Muldental (Sachsen): Schlösser, Wasser, Luther

Das Muldental im touristischen Niemandsland zwischen Leipzig und Dresden ist meine Heimat. 27 Jahre hat es gedauert, bis ich die Lust fand, meine Ignoranz ihr gegenüber abzulegen und rund um das wenig illustre Grimma auf Erkundungstour zu gehen. Entlang des Lutherwegs entdeckten wir so den größten Stumpenstiefel der Welt, ein Segelflugzeug aus Bettlaken und die Verschmelzung zweier Flüsse. Wenn das Gute nicht nur sprichwörtlich so nahe liegt. Geschrieben von Marc.

Lutherweg Muldental Schloss Colditz

Schloss Colditz gehört zu jenen Stationen, an denen der Lutherweg das sächsische Muldental durchquert.

50 Shades of Grimma

Grundschule. Klassenzimmer. Letzte Reihe. Heimatkundeunterricht. Wir lernen die Gewässer im Muldentalkreis, wie der Landkreis rund um die damalige Kreisstadt Grimma einst hieß. Durch Grimma fließt die Mulde, ein Nebenfluss der Elbe. In Sermuth, einem kleinen Dorf gut zehn Kilometer südöstlich der flächenmäßig viertgrößten Stadt Sachsens, entsteht sie aus ihren Quellflüssen Zwickauer und Freiberger Mulde.

Obwohl Sermuth keine 20 Kilometer von meinem Heimatdorf entfernt liegt, habe ich es in 27 Jahren nie geschafft, mir die Muldenvereinigung einmal selbst anzuschauen. Grimma und Umgebung, das war früher mit Langeweile und ein wenig Ignoranz verbunden. Mein Gymnasium stand in Konkurrenz zu jenen an der Mulde. Zwischen Leipzig und Dresden gelegen war Grimma ohnehin eine graue Maus. Heute, aus dem fernen Berlin betrachtet, wirkt sie noch viel grauer. 50 Shades of Grimma.

Muldenvereinigung Sermuth

Blick auf die Zwickauer Mulde bei Sermuth, die sich ein paar Meter weiter mit der Freiberger Mulde vereinigt.

Muldenvereinigung Sermuth

An der Wasseroberfläche ist gut zu erkennen, wie sich die Wassermassen beider „Mulden“ vereinigen.

Stadtschönheit Grimma

Als wir zu Weihnachten einen Ausflug zur Pöppelmannbrücke in Grimma unternahmen, fiel mir dann eine Broschüre des lokalen Tourismusverbands in die Hände. Reisen nach Grimma? Unvorstellbar! Später erfuhr ich, dass Grimma sogar zu den 13 Stadtschönheiten Sachsens gehören soll. Selbst der sächsische Lutherweg führt durch die Stadt. Bitte was?

Meine Neugier war geweckt, die alte Heimat genauer unter die Lupe zu nehmen. Nach Sermuth wollte ich schließlich insgeheim schon immer einmal. Und warum nicht auch mal die Reisebrille dort aufsetzen, wo man an alles denkt, nur nicht ans Weltenbummeln? Gesagt, getan!

Grimma Lutherweg

Grimma zählt rund 30.000 Einwohner und ist die flächenmäßig die viertgrößte Stadt Sachsens. Im Hintergrund grüßt die Frauenkirche mit ihren zwei charakteristischen Türmen.

Grimma Mulderadweg

Auf der östlichen Uferseite verläuft der Mulderadweg, von wo aus du viele schöne Blicke auf den gegenüberliegenden Altstadtkern Grimmas erhaschen kannst.

Lutherweg Sachsen

Auf unserer eintägigen Reise durchs Muldental orientieren wir uns am Lutherweg. Der Rundweg erstreckt sich auf rund 565 Kilometern Länge zwischen Leipzig im Westen und Döbeln im Osten, zwischen Torgau im Norden und Zwickau im Süden. Vorbei führt der Lutherweg an historischen Orten, an denen sein Namensgeber sowie dessen Wegbegleiter wirkten, darunter auch Katharina von Bora, Luthers Ehefrau.

