Ratscha: Zeitreise in ein (fast) verlassenes Kaukasusdorf

Ekaterina liebt Georgien. Nicht nur, weil ihr Mann Giorgi Georgier ist. Durch zahlreiche Besuche hat sich ihre Liebe für das Land an der Grenze zwischen Europa und Asien verfestigt. Sie wollte immer mehr von Georgien sehen, entdecken und fühlen. Nachdem alle „must-sees“ gesehen waren, ereilte sie der Vorschlag, Ratscha zu besuchen, wo die Familie ihres Mannes ein Haus in einem kleinen Dorf besitzt. Das Setting einer besonders persönlichen Geschichte, die sie im Rahmen unserer Artikelserie #Reisemomente mit dir teilt. Ein Reisemoment von Ekaterina.

Ratscha Georgien

Aussicht über die Region Ratscha im georgischen Kaukasus.

Ein Geheimtipp, der noch keiner ist

Östlich von Mestia, an der Grenze zur russischen Republik Nordossetien-Alanien gelegen, liegt eine Bergregion namens Ratscha, die nicht so – beziehungsweise gar nicht – touristisch erschlossen ist. Da, wo kaum jemand wohnt. Da, wo man seine Komfortzone verlassen muss, weil Komfort nur sehr beschränkt vorhanden ist. Kann man zu so etwas Nein sagen? Auf ging’s ins Abenteuer!

Als wir im Dorf Bareuli ankamen, erzählte man mir, dass nur noch zwei Familien dort geblieben seien und es lediglich im Sommer etwas lebendiger wäre, da dann für ein paar Tage oder Wochen Besucher aus der Stadt kämen. Ansonsten sei es aber wirklich sehr ruhig. Auch Geschäfte gäbe es keine, weshalb man zum Einkaufen fünf Kilometer in den nächsten Ort laufen müsse. Als kleiner Ersatz käme dafür einmal pro Woche ein Kiosk-Auto, das vollgestopft ist mit Artikeln des täglichen Bedarfs wie Salz, Waschpulver, Schokolade etc.

Ratscha Georgien

Ratscha ist Teil der Region Ratscha-Letschchumi und Niederswanetien im nordöstlichen Westgeorgien.

Ratscha Georgien

Verlassenes Haus in Barelui, das etwa auf halber Strecke zwischen Kutaissi und russisch-georgischer Grenze liegt.

Relikte vergangener Zeiten

Schon auf dem Weg nach Bareuli merkte ich, wie schön diese Region ist. Die Serpentinen führten uns immer weiter nach oben.Unterwegs trafen wir kaum andere Autos. Je höher wir kamen, desto dünner wurde die Besiedlung. Am Ziel angekommen, schaute ich mich neugierig um.

Das Haus war zwar alt, aber gut erhalten. In einem Zimmer war geradezu die Zeit stehen geblieben. Überall hingen Fotos von Stalin – und ich entdeckte sogar einen Samowar! Selbst ich als Russin hatte so ein Ding bis dato nur auf Bildern gesehen. Mein Mann erzählte mir, dass sein Opa mit seinen Brüdern im Zweiten Weltkrieg gekämpft hatte. Seine Brüder waren gestorben und er als Kriegsgefangener in ein Konzentrationslager gebracht worden, das er überlebte. Ich war berührt und wurde emotional.

Ratscha Georgien

Zeitreise in die sowjetische Vergangenheit der Region Ratscha.

Ratscha Georgien

Samoware sind quasi Vorgänger des Wasserkochers und dienten vornehmlich in Russland der Zubereitung von Tee.

Ansichtssache

Um mich ein bisschen abzukühlen, entschied ich mich dazu, mir das Dorf anzusehen. Hier erwartete mich noch eine emotionale Welle.Die Dorfbewohner verlassen ihre Häuser auf der Suche nach besseren Perspektiven und finanziellem Wohlstand. Verständlich, aber irgendwie traurig. Wahrscheinlich bergen alle verlassenen Häuser in Bareuli solcherlei Schätze.

Ich blickte nach unten ins Tal, und die Schönheit der Natur haute mich um. Ich sagte zu meinem Mann: „Wie glücklich die Dorfbewohner sind! Sie sehen sowas jeden Tag, jeden Morgen, wenn sie aufstehen.“ Mein Mann lachte und erwiderte: „Und sie sagen jetzt: ‚Ach, wie glücklich die beiden sind. Jeden Morgen machen Sie die Augen auf und sehen die Straßenbahn und die vielen Autos. Action pur!‘“ – Vielleicht ist das so.

Ratscha Georgien

Ein weiteres verlassenes Haus im Kaukasusdorf Bareuli, in dem nur noch wenige Bewohner leben.

Ratscha Georgien

Was für Reisende Naturidyll und Ruhe bedeutet, war für viele ehemalige Bewohner der Region mit alltäglichen Strapazen verbunden.

