Jerusalem abseits der Altstadt, oder: Raus aus dem Horrorhostel

Wiedersehen macht Freude? Nicht immer gleich im ersten Moment. Denn Jerusalem empfing uns zu Beginn unseres zweiten Besuchs wenig freundlich. Doch die Dramatik der historischen Schauplätze und israelischen Erinnerungsorte in der Heiligen Stadt machte das anfängliche Grummeln null und nichtig. Eine Entdeckungstour im Jerusalem abseits der Altstadt. Geschrieben von Marc.

Jerusalem abseits der Altstadt

Blick von den Altstadtmauern über die umliegenden Hügel Jerusalems. Während unserer zweiten Israel-Reise entdeckten wir das Jerusalem abseits der Altstadt.

Rückkehr nach Jerusalem

Unsere Unterkunft in der Nähe von Tempelberg und Klagemauer dient dem Zweck. Noch einmal wollen wir die Atmosphäre aufsaugen, die das alte Jerusalem kurz vor Sonnenaufgang und kurz nach Sonnenuntergang versprüht, wenn die Touristen noch schlafen – oder langsam wieder verschwinden.

Mal wieder kommt alles anders als gedacht. Denn zum einen gibt es diese Unterkünfte, da möchte man am liebsten länger bleiben – das Chain Gate Hostel gehört nicht dazu. Zum anderen geht doch nichts darüber, als sich an einem Ort, den man mittlerweile verstanden zu haben glaubt, plötzlich wieder völlig verloren zu fühlen.

Jerusalem Altstadt

Blick vom Eingang des Chain Gate Hostels hinaus in die Jerusalemer Altstadt. Hier geht es teilweise ganz schön eng zu.

Nachts in Jerusalem

Erst weit nach Sonnenuntergang treten wir durch das Jaffator in die Altstadt ein. Die Route zum Hostel haben wir im Kopf abgespeichert. Vermeintlich. Denn wie immer sieht auf Google Maps alles ganz einfach aus. Bis wir plötzlich bemerken, dass es die ausgewiesene Straße sowie die dazugehörige Hausnummer irgendwie nicht zu geben scheint.

Das Brenzlige daran? Jerusalem verwandelt sein Antlitz nach Einbruch der Dunkelheit zunehmend. Teile der engen Gassen sind stockfinster. Wo wir uns vor zwei Jahren vor lauter Touristenmassen kaum bewegen konnten, herrscht heute seltsame Stille. Obendrein können wir uns in unserer Verzweiflung nicht einmal frei von A nach B bewegen. Immer wieder laufen wir in tote Gassen, die plötzlich enden. Und passieren so oft dieselbe Personen- bzw. Taschenkontrolle, bis selbst die Sicherheitsleute uns nur noch mitleidig anlächeln. Und das in Jerusalem.

Jerusalem Weihnachtsmarkt

So hell erleuchtet wie am Jerusalemer Weihnachtsmarkt geht es bei weitem nicht überall zu. Gerade im Winter herrscht in der Altstadt mancherorts gespenstige Stille.

Ein seltsames Willkommen

Nach etlichen Neuanläufen schließlich finden wir unser Hostel. Und sind uns bereits jetzt sicher, dass wir es nie wieder finden würden. Erschöpft melden wir uns bei den Betreibern, einem muslimischen Ehepaar. Die beiden bitten uns zunächst, es uns auf einer miefigen Couch gemütlich zu machen. Schnell bemerken wir, wie an der provisorischen Rezeption über uns diskutiert wird. Irgendwas ist hier im Busch.

Nach einer halben Stunde des Sinnierens darüber, was hier gerade los ist, werden wir mit einem falschen Lächeln gebeten, aufzustehen. Die Couch wird daraufhin in ein Zimmer gezogen, dessen Größe wir nur erahnen können. Sein Eingang wird lediglich von einem hängenden, roten Teppich verdeckt. Wir werden schließlich zum Check-in gebeten und erfahren sogleich, dass die miefige Couch eines unserer Betten sein wird.

Chain Gate Hostel

Dicht an dicht stehen die drei „Notbetten“ nebeneinander – für all jene, für die in den nicht viel attraktiveren Schlafsälen kein Platz mehr ist.

Uff, uff, dicke Luft

Ihren Platz fand die Couch in einem Raum, vielleicht drei Meter breit und vier Meter lang, der wohl nur bei Überbuchung als Schlafzimmer genutzt wird. Zwei Frauen liegen bereits bettfertig in ihren Gemächern. Ihre Blicke drücken Unmut darüber hinaus, dass besagte Stinkecouch nun auch noch in dieses Zimmer gedrängt wurde. Und das in einem Stinkezimmer, dessen Luft so dick ist, dass sie direkt jegliche Pore unserer Körper verstopft.