Wir starten unsere Muldentalreise in der Gemeinde Bahren, wo die Mulde eine Schleife zieht, und laufen am Ufer entlang in Richtung Große Kreisstadt. Das Wetter meint es an diesem Ostermontag nicht gut mit uns. Auch die Wanderung auf dem Lutherweg verspricht an diesem Abschnitt kaum landschaftliche Reize. Es ist das erste Mal in meinem Leben, dass ich mich freue, die Stadtgrenze zu Grimma zu überqueren.

Lutherweg Muldental

Unseren Tagesausflug auf dem Lutherweg starteten wir etwas nördlich der Altstadt in der Gemeinde Bahren.

Grimma Mulderadweg

Links siehst du die Klosterkirche St. Augustin, die gemeinsam mit dem gleichnamigen Gymnasium eines der bekanntesten Bildmotive Grimmas bildet.

Unterwegs in Grimma

An der Pöppelmannbrücke angekommen, entschließen wir uns, die Uferseite kurzzeitig zu wechseln und Lutherweg mit Mulderadweg zu tauschen. Die gegenüberliegende Uferpromenade Grimmas ist ob der tiefhängenden Wolken in ein mystisches Licht gehaucht. Neben der Fassade des altehrwürdigen St. Augustin Gymnasiums sticht die gleichnamige weiße Klosterkirche ins Auge, in der Luther einst predigte.

Ein magisch anmutender Moment widerfährt uns, als es an der Hängebrücke weiter südlich plötzlich beginnt zu hageln. Mindestens genauso unerwartet reißt der Himmel wenig später auf, bis die romantisch gelegene Gattersburg im Spiegel der Mulde ihre Zwillingsschwester findet. Luther selbst treffen wir, als wir über den Lutherweg zurück ins Stadtzentrum gelangen. Neben den beiden spitzen Türmen der Frauenkirche schauen wir dem Lutherdenkmal in die Augen.

Grimma Lutherweg

Wolkenspiel am Himmel und zu Wasser – das Wetter meinte es nicht allzu gut mit uns, doch für schöne Fotos reichte es trotzdem (oder gerade deswegen).

Grimma Gattersburg

Nach einem kurzen Hagelschauer spiegelte sich die pittoreske Gattersburg im Wasser der Mulde.

Grimma Hängebrücke

John unterwegs auf der Hängebrücke, die den Muldradweg mit dem Lutherweg auf der anderen Uferseite verbindet.

Lutherdenkmal Grimma

Spätestens am Lutherdenkmal an der Frauenkirche merkst du, dass du dich gerade auf dem Lutherweg in Sachsen befindest.

Über den Lutherweg nach Kloster Nimbschen

Unsere nächste Station ist Kloster Nimbschen, dessen Klosterschänke wir bereits ein paar Mal einen kulinarischen Besuch abstatteten, ohne jedoch die direkt daneben gelegene Klosterruine wirklich wertzuschätzen. Vom einstigen Kloster Marienthron sind nur noch wenige Überbleibsel übrig. Es braucht schon Fantasie, um seine reiche Geschichte greifen zu können.

Anlässlich des 500. Jahrestags der Reformation ist diese Geschichte dabei besonders spannend: Als das reformatorische Gedankengut in der damaligen Klosteranlage Einkehr hielt, entflohen in der Osternacht neun Nonnen. Eine von ihnen war Katharina von Bora, die über Torgau weiter nach Wittenberg flüchtete – wo sie 1525 Martin Luther heiratete.

Kloster Nimbschen

Vom einstigen Kloster Marienthron zeugen heute lediglich einige romantische Klosterruinen.

Kloster Nimbschen

Auf dem Gelände des Klosters kannst du heute unter anderem in einem Vier-Sterne-Hotel übernachten oder aber deftige Speisen in der Klosterschänke zu dir nehmen.

