Südkalimantan: Reise zwischen Dayak und Diamanten [Gastartikel]

Als Kaspar seinem balinesischen Großvater von seiner geplanten Reise nach Südkalimantan erzählt, wird dieser sofort hellwach. „Kannst du mir einen Rubin mitbringen?“, fragt er, „und am besten noch einen Saphir und einen Aquamarin. Rot, Blau und Grün, das bringt Glück.“ Kaspar wusste nicht, dass die vom Tourismus noch unberührte Region das Edelsteinzentrum Indonesiens ist. Denn der Grund für seine Reise ist ein ganz anderer: Er ist auf der Suche nach neuen Reise-Juwelen. Ein Gastartikel von Kaspar Anderegg.

Südkalimantan Reisebericht

Die Insel Liang Toman im Stausee Riam Kanan ist nur eine der Stationen in Kaspars Südkalimantan Reisebericht. Credits: Kaspar Anderegg • Reiseschrift.com

Raues Banjarmasin

Banjarmasin ist mit etwa 500.000 Einwohnern die Hauptstadt Südkalimantans. Mit ihren vielen Kanälen und Booten galt sie früher als „Venedig Indonesiens“. Am Flughafen angekommen präsentiert sich mir die Stadt zuerst einmal rau. Die Menschen sind freundlich. Doch die zerfurchten Gesichter und verlebten Körper sprechen die Sprache eines harten Lebens.

Die Menschen sind nicht so alt, wie sie scheinen. In Banjarmasin scheint man bloß schneller zu altern. Aber die Stadt ist schön. Von den vielen Kanälen, die früher das Stadtbild gezeichnet haben, sind zwar viele zubetoniert worden, aber noch immer spüre ich einen eigenen Charme. Ich fühle einen starken Kontrast zwischen Schönheit und Hässlichkeit. Zwischen abgelebten, aber umso freundlicheren Menschen. Zwischen unfertiger Industriestadt und den Überresten des alten Glanzes.

Alle Stationen des Reiseberichts durch Südkalimantan, Indonesien, auf einem Blick:

Spaziergang im Sonnenuntergang

Bei Dämmerung spaziere ich an einer Allee am Fluss entlang und bewundere den berühmten indonesischen Sonnenuntergang, bevor die Lichter der Stadt im Fluss reflektieren und ein nicht minder romantisches Bild erschaffen. Alles Hässliche ist verschwunden. Eine Gruppe junger Frauen will, dass ich mich zu ihnen setze. Meine Indonenischkenntnisse sind immer ein Brückenbauer und wir kommen sofort ins Gespräch.

Süßigkeiten werden mir angeboten: „Sei nicht scheu und probier!“. Wir pflegen eine Weile den typisch indonesischen Small-Talk, den ich so liebe. Ich hasse Small-Talk normalerweise, aber in Indonesien ist er der Grund, wieso ich mich überall sofort angekommen und vor allem willkommen fühle. Mit vollem Magen mache ich mich auf den Weg zu meinem Guesthouse, einem Rehabilitationszentrum für Nasenaffen.

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Auf dem exotischen Markt verliert Banjarmasin sein raues Ambiente. Credits: Kaspar Anderegg • Reiseschrift.com

Übernachten im Zoo

Das Sahabat Bekantan ist Kalimantans größtes Rehabilitationszentrum für die vom Aussterben bedrohten Nasenaffen – und es ist ein kleiner Zoo. Auch Gibbons, Makaken, Kakadus, Beos, Schildkröten und sogar einem seltenen Gavial-Krokodil wird hier Obhut gewährt, bis die Tiere gesund oder alt genug sind, um ausgewildert zu werden. Wildromantische Atmosphären sind mein bevorzugter Reisehintergrund. Hier komme ich voll auf meine Kosten.

Am Morgen füttere ich die Tiere und staune über die charakterstarken Nasenaffen. Leider gibt es nur noch etwas mehr als 1.000 wildlebende Nasenaffen. Sie gehören zu den intelligentesten Affen und können nicht nur ausgezeichnet klettern, sondern sind auch sehr gute Schwimmer. Jeder Nasenaffe im Zentrum scheint einen eigenen Charakter zu haben. Während der eine hyperaktiv auf meinem Arm herumspringt, lutscht mich ein anderer am Daumen. Mein absoluter Liebling ist aber der „Handschüttler“. Wer ihm die Hand gibt, wird nicht mehr losgelassen. Erst als ich jeden seiner Finger einzeln von meiner Hand löse, kann ich wieder gehen.