Wir diskutieren kurz, wer von uns beiden oben im wackeligen Etagenbett schlafen darf. Ich gewinne. John darf also 40 Zentimeter neben einer fremden Frau nächtigen. Er bemerkt zudem, dass hinter einem von der Decke hängenden, blauen Handtuch der private Bereich des Ehepaars beginnt. Der Durchgang nach hinten jedoch ist nicht komplett abgedeckt. Auf ihn wartet eine Nacht mit dem Gefühl, die ganze Zeit beobachtet zu werden. Vom Gebrabbel des durchgehend angeschalteten Fernsehers ganz zu schweigen.

Chain Gate Hostel

Ich durfte im oberen Bett nächtigen – gleich neben den Haushaltsmitteln und Staubsauger. Das Zimmer war offenbar eine Abstellkammer.

Bar Mizwa am Dungtor

Eigentlich hatten wir zwei Nächte im Chain Gate Hostel gebucht, um die Altstadt in den Morgen- und Abendstunden zu erleben. Doch nachdem der Wecker uns aus der Koje reißt, entscheiden wir, nie wieder zurückzukehren. Den Weg würden wir eh nicht finden. Wir wenden uns lieber jenen Erlebnissen zu, die außerhalb des historischen Kerns  lauern – und die vergangene Nacht zu einer absoluten Lappalie werden lassen sollen.

Nach kurzem Stopp an der Klagemauer, verlassen wir die Altstadt durch das Dungtor. An Ort und Stelle werden wir Zeuge von zwei Familien, die mit teils prächtigen Kostümen die Bar Mizwa zweier Jungen feiern. Es ist einer dieser Momente, die Jerusalem in unserer Erinnerung zu einem magischen Ort machen.

Jerusalem Bar Mizwa

Bar-Mizwa-Feier auf dem Weg zur Kotel, wie die Klagemauer umgangssprachlich auch genannt wird.

Ausblick vom Ölberg auf die Altstadt

In Richtung Ölberg laufen wir an den Gräbern des Abschalom sowie des Zacharias vorbei, zwei imposante Grab- bzw. Denkmäler im Kidrontal östlich des Tempelbergs. Auf dem Gipfel angekommen, breitet sich schließlich vor unseren Augen jenes Panorama aus, für das Jerusalem weltbekannt ist. Vor zwei Jahren hatten wir es nicht bis hinauf geschafft, nun ist der Moment gekommen.

Die goldene Kuppel des Felsendoms funkelt in der Wintersonne. Zu unseren Füßen reihen sich die unzähligen Gräber des großen jüdischen Friedhofs aneinander, die teilweise aus biblischen Zeiten stammen. Selbst die Kuppel der Grabeskirche meinen wir von hier oben zu erspähen, die wir 2014 erst nach leidvollen Irrwegen entlang der Via Dolorosa aufspürten. Selbst vor uns nicht-religiösen Menschen macht der Anmut der Heiligen Stadt in diesem Moment keinen Halt.

Jerusalem Ölberg

Das Grab des Zacharias (unten rechts) stammt aus der Zeit des Herodianischen Tempels, der ab 21 vor Christus errichtet wurde.

Jerusalem Ölberg

Postkartenblick über die Altstadt von Jerusalem mit Felsendom. Unten reihen sich die Gräber des jüdischen Friedhofs aneinander.

Schlemmen auf dem Mahane-Yehuda-Markt

Vom Ölberg führt uns der Weg ins neue Zentrum Jerusalems, das sich entlang der Jaffastraße ausbreitet. Begleitet vom unaufhörlichen Bimmeln der Straßenbahn laufen wir zum Mahane-Yehuda-Markt, der sich gerade in den Abendstunden zu einem Treffpunkt für Touristen wie Einheimische entwickelt hat. Von der Religiosität der Altstadt ist hier keine Spur mehr.

Zwischen unzähligen Gewürz-, Obst-, Gemüse-, Nuss-, Backwaren- und Krimskramsständen laden kleine Imbisse und Restaurants zum Verweilen inmitten des Trubels ein. Wir entscheiden uns für ein libanesisches Lokal – reichlich touristisch – und versuchen uns an einer riesigen Portion Fattousch, einem Salat aus Gurke, Tomaten, knackigem Pitabrot und jeder Menge Zitronensaft. Irgendetwas explodiert hierbei in unseren Mündern.

Jerusalem Mahane Yehuda Markt

Auf dem Mahane-Yehuda-Markt im Zentrum Jerusalems bieten 250 Händler ihre Waren an.

Jerusalem Fattousch

An diesem eigentlich leckeren Teller Fattousch mussten wir eine ganze Weile knabbern. So viel Zitrone im Dressing waren unsere Gaumen nicht gewohnt.