Mittelalterstimmung in Leisnig

Um vom Kloster Nimbschen einen Abstecher zur Muldenvereinigung Sermuth zu unternehmen, müssen wir den Lutherweg kurzzeitig verlassen. Da wir noch genügend Zeit haben, fahren wir weiter nach Leisnig, wo wir den Rundweg schließlich wieder betreten. Wir durchfahren dabei das größte Obstanbaugebiet Sachsens – wieder was gelernt! – und machen schließlich an der Stadtkirche St. Matthäi Halt, wo Luther wenige Jahre nach Ausbruch der Reformation ebenso Einkehr hielt.

Seinen mittelalterlichen Eindruck verdankt Leisnig der Burg Mildenstein, die auf einem Felssporn hoch über der Freiberger Mulde liegt und einen weiten Blick über die untere Stadt bietet. Gleich nebenan gibt es im sogenannten Stiefelmuseum einen Weltrekord zu begutachten – den größten Stumpenstiefel der Welt. Der Leisniger Riesenstiefel ist ganze vier Meter 90 hoch und für all jene mit Schuhgröße 330 das i-Tüpfelchen für jedes Outfit.

Stadtkirche Leisnig

Stadtkirche St. Matthäi in Leisnig: Bereits wenige Jahre nach dem Thesenanschlag richtete man sich hier nach den Lehren Martin Luthers.

Burg Mildenstein Lutherweg

Burg Mildenstein ist die wohl wichtigste Sehenswürdigkeit Leisnigs und thront auf einem Felssporn hoch über der Freiberger Mulde.

Burg Mildenstein

Auf Burg Mildenstein kannst du in Kultur und Leben der mittelalterlichen Besitzer eintauchen.

Burg Mildenstein Freiberger Mulde

Blick über die Freiberger Mulde, die auf ihren letzten Kilometern vor der Muldenvereinigung an Burg Mildenstein vorbei rauscht.

Fluchtgeschichten auf Schloss Colditz

Letzte Station unserer Muldentalreise ist Schloss Colditz, an dessen Fuße wir zum ursprünglichen Streckenabschnitt unseres Ausflugs entlang des Lutherwegs wieder betreten. Manch einer bezeichnet die Schlossanlage mit ihren charakteristischen weißen Giebeln als weltberühmt. Doch der Film „The Colditz Story“ hatte bis dahin keinen Platz in meinem Allgemeinwissen gefunden – obwohl ich nur rund 20 Kilometer entfernt aufwuchs.

Schloss Colditz war im Zweiten Weltkrieg Internierungslager für hochrangige Offiziere der Alliierten, die im Laufe ihrer Gefangenschaft teils skurrile Fluchtversuche unternahmen. Von diesen handelt auch besagter Film. Im Rahmen einer Führung erhalten wir Eintritt in die Schlosskirche, wo wir durch Glasplatten zu einem Fluchttunnel hinab schauen können. Dieser wurde genauso mit jenen begrenzt verfügbaren Werkzeugen freigelegt, wie auch ein Segelflugzeug zur Flucht über den Luftweg gebaut wurde. Sachen gibt’s!

Schloss Colditz

Schloss Colditz beherbergt heute ein Fluchtmuseum, das über Leben und Flucht der einst hier Inhaftierten aufklärt.

Colditz Zwickauer Mulde

Und noch ein Muldeblick, diesmal jedoch auf die Zwickauer Mulde.

Geschichte(n) findest du überall

Geschichten wie diese sind einzigartig, und manchmal kannst du sie quasi direkt vor deiner Haustür finden. Wieso müssen es immer die großen Städte und die am besten vermarkteten Landschaften sein, die wir besuchen? Das Muldental im Dreieck zwischen Leipzig, Dresden und Chemnitz befindet sich im touristischen Niemandsland, und das trotz seiner Kuriositäten, Anekdoten und landschaftlichen Reize.

Selbst im meinem Falle hat es 27 Jahre gebraucht, meine alte Heimat als erkundenswerte Region zu erkennen, in dem ich noch immer Neues und völlig unerwartetes entdecken kann. Weil ich meine Augen dafür bislang verschlossen habe. Schade drum. Doch ich bin frohen Mutes, dies in den nächsten 27 Jahren zu verändern.

