Kultur in Leipzig: Mehr als Bach und Völkerschlacht

Warst du schon einmal in Leipzig unterwegs? Wenn ja, dann kennst du wahrscheinlich das Völkerschlachtdenkmal, das Barfußgässchen und natürlich den Augustusplatz. Selbst der Weisheitszahn und die Blechbüchse sind dir von Begriff, und rund um die Karli bist du nachts um die Häuser gezogen. Doch was zur Hölle sollst du in Leipzig-Lindenau? Ganz einfach: Leipzig von seiner kreativen Seite kennen lernen, die neue Perspektiven aufzeigt. Geschrieben von Marc.

Kultur in Leipzig

Kultur in Leipzig: Wir nehmen dich mit auf einen Ausflug durch die kulturellen Facetten der Halbe-Million-Stadt.

Kleine kommen ganz groß raus

„Der Eber sagt zu seiner Frau
hör zu du süße kleine Sau,
wir machen heut ne Schweinerei,
und geh’n mal wieder nackidei.“

Ich muss ungefähr acht Jahre alt gewesen sein, als ich diese poetischen Zeilen im Leipziger Gewandhaus zum besten gab. Gemeinsam mit meinen Schulkameraden trällerte ich im Mendelssohn-Foyer mit anderen Kinderchören aus der Region um die Wette. Für unser kleines Dorf war es eine große Ehre, dass wir überhaupt eine Einladung zum Wettstreit erhielten. Meiner Musiklehrerin stand die Aufregung noch mehr ins Gesicht geschrieben als mir. Ihr Kopf ein roter Leuchtballon.

Fast zwanzig Jahre später stehe ich gemeinsam mit John wieder im Mendelssohn-Foyer. Diesmal gehöre nicht ich zu den großen Stars des Abends, sondern einzig allein das Gewandhausorchester, dem größten Berufsorchester der Welt. Gespielt werden Werke von Ludwig van Beethoven und Béla Bartók, einem ungarischen Komponisten und Vertreter der Moderne. Ein musikalisches GO EAST! also.

Gewandhaus Leipzig

Das Mendelssohn-Foyer im Leipziger Gewandhaus: Schauplatz des bislang größten Ereignisses meiner musikalischen Karriere.

Gewandhaus Leipzig

Das Gewandhaus ist eines der prägenden Objekte rund um den Augustusplatz und wurde 1981 eröffnet.

Schwerelos im Gewandhaus Leipzig

John und ich waren bereits einige Male im Berliner Ensemble, besuchten eine Vorführung des Staatsballetts Berlin ebenso wie Musicals in Hamburg und London. Hin und wieder packt uns einfach die Lust auf kulturelle Alltagsflucht, auf Nachdenken und Ausbrechen. Einem Orchesterkonzert beizuwohnen aber, bei dem auf der Bühne kein Schauspiel stattfindet, niemand in Bewegung ist und Emotionen einzig allein aus den Instrumenten sprudeln, ist für uns eine eher ungewohnte Erfahrung.

Wir brauchen eine Weile, um uns daran zu gewöhnen, dass wir hier einfach einmal abschalten und genießen können, ohne auf die nächsten Lichteffekte und Nebelwolken zu warten. Denn Licht und Nebel entstehen hier aus den Saiten von Harfen und Bratschen. Spätestens mit Bartóks Oper Herzog Blaubarts Burg jedoch, vorgetragen vom Gewandhausorchester und einem Sängerpaar, verstehen wir, dass wir uns einfach fallen lassen müssen. Diese musikalische Schwerelosigkeit fühlt man schließlich viel zu selten.

Gewandhaus Leipzig

Das weltberühmte Gewandhausorchester nach getaner Arbeit. Die Schuke-Orgel im Hintergrund verfügt über 6.845 Pfeifen.

Gewandhaus Leipzig

Nach Ende der Vorstellung sind (fast) alle Plätze geleert. Zeit für ein Foto…

Mehr als Auerbachs Keller und Thomanerchor

Wenn wir an Kultur in Leipzig denken, dann haben wir sofort vier Dinge im Kopf: Johann Sebastian Bach, Felix Mendelssohn Bartholdy, den Auerbachs Keller und den Thomanerchor. Für letzteren hatte mich meine Musiklehrerin einst sogar vorgeschlagen, aber das ist eine andere Geschichte. Doch seitdem ich in Sachsen aufwuchs und von dort nach Berlin zog, hat sich in Leipzig einiges entwickelt, was auch die Kulturlandschaft der 520.000 Einwohner zählenden Stadt veränderte.

