiseunternehmens, genannt Georgien WB Tours. Wir wollen eine Brücke sein für Gäste, die nicht ganz auf eigene Faust dieses so vielfältige Land entdecken möchten. Auf meinem Blog blitzt wöchentlich ein neues Stück Georgien auf: mein Alltag, meine Entdeckungen und Erlebnisse. Du kommst auf eigene Faust nach Georgien? Wie wär’s mit einem Kaffee in Tbilisi?

Herzlich
Brigitte

Udabno Georgien

Schnappschuss von Gastautorin Brigitte und einem Schäfer, dem sie auf ihrer Wanderung im Süden Georgiens begegnete.

Ausgetrampelte Pfade verließen wir beide beim Wandern in Georgien ebenfalls immer wieder. Wenn auch nicht immer ganz freiwillig. Welche Überraschungen der Große Kaukasus im Norden des Landes zum Beispiel bereithält, das liest du insbesondere in unserem Wanderbericht aus Juta im Kazbegi-Nationalpark. Und übrigens: Weniger bekannt ist auch das abgelegene Dorf Tsvirmi, das wir beim Wandern bei Mestia für uns entdecken.

Reisen um zu reisen!
John & Marc

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