Lutherweg Sachsen

Hier und da bedurfte es einem Auge fürs Detail, um die angenehmen Seiten des Aprilregens entdecken zu können.

Lutherweg Sachsen

Der Lutherweg verbindet im Muldental einige sehenswerte historische Stätten, die einen ausgiebigen Besuch lohnen.

In Kürze: Unser 1 THING TO DO im Muldental

Was? Erkunde das Muldental anhand seiner historischen Stätten und Gebäude. Prädestiniert hierfür ist der Lutherweg, entlang dessen du unter anderem in Grimma, auf Kloster Nimbschen, Burg Mildenstein und Schloss Colditz Station machen kannst.
Wo? Das Muldental befindet rund 30 Kilometer südöstlich von Leipzig und erstreckt sich rund um die Große Kreisstadt Grimma. Grimma erreichst du von Leipzig aus mit der Regionalbahn innerhalb einer guten halben Stunde.
Wie viel? Informationen zu den Eintrittspreisen der einzelnen Objekte findest du auf den jeweiligen Webseiten.
Warum? Um Sachsen von seiner ländlichen und nicht minder attraktiven Seite kennenzulernen und dabei in die teils kuriose(n) Geschichte(n) der Region einzutauchen.

Unweit des Muldentals kannst du übrigens im romantisch anmutenden Kloster Altzella eine Auszeit nehmen, die dich jeden Alltagsstress vergessen lässt – ein weiteres unserer 1 THING TO DOs in Sachsen. Wenn du nun Lust auf einen längeren Ausflug in den Freistaat bekommen hast, empfehlen wir dir außerdem die Sachsen Reisetipps einiger unserer Bloggerkollegen. Viel Spaß beim Stöbern!

Reisen um zu reisen!
John & Marc

5 thoughts on “Muldental (Sachsen): Schlösser, Wasser, Luther”

  1. Tanja im Norden says:

    Die Fotos sind aber gut geworden. Ein schöne Würdigung der Mulde, die ich als weit entfernt Wohnende vor allem aus den Nachrichten kenne, wenn sie sich mal wieder auf Abwegen außerhalb ihres Bettes befindet.

    1. 1 THING TO DO says:

      Danke dir, liebe Tanja! 🙂 Au ja, das ist die Schattenseite des Flusses… meine Familie hatte damals auch einiges zu schaffen, als 2002 die große Flut kam. Nicht direkt, aber Arbeitsplatz und ein Garten waren betroffen.

  2. 🔆Sigrid🔆aktiv60plus🔆 says:

    Gefällt mir – habt ihr abgeschafft. Trotzdem lese ich eure Beiträge mit großem Interesse. Es ist schon komisch, dass man oft die eigene „Heimat“ – oder dort wo man groß geworden ist – als uninteressant empfindet. Später, wenn man wieder mal hinkommt, sieht man das oft mit anderen Augen! Liebe Grüße! Sigrid

    1. 1 THING TO DO says:

      Abgeschafft ist etwas „krass“ gesagt – es ist ungewollt verschwunden. 🙂 Aber danke, und ja: Es ist schon komisch, aber das Wiederentdecken der Heimat gehört vielleicht auch zum Erwachsenwerden mit dazu… liebe Grüße!

      1. 🔆Sigrid🔆aktiv60plus🔆 says:

        Ja, komisch ist das und schade! Ja, die Heimat negiert man häufig, wenn man jung ist, will raus, alles andere ist besser, schöner und attraktiver. Erst viel später, wenn man aus anderer Perspektive, evtl. selbst als Gast oder Besucher wieder in die „Heimat“ kommt, sieht man sie mit anderen Augen 😉 und manchmal ist sie richtig schön! Seit ich im Ruhrgebiet lebe, geht mir regelrecht das Herz auf, wenn ich in die Weinberge meiner Heimat komme. Wie schön ist diese Landschaft – denke ich dann – und deshalb ziehe ich auch noch dieses Jahr zurück! Nicht genau dort hin, wo ich vorher gewohnt habe, aber in die Region! Ich freu mich schon sehr! Liebe Grüße! Und viel Spaß beim wieder Entdecken !

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