Während ich seit meinem Auftritt im Mendelssohn-Foyer einige Zentimeter gewachsen bin, ist auch die Einwohnerzahl Leipzigs wieder gestiegen. In den 90ern leer stehende Wohnungen wurden renoviert und fanden neue Mieter. Dass Leipzig als Klein-Berlin gilt, kann ich persönlich zwar nur in Ansätzen nachvollziehen. Doch ein paar Parallelen in der Entwicklung gibt es in der Tat: Das Wohnen in Leipzig ist heute vergleichsweise günstig. Das zieht viele junge Leute an, darunter viele Studenten, aber auch Kreative und Künstler.

Kunstkraftwerk Leipzig

Im Rahmen des Projekts „ILLUSION – Moving Space“ können Besucher des Kunstkraftwerks Leipzig ihre Wahrnehmung testen. Durch diesen futuristischen „Torbogen“ kann man nämlich durchlaufen.

Kunstkraftwerk Leipzig

Noch ein Werk aus „ILLUSION – Moving Space“: Das Besondere daran ist die Tatsache, dass dieser Lichtkörper einzig durch Spiegelreflexionen entsteht.

Platz für künstlerische Freiheit

Besonders deutlich wird dies im Stadtteil Lindenau, wo mit Tapetenfabrik, Baumwollspinnerei und Kunstkraftwerk drei ehemalige Industrieareale zu Ausstellungen laden. Besucher von Leipzig hingegen, und wahrscheinlich auch viele Leipziger selbst, zieht es eher weniger in den ehemaligen Arbeiterbezirk mit seinen riesigen Industrieflächen.

Im Zentrum des Interesses typischer Leipzigbesucher stehen zumeist die Innenstadt rund um Augustus- und Marktplatz, das Völkerschlachtdenkmal sowie die Südvorstadt weiter vorne. Uns ging es da kaum anders, obwohl wir regelmäßig in Leipzig und Umgebung Einkehr halten. Doch was zur Hölle sollen wir ausgerechnet in Lindenau?

Baumwollspinnerei Leipzig

Auf zehn Hektar erstreckt sich in Leipzig-Lindenau das ehemalige Gelände einer Baumwollspinnerei, das heute Ateliers, Galerien und Ausstellungen beherbergt.

Baumwollspinnerei Leipzig

Während unseres Streifzugs durch die Baumwollspinnerei wollte der Himmel zunächst nicht allzu viel Freundlichkeit walten lassen.

Baumwollspinnerei Leipzig

Es ist ein wolkenverhangener Frühlingstag, an dem wir dieser Frage nachgehen. Als wir auf dem Gelände der Baumwollspinnerei Leipzig ankommen, haben wir noch ein wenig Zeit, bis die nächste Führung stattfindet. Wir lassen uns im Café Die Versorger nieder und trinken einen Chai Latte. Nachdem wir uns durch ein Labyrinth der Pfützen gekämpft hatten, ist das gemütliche Lokal genau die richtige Wahl. Regentropfen laufen die Fensterscheiben hinab. Vor lauter Tristesse ist uns noch nicht so richtig nach Aktivität.

Es passt gut ins Bild, dass auch die Baumwollspinnerei bei diesem Wetter einen trüben Eindruck macht. Die Backsteingebäude des zehn Hektar großen Geländes beherbergten Anfang des 20. Jahrhunderts die größte Baumwollspinnerei Kontinentaleuropas. Noch 1989 arbeiteten hier rund 4.000 Menschen. Im Laufe der Zeit entwickelte sich das Areal zu einer kleinen Stadt für sich. Es entstanden Kindergärten, eine Schule und Arbeiterwohnungen. Manch Arbeiter soll hier quasi sein gesamtes Leben verbracht haben.

Baumwollspinnerei Leipzig

Das Gelände der Baumwollspinnerei zu ihrem 25-jährigen Bestehen im Jahr 1909.

Baumwollspinnerei Leipzig

In Halle 14 sitzt heute das gleichnamige Kunstzentrum. Die Mischung aus Industriearchitektur und Ausstellungsflächen macht selbst ohne aktuelle Ausstellung einiges her.

From cotton to culture

Nach der Wiedervereinigung wurde der Werksbetrieb eingestellt. Wie so viele Industriegebäude und -flächen in Leipzig und Ostdeutschland drohte auch der Baumwollspinnerei der langsame Verfall. Doch auf der Suche nach günstigem Wohnraum ließen sich schon bald die ersten Künstler auf dem Gelände nieder. Einige Kreative zog es auch von Berlin nach Sachsen, um in der Anlage ihr Atelier einzurichten.

