Stadtrundgang Kiew: Ost trifft West

Auf unserer Reise durch Kiew erlebten wir einen sehr bewegenden Moment. Auf dem Weg zum Majdan säumten über 100 Bilder jener Gefallenen die Straße, die 2014 während der Euromajdan-Proteste umgekommen sind. Angehörige gedachten ihrer Liebsten. Reste von Straßenbarrikaden stellten sich uns in den Weg. Unser Stadtrundgang durch Kiew zeigt somit auch eine bewegte Stadt im Kampf um Freiheit und Unabhängigkeit. Aber gleichzeitig auch eine Stadt in Aufregung und Erregtheit. Geschrieben von John & Marc.

Majdan: Ein Platz, der Geschichte schrieb

Plötzlich ändert sich das Straßenbild. Die Gehwege beiderseits sind gefüllt mit Blumen und Bildern. Auch Überreste von Barrikaden sind zu entdecken. Wir finden uns hier in der Allee der Helden der Himmlischen Hundert wieder (auf ukrainisch „Heroyiv Nebesnoyi Sotni Alley“). Die Portraits zeigen die Gesichter jener über 100 Menschen, die bei den Majdan-Protesten, dem sogenannten „Euromajdan“, zwischen November 2013 und Februar 2014 ums Leben kamen. Diese Aktivisten, Soldaten und Polizisten werden in Kiew heute als die „Himmlischen Hundert“ bezeichnet.

Einerseits wirkt diese Straße auf uns wie ein staatliches Mahnmal, welches mit Fähnchen und Wimpeln in den ukrainischen Farben Blau und Gelb derart nationalistisch ausgeschmückt ist, dass es sich irgendwie merkwürdig und ungewohnt für uns anfühlt. Andererseits kommen in uns aber auch sentimentale Gefühle auf, die sich am Ende der Straße weiter verstärken sollen. Denn hier, direkt gegenüber vom Majdan, befindet sich eine Blumenuhr, wie man sie von diversen Gartenausstellungen kennt. Das Besondere an ihr: Das Ziffernblatt wird in Form von gelben Sternen dargestellt. Der Hintergrund ist dunkelblau. Die Uhr zeigt die Europäische Flagge.

Auf dem Majdan treffen sich heute besonders in den Abendstunden viele Kiewer zum gemeinsamen Plausch über Gott und die leidig-schöne Welt. Im Winter 2013/14 tobten hier teilweise Straßenkämpfe, etwa 100 Menschen kamen dabei ums Leben.

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An die Euromajdan-Proteste erinnert unter anderem eine blumige Uhr in den Farben Europas.

Beim Anblick dieser Europa-Blumenuhr, der Barrikaden und Portraits der Toten macht es noch mal so richtig Klick in unseren Köpfen. Wir haben das Gefühl erst jetzt zu verstehen, was hier eigentlich los war und welche Bedeutung das hat. Hier am Majdan und in den Straßen drum herum haben teilweise mehr als eine halbe Million Menschen unter anderem für die Annäherung an Europa und die Europäischen Werte demonstriert. Dutzende Menschen opferten ihr Leben für Freiheit, Demokratie, soziale Sicherheit und Rechtsstaatlichkeit. Elemente unserer gesellschaftlichen Ordnung, die für uns weitestgehend selbstverständlich scheinen.

Da standen wir nun mit diesen Gedanken auf dem Majdan. Berührt vom Willen der Menschen und vom Ausgang der Proteste, der die Ukraine letztlich spaltete, die Annexion der Krim mit sich brachte und für einen neuen Tiefpunkt in der Beziehung zwischen Europa und Russland sorgte. Aber auch voller Wut auf die Menschen, die in Deutschland und anderen mittel- und westeuropäischen Ländern gegen genau diese Europäischen Werte auf die Straße gehen, sich von Rechtspopulisten und Nationalkonservativen einlullen lassen und völlig rückwärts gewandten Thesen und Modellen zuwenden.

Blick in Richtung der Nordseite des Majdan Nesaleschnosti, zu Deutsch „Unabhängigkeitsplatz“, auf dem im Winter 2013/2014 eine Zeltstadt zum Schauplatz des Euromajdan wurde.

Protests continue in Kiev, everyday life in the Maidan, about a million people came to the popular assembly, independence Square in Kiev, Ukraine, on December 29, 2013. (Photo by maksymenko oleksandr/NurPhoto)

Gleicher Ort, andere Zeit: Demonstranten auf dem Majdan im Winter 2013/2014. Credits: Maksymenko Oleksandr, Wikimedia

Auch solche Momente zeichnen das Reisen aus. Nicht immer nur sind es Unterhaltung und Entspannung, sondern auch das Lernen und Verstehen. Das Beobachten, was solche Eindrücke mit einem machen und zu welchen Gedanken sie führen. Für uns beide waren diese Blumenuhr, der Besuch des Majdan und das Entlanglaufen auf der Allee der Helden der Himmlischen Hundert ein besonderer Moment, der uns ein weiteres Mal bewusst werden ließ wie gut es uns eigentlich geht. Aber auch, dass nicht alles selbstverständlich ist. Gerade in diesen Zeiten bedeutet die Aufrechterhaltung von Frieden und Freiheit auch ein bisschen Arbeit für uns alle.

Diese „Siegessäule“ auf der Südseite des Majdan ist das Unabhängigkeitsdenkmal der Ukraine. Sie wurde 2001 anstelle des ehemaligen Denkmals der Großen Sozialistischen Oktoberrevolution errichtet.

