Qazvin, Iran: Schwarzer Tee mit einer Prise Glück

Olivers erster Beitrag zu unserer Reihe #Reisemomente lässt sich schlecht in einem einzigen Moment zusammenfassen. Vielmehr beschreibt er, wie er auf Erkundungstour in und rundum die Stadt Qazvin in mehreren Reisemomenten die Gastfreundlichkeit der Iraner kennen und schätzen lernte. Das führte so weit, dass er sich zwischen Teheran und Kaspischem Meer plötzlich als Mastgans in der Wohnung einer persischen Familie wiederfand. Doch der Reihe nach. Ein Gastbeitrag von Oliver.

Qazvin Iran Reisebericht

Ein farbenfroher islamischer Schrein in Qazvin. Credits: Oliver Hein • wasgesternwar.com

Folge mir unauffällig

Der Taxifahrer teilte mir mit, dass wir unser Ziel erreicht hätten. Als ich gestikulierte, welches Haus es denn genau sei, wusste er auch nicht so recht weiter und schrie aus dem Fenster zu einem Kebabverkäufer. Dieser kam näher, schaute mich etwas verwirrt an und bedeutete mir, ihm zu folgen. Schnell bezahlte ich das Taxi, schnappte mein Gepäck und tat, wie mir befohlen.

Nur kurz ums Eck, und wir standen mitten in einem modernen Wohnviertel, wo jedes Haus dem anderen glich. Noch mal wollte er die aufgeschriebene Adresse auf meinem Zettel überprüfen, bevor er klingelte. Eine Stimme antwortete an der Gegensprechanlage und er erwiderte etwas in Farsi. Die Tür öffnete sich und mein Begleiter verschwand.

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Eines der antiken Stadttore von Qazvin.

„Come, come!“

Ein wenig verloren und verunsichert stand ich vor diesem fremden Haus in der mir unbekannten Stadt. Kaum ein Mensch schien hier ein Wort Englisch zu verstehen und um meine wenigen Worte Persisch war es noch schlechter bestellt. Ein Mann kam die Treppe nach unten und begrüßte mich herzlich.

Es war Mehdi, mein Gastgeber für die kommende Nacht. Ein unscheinbarer Mann. Halbglatze, Brille. Er wirkte etwas älter als er vermutlich war. Sofort wurde ich nach oben gebracht, nur die Kommunikation war schleppend. Für mehr als eine simple Begrüßung und ein „Come, come!“ reichte Mehdis Englisch leider nicht.

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Innerhalb der eigenen vier Wände können die Iraner tun was sie wollen, Frauen müssen kein Kopftuch tragen.

„Eat, eat!“

In der Wohnung, in die ich geführt wurde, verblüffte mich besonders die Zahl der Leute. Weit mehr als erwartet. Jalal hatte mir nur gesagt, ich würde bei seinem Cousin übernachten, weshalb ich davon ausging, er lebe eventuell allein, oder, für den Iran wahrscheinlicher, mit seiner Familie. Aber gleich so viele Menschen, hauptsächlich Frauen… Bis heute kenne ich nicht alle Verwandtschaftsverhältnisse. Ich weiß nur, dass das kleine Mädchen, welches so fasziniert von dem Fremden war, Mehdis Tochter war, eine der Frauen seine Ehefrau und die andere seine Schwester.

Das Wohnzimmer war modern und elegant eingerichtet. Manche der Frauen trugen nicht einmal ein Kopftuch. Und das vor einem fremden, ausländischen Mann. Natürlich wurde mir zuerst Essen gebracht. Leckerer, gebratener Reis und ein Salat. Ich sei etwas spät, trotzdem wurde nicht einen Augenblick die berühmte, persische Gastfreundschaft fallen gelassen und ich wurde wahrlich königlich bewirtet. Als Dessert folgten Obst, Gebäck und Schwarztee.

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Die Tochter der Gastfamilie war ganz fasziniert von dem fremden Ausländer.

Wie landet man als Mastgans in einer iranischen Wohnung?

Wie war ich eigentlich in diese Situation gekommen? Zuvor verbrachte ich eine anstrengende Woche in der gigantischen Metropole Teheran, fürchtete im Straßenverkehr um mein Leben und schlug mich durch zahlreiche bürokratische Hürden, um mein Iranvisum zu verlängern. Irgendwann wollte ich einfach nur noch raus. In die Natur, weg von diesem Moloch. Was schien da besser, als eine alte Assassinenfestung mitten in den Bergen?

Die Stadt Qazvin entpuppte sich als bequemer Startpunkt für dieses Unterfangen. Die folgenden drei Tage waren jedoch allesamt Feiertage und meine Angst groß, spontan keine Unterkunft zu finden. Deshalb bat ich Jalal, den Besitzer meines Hostels in Teheran, ein Hotel für mich anzurufen. Mehrere gescheiterte Versuche und einige Telefonate später, erklärte er mir freudestrahlend: Ich werde bei seinem Cousin zu Gast sein. Umsonst und absolut authentisch. Was für ein Glück! Ich versicherte mich mehrmals, dass ich auch wirklich willkommen war und willigte schließlich ein.

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Ein Gruppenfoto mit meiner iranischen Gastfamilie.

