Ćevapčići und Klapperzüge: Typisch Balkan!

Sliwowitz, Ćevapčići und ein Hauch von Jugoslawien: Was ist eigentlich typisch Balkan? Um den Südosten Europas ranken sich viele Mythen und Vorurteile. Nach zwei mehrwöchigen Balkan-Trips fassen wir zusammen, was für uns typisch Balkan ist – aus der unverblümten Sicht zweier Reisenden. Geschrieben von John & Marc.

Typisch Balkan

Was ist eigentlich typisch Balkan? Wir werfen einen Blick zurück auf unsere beiden ersten Balkanreisen.

Typisch Balkan: Nachtzüge

Wenn wir ans Reisen auf dem Balkan denken, dann schießt uns sofort das ewige Klappern der in die Jahre gekommenen Nachtzüge ins Ohr. Beinahe jede größere Stadt der Balkanländer kannst du bequem im Schlafwagon erreichen – wobei „bequem“ eine Frage der Ansprüche ist. Sowohl für unsere Reisen von Budapest nach Belgrad als auch von Belgrad nach Sofia griffen wir auf den Nachtzug als unser liebstes Fortbewegungsmittel zurück. Unterwegs waren wir zumeist in ausrangierten Modellen Marke Reichsbahn.

Idealerweise hast du während der Zugfahrt ein ganzes Abteil für dich und kannst dich – in der Hoffnung, dass niemand mehr zusteigt – gemütlich einrichten. Doch es geht auch anders: Unser Nachtzug von Belgrad nach Sofia glich einer Sauna, im Sechs-Personen-Abteil war kein Zentimeter mehr Luft. Die Gepäckablage überfüllt, schliefen wir mit unseren Rucksäcken im nicht allzu komfortablen Klappbett. Und doch lässt das ewige nächtliche Klappern im Ohr sofort das Fernweh in uns aufsteigen.

Typisch Balkan

Sieht doch schon von außen so richtig gemütlich aus, oder? Unser Nachtzug auf dem Weg von Budapest nach Belgrad, Jahr 2016.

Typisch Balkan: Backpacker

Die Balkanländer sind zum großen Teil keine typischen Reiseziele für Familien oder Pauschalurlauber aus Mitteleuropa. In den letzten Jahren entwickelt sich Südosteuropa dafür immer mehr zu einem Mekka für Backpacker. Ein Grund: Die Entfernungen sind gering, die Länder und Regionen in Kultur und Natur dafür umso unterschiedlicher.

Beste Bedingungen, um in überschaubarer Zeit mit dem Rucksack auf den Schultern in diverse Geschichte(n) einzutauchen und das Abenteuer zu suchen! Egal ob in Belgrad, Sofia, Skopje oder im montenegrinischen Durmitor-Gebirge, stießen wir auf Reisende aus aller Herren Länder. Die am meisten verbreitete Spezies: Australier. Oder wie es zwei Australier in Kotor nannten: JAFA – Just another fucking aussie…

Typisch Balkan

Backpacker-Freuden im Durmitor-Nationalpark: Christina und Robert (ganz oben und in der Mitte) lernten wir auf unserer zweiten Balkanreise kennen und beschlossen sogleich, gemeinsam den höchsten Berg Montenegros zu besteigen.

Typisch Balkan: Plattenbauten

Natürlich gibt es sie, die pittoresken Altstadtkerne und Straßenzüge mit dem berühmten morbiden Charme. Wir denken dabei sofort an Skadarlija, jene Straße im Zentrum Belgrads, die gerne auch als das Bohème-Viertel der serbischen Kapitale bezeichnet wird – leider aber auch furchtbar touristisch ist.

Es mag an unserem fragwürdigen Geschmack liegen, was Entdeckungen auf Reisen betrifft, doch teilweise können wir auch den Plattenbauvierteln der Balkanstädte einen gewissen Reiz abgewinnen. Das mag hinsichtlich der teilweise spürbaren Armut vor Ort oberflächlich klingen, doch Planstädte wie Novi Beograd versprühen aus unserer Sicht gerade im Kontrast zu den Altbaufassaden ihr ganz eigenes Ambiente. Ein gutes Beispiel in Beton ist der Belgrader Genex-Turm, den wir zum Anlass nahmen, in die Architekturgeschichte der Stadt einzutauchen.

Typisch Balkan

Der Genex-Turm ist eines der Wahrzeichen von Serbiens Kapitale.

Typisch Balkan: Ćevapčići

Wer auf dem Balkan herzhaft und alles andere als vegetarisch essen geht, der wird an Ćevapčići kaum vorbei kommen – egal ob als Hauptmahlzeit oder als Imbiss zwischendurch. Die gegrillten Hackfleischröllchen gelten in Kroatien, Bosnien-Herzegowina und Serbien als Nationalgericht. Ihre Verwandten in Rumänien heißen Mititei oder Mici, in Bulgarien kannst du Kebaptscheta bestellen.