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Je jünger, je verspielter: Ein Nasenaffe im Rehabilitationszentrum. Credits: Kaspar Anderegg • Reiseschrift.com

Wichtige Aufgabe, kaum Chancen

Das Sahabat Bekantan ist klein, kaum bekannt und kann sich gerade knapp über Wasser halten. Ist es professionell? Ich weiß es nicht. Ich bin kein Wissenschaftler. Aber die Menschen im Zentrum geben sich große Mühe und sind mit dem Herzen dabei. Es ist eine Schande und ein Zeugnis der gnadenlos unaufhaltsamen Zerstörung Kalimantans, dass es nur ein einziges kleines Rehabilitationszentrum für die vom Aussterben bedrohten Nasenaffen gibt. Umso wichtiger wäre die Aufgabe des Sahabat Bekantan. Aber mangels finanzieller Ressourcen und Knowhow sind schon Nasenaffen in ihren Käfigen gestorben.

Genauso wichtig wie der unmittelbare Schutz der Tiere ist die pädagogische Arbeit des Zentrums. Die Einwohner Kalimantans müssen informiert werden über die Wichtigkeit von Ökologie und Tierschutz. Von der Politik und den Palmölkonzernen, den Profiteuren des illegalen Holzschlags, dem Kohle-, Gold- und Edelsteinabbau und der Wilderei ist keine Hilfe zu erwarten. Aber zuletzt sind es die Einwohner Kalimantans, die aus Armut und Unwissen an der Zerstörung ihrer Heimat teilhaben und dabei mit Glück einen Krümel des multimilliardenschweren Kuchens nach Hause nehmen können. Ob der Nasenaffe überleben wird? In der Wildnis, wo er hingehört, sind die Chancen gering.

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Das Guesthouse ist gemütlich und verspricht Abenteuer. Credits: Kaspar Anderegg • Reiseschrift.com

Schwimmender Markt und schlammige Mine

Es wird Zeit für einen weiteren Kontrast. Der Sonnenaufgang auf dem Martapura-Fluss ist Reisemagie in hundert Rottönen. Palmen und Pfahlbauhütten säumen die Ufer, während ich auf dem Boot in Richtung des schwimmenden Marktes fahre. Das Venedig Indonesiens! Die Tropensonne steigt auf und die Menschen schützen sich mit großen Hüten vor der Hitze. Rudernd erkunde ich auf dem Boot einer Orangenverkäuferin den Markt und kaufe Köstlichkeiten von den anderen Booten.

Als ich meinem Guide am Nachmittag von meinem Großvater und seinen Edelstein-Wünschen erzähle, bringt er mich sogleich zum Ursprung, einer Diamantenmine außerhalb der Stadt. Ich fühle mich unwohl. Und gleichzeitig neugierig und berechnend. Günstiger als in einer Diamantenmine kann man Edelsteine wohl nicht kaufen. Die Arbeiter stehen im Schlamm in der brütenden Hitze und suchen mit Sieben nach Edelsteinen. Von Sonnenauf- bis untergang. Mit Schaufeln wird der Schlamm auf ein Förderband geworfen, um Platz für die nächste Schicht Hoffnung freizumachen. Für den größten Luxus der Welt – und für das Überleben.

Die Steine sind unglaublich billig. Rubine kann ich ab 70 Cent pro Karat kaufen, Diamanten ab 35 Euro pro Karat. Schnell werde ich von einer Schar von Verkäufern umringt und kriege Säckchen um Säckchen in die Hand gedrückt. Ich kann nicht anders: Von jedem Verkäufer kaufe ich zumindest einen günstigen Stein für einen Euro. Die Steine für meinen Großvater kaufe ich von einem anderen älteren Herren. Der 48-jährige mit dem zerfurchten Gesicht sieht aus wie ungesunde 68. Wir schütteln uns die Hand und ich steige zurück in den Jeep.