Alle Galerien an dieser Stelle vorzustellen, wäre zu viel des Guten. Doch während uns zwischen den Backsteinfassaden der Wind ins Gesicht bläst, steckt uns die Kreativität an, die hier aus allen Ecken sprießt. Plötzlich wandelt sich unsere Lethargie in Entdeckergeist. Am Ende scheint sogar der Himmel genug von allzu viel Traurigkeit zu haben. Er reißt auf und lässt der Sonne freundlich Vortritt. Netter Typ.

Baumwollspinnerei Leipzig

Na bitte: Kaum macht Gevatter Himmel der Sonne Platz, herrscht Frühling in der Baumwollspinnerei.

Baumwollspinnerei Leipzig

Als Relikt der Vergangenheit überragt noch heute einer der drei ursprünglichen Türme die Baumwollspinnerei.

Baumwoll Spinnerei Leipzig

Ein paar Street-Art-Vibes dürfen auf dem ursprünglichen Industriegelände natürlich nicht fehlen.

Baumwollspinnerei Leipzig

Garantiert nicht die höchste Form der Kunst in der Leipziger Baumwollspinnerei, aber ein Hingucker für zwischendurch.

Baumwollspinnerei Leipzig

Ein künstlerisches Highlight auf unserem Besuch war die Projektion „unicolor“ der Galerie EIGEN + ART.

Kunstkraftwerk Leipzig

Wenige hundert Meter von der Baumwollspinnerei entfernt, befindet sich ein weiteres Gebäude, das statt dem Verfall preisgegeben zu werden heute zu Ausflügen in eine Welt der Kunst und Illusionen lädt. Direkt hinter dem Karl-Heine-Kanal, benannt nach der im 19. Jahrhundert wirkenden Leipziger Unternehmerlegende, machen wir Station im Kunstkraftwerk.

Bis Mitte des 20. Jahrhunderts erzeugten hier fünf Dampfmaschinen Strom für die Straßenbahnen im westlichen Leipzig. Heute verschmilzt die Industriearchitektur des früheren Kraftwerks mit zeitgenössischer Kunst. Wie das aussehen kann, zeigen aktuell zwei Installationen des Immersive Art Factory Teams.

Kunstkraftwerk Leipzig

Anderes Bauwerk, gleiche Kulisse: Das Wetter war auch am Kunstkraftwerk Leipzig wie gemacht dafür, einfach mal nicht draußen zu sein.

Perspektivwechsel im Kraftwerk

Immersive Kunst, das bedeutet die Beziehung zwischen Kunstwerk und Beobachter neu zu definieren. Das Multimedia-Projekt „Hundertwasser Experience“ zeigt, wie das geht: Dutzende Beamer projizieren ein in sich stimmiges Kunstwerk nicht nur an die Wände einer der Kraftwerkshallen, sondern auch auf deren Boden. Begleitet werden die Videoprojektionen von eindringlicher Musik, sodass wir an Ort und Stelle das Gefühl bekommen, selbst Teil des Kunstwerks zu werden. Wir stehen ja schließlich mit beiden Füßen drauf – und können uns frei darin bewegen.

Wer bei Kunstausstellungen also bisher an Galerien dachte, in denen man von Gemälde zu Gemälde wandelt und in Denkerpose stehen bleibt, um den Versuch einer Interpretation zu wagen, dem werden in Kunstkraftwerk neue Perspektiven aufgezeigt. Für uns ist genau das eine Quintessenz künstlerischen Schaffens. Und in Lindenau wurde uns genau das geboten. Der ehemalige Arbeiterbezirk macht Lust, den Blick auf Leipzig (wieder) zu schärfen.

Übrigens: Einen ersten Eindruck von Immersive Art verschafft dieses Video der „Hundertwasser Experience“, aufgenommen im Kunstkraftwerk Leipzig.

Hast du schon von unserem Projekt #vorderHaustür gehört? Darin laden wir alle Blogger und Nicht-Blogger zu einer Reise vor der Haustür. Die alte Heimat Leipzig in Lindenau neu kennenzulernen, gehört genau zu jenen Erlebnissen und Geschichten, die wir dazu gerne von dir hören möchten. Du hast mal wieder Lust auf einen Ausflug nach Sachsen? In Görlitz sowie im Kloster Altzella haben wir bereits ein 1 THING TO DO für den Freistaat gefunden. Schon gelesen?

Offenlegung: Vielen Dank an die Tourismus Marketing Gesellschaft Sachsen, die uns die Besuche in Gewandhaus, Baumwollspinnerei und Kunstkraftwerk ermöglicht hat. Unsere Meinung blieb davon jedoch völlig unangetastet.

Kommentar verfassen