Je nach Region variieren die Ćevapi in Länge und Gewürzen, wobei letztlich jeder Koch ein eigenes Geheimrezept haben dürfte. Uns persönlich schmeckte die Imbissvariante im Fladenbrot mit reichlich Zwiebeln und Tomaten am besten – besonders in Montenegro. Keine gute Wahl war es dagegen, die Ćevapčići mit Kajmak zu bestellen. Denn das bedeutet ganz viel Fett – übergossen mit noch mehr Fett.

Typisch Balkan

Unser Lieblingsvariante von Ćevapčići – serviert im Fladenbrot mit Zwiebeln und Tomaten.

Typisch Balkan: Sliwowitz

Wenn es um Vorurteile über den Balkan – oder genauer: Ex-Jugoslawien – geht, dann fällt schnell das Wort Sliwowitz. Der auch hierzulande bekannte Pflaumenschnaps löst in uns normalerweise einen sofortigen Würgereflex aus. Doch seit wir in Belgrad bei Petar und seinem Freund übernachteten, hat sich unsere Meinung über šljivovica grundlegend geändert.

Beim Vorglühen zu einer der langen Nächte in Belgrad holte Petar nämlich plötzlich ein ganzes Tablett voller Geschmacksvariationen des berüchtigten Obstbrands aus dem Kühlschrank – teilweise eigenproduziert von seiner Mutter. Von Quitte über Birne bis Erdbeere landete Schnapsglas für Schnapsglas in unseren Rachen. Und irgendwie haben wir genau in diesem Moment Lust auf den nächsten Shot. Živeli!

Typisch Balkan

Beim Thema Sliwowitz reicht auch mal ein angeheitertes Suff-Foto.

Typisch Balkan: Jugoslawien

Jugoslawien findest du zwar nicht mehr bei Google Maps, doch natürlich spürst du auf dem Balkan noch heute die Überreste der Vergangenheit. Das ist nicht immer so offensichtlich wie im Belgrader „Titomuseum“, das genau genommen Museum der Geschichte Jugoslawiens heißt. Kritik an Josip Broz Tito, dem ehemaligen Staatschef Jugoslawiens, sucht man hier vergebens. Im Zentrum steht die Nostalgie.

Die Geschichte des zwischen 1918 und 2003 bestehenden Vielvölkerstaats wird auch in Planstädten wie Novi Beograd erkennbar, das 1948 von jugoslawischen Arbeitsbrigaden auf einem ehemaligen Sumpfgebiet errichtet wurde. Im Stadtteil Zemun schließlich fanden wir das 1 THING TO DO für unseren Belgrad Reisebericht in einer Fischerkneipe, die in den 1970er Jahren stecken geblieben scheint. Dort liefen selbst wir Gefahr, in Nostalgie zu verfallen – ohne natürlich selbst Zeugen der Geschichte zu sein.

Typisch Balkan

Hier scheint die Uhr vor ein paar Jahrzehnten stehen geblieben zu sein: eine Fischerkneipe im Belgrader Stadtteil Zemun.

Typisch Balkan: Belgrad

Obwohl wir mit Kroatien, Montenegro, Serbien, Bulgarien, Mazedonien, Griechenland und – je nach geografischer Einordnung – Rumänien bereist sieben Balkanländer haben, so fällt uns beim Schreiben dieses Artikels gerade auf, dass unsere Beispiele zum Thema Typisch Balkan sich immer wieder um Belgrad drehen. Obwohl wir in der Region so viel mehr gesehen haben! Das kann kein Zufall sein.

Belgrad steht exemplarisch für die Geschichte der gesamten Region – und das obwohl der Balkan an Vielfalt wohl kaum zu überbieten ist. In der Innenstadt wird deutlich, dass dies auch für die dunklen Zeiten der jüngeren Vergangenheit gilt. Vereinzelt läuft man hier noch heute an Kriegsruinen vorbei. Gleichzeitig entwickelt sich Belgrad immer mehr zum kulturellen Zentrum der gesamten Halbinsel. Die Vergleiche mit Berlin lassen nicht länger auf sich warten.

Typisch Balkan

Belgrad von oben: Die Millionenstadt gehört zu den kulturellen Hotspots der Balkanregion.

Typisch Balkan: Günstig reisen

Ein Punkt, der aus Perspektive der Locals wenig moralisch erscheinen wird, ist das Preis-Leistungsverhältnis einer Balkanreise. Doch es stimmt: Aus mitteleuropäischer Sicht lässt sich in den meisten Ländern der Region günstig Urlaub machen. Das gilt weniger für Griechenland und Kroatien, auch in Montenegro merkt man schnell, dass die touristische Entwicklung die Preise hebt.

Unsere Aufenthalte in Serbien, Bulgarien, Rumänien und besonders in Mazedonien jedoch schonten die Reisekasse ungemein. Dies gilt nicht nur für Lebensmittel, sondern auch für das Reisen von A nach B. Lange Fahrten mit dem Nachtzug sind genauso erschwinglich wie der öffentliche Nahverkehr. Optimale Voraussetzungen, um vor Ort schnell mal einen Ausflug in eine andere Stadt oder einen anderen Landstrich zu unternehmen.