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Der Sonnenaufgang über dem Fluss ist ein Traum. Credits: Kaspar Anderegg • Reiseschrift.com

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Reges Treiben am schwimmenden Markt. Credits: Kaspar Anderegg • Reiseschrift.com

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Pickelharte Arbeit… Credits: Mickael Aparicio

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… für den glänzenden Luxus. Credits: Mickael Aparicio

Abstecher nach Palangkaraya: Der Steinwurf der Orang-Utans

Orang-Utans sind die einzigen Menschenaffen Asiens und für viele das Highlight jeder Kalimantanreise. Die Rehabilitationszentren sind darum längst ins Tourismusgeschäft eingestiegen und locken mit mehr oder weniger wilden Orang-Utans Touristen aus aller Welt an. Steht das Geschäft oder der Tierschutz im Vordergrund? Ich weiß es nicht. Aber auf einer Insel in der Nähe von Palangkaraya leben die ausgewilderten Orang-Utans frei. Das für echten Tierschutz bekannte Rehabilitationszentrum von Palangkaraya wildert sie dort aus.

Wild sind die Orang-Utans tatsächlich. Hier kriege ich keine Kuscheleinheiten. Um ihr Revier und ihren Nachwuchs zu schützen, bewerfen mich die Orang-Utans mit Steinen. Ein Blick in die Augen der Tiere, ein Beobachten aus sicherem Abstand muss reichen. Und es genügt auch: Es ist, als ob ich in die Augen meiner Urahnen blicken würde. Sensationell!

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Keine Kuscheltiere: Orang-Utans bei Palangkaraya. Credits: Mickael Aparicio

Zurück in Banjarmasin: Sensation Tourist

Doch die größte Sensation Südkalimantans scheine immer noch ich. Auf dem Markt wollen schwangere Dayak-Frauen meine Nase berühren. Nach Dayak-Tradition sollen so die Qualitäten meiner schönen Nase in das ungeborene Kind übergehen. Dauernd werde ich um ein Foto gebeten. Nicht nur die Jungen, auch die Alten schmücken sich zu gern mit dem Foto eines exotischen Weißen. Zwischen getrockneten Seesternen und lebenden Aalen im Wassereimer werde ich innerhalb von Stunden in Banjarmasin zum wohl meist fotografierten Menschen der Woche.

Auch das lokale Fernsehen und sogar die indonesische CCN kriegen Wind vom weißen Gast des Sahabat Bekantan. Um die Arbeit des Rehabilitationszentrums bekannter zu machen, bittet man mich um ein Interview. Auf Indonesisch und Englisch erkläre ich, dass der Urwald und die Flüsse Kalimantans die Lebensgrundlagen der Menschen sind und unbedingt geschützt werden müssen.

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Schon sehr bald fotografiere nicht mehr ich: Der Markt von Banjarmasin. Credits: Kaspar Anderegg • Reiseschrift.com

Riam Kanan: Eine wunderschöne Katastrophe

Weiter geht es nach Liang Toman, einer Insel inmitten eines riesigen Stausees. Während Banjarmasin untouristisch ist, sind die Inseln auf dem Stausee Riam Kanan das indonesische Ende der Welt. Die Ausländer, die es bisher hierher verschlagen hat, kann man wohl an einer Hand abzählen. Die Gegend ist wunderschön. Grüne, kleine Palmeninseln liegen im See, viele von ihnen unbewohnt. Enge, fjordähnliche Buchten, das Dschungelgrün im Kontrast mit den blau bemalten Hausdächern und natürlich der Sonnenuntergang lassen in mir nur eine Frage aufkommen: Warum wird diese Gegend nie besucht?

Auch Riam Kanan bietet Kontrastprogramm – typisch Kalimantan eben. Der See ist ein Naturwunder klar, für mich. Aber er ist als Stausee nicht natürlich entstanden. Viele Dörfer sind im See versunken. Die anderen Dörfer sind auf kleine, steile Inseln gebaut und nur noch über Boote erreichbar. Weil es in der Trockenzeit zu wenig regnet und der See zwar sehr weitläufig, aber kaum tief ist, verdunstet das Wasser. Flugzeuge von der Nachbarinsel Java sprühen darum Chemikalien in den Himmel, um die Wolken über dem See abregnen zu lassen. Der Strom fließt direkt nach Banjarmasin und in die größeren Städte. Die Bewohner auf und um den See haben ohne Generator noch immer keinen Zugang zu Elektrizität – obwohl sie an der größten Energiequelle Kalimantans leben.

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Schönheit auf den ersten Blick: der Stausee Riam Kanan. Credits: Kaspar Anderegg • Reiseschrift.com

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Natur pur beim künstlichen See. Credits: Mickael Aparicio

Zum Schluss das Paradies

Bei Loksado im Norden von Südkalimantan leben die Dayaks. Das schöne, saubere Dorf ist von Primärdschungel umgeben. Kleinste Dörfer säumen sich an den Hügeln, im Dschungel soll es noch viele mehr geben. Loksado ist das letzte Dorf mit Straßenanschluss. Wer tiefer in das Dayak-Territorium und die spannende Kultur eintauchen will, muss laufen.