Per Chauffeur durch Qazvin

So kam es also, dass ich nun mit einem peinlich berührten Lächeln auf den Lippen hier auf der Couch saß. Zum Glück sprach Mehdis Schwester etwas besseres Englisch als er und erklärte, dass die meisten der Sehenswürdigkeiten geschlossen, da an diesem Tag der erste der drei Feiertage war.

Mehdi würde mich aber gerne etwas mit dem Auto herumfahren. Warum nicht? Qazvin schien ohnehin eine eher durchschnittliche Stadt zu sein, ohne besonderen Reiz und schließlich hat man nicht alle Tage die Gelegenheit, bei solch einer netten, iranischen Familie zu Gast zu sein.

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Der alte Basar in Qazvin.

Assassinen und Schrebergärten

Stadtauswärts passierten wir zunächst nicht viel von Belang. Stolz zeigte mir Mehdi die Universität der Stadt. Kaum erreichten wir aber das Ende von Qazvin, erhoben sich saftig grüne Hügel in der Landschaft, mit hohem Gras bewachsen, welches sanft mit dem Wind wehte. Bei diesem Anblick, steigerte es meine Vorfreude auf den kommenden Tag noch mehr. Das nächste Etappenziel, die Assassinen-Festung in den Bergen – mit malerischer Lage.

Bildlich stellte ich mir vor, wie die Assassinen hier durch die Felder ritten, ihre Pferde steile Bergpfade hinaufführten und Flüsse querten. Ihr Reich, in den Tälern des Elburs-Gebirges, so wie ich es mir in meinen romantischen Vorstellungen immer erträumt hatte. Hier bauten sie ihre unbezwingbaren Festungen und schmiedeten Mordpläne. Von Jedermann gefürchtet hatten sie eigentlich keinen Grund sich so zurückzuziehen. Doch angesichts der wunderschönen Natur eine nur nachvollziehbare Entscheidung.

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Die Landschaft um Qazvin auf einer Spritztour mit meinem Gastgeber.

Ein Schrebergarten im Orient

Zurück in der Realität brachte Mehdi mich zum Schrebergarten seines Vaters, welcher gerade emsig beschäftigt war. Aber natürlich fand er Zeit, mit uns Tee zu trinken, der hier täglich literweise floss. Für mich wurden sogar noch aus allen Ecken Süßigkeiten und eine Wassermelone zusammen gekramt. Es hätte ja sein können, dass ich Hunger hatte, auch wenn ich gerade erst mit einem Drei-Gänge-Menü gemästet worden war.

Gastfreundschaft hat einfach die höchste Priorität im Iran. Wir genossen den Blick auf die umliegenden Hügel und spazierten anschließend noch zum Garten eines Freundes von Mehdi. Beide Männer bauten auf ihrer kleinen Fläche am Stadtrand etwas Obst und Gemüse an. Es ergab das perfekte Bild eines deutschen Schrebergartens.

Auf gemeinsamer Erkundungstour in und um Qazvin nordöstlich von Teheran.

Ein Teppich als Bett

Abends fuhren wir erneut mit dem Auto an den Rand der Stadt, in eine Art Park, idyllisch gelegen auf einem Hügel. Mit der kompletten Familie und Anhang taten wir es den unzähligen anderen Familien gleich und veranstalteten ein großes Picknick. Wie könnte es anders sein, gab es Kebab und Brot, denn Iraner lieben Barbecue. Wann immer sich die Möglichkeit bietet, in großer Runde auf einem Fleckchen Grün zu grillen, wird diese auch genutzt. Einen Fleischspieß nach dem anderen bekam ich aufgeladen und hatte gar keine Möglichkeit, „Nein“ zu sagen.

Zurück in Mehdis Wohnung konnte ich endlich eine Dusche nehmen und rollte mich erschöpft auf dem persischen Teppich in seiner Wohnung zusammen, um zu schlafen. Etwas hart diese Teppiche, aber im Iran schläft man nun mal traditionell statt in einem Bett auf dem Boden. Als ich so da lag, ließ ich den Tag noch einmal Revue passieren und war fasziniert, wie selbstverständlich mich alle bewirtet hatten und welch ein Interesse sie zeigten, mich, den Ausländer, kennen zu lernen, und das, ohne wirklich eine gemeinsame Sprache zu sprechen. Morgen sollte es dann endlich losgehen, in die Täler der Assassinen.

Symbol für die erlebte Gastfreunschaft im Iran – eine Tasse schwarzer Tee. Credits: Oliver Hein • wasgesternwar.com

Welchen besonderen Reisemoment Oliver wohl im Tal der Assassinen erlebt hat? Das wird er dir schon bald im zweiten Teil seiner Berichterstattung aus dem Iran offenbaren – stay tuned. Bis dahin findest du auf seinem Blog wasgesternwar.com weitere Berichte seiner Reisen durch Europa, Asien, Marokko und Tunesien. Wenn auch du eine Reisegeschichte auf 1 THING TO DO veröffentlichen möchtest, dann findest du auf der Übersichtsseite zu unserer Artikelserie #Reisemomente alle notwendigen Informationen.

Reisen um zu reisen!
John & Marc

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