Independence square during clashes in Kyiv, Ukraine. Events of February 19, 2014.

Was oben so friedlich wirkt, war im Winter 2013/14 Schauplatz von Demonstrationen, Straßenkämpfen und brennenden Barrikaden. Credits: Mstyslav Chernov/Unframe, Wikipedia

Stadtrundgang Kiew: Es grüßt Mother Motherland

Zwischen „Mother Motherland“ und dem Nationalmuseum der Geschichte der Ukraine im Zweiten Weltkrieg realisieren wir, dass wir es in der Ukraine mit einer für westliche Verhältnisse ziemlich militarisierten Gesellschaft zu tun haben.

Die Mutter-Heimat-Statue gehört zu den höchsten Statuen Europas und ermöglicht einen weiten Blick über das grüne Kiewer Dnepr-Ufer.

Brutale Kunst: Auf dem Areal der Mutter-Heimat-Statue trifft man auf ziemlich wuchtige Sowjetarchitektur, ein Relikt der Vergangenheit.

Glanz und Gloria: Kiewer Höhlenkloster

Von seiner ruhigen Seite zeigt sich Kiew rund um seine zahlreichen Kirchen und Klöster. Zu sehen ist das Portal zum Innenhof des Kiewer Höhlenklosters. Schon der Eingang kommt äußert prunkvoll daher.

Besonders markant im oberirdischen Teil des Kiewer Höhlenklosters ist die Uspenski-Kathedrale mit ihren charakteristisch goldenen Kuppeln.

Die Mariä-Entschlafens-Kathedrale wurde zwischen 1998 und 2000 wieder errichtet, nachdem sie im Zweiten Weltkrieg von den Nazis gesprengt wurde. Eine weitere turbulente wie leidvolle Epoche der Region.

Das Kiewer Prügelparlament

Ein Haus, das jüngere Geschichte schrieb: Das Parlament der Ukraine wurde in der Vergangenheit aufgrund mehrerer Prügeleien im Plenarsaal berühmt berüchtigt. Wir tauften es deshalb kurzum „Prügelparlament“.

Diese Statue vor dem Parlamentsgebäude zog besonders unsere Aufmerksamkeit auf sich: Links ein Hauch von Y.M.C.A., rechts ein Held mit Selfiestick. Oder so ähnlich. Je nach Auge der Betrachtenden.

Straßenszene zwischen Parlament und Majdan: Sowjetarcharme trifft auf moderne Investorentempel.

Ein Bogen der (einstigen) Völkerfreundschaft

Der Bogen der Völkerfreundschaft wurde zwischen 1978 und 1982 anlässlich der 1.500-Jahr-Feier Kiews errichtet. Das Denkmal gedenkt gleichzeitig der Freundschaft zwischen den Brudervölkern der Ukrainer und Russen, wie sie im Westen der Ukraine kaum mehr spürbar ist.

Rund um den 60 Meter hohen Titanbogen laden Fahrgeschäfte und Imbissbuden zu entspannter Volksfeststimmung für zwischendurch.

Vom Areal des Bogens der Völkerfreundschaft aus fliegen wir per Seilrutsche über den Dnepr hinüber zur Flussinsel Truchaniw.

Sonnenuntergang am Dnepr

Nach langer Nacht und ebenso langem Fußmarsch machen wir ein Nickerchen am Dnepr-Ufer. Beim Wiedererwachen küsst uns die tief stehende Sonne.

Strandleben in der Großstadt: Auf der Truchaniw-Insel im Dnepr findet man die längsten Sandstrände Kiews.

Der Dnepr ist nach Wolga und Donau der drittlängste Fluss Europas. Auf der Parkowi-Brücke verfolgen wir, wie sich der Himmel nach Sonnenuntergang langsam dunkel färbt.

Nachtzug nach Odessa

Der Hauptbahnhof Kyjiw-Passaschyrskyj im Abendlicht. Von hier aus reisen wir weiter ins rund 444 Kilometer entfernte Odessa.

Gleich neben dem Hauptbahnhof genießen wir auf einer Dachterrasse nicht nur den Sonnenuntergang über den Dächern der Stadt, sondern auch ein frisches Belohnungs-Radler nach ausgiebiger Entdeckungstour am Tag.

Mit dem Nachtzug geht es schließlich weiter in Richtung Schwarzes Meer. Wir gönnen uns ausnahmsweise eine Fahrt in der ersten Klasse. Im Zwei-Personen-Abteil werden wir himmlisch nächtigen.

Kennst du schon unser 1 THING TO DO für die ukrainische Hauptstadt? Unser ausführlicher Kiew Reisebericht zeigt die Stadt noch einmal von einer völlig anderen Seiten. Weitere Reisegeschichten aus Osteuropa findest du außerdem auf unserer Reiseblogger-Karte im Rahmen unseres GO EAST! Projekts.

Reisen um zu reisen!
John & Marc

3 thoughts on “Stadtrundgang Kiew: Ost trifft West”

  1. antjesoasis says:

    Toller Beitrag, wunderschöne Bilder – danke für diesen Kiew Einblick!

    1. 1 THING TO DO says:

      Danke dir!

  2. dorie says:

    Unfassbar beeindruckende Bilder und bewegender Text. Sehr gelungener Beitrag.
    Viele liebe Grüße, Dorie
    http://www.thedorie.com

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