Stille auf dem Herzlberg

Mit der Straßenbahn geht es weiter zum Herzlberg, gleichzeitig Endstation der Linie. Rund um die Spitze des 834 Meter hohen Hügels befindet sich der weitläufige Nationalfriedhof Israels mit dem Grab Thedor Herzls – Begründer des modernen Zionismus – als Mittelpunkt.

Mit einem bedrücktem Gefühl spazieren wir entlang der zahlreichen Gedenkstätten, darunter Denkmäler für die Terroropfer in Israel sowie die gefallenen jüdischen Soldaten verschiedener Weltkriegsarmeen. Wir haben uns zuvor kaum über die Bedeutung des Herzlbergs informiert und verstehen vor Ort erst vollends, dass es sich hierbei keineswegs um eine touristische Sehenswürdigkeit handelt, sondern vielmehr um eine Stätte des nationalen Gedenkens, Trauerns und Erinnerns.

Jerusalem Herzlberg

Das Grab Theodor Herzls befindet sich auf der Spitze des nach ihm benannten Hügels.

Holocaust-Gedenkstätte Yad Vashem

Den kommenden Nachmittag abseits der Altstadt von Jerusalem widmen wir Yad Vashem, der bedeutendsten Holocaust-Gedenkstätte weltweit, sowie dem dortigen Museum zur Geschichte des Holocaust. Leider haben wir nicht genügend Zeit mitgebracht, um den gesamten Komplex ausreichend zu würdigen – und genauso wenig können diese kurzen Zeilen unseren Gefühlen vor Ort gerecht werden.

Daher belassen wir es an dieser Stelle bei nur einer Schilderung: Das Museum stellt anhand etlicher authentischer Fotografien, Dokumenten und Exponaten chronologisch und in bedrückend detailliertem Maße die Geschichte der nationalsozialistischen Judenvernichtung dar. Nach mehreren Stunden verlassen wir das Gebäude und blicken auf die grünen Hügel von Jerusalem. Wohl kein Moment kann deutlicher vor Augen führen, weshalb dieses sich vor unseren Augen ausbreitende Israel existiert.

Jerusalem Yad Vashem

Schluss- und Anfangspunkt: Blick vom Museum zur Geschichte des Holocaust auf das abendliche Jerusalem.

Unterwegs in Mea Schearim

Ein besonderes Beispiel jüdischen Lebens in Jerusalem ist Mea Schearim, einer der ältesten Stadtteile außerhalb der Altstadt. Seine Bewohner – überwiegend orthodoxe Juden – halten sich an die traditionelle Auslegung der Tora. Dies äußert sich unter anderem darin, dass beispielsweise im Vergleich zum säkulären Tel Aviv die Schabbat-Ruhe besonders strikt eingehalten wird. Das bedeutet etwa, dass am Schabbat keine Autos fahren dürfen, alle elektronischen Geräte ausgeschaltet bleiben und Touristen auch nicht mit Fotoapparaten bewaffnet durch die Gassen ziehen dürfen.

Mea Schearim statteten wir während unserer ersten Israel-Reise einen Besuch ab. Aus Erzählungen anderer wussten wir damals bereits, dass wir hier uns kein jüdisches Leben vorstellen dürfen, wie es etwa im Mitteleuropa des 19. Jahrhunderts existierte. Vielmehr erschien uns die Architektur pragmatisch. Hier und da spielten ein paar Kinder auf der Straße Fußball. Letztlich ist Mea Schearim ein Wohnviertel unter besonderen Vorzeichen, das seinen Kern bei einem kurzen Bummel kaum offenbart. Wie so vieles in Jerusalem, einer Stadt, in der jeder Stein Geschichte geschrieben zu haben scheint – und sie noch immer schreibt.

Bekleidungshinweis für Frauen, die Mea Schearim besuchen möchten. Credits: Lisa Mathon, Wikicommons

Jerusalem ist Juden, Christen wie Muslimen heilig – ein Umstand, der immer wieder zu Konflikten führt, aber auch beständig Faszination ausübt. Ein beinahe banales Beispiel hierfür beschreibt unser 1 THING TO DO für die Heilige Stadt, über das du in unserem ersten Jerusalem Reisebericht mehr erfährst. Schon entdeckt?

Reisen um zu reisen!
John & Marc

2 thoughts on “Jerusalem abseits der Altstadt, oder: Raus aus dem Horrorhostel”

  1. EVABTRAVELBLOG says:

    Sehr interessanter Beitrag, so etwas ähnliches habe ich auch schon erlebt!

    1. 1 THING TO DO says:

      Geschichten, auf die man gerne verzichtet, aber dennoch gerne erzählt… 😀

Kommentar verfassen