Typisch Balkan

Bei diesem Fleischteller, den wir in Podgorica verzehrten, kommt schlechtes Gewissen auf. Mit zwei Bier bezahlten wir dafür keine fünfzehn Euro.

Typisch Balkan: Abenteuer im Grünen

Bislang drehte sich in diesem Artikel vieles um die Städte der Balkanregion. Doch gerade auch die grüne Natur der Halbinsel im Südosten Europas lädt zu abenteuerlichen Entdeckungen ein. Mit dem Witoscha-Gebirge besitzt etwa Sofia einen 2.000-Meter-Gipfel direkt vor der Haustür – was keine andere Hauptstadt auf dem Kontinent von sich behaupten kann! Und am Stadtrand von Skopje lauert natürlich die märchenhafte Matka-Schlucht.

Unser Favorit bislang jedoch war das Durmitor-Gebirge an der Grenze zwischen Montenegro, Serbien und Bosnien-Herzegowina, wo wir von Žabljak aus eine Wanderung in eine Eishöhle unternahmen und den Bobotov Kuk bestiegen, seinerseits mit 2.522 Metern höchster Gipfel des kleinen Landes an der Adriaküste. Auch Albanien und der Kosovo bieten malerische Gebirgslandschaften, die wir uns eines Tages genauer anschauen wollen.

Typisch Balkan

Witoscha: Ein Hochgebirge in unmittelbarer Natur zur Hauptstadt – eine europäische Einmaligkeit, die Sofia bietet.

Nichts ist typisch

Die meisten Artikel, deren Überschrift das kleine Wörtchen „typisch“ beinhaltet, enden damit, dass schlussendlich eigentlich gar nichts typisch ist. Überraschung: Unser „Typisch Balkan“ Exkurs bildet hierbei keine Ausnahme. Wie auch? Die Geschichte der Region ist durch das mal friedlich, mal feindselige Nebeneinander und Zusammenleben der Kulturen geprägt. Im Hier und Jetzt sind die Unterschiede zwischen Stadt und Land sowie zwischen den Nationen teils immens.

Wenn du es so willst, dann ist jedoch auch diese Vielfalt typisch Balkan. Sie ist Grund genug, den Balkan immer wieder und wieder zu besuchen, um eigene Vorurteile abzubauen (oder vielleicht zu bestätigen) und all das neu zu entdecken, was man bislang als gesetzt empfunden hatte. Wir sind uns sicher: Eines Tages wird es deshalb Zeit für eine neue Ausgabe dieses Artikels.

Eine Übersicht aller unserer Balkan-Reiseberichte findest du hier:

BulgarienGriechenlandKroatien
Sofia Reisebericht: Das nächste Berlin?Athen Reisebericht: Farbenspiel live von der AkrópolisDubrovnik
Witoscha-Gebirge: Sofia aus der VogelperspektiveThessaloniki Reisebericht: Altstadt-Odyssee am Mittelmeer
Vourvourou Strände: Feuer über der Mönchsrepublik
MazedonienMontenegroRumänien
Matka-Schlucht: Skopje märchenhaftBarBrasov Reisebericht: Bären-Alarm im Hostel
Mavrovo-Nationalpark: Versuch einer WanderungDurmitor-GebirgeBukarest Reisebericht: Warum diese Stadt eine Zumutung ist
Skopje Reisebericht: Das Disneyland des BalkansKotorSibiu
PodgoricaWandern Karpaten: Blauäugig am Abgrund
Skutarisee
Serbien
Belgrad Reisebericht: After Hour im Fischerdorf
Belgrad: Mafiöser Ausflug nach Zemun

 

Typisch Balkan

Auch das ist Balkan: Im Urlauberstädtchen Bar färbt die untergehende Sonne den Himmel über der Adria in warme Farben.

Warst auch du schon auf dem Balkan unterwegs? Wenn ja, was bleibt dir als typisch Balkan in Erinnerung? Haben wir es in Sachen Typisierung aus deiner Sicht an mancher Stelle vielleicht sogar übertrieben? Dann teile uns deine Meinung gerne in den Kommentar mit. Wenn du demnächst eine Reise auf den Balkan planst, empfehlen wir dir außerdem unseren Artikel rund ums Thema Balkan Reiseplanung.

Reisen um zu reisen!
John & Marc

One thought on “Ćevapčići und Klapperzüge: Typisch Balkan!”

  1. Igor says:

    Schöner Beitrag Jungs! Ich als Kroate habe ihn mir besonders gern durchgelesen. Kroatien ist mitterweile auch sehr beliebt für Pauschalreisen, ziemlich stark bei Deutschen. Super, wie ihr Balkan aufgefasst hat. Trifft gut zu! PS: Ćevapčići mit Kajmak ist das geilste! 🙂

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