Achterbahn der Gefühle

Als ich mir die Ruinen anschaute, wurde mir erzählt, dass hier eine Kirche gestanden hatte, die von den Kommunisten gesprengt worden war. Die Einheimischen haben eine Glocke aufgehängt und die Ruinen provisorisch mit Ikonen gestaltet. Der Geist der umstrittenen sowjetischen Geschichte passt irgendwie nicht zusammen mit diesem Ort abseits der Zivilisation.

Ich bin eigentlich nicht so emotional, sondern eher zurückhaltend. Dennoch überwältigten mich die Gefühle. Bareuli ist traurig, aber unglaublich schön. Die unberührte Natur gibt mir das Gefühl, dass wir Menschen so klein sind, so unwichtig. Die verlassenen Häuser und Überbleibsel aus früheren Zeiten zeigen aber auch, wie grausam die Geschichte sein kann und wie schnell sich unser Leben und unsere Ziele verändern können.

Ratscha Georgien

Überreste einer Kirche, die von Kommunisten gesprengt wurde.

Wandern in Ratscha

Als nächstes wollten uns die Dorfbewohner einen geheimen Ort zeigen, von dem aus man ganz Ratscha sehen können soll. Sie fragten nicht einmal, ob wir fit genug für den Aufstieg seien. Für sie war es selbstverständlich, dass jeder dazu in der Lage ist, ein paar Stunden bergzusteigen. Zwei Stunden waren wir unterwegs, und ich hatte mich ehrlich gesagt überschätzt. Es war verdammt hart. Je höher wir kamen, desto häufiger brauchte ich Pausen. So richtig fit bin ich eben doch nicht.

Wir stapften durchs Kraut, und plötzlich wurde es lebendig. Dutzende Schmetterlinge flatterten hoch – so viele hatte ich noch nie zuvor gesehen. Ich brauchte wieder eine Pause. Sorry. Dann endlich erreichten wir unser Ziel.

Ratscha Georgien

Auf unserer Wanderung bei Bareuli begegneten uns so einige Schmetterlinge.

Ratscha Georgien

Angekommen am Zeil unserer Wanderung in den Höhen des Kaukasus.

Ratscha von oben

Als Belohnung konnten wir tatsächlich fast die ganze Region sehen. Unter uns die Dörfer, in der Ferne die Berge. Wir blieben bestimmt eine Stunde, ohne viel zu sprechen. Ich versuchte, ein paar Fotos zu machen, war aber enttäuscht. Man kann diese Schönheit einfach nicht vermitteln. Georgien zeigte sich noch einmal mit seiner ganzen Einzigartigkeit.

Ich denke, dass ich an diesem Tag meine Grenzen überschritten habe. Dieser Ort hat mich zum Nachdenken gebracht, mich berührt. Ich habe trotzt aller Emotionen eine innere Ruhe erreicht. Ich habe verstanden, wie unwichtig unsere Probleme und Ambitionen sind. Das einzige, was zählt, ist die Natur. Vor allem die Berge.

Ratscha Georgien

Ratscha wird vom Rioni durchquert, dem drittlängsten Fluss Georgiens.

Ratscha Georgien

Auf dem Rückweg nach Bareuli.

Über Ekaterina

Immer wieder haben wir uns gefragt, wieso Georgien so wenige Touristen aus Westeuropa hat. Seit Kurzem gibt es Direktflüge, teilweise Low-cost, und es war nie einfacher, dieses Land zu besuchen. Irgendwann kam Giorgi daher auf die Idee, Gruppenreisen und individuelle Touren nach Georgien zu organisieren.

Und ich? Ich versuche, in meinem Blog Georgien entdecken dieses Land zu präsentieren und all unsere Kenntnisse rund um Georgien und die georgische Kultur zu vermitteln. Georgien bietet einfach das gewisse Etwas. Dieses Land ist eine einzigartige Synthese von Bergen und Meer, Wein und Küche, Kultur und Menschen. Also, worauf wartest du noch? Lass uns zusammen Georgien entdecken!

In unserer Artikelserie #Reisemomente tummeln sich bereits über ein Dutzend solcher Erlebnisse auf Reisen, die sich besonders tief in den Köpfen unserer Autor:inn:en festgesetzt haben. Wenn auch du ein Teil davon sein möchtest, freuen wir uns über deine Nachricht! Wenn du auf der Suche nach weiteren ursprünglichen Orten in Georgien bist, empfehlen wir unsere Wanderung von Mestia ins kleine Dörfchen Tsvirmi. Auch wenn das im Vergleich zu Bareuli beinahe ein Hort der Zivilisation ist.

Reisen um zu reisen!
John & Marc

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2 Gedanken zu “Ratscha: Zeitreise in ein (fast) verlassenes Kaukasusdorf”

  1. Dorie says:

    Richtig spannend. Ich habe nie etwas über Georgien gelesen und schon gar nicht über so abgeschiedene Regionen. Toller Bericht.
    Liebe Grüße
    Dorie von http://www.thedorie.com

    1. 1 THING TO DO says:

      Wir geben das Lob mal an die liebe Ekaterina weiter und hoffen, dass sie es liest. 😀

      Liebe Grüße!

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