Ich bin fasziniert. Leider habe ich keine Zeit und muss mich mit dem Vorgeschmack auf Dayak-Kultur und Dschungelabenteuer zufrieden geben. Nach einer Übernachtung unter dem Dach des traditionellen Langhauses, dem Stammestreffpunkt der Dayak, lasse ich mich auf einem Bambusfloß in den Dschungel treiben. Geschickt dirigiert der Dayak uns mit einem langen Bambusstock durch die Stromschnellen. Manchmal wochenlang flößen die Dayak ihr Kunsthandwerk zu den großen Märkten weiter unten am Fluss, nur mit Hilfe der Strömung und einem langen Bambusstock als „Ruder“.

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Das abenteuerlichste Raftinggefährt meines Lebens: Ein Dayak-Floss. Credits: Donny Sophandy

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Bei Loksado leben die Dayak noch traditionell. Credits: Donny Sophandy

Klettern mit den Dayak

Am letzten Reisetag wartet ein besonderes Privileg auf mich: Klettern bei den Dayak. Einen 120 Meter hohen Felsen mit Bohrhaken, Kletterausrüstung und professionellen Kletterguides hätte ich nicht erwartet. Ich springe in den Fluss und schwimme zum Fels. Die Routen sind nichts für Anfänger und beginnen ab dem fünften Schwierigkeitsgrad. Die schwierigsten Routen sind höchst anspruchsvoll.

Die Guides wissen was sie tun. Ich gebe jedoch schon beim fünften Grad auf. Der Adrenalinschuss genügt mir und meine Kletterskills sind nach zwei Jahren in Indonesien mehr als eingerostet. Ich habe schlichtweg zwei Jahre gebraucht, um in Indonesien letztendlich bei den Dayak auf leidenschaftliche Kletterer zu stoßen!

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Wie lange kann man Südkalimantan noch in seiner vollen Pracht bestaunen? Credits: Donny Sophandy

Juwel in Gefahr

Zurück in Banjarmasin bin ich überwältigt vom Potenzial der Region. Die Reise war Kontrast. Aber ich will nichts vom Schlechten vergessen. Denn hier spielt sich schleichend eine der größten ökologischen Katastrophen der Welt ab: Die indonesischen Dschungelfeuer 2015 mit Epizentrum in Kalimantan gelten offiziell als eine der größten Umweltkatastrophen weltweit seit dem Jahr 2000. Das Medienecho blieb klein, einen Aufschrei gab es nur in den Nachbarländern. Weil der Rauch bis in die 1.000 Kilometer entfernten Hauptstädte Kuala Lumpur und Singapur zog und noch dort die Luft verschmutzte.

Doch neben der Zerstörung wartet in Südkalimentan immer das nächste großartige Erlebnis an der nächsten wunderschönen Ecke. Mit dem Bambusfloß zum Kletterfelsen im Dschungel zu fahren und mit den Dayak zu klettern war unvergesslich. Zwei Jahre lang habe ich nach indonesischen Kletterpartnern gesucht, bis ich sie plötzlich völlig überraschend in einem abgelegenen Dayak-Dorf gefunden habe. Klettern bei den Dayak hat wohl niemand auf dem Reise-Radar. Aber es ist klar mein ganz persönliches 1 THING TO DO in Südkalimantan. Die Region rund um Südkalimantan ist ein Reisediamant, ungeschliffen und echt. Wie lange noch? Ich fliege zurück nach Bali und übergebe meinem Großvater die Steine.

Kaspar Anderegg bloggt auf Reiseschrift.com über seine Erlebnisse in seiner Wahlheimat Indonesien. Verliebt in besonders abgelegene Reisen in unbekannte Gebiete, ist er immer auf der Suche nach dem Paradies, das er in Indonesien öfter findet als anderswo. Die liebsten seiner Reisen bietet er für Reisende mit Abenteuerflair auch als Reiseangebot an. Falls dich der Bericht gepackt hat, und auch du die Schönheiten und Hässlichkeiten von Südkalimantan entdecken willst, findest du hier weitere Informationen dazu.

Reisen um zu reisen!
John & Marc

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